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Die Wahrheit · 1905-07-21 · Heft 28 (21.7.1905) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 28 (21.7.1905)
Date
1905-07-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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W Lene 4. Die Wahrheit Nr. 28. geblichen!" Es erwacht das strafende Gewissen, die Stimme des Herrn in unserm Herzen, rrrfenl), mahnend: „Gott wird nicht ungestraft lassen den Lügner und Meineidigen und den, der der Heiligkeit Urbild-hinabzerrt in den Staub, entehrend, entweihend. — Es folgt die Heiligung der Zeiten: „Gedenke des Sabbattages, daß du ihn heiligest!" Sei ein Mensch, dich erhebend über das Tier; weiht dich die Arbeit schon in den sechs Arbeitstagen, so weiht der Sabbat dich zum Höhenmenschen umsomehr; du wirst ein Ebenbild deines Schöpfers, fassest heilige Vorsätze, betend, horchend auf die Stimme des Himmels. Der Sabbattag entflammt in dir einen unaussprechlichen Idealismus. Gelockerte Familienfäden werden neu geknüpft; den Vorgeschmack der Seligkeit du empflndest ihn, du kostest ihn am trauten Herde deines Hauses. O heiliger Sabbat, mit deinem Licht, deiner Weihe, deinem Segen bereitest du beim Kinde den Boden vor zur Aufnahme der folgenden Gottessaat: „Ehre deinen Vater, deine Mutter!' Doch giltst du uns noch immer mehr — du bist die Mutter der sozialen Humanität. Nicht nur darum bist du uns heilig, weil Gott nach seinem Schöpfnngswerke ..geruht" hat, sondern auch damit ruhe „dein Knecht, deine Magd, dein Fremdling," und mag die eine Tochterreligion deiner gedenken am Sonntag, die andre am Freitag, unser Sabbattag, wie wir ihn seit Jahrtausenden am Sonnabend von Abend bis Abend feiern, ist das Ur- und Vorbild des höchsten sozialen Segens, der ausgleichenden Humanität in der Welt. Ehre Vater und Mutter, sie sind uns die Stellvertreter Gottes auf Erden, nicht weitausschauende, weissagende Propheten, nicht himmelsüchtige Priester, nein Eltern sind es, die wir im Leben und im Tode verehren und lieben und ehrfürchten sollen. Bei keinem Gebote ein Lohn wie hier: „damit sich mehren deine Tage" oder wie Moses kurz vor seinem Tode hinzufügt: „damit es dir w ohlergehe auf Erden." Kinder, denen Vater und Mutter Wesen der Geringschätzung werden können, verdienen nicht zu leben, noch den Genuß dessen, was gut ist. Hier beginnt der Uebergang zum sittlichen Handeln innerhalb der Kämpfe um das Dasein; hier erfaßt uns das Gefühl fiir die Heiligkeit des Menschentums neben der höchsten Gottheit wie Schauer der Andacht: „du sollst nicht töten!" Ja, nicht einmal kalt dastehen beim Blute deines Nächsten in Stunden der Gefahr und in sonstigen Nöten. Heilig sei dir Gottes Ebenbild. Du Sinaidrommete, rufe es hinaus in Sturmtönen über dje blutigen Schlachtgefilde, wo der Krieg soviele Mütter ihrer Kinder beraubt! Du Sinaiposaune, schrei es hinein in die entmenschte Seele der Tyrannen nach Nordost von Europa. „L o tirzach —; du sollst nicht morden!" Nicht vergießen das unschuldige Blut hilfloser Greise, Frauen und Kinder meines entrechteten, geknechteten Volkes Israel! Hier erhebt sich der ethische Untergrund des Staates und der Gesellschaft, die Keuschheit des Familienlebens. „Lo tinaf" — verletze nicht die Bande, die heiligsten, die reinsten, die zwischen Mann und Weib. — Hüte dich vor Verwechslung von Mein und Dein: „du sollst nicht stehlen!" Dazu gehört Lug und Trug, Bestechung und Uebervorteilung, Ausbeuten und Wuchertreiben gegen den Mitmenschen, jeden Mitmenschen, denn im ganzen Zehngebot handelt es sich nicht um „Volksgenosse", wie Unkenntnis oder Absicht das Wort „B,ea" — „Nächster" deutet, denn sonst müßte ja auch: ..du sollst nicht aussagen wider deinen „Nächsten" als falscher Zeuge," wo es auch „Rea" heißt, abgeändert werden in „wider deine Volksgenossen". Das ist aber bislang nirgends der Fall gewesen. Gegen jedermann verbietet d^e Sinailehre Verleumdung und Angeberei, Verletzung der Ehre, die uns noch höher stehen soll als das Leben. Und endlich tritt sie der lüsternen Begierde entgegen, dem bösen Triebe, aus dem die wildesten Leidenschaften hervorgehen! „Du sollst nicht begehren!" Sollst zuftüeden sein mit deinem Teil und häßliche Neigungen in dir zügeln, sündige Triebe beherrschen, die Wogen der Leidenschaften emdümmen. (Schluß folgt.) Im Zeichen der Renaissance des Judentums. Die Zeit der allgemeinen Schlüßprüfungen, da auch die israelitische Jugend sich anschickt, nach ernsten Prüfungen auf der Stufenleiter der Mittel-und Hochschulen emporzusteigeu, scheint mir besonders geeignet, die Aufmerksamkeit aus die Bedeutung des Religionsunterrichtes an den Mittelschulen zu lenken und einen Vergleich zwischen Einst und Jetzt anzustellen. Wann haben wir Alten als Mittelschüler je etwas gehört von einer jüdischen Regung, von hebräischen Lauten, von einem Zusammenschlüsse zur jüdischen Nation? Wußte ja zu unserer Zeit der nächstbeste erstklassige Gymnasialschüler christlicher Konfession mehr vom Judentnme als der jüdische Abiturient. Blicken wir drei Dezennien rückwärts, wie traurig war es damals mit dem jüdischen Religionsunterrichte bestellt! Hier ein Bild: In der Stadt Stanislau z. B. und vielen anderen gibt es keinen jüdischen Religionslehrer. Ist auch gar nicht nötig, so heißt es allgemeim, dieses veraltete Zeug unseren ohnehin mit Latein, Griechisch und hundert anderen Dingen belasteten Jungen aufzubürden. Wer wird noch so dumm sein, auf solche Zeremonien und orientalische Phantasiegeschichten etwas zu geben! Allein die Schulgesetze verlangen die Note, und da bleibt nur die Wahl zwischen Taufe und dem Religionszeugnis. Nun, gibt es denn keinen Rabbiner im Orte? Ja wohl, ein alter, ein Greis, was weiß denn der! Wir geben ihm zwei Gulden und er folgt anstandslos das Zeugnis nach Bestellung, nach Stand und Rang der Familie aus. Ist es etwa der Sohn eines Kultusrepräsentanten, dann bedarf es nicht einmal der üblichen Leseprobe. Das Zeugnis wird also fertig unterbreitet, mit gut, vorzüglich, je nachdem man es wünscht. Keiner von den Schülern wankt, niemand strauchelt oder fällt gar. Der Stadtrabbi will es so, dem dadurch auch eine recht respektable Einnahmsguelle ohne die mindeste Arbeit und Zeitverlust erwächst. Ein christlicher Gymnasiast, der diesen Betrug mit angehört hat, wettet mit einem befreundeten Mitschüler, ein ähnliches Zeugnis unter gleichen Prämissen sich holen zu können, und siehe da, der Schalk, ein Quintaner, stellt sich zur Prüfung aus Religion und erhält eine befriedigende Note — zum Gaudium seiner Mitschüler jüdischer Nationalität und Jrreligiösität. Ein anderer Religionslehrer gleichen Schlages versammelt die Schüler des ganzen Untergymnasiums und erzählt von — der Schleppe seiner Tochter, ein dritter von ähnlichen banalen Dingen. Aber als der cnrioseste dieser Unterrichtssonnen erscheint wohl jener, welcher eine erhaltene Ordensauszeichnung, ein Kreuzchen — zum Gegenstände seines Religionsvortrages macht. O, der glückliche Rabbinerprediger! Der christliche Direktor wollte schließlich einmal mit anhören, was da unterrichtet wird, und siehe da, unser Prediger läßt das I. Kapitel Jeschua vortragen. Der ehrliche Direktor berichtet diesen Befund an die israelitische Kultusgemeinderepräsentanz mit den Worten: „Entweder bestellt einen wirklichen Religionslehrer, oder lasset gar keinen Unterricht erteilen, schade ums Geld und die Zeit!" Der assimilatorische Vorstand in L. fand sich jedoch nicht bewogen, den so teuer bestellten Seelenhirten seines Lehramtes zu entheben, da der Predigerrabbiner sich sonst regressieren würde. Noch ein Fall: Die löbliche Kultusrepräsentanz i. L. benötigt einen jüdischen Religionslehrer mit polnischer Vortragssprache, da sie aber keinen solchen hat, wird leicht Rat geschafft. Man läßt einen tüchtigen Volksschullehrer aufmarschieren, dem die Satzungen, des Judentums so unbekannt waren wie die Weisheit der Brahmanen, und bestellt ihn zum Lehrer an den Gymnasien in Lemberg. Daß derlei Religionslehrer die rechten Männer in jener verderbenbringenden Epoche waren, die den Massenabfall vorbereiteten, bedarf wohl keines weiteren Beweises. Erkennen wir es ja an den Früchten, die jene Epoche uns heranreifen ließ. Wie anders heute! Die zionistische Bewegung, die ihre Hauptarbeit wohl unserem Ahnenlande zuwandte, erregte das

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