Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 28 (21.7.1905)
- Date
- 1905-07-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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ahr-beit Redaktion u. Slbiniiiistialion: Wien, II/, Novaragasse 27. Telephon Nr. r»er Druckerei 15302 Illjerate 2» Hell, per NonpareiUe-^jeiie. Llbonnemenlsn. Jnsertionsvelräge sind in Wien zahlbar!| nnd klagbar.!l Unabhängige Aeiischrifl für jüöische Interessen. Krscheinl jeden Kreilag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Verng»pr<eis-: Äanzjätiri,, . . . sj*. 12 — Haltijähria . K Für CilltnSbeaulte:!; Ganzjährig ... ft 10 - / Für Ausland: j. Ganzjährig ... 8 Mark. 6 Rubel oder lü §cs. Kr. 28. ien. 21. Inli Inhalt: Das Wesen des Judentums. — Im Zeichen der Renaissance des Judentums. — Der VII. Kongreß. — Die Juden und die Armenier in Rußland. — Amerikanischer Brief. — Der Sulzerismus und die moderne synagvgale Liturgie. — Verschieden»: Nachrichten. — Feuilleton: Glühende Kohlen. Are geehrten Kerren Abonnenten werden um freundliche Einsendung des Avonnementsöetrages für das taufende chnartal ersucht._ Das Wesen des Indentnms. Eine Zeitstimme von Dr. D. Leimdörfer-Hamburg. W a s i st d a s W e s e n des Judentums? Es gibt keine Frage, die öfter aufgeworfen und verschiedenartiger beantwortet worden ist. Zwei Stimmen sind es besonders, die am meisten Anklang gefunden. Die eine rief: „Das Wesen des Judentums ist der ungetrübte Monotheismus! Es gibt nur einen Gott und außer und neben ihm ist nichts, was göttliche Verehrung beanspruchen dürfte." Ohne Zweifel ist der reine, lautere Ein-Gottglaube, wie er ans dem I. und 2. Sinaiwort in seiner vollen Erhabenheit hervorstrahlt, die Basis, die wichtigste Grundlehre des Judentums. Allein, wenn dem so märe, wie ist es möglich, daß eine Stimme laut werden konnte, wie die eines Hillel und nach ihm eines Rabbi Akiba, die auf die Frage: Was ist das ..Wesen" des Judentums? geantwortet hatten: „Die Nächstenliebe!' „Ich will das Judentum kennen lernen in seinem Kern und Umriß in der Spanne Zeit, während ich auf einem Fuß stehe," so sprach der Heidenjünger einst zu Hillel, und dieser erwiderte ihm: „Was du nicht willst, daß dir geschehe, füge auch andern nicht zu! Dies ist das Wesen unsrer Lehre. Das Uebrige ist Erläuterung, du wirst es später lernen." Und Hillels Schüler, der größte aller Rabbinen, Akiba, meint: Was Moses im HI. seiner Bücher, im 18. Kapitel, Vers 19, geschrieben: „Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst, das ist der höchste Grundsatz, das Wesen des Judentums. ' Wo ist die Wahrheit? Ich antworte: In beiden Stimmen, so sie nicht getrennt, sondern vereint ersaßt und betätigt werden. Der reine Monotheismus und die allumfassende Menschenliebe. Jener als Keim der religiösen Erkenntnis und der geistigen Beziehung des Menschen zu seinem Schöpfer, diese als Wurzel und Ziel des gesitteten Zusammenlebens der Menschen, sie sind eine Zweiheit, aus der die große Einheit uns entgegenleuchtet, von der der Psalmist redet: Eines hat Gott gesprochen, zwei haben wir vernommen. Hat einst der deutsche Philosoph Hegel von seiner Konfession mit stolzer Begeisterung ausgerufen: ..Hier liegt die Einheit des Göttlichen und Menschlichen," — mit mehr Fug und Recht konnte der Bekenner des Judentums von dem Wesen seiner Lehre solches künden. Denn wir haben den Beweis! am Denktage der Geburt dieser Lehre in Händen. Was! der Mensch als Bürger zweier Welten, einer geistigen uno irdischen, denkt, empfindet, denken und empfinden soll, es ist mit unauslöschlichen Zügen, mit göttlichem Griffel eingemeißelt in den einen Zweitafelstein vom Sinai. — Aus der einen Seite das Wesen des Judentums in Beziehung aus das seelische Band, das den Erdensobn mit dem Himmelsvater verbindet, ans der andern die Grundgebote des sittlichen Handelns der Ethik für den realen Boden irdischen Zusammenlebens mit den göttlichen Gebilden von Fleisch nno Blut, die Ebenbilder des himmlischen Urbildes sein sollen. Das eine ohne das andere wäre undenkbar, träfe den Menschen als solchen, als den sichtbaren Träger des flüchtigen Weltreiches und des ewigen Gottesreiches nie und nimmer. Deshalb sind die Sinaitaseln die unverbrüchlichen Zeugnisse der Offenbarung der höchsten Majestät, nicht nur für uns Israeliten, sondern für die gesamte gebildete Menschheit, Stern und Kern, Halt und Gehalt aller Religionen. Und der Feiertag, an dem sie die Moseshand von der Höhe zur Tiefe gebracht, ist am geeignetsten, die Einheit des Göttlichen und Menschlichen als das Wesen der Religion zu erkennen und zu würdigen. „Ich bin der Herr, dein Gott!" Ein Gott, der nicht nur über dem All und außerhalb der Menschenwelt in unnahbarer Himmelshöhe schaltet und waltet, nein, dein Gott, der in deinem Innern lebt, den du wahrgenommen, den du in der Geschichte deines Stammes wandeln und wirken schautest, tief eingreifend in deine Lebensgeschicke, als das klassische Volk der Sklaverei dir die Brust zusammengeschnürt, als das Volk des Götzendienstes und des Totenkultus dich vergewaltigt hatte. ..Dein Gott, der dich geführt hat aus dem Lande Mizraim, dem Hause der Knechte!" — Was folgt daraus? Fort mit allem, was dem reinen Monotheismus zuwiderläuft. „Du s0 llst keine and ern G ötter h ab en!" Nicht Vielgötterei, nicht Abgötter, nicht Bilder und Götzengebilde, nicht phantastische Wahn- und Spukgestalten, nicht Mysterien des Aberglaubens, keine Höllengeister, keine Dämonen der Unterwelt. Ausgeschlossen hat der Gott vom Sinai all das, was die Vernunft als Ungott hinstellen mag, verbannt ist und bleibt hier Sterndienst, Tierdienst, Menschendienst und Vergötterung von Geschöpfen, ob sie am Leben oder ob sie verschieden. — Damit erwacht der Gedanke an die Weihe und Heiligung des Ureinen in der Menschenbrust, den irdisch nur der Name (Schem) kündet, dessen Namen nicht aus das falsche Eitle übertragen werden darf. „Du sollst den Namen des Ewigen, deines Gottes nicht aus sprechen zumFalschen oderVer-