Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 27 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die -Wahrheit Nr. 27. Afghan abzustammen. Vielleicht haben sich diese Aristokraten nur des jüdischen Ursprungs angemaßt, um sich über die Masten erheben zu können. Wohl zeigen die Afghaner den spezifisch jüdischen Typus. Da aber auch die Perser starke semitische Beimengungen haben, so werden sie wohl eher persischen als jüdischen Ursprungs sein. Es muß jedoch hervorgehoben werden, daß englische Offiziere, darunter auch Männer wie Sir G. H. Rose und Sir Alexander Brunner, welche Jahre lang in Afghanistan gelebt haben, an dem jüdischen Ursprung der Afghaner sesthalten. Der Korrespondent teilt endlich mit, daß der von den Shanghaier Juden gemachte Versuch zur Rettung der Ueberreste der chinesischen Juden völlig gescheitert ist. Die drei von Kaisungse nach Schanghai gebrachten jüdischen Familien haben sich ttotz aller Bemühungen in Shanghai nicht akklimatisieren können und mußten, nachdem auf ihre Erziehung viel Geduld und große Summen verschwendet wurden, in ihre Heimat zurückgeschickt werden. gilt öevollmächtigler ILrieffchreiöer. Humoreske von Adolf Steinschneider. (Schluß.) Einige Wochen hatte dieser pikante Briefwechsel gedauert. Albert schwamm in Wonne und umarmte im lebhaftesten Dankgefühle feinen Retter in der Not. Da wurde durch einen naturgemäßen Vorfall die Korrespondenz unterbrochen. Die Braut kam mit ihrer Mutter zum Besuche und wurde bei der Familie des Bruders einlogiert. Rauschende Feste fanden zur Feier der illustren Gäste statt. Diners, Soupers mit zahlreichen Gästen der Verwandtschaft drängten sich, und im Trubel derselben konnten die Liebenden mit einander näher verkehren. Endlich trat ein Ruhetag ein, an dem sie ungestört mit einander sprechen konnten. Aber ach! Welche Entdeckung machte da die Braut. Unbeholfen stand er da, kein vernünftiges, geschweige denn ein geistreiches Wort kam über seine Lippen, und wenn sie irgend ein anregendes Thema aufs Tapet brachte, stammelte er einige banale Redensarten als Antwort. Anfangs dachte sie, es sei Befangenheit, Schüchternheit. Sie wurde freundlicher, ermunterte ihn, so sehr es ihr möglich war. Umsonst, aus diesem tauben Gestein ließ sich kein Goldkorn herausschlagen. Bestürzt dachte sie nach, wie es möglich sei, daß ein solcher Mensch derartige Briefe schreiben konnte. Bald jedoch sollte sich ihr das Rätsel lösen. Es wurde ihr der Hauslehrer vorgestellt. Sie stand vor ihm in ihrer wundervollen Schönheit, mit der junonischen Gestalt, den bezaubernden Gesichtszügen, mit den wie ein Strahlenglanz sie umgebenden Haarflechten und den geistsprühenden Augen, fürwahr, sie übertraf tausendfach das Bild, das sich seine Phantasie beim Schreiben gemacht. Mit andächtiger Bewunderung, sie sprachlos anstarrend, stand er da. Sie jedoch, geschmeichelt durch sein Anstaunen, kam ihm holdselig lächelnd entgegen und. knüpfte ein Gespräch mit ihm an. Sofort gewann er dadurch seine Fassung und bald entstand eine lebhafte Konversation, zumeist über Poesie und Literatur. Da war er nun in seinem Elemente. Der Strom der Beredsamkeit floß von seinen Lippen und bekundete, daß er die deutschen großen Dichter beinahe auswendig wußte. Jetzt erst erkannte sie, wer der eigentliche Briefschreiber sei. Plötzlich das begonnene Gespräch abbrechend, fing sie an: „Nicht wahr? Wie ein Gebild aus Himmels Höhen sieht er die Jungfrau vor sich stehen." Darauf er, nicht merkend, daß er sich verrate, indem er diesen Vers in einem Schreiben gebraucht hatte, das Zitat fortsetzte: „Da faßt ein namenloses Sehnen des Jünglings Herz." Darauf sie lachend sprach: „Sie müssen den Vers abändern und sagen: des Schreibers Herz. Nun habe ich Sie entlarvt, Sie hypersentimentaler überschwenglicher Briefaufsatzmacher. Sie haben nicht, wie das Sprichwort lautet, sich mit fremden Federn, einen Andern mit Ihren Federn geschmückt. Gestehen Sie nur, Sie haben ein frevles Spiel mit mir getrieben, mich zu den Glauben gebracht, daß mein Bräutigam ein poetisch gebildeter Mann sei, und bedachten nicht, wie verhängnisvoll die Entdeckung für mich gewesen wäre, wenn sie zu spät gekommen wäre." „Verzeihung, gnädiges Fräulein, daß ich in der Absicht, dem jungen Manne in seiner Verlegenheit zu helfen, nicht die Tragweite meiner Handlung bedacht habe. Bei Vollziehung seines Auftrages riß mich der Gegenstand hin. Ich vergaß bei meinem romantischen Hange, daß ich für einen Anderen schreibe. In den betreffenden Momenten stellte ich mir vor, daß ich an ein von meiner Phantasie geschaffenes Jdealwesen schreibe, und fürwahr, hätte ich Ihre göttliche Gestalt, .wie sie jetzt vor mir steht, vor Augen gehabt, meine Briefe wären noch schwärme-- rischer, geradezu verzückt ausgefallen. Also, Vergebung für mich armen Sünder." „Nun!. Wegen Ihrer schönen Schmeichelworte, für die jedes weibliche Wesen nicht unempfänglich ist, sei Ihnen verziehen. Doch stelle ich folgende Bedingung. Daß ich nicht mehr entschlossen bin, an einen solchen simplen Mann, wie mein Bräutigam ist, mich ewig zu binden, werden Sie wohl begreiflich finden. Mein Zartgefühl jedoch erlaubt es nicht, daß ich ihm den Korb erteile, sondern ich wünsche, daß er das Land löse. Meine Taktik wird nun sein, ihn während der wenigen Tage gänzlich zu ignorieren. Noch mehr, um ihn noch mehr zu provozieren, werde ich mit Ihnen recht häufig lebhafte Konversation führen; da sollen Sie nun mithelfen, daß er selber, der Sache überdrüssig, mir sozusagen den Laufpaß gebe." „Ach, Fräulein, welche Rolle teilen Sie mir da zu, und welchen Gefahren setzen Sie mich da aus, der Glut Ihrer Augen mich preisgegeben zu sehen. Erinnern Sie sich doch, wie Semele von den Flammen verzehrt wurde, als Jupiter sich ihr in seiner vollen Göttlichkeit nahte." „Lassen Sie doch Ihre Ueberschwenglichkeiten und mythologischen Zitate bei Seite. Behalten Sie ruhiges Blut, unterstützen Sie mich in meinem Vorhaben, damit Sie helfen das Uebel gutzumachen, das Sie angestiftet." Gesagt, getan. Mit einer Schlauheit und Raffiniertheit, wie sie den holden Frauen nur eigen ist, zeigte sie dem armen Verlobten ihre Nichtachtung. Sie antwortete kaum, wenn er sie ansprach, wendete ihm den Rücken, sobald sie seiner ansichtig wurde, und war mit dergleichen Lieblosigkeiten verschwenderische Dafür aber stand sie stets mit dem Lehrer in lebhafter Unterhaltung, suchte ihn auf, wenn sie ihn nicht sah, warf ihm schmachtende Blicke zu, gebrauchte alle Künste der Koketterie. Dieses Betragen erregte wie natürlich allgemeines Aergernis. Ihre Mutter stellte sie zur Rede, machte ihr Vorwürfe über ihr unschickliches Benehmen, welches zu Skandalen Anlaß gebe. „Du wirst es noch dahin bringen, daß Herr Sperling die Verlobung rückgängig macht." „Das ist wohl der Zweck, liebe Mutter, den ich anstrebe. Glaubst Du denn wohl, daß ich mich entschließen könnte, einem solchen ungebildeten Menschen die Hand zu reichen, um lebenslänglich unglücklich zu sein?" „Und was soll der alberne Roman bedeuten, den Du mit dem Lehrerin Szene setzest?" „Das ist ein abgekartetes Spiel, um Herrn Sperling zu bestimmen, selbst die Lösung auszusprechen, mein Herz ist dabei unbeteiligt, obzwar ich gestehen muß, daß jener einnehmende romantische Jüngling mir lieber gewesen wäre, als der mir aufoktroyierte Bräutigam." Und sie erreichte ihren Zweck. Herr Sperling, wenn auch nicht mit Intelligenz begabt, hatte doch natürlichen Verstand, um die Sachlage zu erkennen, und Mannesstolz genügend, um nicht die leidige Angelegenheit zu Ende zu bringen. Er erklärte demnach, nachdem er sehe, daß die Dame Abneigung gegen ihn zeige, so entbinde er sie ihres Wortes und betrachte die Verlobung als gelöst. Und Mutter und Tochter zogen von dannen. „Johanna geht und nimmer kehrt sie wieder." Für den Lehrer, der mit wundem Herzen zurückblieb, hatte die Sache noch weitere Folgen. Die Familie gab ihm in ihrem Zorne die Schuld an dem Scheitern dieser Heirat und kündigte ihm die Stellung. Alle drei handelnden Personen dieser rührenden Geschichte faßten jede' einen anderen Vorsatz. Das Mädchen nahm sich vor, jeden kommenden Bewerber nicht nach seinen Briefen, sondern nur nach persönlichem Verkehr zu beurteilen. Herr Ernst, ber Lehrer, beschloß, niemals wieder für einen Anderen Liebesbriefe zu schreiben, sondern nur -.an seine eigene Erwählte. Herr Sperling aber schaffte sich eine Bibliothek aller Klassiker an, die er mühsam studiert und auswendig lernt. Möge der Himmel .gnädig sein seiner zukünftigen Verlobten; mit welchem Bombardement von Zitaten, ob passend oder nicht, er sie wohl überschütten rvird.