Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 27 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Oestkrr-Ungar. Kantoren -Zeitung. Im Interesse der Erhaltung des Fachblattes werden die geehrten Herren Cantoren dringend ersucht, den Abonnementsbetrag für das am 1. Juli begonnene 3. Auartal umgehend einzusenden und auch an den Begleich der Rückstände zu denken. „Lnrns-Kautoren." Dieses Wort, das auf dem ersten deutschen Kantorentag in Berlin geprägt worden ist, hat beim oberflächlichen Hören etwas Bestechendes, so daß es begreiflich erscheinen könnte, wenn es in seiner satirischen Anwendung einen frappierenden Beifall sich erringen durfte. Ziehen wir aber den Ernst der Sache in Betracht, und machen wir uns klar, welchen Begriff dieses Schlagwort decken soll, so möchten doch Bedenken aufsteigen, ob es der Sachlage entspricht, und ob es nicht gefährlich ist, einem solchen Schlagwort, das so leicht mißverstanden werden kann, und das auf die in Fluß geratene fortschreitende Entwicklung des Kantorenstandes einen hemmenden Einfluß zu üben, imstande sem kann, Berechtigung znzuerkennen. Solche Befürchtungen sind umso schwerwiegender, wenn wir den Zusammenhang Herstellen, in welchem der betreffende Redner den Ausdruck gebraucht hat. Er meinte: wir brauchen keine „Luxuskantoren" auszubilden, weil die meisten (kleinen) Gemeinden Kantoren nötig haben, die zugleich Schochtim und Religionslehrer sind. Das heißt also so viel als: Alle diejenigen Kantoren, die Höheres erstreben, als Kantor, Schochet und Religionslehrer in kleineren Gemeinden zu sein, sind als Luxuskantoren zu betrachten. Unter Luxus versieht man bekanntlich Prunksucht, Verschwendung. Aber nicht der Luxus, die Prunksucht, sind es, welche große und mittlere Gemeinden durch die Anstellung eines Kantors, Schochets und Religionslehrers (im gewöhnlichen Sinn) nicht befriedigt erscheinen lassen, sondern es hat sich bei ihnen durch die zeitlich veränderten Verhältnisse das B e d ü r f n i s ergeben, einen Kantor zu suchen, der wissenschaftlich, musikalisch und stimmlich gebildet ist, und der durch solche Eigenschaften befähigt ist, auch gesellschaftlich repräsentabel zu sein. — Was aber aus inneren Gründen zum Bedürfnis geworden ist, kann nimmermehr als „Luxus" bezeichnet werden. Ob die kleineren Gemeinden ein solches Bedürfnis nicht zuweilen auch haben, und ob sie alle nicht mehr verlangen, als daß ihr Kultusbeamter im gewöhnlichen Sinn nur Kantor, ,Schochet und Religionslehrer sei (ich könnte manches Beispiel vom Gegenteil anführen), will ich dahin gestellt sein lassen. Aber selbst angenommen, es wäre dies der Fall. Soll darum der Kantorenstand der Verdummungstheorie huldigen? Soll kantorale Wissenschaft und kantorale Kunst absichtlich niedergehalten werden, damit die Gemeinden nur geringe Gehälter zu zahlen brauchen? Soll in dem Kantor der kleinen Gemeinde jeder Drang nach Verbesserung und Vervollkommnung seines Wissens und Könnens erstickt werden? Nein, es ist kein Luxus, wenn auch der Kultusbeamte der kleinen Gemeinde ausgestattel wird mit einem fachwissenschaftlichen Fond, der ihn befähigt, weiterzustreben, der ihm eine Unterlage bietet, von welcher aus er, unabhängig von den Bedürfnissen seiner Gemeinde, sich fortbilden kann. Schlimm wäre es um die Fortentwicklung des Kantorenstandes und auch um die Ausgestaltung des jüdischen Gottesdienstes bestellt, wenn der Kantor damit zufrieden wäre, sich eben nur so viel kantorale „Handwerksmäßigkeit" anzueignen, wie er für seine jeweilige Stellung nötig hat. Wie die Lehrer, welche nur ABC-Schützen zu unterrichten haben, wie die Dorfschullehrer gleich den städtischen VolkAschullehrern ihre wissenschaftliche Bildung und ihre technischen Fertigkeiten in gleichem Maße durch eine Prüfung dokumentieren müssen, so muß auch für alle Kantoren ein Minimum fachwissenschaftlichen Wissens und Könnens sestgelegt und angestrebt werden. Nicht nur im Interesse der Weiterentwicklung seines Standes ist es kein Luxus, wenn der Kantor in seiner Bildung gehoben wird; er hat auch die kulturelle Aufgabe, durch eigenes Aufwärtsschreiten auf den Sinn für das Bessere, Schönere und Edlere in seiner Gemeinde fördernd einzuwirken. Dadurch wird sich eine Wechselwirkung zwischen Kantor und Gemeinde ergeben, die zur Folge haben wird, daß auch die kleinen Gemeinden nicht mehr mit jsedem Kantor, Schochet und Religionslehrer sich begnügen werden, und daß das Verlangen nach fachmännisch gebildeten Kantoren immer allgemeiner werden wird. Es ist darum kein Luxus, wenn für alle Kantoren eine bessere Fachbildung erstrebt wird. Es gibt kein „Vorwärts" in einem Stand, wenn ihm nicht e i n ,.A uswärts voran geht. Dieses Auswärts neben dem Vorwärts erstrebt seit Jahren der österr.-ungar. Kantoren-Verein in Wien und der nunmehr in Berlin neu organisierte Kantorenverband in Deutschland. Nicht ..Luxuskantoren" wollen sie herangebildet wissen, sondern einen Kautorenstand aus wissenschaftlicher und künstlerischer Grundlage, der vor sich selbst Achtung haben kann, und der, die Beachtung der gebildeten Welt sich zu erringen im stände ist. Henle-Hamburg. 23 jähriges AmtsjndUämn. Berlin, 2. Juli. Gestern beging Herr Abraham R o f e n t h a l, erster Kantor der hiesigen jüdischen Gemeinde, das Fest seines 25 jährigen Amtsjubiläums. Schon am frühen Morgen brachte ihm der gesamte Chor der neuen Synagoge unter Leitung seines Dirigenten Herrn A. Kellermann ein Ständchen dar. Im Laufe des Bormittags erschienen unter den ersten Gästen Herr Rektor Holzmann, Herr Synagogenvorsteher Berget und viele andere, die dem Jubilar eine Menge prächtiger Geschenke und herrlicher Rosenarrangements brachten. Um die Mittagspause kamen die Kollegen des Jubilars, die Kantoren Berlins, an ihrer Spitze Herr Kantor Josef Epstein. Mit kurzen, von innerlichem Gefühl getragenen Worten hielt er als der nächstälteste Kollege eine Ansprache, die auf alle Anwesenden einen tiefen Eindruck machte. Er rühmte die Berdienste des Jubilars als Mensch, als Kantor, und überreichte ihm im Namen der Kollegen einen silbernen Pokal. Hierauf übergab Herr Kantor Dubowsky dem Jubilar eine künstlerisch ausgeführte Adresse der „Hilfskasse für israelitische Kultusbeamte und deren Witwen und Waisen in Deutschland." Zugleich hob er die Berdienste hervor, die sich der Jubilar um die Begründung und Entwicklung des genannten Vereins erworben hat. Dann überbrachte Herr Rabbiner Dr. Eschelbacher dem Jubilar seine besten Wünsche für seine Person. Als letzter unter den offiziellen Glückwünschenden nahte Herr Martin Simon in Vertretung des Gemeindevorstandes. Auch er rühmte die Verdienste des Jubilars und übergab ihm neben dem Geschenke folgendes Schreiben des Gemeindevorstandes: „Sehr geehrter Herr Jubilar' In Festesfreude begehen Sie heute die Wiederkehr des Tages, an dem Sie vor einem Vierteljahrhundert das Amt eines Vorbeters der hiesigen jüdischen Gemeinde angetreten haben. 25 Jahre hindurch haben Sie Ihres frommen Berufes in nie ermattender Pflichttreue gewaltet, haben es verstanden, bei den Besuchern unserer Gotteshäuser die Stimmung weihevoller Andacht zu wecken und die Empfindungen der Betenden in edlen Tönen wiederzugeben. Auch außerhalb der heiligen Stätten haben Sie durch Friedfertigkeit und frommen Sinn sich Freundschaft und Achtung in weiten Kreisen erworben und sind allezeit ein Muster gewesen an treuer Pflichterfüllung und idealer Auffassung Ihres Berufes. Darum beglückwünschen wir Sie heute namens unserer Gemeinde zu Ihrem Ehrentage und halten nicht zurück mit dem Ausdruck der Anerkennung für Ihre Wirksanlkeit. Möge Ihnen Rüstigkeit des Körpers und Frische des Geistes noch lange beschieden sein. Möge Ihnen erhalten bleiben die Fülle des Wohllautes und die Zartheit der Töne, auf daß Sie noch viele Jahre Ihres Amtes walten zu Ihrer und unserer Freude, zum Segen unserer Gemeinde, zur Ehre Gottes!" Am Abend versammelten sich die Festteilnehmer in Baumanns Hotel, Friedrichstraße. Hier brachte Herr Rabbiner Dr. Weiße im Namen des Rabbinates ein Hoch auf den Jubilar aus. Der Inhalt seiner Rede war eine Würdigung der Bedeutung des Kantorenstandes. Lange noch blieben Jubilar und Gäste ,n fröhlicher Unterhaltung beisammen, so daß das schöne Fest in vollster Harmonie verlief.