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Die Wahrheit · 1905-07-14 · Heft 27 (14.7.1905) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 27 (14.7.1905)
Date
1905-07-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Nr. 27. Die Wahrheit. Seglers durch das weite Meer des Talmud und der rabbinischen Tradition, aufzunehmen. Der vielbewunderte, auch viel angefeindete Verfasser des epochemachenden, in klassischem Hebräisch geschriebenen fünfbändigen Werkes „Zur Geschichte der jüdischen Tradition", „Dor dor wedorschaw", Rabbi Jsak Hirsch Weiß, Lektor am Wiener Bet-ha-Midrasch, der am 31. Mai im 90. Lebensjahre verschieden ist, erinnert an me alten Weisen „Chachine Viena“, die das Buch der „Gotteskämpfe" um viele goldene Blätter bereichert haben. Am 29. Schebat 55*75 (1815) zu Meseritfch in Mähren — der Heimat bedeutender Talmudschulen, wo Männer wie Mordechai Binet, Wolf BoHowitz gelehrt und aus der Koryphäen wie Steinschneider, Low, Jellinek, Brüll u. A. hervorgingen — geboren, widmete er sich frühzeitig dem Studium der Theologie, bekleidete dann ein Heh.es Rabbinat in seinem Vaterland und seit den 50 Jahren des Bestandes der von Dr. Ad. Jellinek begründeten Lehranstalt für die jüdische Wissenschaft in Wien, genannt Bet-ha-Midrasch, das Amt eines Lektors der talmudischen Disziplinen in diesem Institut. Der vor 11 Jahren verstorbene Wiener Oberrabbiner s. A. hat mit seinem Scharfblick früh erkannt, welch einen Mann er ftrr diese Lehrkanzel berufen, in Wort und Schrift würdigte er den schöpferischen Geist eines Lehrers, in dessen Denken wir den Zusammenfluß zweier Geisteswelten der Talmudforschung gewahren: die Pilpulistik und die wissenschaftliche Methode, den Subjektivismus der alten Jeschiba und den Objektivismus des modernen Seminars. Dem ersteren entquillt die ausgeregte Flut scharfsinniger Dialektik, dem letzteren der klar und ruhig dahinsiießende Strom logischer Systematik im Denken, Lehren und Schreiben. Im Talmudtraktat, Horioth 14, wird eine Polemik gebracht zwischen Simon ben Gamliel und den Rabbinen. Einer meint: „der Sinai wäre das Wichtigere"; die Anderen: „der Oker harim, der Berge entwurzelt und versetzt, stände höher." Nach Raschi und dem Jeruschalmi heißt und bedeutet dies Folgendes: Es gibt gelehrte Kenner und systematische Bearbeiter der Halacha, die über ein immenses Wissen verfügen, und andererseits Gelehrte, denen es mehr auf Tiefe, als auf Fülle des Wissens ankommt. Unter „Sinai" ist der Gelehrte der umfassenden Kenntnisse pici -pzu verstehen; mit „Oker harim", dem Bergeversetzer, der scharffinnige Dialektiker und Disputator ybsbsi *pn gemeint. Die Einen stellen jenen, die Anderen diesen höher. In I. H. Weiß erblicken wir einen Lehrer in Israel, der beides in sich vereint hat. Wer, wie Schreiber dieser Zeilen, das Glück hatte, durch eine Reihe von Jahren seinen talmudischen und Schulchan Aruch-Vorträgen zu lauschen, der muß anerkennen, daß Vielwissen und Scharfsinn, Bekiuth und Charifoth, nur selten sich in dem Maße bei einem Gelehrten vereinigten, wie es hier der Fall war. Wer seine Werke zur Hand nimmt, dem wird es auf jeder Stelle klar, daß man es mit einem von stupender Gelehrsamkeit und staunenerregender Sachkenntnis zeugenden, aber auch mit einem tief kritisch angelegten Denker zu tun habe, der mit der Sonde haarspaltender Dialektik in jedes Einzelne und Kleinste, wie in das Gefüge des gesamten Traditionsstoffes eindringt. Allein wie wesentlich anders gestaltet sich hier die Dialektik im Vergleich mit der der großen Rabbinen früherer Zeiten, oder der noch als Leiter bedeutender Talmudakademien wirkenden, in deren Novellen, Dezisionen und Diskussionen der Berge entwurzelnde und versetzende „Charis" die Hörer zur Bewunderung hinriß. Hier erscheint die Dialekük als unwillkürliche, wissenschaftlich geschulte, logische, objektiv klare und präzise. Hier offenbart sich der Geist, der sich wie mit dem inneren Gehalte der Halacha, also auch mit deren Urheber, seiner Schule und Zeit, seiner Sprache und seinen Ideen befaßt. Hier tritt das Streben eines Mannes der „alten Schule" — wohl gemerkt, ohne anders als aus und durch sich selbst (wenn man von Rappoports und Frankels grundlegenden Arbeiten und von den persönlichen Anregungen Jellineks absieht), fast ohne Vorbilder, ohne Anleitung, ohne akademische Vorstudien eines Autodidakten -— klar zu Tage, welcher nach dem Einfluß der Zeitideen und Völkeranschauungen aus die jüdische Tradition und umgekehrt nach dem der letzteren auf jene forscht; welcher ferner das riesige Gebiet der Talmudistik historisch kritisch analysiert, die Mischnalehrer, die Erklärerdie Gutachter, die späteren babylonischen Schulhäupter und die Dezisoren mit stetem Hinweis auf die Quellen prüft und würdigt, die Arten und Methoden, die Mittel und Wege, die Aussprüche, die Bestimmungen und die literarischen Denkmäler Aller methodisch gründlich durchdringt und so diese große Literatur auf das Piedestal einer streng systematischen Wissenschaft erhebt. Dabei wird der vollen kritischen Beachtung der Poesie, Philosophie und Sprachforschung in den gleichen Zeitkäufen ihr ungeschmälertes Recht. ' In seiner Einleitung zu dem genannten Hauptwerke sagt Weiß: .Die Thoraforschung ist in unserer Zeit der Blüte der Wissenschaften in eine andere Phase getreten. Sie muß der historischen Kritik Stand halten. Aber es ist ein Irrtum, wollte man glauben, dieses Ziel wäre zu erreichen, ohne auf den Bahnen der Geistesarbeit unserer Vorgänger festen Fuß gefaßt zu haben. Wer nicht viel gelernt und genügend Umgang mit den Gelehrten der alten Schule gepflogen, um die Wege des Pilpul gründlich zu begreifen, Frage und Antwort, Für und Wider, Replik und Duplik, Diskussionsstoff und Auslegungsmanier, Reflexion und technische Bezeichnungen zu erfassen, der bringt keineswegs die Qualifikation mit zur tiefen Erforschung der traditionellen Altertümer. Andererseits ober ohne Quellenkenntnis, ohne Prüfung der Zeiten, ohne Vertiefung in die Geschichte, Sprache und Ideen der Schöpfer und Pfleger dieser Wissenschaft gelangen wir keinen Schritt vorwärts zür Beseitigung zahlreicher Zweifel, sowie der Willkür der Ansichten. Im Interesse der Förderung objektiver Wahrheit prüfte ich die mir zugänglichen Quellen mit vorurteilsfreier Vertiefung ohne Hinneigung nach Rechts oder Links." In der Tat geht solches hervor aus den zahlreichen gelehrten Abhandlungen und Monographien aus Weiß' Feder in den verschiedensten hebräischen Zeitschriften und Jahrbüchern, wie Kochbe Jizchak, Ben Chananja. Jeschurun, Bikurim, Bet-ha- Midrasch, Haassis, Hazefira und ganz besonders Bet Talmud, der noch vor wenigen Jahren von Weiß und seinem gelehrten Freunde M. Friedmann redigiert wurde. Am glänzendsten dokumentiert Weiß sein schöpferisches Genie auf den Gefilden der jüdischen Theologie in folgenden Hauptwerken: 1. Sifra, Kommentar zu Leviticus aus dem Anfang des HL Jahrhunderts nebst Erklärung RaBD mit Massoreth Ha-Talmud, d. i. Stellennachweis und Varianten in beiden Talmuden. 1862. 2. Mechilta, der älteste halachische und agadische Kommentar zu Exodus mit historisch-kritischer Einleitung. 1865. 3. Studien zur Sprache der Mischna. 1867. 4. Das fünfbändige Hauptwerk „Dor Bor wedorschaw“, wörtlich: „Geschlecht, Geschlecht und seine Forscher". 1877 bis 1891, welches von der israelitischen Alliance in Wien, Lord Rothschild und Claude Montefiore in London subentioniert wurde. Von den vielen gelehrten Monographien gelten die des Raschi, Rabenü Tam und Maimonides als die vorzüglichsten. Im 81. Lebensjahr schrieb Weiß den ersten Teil seiner Memoiren „Sichronoth", welche, über die zeitgenössische jüdische.Literatur wertvolle Notizen enthaltend, zur Orientierung der Wissenden erheblich beitragen konnten. Von bedeutenden christlichen Gelehrten seien Franz Delitzsch und Renan genannt, die Weiß' Forschungen als bahnbrechende bezeichnet und in ihren Schriften benutzt haben. In neuester Zeit haben die trefflichen Schriften Bachers über „die Lehrer der Mischna und die Amoräer" die Weißschen Quellenforschungen vielfach angeführt, oft ausgenommen. Zu dem Lehrstuhl dieses Mannes strömten denn auch aus Oesterreich-Ungarn, aus Deutschland und Rußland alte und junge Lernbeflissene und Kandidaten der jüdischen Theologie in großer Zahl, denen der edle Mann nicht nur Lehrer und Förderer der Studien,: sondern zugleich ein treuer väterlicher Berater gewesen. Er verstand es, in strengem aber zugleich liebe-

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