Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 26 (7.7.1905)
- Date
- 1905-07-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. — - - Die Wahrheit .- -.. Nr. 26. Umgang gepflegt mit jungen Männern seines Alters. Von seiner Braut erfuhr er, daß sie vornehm erzogen und hochgebildet war. Nun sollte er an sie schreiben und sich gewählter Ausdrücke bedienen, er, der höchstens notdürftig einen Bestellbrief auf Flachs oder einen Mahnbrief an schuldige Zahler zu schreiben gewohnt war. Herr! Die Not ist groß. Schlaflos wälzte er sich auf seinem Lager, zermarterte sein Hirn, grübelte, sann nach, er konnte keine zwei Sätze zusammendrechseln. Des Morgens kaufte er in der Buchhandlung einen Briefsteller, das ist eine Sammlung von Aufsätzen für verschiedene Lebenslagen, suchte und blätterte darin herum und fand Neujahrsgratulationen, Verlobungs- und Vermählungsanzeigen u. dgl., einen Brief des Liebenden an seine Geliebte fand er leider nicht. Seine Verlegenheit stieg aufs höchste. Da plötzlich, wie eine Eingebung aus Himmelshöhen, kam ihm ein rettender Gedanke und freudig rief er aus: „Eureka!" Es ist nicht konstattert, daß er diesen Ruf des Pythagoras, als er den berühmten geometrischen Lehrsatz gefunden, wirklich gebraucht, denn woher sollte er Griechisch können.. Höchst wahrscheinlich hat er deutsch gerufen: „Ich hab's gefunden!" Es fiel ihm ein, daß sein verheirateter Bruder einen Hauslehrer halte, der als belesener Mann unbedingt die Fähigkeit haben müsse, der Dolmetsch seiner Gefühle zu sein, das heißt Aufsätze zu diesen Briefen zu machen. Dieser Hauslehrer, mit Namen Ernst, war ein sehr einnehmender Mann, schöngeistig, der von Jugend auf sich mit Literatur beschäftigt, an den Klassikern sich begeistert, auch manche lyrische Gedichte selbst verbrochen hatte kurz ein Idealist vom reinsten Wasser. Unser Verlobter wendete sich nun an ihn mit seinem Anliegen und ersterer übernahm die Ausführung mit allem Feuereifer. Das war ein Lieblingsthema von ihm, das war ein Feld, auf dem er sich tummeln konnte. Er identtfizierte sich mit seinem Auftraggeber, stellte sich vor, als schriebe er an seine eigene Geliebte, und da schwirrten nun die glühendsten Liebesbeteuerungen, die Ergüsse hingebendster Leidenschaft mit poetischem Schwünge durch diese Episteln. Er zitierte die Phantasien Schillers an Laura, die Liebesbriefe Bürgers an Molly, er plünderte Heine, brachte Stellen aus Romeo und Julie, sogar die feurigsten Stellen aus Salomons „Schir haschirim“. Das verlobte Fräulein war wohl ein wenig befremdet über diese Briese voll Glut, doch da sie auch romantisch angehaucht war, so freute sie sich, einen solchen hochpoetischen Bräutigam zu haben. Sie ging in ihren Antworten auf diesen Ton ein, unterließ es jedoch nicht, einige satyrische Bemerkungen und witzige Einfälle einfließen zu lassen. In einem ihrer Briefe fragte fie; wie es denn komme, daß er, der sie nur flüchtig gesehen, fast gar nicht gesprochen habe, in solch flammender Liebe zu ihr geraten sei, worauf die Antwort erfolgte: „Gleichwie Prometheus den Götterfunken empfangen, habe auch ihn mit Blitzesschnelle das Feuer ergriffen, und die Pfeile Amors haben mit Gedankenschnelle sein Herz verwundet." __ (Schluß folgt.) Klützende Kohlen. Novelle von Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) Indes jede persönliche Regung mußte dem Bestreben weichen, diesmal besonders gut und eindringlich zu seiner Gemeinde zu sprechen, denn es lag ihm ungemein viel daran, das ungemein gelockerte Verhältnis mit seiner Gemeinde zu befestigen. Er wußte nicht, woher es kam, aber das Vertrauen der Gemeinde zu ihm, dem einst so hochverehrten Seelsorger, war geschwunden. Nicht wie früher hatten sein Predigten ein aufmerffames Auditorium. Er bemerkte gar oft ein höhnisches, beleidigendes Lächeln in den Zügen mehrerer und gerade der unwissendsten Gemeindemitglieder. Auch in der Schule, wo er mehrere Stunden täglich den Religionsunterricht leitete, begegnete er hefttgem Widerspruch, teils von der durch Hetzereien vorlaut gewordenen Schuljugend selbst, teils von dem Schulrate, an dessen Spitze seit der letzten Wahl der Stadtarzt Dr. Piesen stand. Der Rabbiner glaubte nicht fehl zu gehen, wenn er den Umschlag in der Stimmung der Gemeinde gegen ihn dem Einfluß dieses Menschen zuschrieb, welcher in Gemeinschaft mit dem Exschwiegervater gegen ihn agitierte. Mit der Peßachpredigt wollte er versuchen, sich die Herzen seiner Zuhörer zurückzuerobern. Als der Rabbiner später die zweite Thorarolle der heiligen Lade entnahm, überschaute er mit einem Blicke den Tempel und bemerkte, daß der Sitz seines größten Widersachers, Dr. Piesens, leer war. Daran war im Grunde nichts Auffallendes. Ein Arzt konnte durch seinen Beruf am Tempelbesuch verhindert sein, dies kommt sehr oft vor, aber der Sitz seines andern Gegners, des alten Hönig, war auch leer, und dies gab ihm zu denken. Honig wollte um alles in der Welt für einen anständigen, wahrhaft frommen Juden gelten und dazu gehörte ja auch der Tempelbesuch an einem so hohen Feste. Sollte er vielleicht erkrankt sein, und Piesen an seinem Krankenlager- I weilen? Der Gedanke lag nahe. Der Rabbiner erschrack dabei, Marthas wegen. Oder waren sie beide zu Martha gereist, um noch einen Versuch, sie nmzustimmen, zu machen? Der Rabbiner hatte seine Predigt zu halten, durfte sich also keinen aufregenden Gedanken hingeben. Nie noch war seine Sprache ein solch feurige gewesen, nie noch sprach eine solche Ueberzeugung ans seinen mit hinreißender Beredtsamkeit vorgetragenen Worten, wie heute. Es war unverkennbar, daß der junge Redner dort auf der Kanzel daswirklich fühlte, was er sprach, das wirklich glaubte, was er verkündete. Der Prediger schloß seine wohldurchdachte Nede mit dem Aufruf an seine andächtigen Zuhörer, an der Treue und Liebe zu unserem mächtigen Beschützer festzuhalten für alle Zeiten. Ohne beim Nachhausegehen aufgeschaut zu haben, fühlte Hellmann die spöttischen Blicke, welche auf ihn gerichtet waren, ja, es erschien ihm, als habe irgend Jemand während seines Vorübergehens den Namen „Martha Hönig" gezischelt. Ja, er wußte es jetzt, was die Stimmung gegen ihn derart erregt hatte: sein Verhältnis zu Martha war bekannt geworden, war mißbraucht und mißdeutet worden. Zu Hause angelangt, kam ihm seine alte Tante, welche ihm die Wirtschaft führte, mit Vorwürfen entgegen.' 8 „Hast Du denn kein anderes Thema zu Deiner Predigt 8 gehabt, als diese alte Liebesgeschichte? Du hättest nur sehen sollen, wie die Frauen in der Weiberschul darüber gespöttelt haben, daß wir einen so verliebten Rabbiner haben, der sogar auf der Kanzel seine Amuren vorträgt, statt über den Seder oder die Gude und das Peßach-Machen nach altjüdischem Brauch zu predigen." „Lassen Sie das, liebe Tante, und regen Sie mich nicht noch mehr auf, als ich es schon ohnehin bin. Es kommt so etwas weiter nicht vor. Die lieben M . . . er werden nie mehr an einer Predigt von mir etwas auszusetzen haben." „Du beabsichtigst doch wohl nicht, wegzugehen und so einen guten Posten im Stiche zu lassen?" Hellmann winkte mit der Hand ab. In seinem Kopfe jagten die Gedanken wirr durcheinander. Es war bei ihm beschlossene Sache, seinen Posten freiwillig zu verlassen. Wenn sein Wirken in Schule und Tempel derart untergraben wurde, wie es tatsächlich der Fall war, was sollte er länger hier? Am ersten Tag Chol-hamoed sollte, wie alljährlich, die Religions- Prüfung abgehalten werden; trotz seines eifrigsten Strebens und selbstloser Arbeit würde diese für ihn voraussichtlich nicht gut ausfallen, infolge der zwischen ihm und dem neugewählten Schul-- aufseher bestehenden nicht au.szugleichenden Differenzen. .(Fortsetzung folgt.) Berichtigung. Im Artikel „Ben Dosas Wohltätigkeitssinn" in Nr. 25,- Seite 6, zweite Spalte, dritte Zeile von oben, soll es richtig heißen: „welche Not i m Hause" rc.