Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 26 (7.7.1905)
- Date
- 1905-07-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Inm Kapitel Kantorenschnle» Motto: „Wo hätt' ich Licht, wofern mich nicht Dein Wort die Wahrheit lehrte? Gott! ohne sie verstäub ich nie, Wie ich sie würdig ehrte." Es hat in Fachkreisen angenehm berührt, aus der letzten Nummer Ihres geschätzten Blattes entnommen zu haben, daß das Präsidium des „Oesterreichisch-ungarischenKanroren-Vereines" im Prinzipe den Beschluß gefaßt hat, eine Kantoren- und Religionslehrerschule unter staatlicher Aufsicht zu gründen, in welcher die Frequentanten in allen kantoralen Disziplinen von tüchtigen Fachmännern unterwiesen und zu brauchbaren Funktionären herangebildet werden sollen. Es ist zweifellos, daß eine solche Anstalt nach jeder Richtung hin prosperieren dürfte, wenn in derselben nicht die Verfolgung einseitiger Standesinteressen, sondern, wie Herr Justizrat Timendorfer anläßlich des deittschen Kantorentages in Berlin richtig bemerkt hat, die Erfüllung einer Knlturaufgabe in des Morres wahrster Bedeutung ins Auge gefaßt wird. Man kann sodann, ohne skeptisch zu sein, von der berechtigten Annahme ausgehen, daß fast jede Gemeinde die Stellung eines intelligenten und in seinem Fache gut geschulten Funktionärs materiell besser dotieren dürfte, als dies bis jetzt in vielen Gemeinden der Fall war. Der Frequentant einer solchen, voraussichtlich mit allen zweckmäßigen und vernünftigen Einrichtungen ausgestatteten Schule wird jedenfalls in der Lage sein, zufolge der sich angeeigneten Fachkenntnisse und allgemeinen Bildung, das soziale Niveau des Kantorenstandes wesentlich zu heben und es dürfte in diesem Falle kaum mehr Vorkommen, daß ein Funktionär, wie ich dies erst kürzlich in einer besseren Provinzgemeinde zu beobachten Gelegenheit hatte, nach dem üblichen --cp 'ö bei einem Hochzeitsmahle sein Dekorum derart hintansetzte, daß er mit dem Hute in der Hand jeden einzelnen Gast anschnorrte, um die übliche Hochzeits-, sagen wir „Nach- oder Hauptlese", in recht ergiebiger Weise einzuheimsen. Solche Fülle, die geeignet sind, das Ansehen des Kantorenstandes tief herabzusetzen, dürften jedenfalls — bei entsprechend angeeigneter Schulung und der hiedurch erwirkten besseren sozialen Stellung — für die Folge sich kaum ereignen. Es dürfte aber auch schwerlich der Fall eintreten, daß ein Kantor in seiner Eigenschaft als „Meliz joscher“ vor den Altar Gottes hintreten wird, ohne die geringste Idee von der Sprache, in welcher er betet, zu besitzen. Leider kommt es nicht vereinzelt vor, daß es vielen Kantoren an hebräischem Wissen mangelt und daß dieser beklagenswerte Umstand durch brillant ausgeführte Arien aus den diversen Kompositionen zu vertuschen gesucht wird. Aber wie lautet doch der Spruch des Propheten und wie soll der jüdische Gottesdienst im Geiste der Religion ausgefaßt werden? Nicht anders als mit den Worten: Li i)68i bes tefilo jikore l’cliol hoamim. O l m ü tz, im Juli 1905. A. Stößler, Kantor und Sekretär. Der Snsierismns nnd die moderne lynagogale Liturgie. Bon P. Minkowsky, Oberkantor der Brodier Gemeinde, Odessa. (Fortsetzung.) vm. Auch in den Kirchen dieser Periode drohte, nachdem der ambrosianische Styl schon lange vorher verwünscht worden war, ein musikalischer Jargon auch dem streng gregorianischen Gesang den Garaus zu machen, wenn nicht die Priester auf ihrer Hut gewesen und mit aller Macht für das alte akzentuistische Rezitativ .eingetreten wären. Es ist historisch bewiesen, daß das gregorianische Antiphonar noch im IX. Jahrhunderte mit eisernen Ketten am Altäre der St. Peterskirche zu Rom befestigt mar, damit die priesterliche Zensur die Richtigkeit der Gesänge überwachen könne.*) Wie viele Mühe kostete es die Komponisten, bis sie den unakzentischen freien Gesang aus „Halleluja" einsührten, nachdem sie den ganzen Psalm nach alter Tradition haben absingen lassen. Und wenn die Priester kampsmüde geworden sind und den Strom der Neuerungssncht nicht mehr zurückdrängen konnten, so gingen sie aus einen Kompromiß ein, indem sie die Einteilung des liturgischen Textes in zwei Gattungen anordneten, die den Titel „Accentns ecclesiastici“ tragen. Zur ersten Gattung, die sie mit „Accentns“ betitelten, gehört besonders der sogenannte Leseton oder Gebetston (tonus collectarum seu orationum, Kollekten- oder Gebetswn.**) Der Leseton der Episteln und Evangelien, der feierliche und alltägliche Leseton der Propheten und des Marlyrologium, die Präfatiou des Later noster und andere Rezitationen, die durchaus nur ein feierlich erhabenes, aber in musikalisch meßbaren Tonhöhen sich bewegendes Sprechen oder Vorlesen darbieten. Zur zweiten Gattung, die den Namen „Concentus“ tragen, gehören alle Teile der liturgischen Musik, die melodisch reicheren Gesänge, die nicht bloße Rezitationen sind, sondern eine abwechslungsvolle Melodie in musikalischem Sinne aufweisen. Hierher gehören die Responsvrien, Anliphonaren, Hymnen und Messegesänge. Natürlich sind die Gesänge in ihrer Melodieführung mehr oder weniger bewegt.***) Durch diese Verordnung retteten die Priester von der Tradition soviel, als sich retten ließ. Dagegen entwickelte sich im Concentns eine Kunstmusik, die nach und nach die Sprache schonungslos 'befehdete. Zuerst wählte die Kunstmusik solche Wörter für ihr freies Spiel, deren Akzenilosigkeit oder vielfache Wiederholungen für den Sinn des Ganzen nicht von Bedeutung waren, wie „Selah", „Amen ', „Halleluja" rc. Nachher wurden schon solche Wörter und auch Phrasen, die durch Zerteilung, Wiederholung und Akzenilosigkeit ihren Sinn ganz einbüßten, auch mitgenommen. Eine musikalische Figur im polyphonischen Stil und besonders in der Nachahmung, Kanon, Kontrapunkt und Fuge konnte überhaupt nicht Zustandekommen, ohne daß man ihr a priori viele Sprachopser gebracht hätte. Dadurch brach ein ständiger Zwist, zwischen den Dichtern und Metrikern einerseits und Sängern und Rhythmikern andererseits aus. Die Ersteren beharrten aus Maß, Länge, Kürze und Zahl der Silben; die Anderen dagegen legten das Hauptgewicht auf die Zahl der musikalischen Bewegungen jeder Silbe, ungeachtet deren Länge und Kürze, und sehr oft überragte die Zahl der musikalischen Bewegungen einer kurzen Silbe diejenigen einer längeren Silbe. Den Rhythmikern war die sichtbare oder hörbare ungleichmäßige Markierung einzelner Zeitabschnitte Hauptsache, den Metrikern aber war die gleichmäßige Ausfüllung dieser Zeit mit tönendem oder sichtbarem Stoff Hauptziel. So zum Beispiel waren die Rhythmiker beweglicher als die Metriker; während die Letzteren ihre Begriffe von lang und kurz mit „Longo" und „Brems" vollkommen genügend fanden, verdoppelten die Ersteren das Longo und halbierten das Brevis zu einem Semibrevis. Daß die Priester immer aus Seiten der Metriker waren, braucht nicht erst erörtert zu werden, jedoch fanden sie immer einen Ausweg, nicht nur aus dieser Rivalisation, sondern aus allen Dilemmen und Kämpfen, über neumusikalische Formen, wie der Diskantus in der großen Terze, der viele Jahre in der Kirche als verpönt gegolten hat, ferner Kontrapunkt, Kanon und Fuge und sämtliche Schwierigkeiten, die die Entwicklung des Konzentns so oft mit sich brachte. (Fortsetzung folgt.) *) A. W. Ambro s, Geschichte der Musik. II. Bd. S. 45. Ter gregorianische Gesang. **) Oskar Fleischers Neumenstudien. Teil I. Kap. XI. S. 97. ***) Ibidem.“