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Die Wahrheit · 1905-07-07 · Heft 26 (7.7.1905) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 26 (7.7.1905)
Date
1905-07-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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7LKNGWW^^.^^.M>^^WM>WGW Seite 6.Die Wahrheit. Nr. 26. Befehle; sie trennt beide gewaltsam, zettelt selbst Empörungen an, ruft als Helfershelfer das Militär zur Unterdrückung herbei und beweist so ihre Unentbehrlichkeit. Nun ist das Volk e rwacht! Es sieht, es spricht auch — drohend, ohne Furcht vor der sonst überall ilauernden Geheimpolizei. Die Zeitungen wachsen und fühlen sich; sie schreien das Unrecht, die Korruption, die russische Schande .in kühnen Bildern in die Welt, und die Zensur verkriecht sich; sie wagt nicht, mit ihrer Druckerschwärze die neuen, frechen Gedanken zu überstreichen. Und nun soll ich Ihnen die Ursache der Lodz er Metzeleien schreiben? Sie sind nicht lokaler Natur. Der ^plosionsstoss bedeckt ganz Rußland, und wo ein Funke hinfliegt, da knattern die Salven, da gehen die Revolver los, da fallen Menschen, da schreits in die Lüfte: „Freiheit, Freiheit!" Lodz ist eine Fabriksstadt, dazu Ansiedlungsrayon der Juden. 150.000 leben hier, müssen hier leben, weil sie anderswo nicht dürfen. Es gibt vielleicht einige Tausend, die gut leben können — wir haben sogar Millionäre unter dieser Schar — aber die übrigen? Ueberlassen Sie mir die Schilderung dieses Elends für ein eigenes Kapitel. Tausende von Kindern wachsen ohne Schule auf, genährt von Haß, den sie ringsumher, einsaugen. Sie können doch alle hebräisch lesen; sie lesen die in hebräischer Schrift erscheinenden Blätter, die kühnsten Elemente unter ihnen schließen den „Bund"; aus diesen sondern sich die „Achdus" („Einigkeit") ab, und diese reißen die Polizei an sich; während der. Gordowoi in der Straßenmitte darüber grübelt, wie er mit zwölf Rubeln Monatslohn sich und seine Familie ernähren soll, spüren die „Achdus" die Diebe und Räuber aus, schlagen sie tot oder lassen sie „Urfehde* schwören. Sie wollen nicht mehr Sondermenschen fein, „Auserwählte Gottes" — sie reichen den Christen die Hand, und Arm in Arm, Schulter an Schulter kämpft jetzt Jude und Christ für die Freiheit! Das ist der schlimmste Stteich, den der Jude der Bureaukratte hier im Westen gespielt! Noch vor 13 Jahren konnte sie einen Stteik in eine Judenhetze hinüberlenken, nun nicht mehr! Aber sie wird sich rächen, wenn die Gelegenheit kommt — und sie kam! Am S o.n n t a g den 18. Juni werden bei einer Demonstraüon sechs Christen getötet, acht Juden verwundet. Am Dienstag den 20. werden die Christen beerdigt. Ein imposanter Zug, zirka 20.000 Menschen — Juden und Christen demonstrativ Arm in Arm gehend, ebenso Juden- und Christenmädchen — bewegt sich zum christlichen Friedhof; rote Fahnen, von der Größe eines Schnupftuches bis zur Länge von vielen Metern, mit russischen, polnischen und hebräischen Inschriften versehen, im Zuge; die Fahnenträger werden durch vorgehaltene Schirme vor den Blicken eventuell anwesender Geheimagenten geschützt. An den Straßenecken werden Redner auf die Schultern der Menge gehoben und reden: Von der diebischen Bureaukratie, vom Zarismus, von der Freiheit und von den Opfern. Die Polizei verhält sich passiv, marschiert neben dem Zug; die Beerdigung verläuft in musterhafter Ordnung. Am Mittwoch sollen die jüdischen Leichen aus dem Spital geholt werden; mit Blitzesschnelle verbreitet sich das Gerücht „die Leichen sind bei Nacht von der Polizei gestohlen und heimlich begraben worden". Die Menge — immer Juden und Christen zusammen — zieht von Hospital zu Hospital, schwillt auf hunderttausend an, fegt die verhaßten „Monopol -Schnapsläden leer, zertrümmert mehr als 1300 Straßenlaternen und entfaltet ihr Embleme: Rote Fahnen, Banner, Schlipse. Blusenschleifen. In der Petrikanerstraße erscheint Militär; die Masse dringt in die Häuser, bricht über Zäune — hier werden die ersten Menschen zertreten, zerquetscht, totgettampelt. Dragoner erscheinen und geben Salven, Kosaken sprengen in die Menge und arbeiten mit der Nagaika; auf der „Dzelna" liegen sie in den Dachluken und fegen mit ihren Kugeln die Wschadnjasttaße leer. Im Nu erstehen an dreizehn Barrikaden; die Juden, die als feige verschrienen Juden, stehen auf den Barrikaden, werden aber wie die Spatzen weggeschossen. Aber auch Soldaten fallen, Schutzleute werden todgeschlagen, und zwischen dem Salvengeknatter hört man das Klingeln der Feuerwehr,, das eintönige Tuten der Rettungswagen, die die Verwundeten wegfahren. Bald genügen diese nicht; in Droschken werden die Schwerverwundeten angebunden und weggebracht. .Eine Bombe tötet etwa vierundzwanzig Dragoner, ein Kosak wird von hinten erschossen; nun geht es an die Revanche. Wo ein Kopf erscheint gibts einen Schuß; die Soldateska schießt in die Hausflur: da füllt eine Frau, dort ein Kind, da ent Zeitungsausträger, dort ein Fabrikant, Es ist eine richtige Schlacht — so am Donnerstag wie am Freitag. Am Samstag ist Ruhe bis zum Abend; dann fallen in der Allstadt Schüsse aus einigen Häusern auf vorübergehende Patrouillen und dann Salve auf Salve die ganze Nacht hindurch bis zum Morgen. Die Leichen werden in Rollwagen auf die Kirchhöfe gebracht. Man spricht nicht mehr von Hunderten, sondern von Tausenden; selbst in den herrlichen, .friedlichen „Helenenhof" sausten die Kugeln herüber von der Biedermannschen Fabrik. Sonntag morgens: Das Militär ist müde. An 20.000 Menschen, meistens Juden der Altstadt, eilen zu den Bahnhöfen; man befürchtet eine Massakre wie in Kischenew. Eine traurige Prozession!^ Zwanzigtausend Menschen fliehen! Man schlägt sich um Billfts nach den Nachbarorten, man bricht ohne Billet mit. Gewalt in die übervollen Waggons. Die Vororte sind überfüllt; man kampiert im Freien, man erzählt voller Grausen von den Kosaken und ihren Taten. Das Militär hat seine Arbeit gründlich besorgt; und heute, Montag herrscht wieder Ruhe. Noch sind nicht alle Toten der Erde übergeben, noch stöhnen die Verwundeten in den Korridoren der Krankenhäuser, Ruhe auf den Straßen, aber jeder Tote hat hundert ruhige Bürger revolutionär gemacht.; der „Bund" die „Achdus" werden vorsichtiger sein, aber ihre Ziele weiter verfolgen: da eine Bombe, dort ein Dolchstoß, eine Revolverkugel. Das „System" wird gebrochen werden, dieses System, das von Potemkin bis heute die Korruption, den Diebstahl, die Knechtung des Volkes durch Peitsche, Unwissenheit und Steuern als ein Vorrecht der Bureaukratie reserviert hat. Der Zar könnte im Schoße seines Volkes ruhig schlafen; man erkennt nach und nach, daß nicht er, daß die Bureaukratie der wirklich e A Nein - Herrscher ist, nur gegen sie hat auch der Zar einen großen Kampf zu führen — möge er Sieger bleiben._ Verschiedene Nachrichten. Wien. Samstag, den 8. Juli a. c., Predigt beim Morgengottesdienste im Leopoldstädter Tempel. Wien. Die „Wiener Zeitung" vom 5. d. M. publiziert die Erhebung des Universitätsprofessors'Hofrat Dr. Isidor Neumann in den Adelsstand. Wien. Der berühmte Gelehrte und Nervenarzt Universitätsprofessor Dr. Moriz Benedikt begeht am 6. d. M. seinen 70. Geburtstag. Wien. Frau Ernestine Klermanu, geb. Edle von Mises, Schwiegermutter des Reichsrats- und Landtagsabgeordneten Herrn Doktor Heinrich K o l i s ch e r, ist hier nach längerer Krankheit im 76. Lebensjahre gestorben. Die Verblichene war in allen Kreisen durch ihre Frömmigkeit und ihren Wohltätigkeitssinn geschätzt. lieber letztwiüige Verfügung wurde die Leiche, nach ihrer Heimatsstadt Lemberg überführt und fand daselbst Freitag, den 30. Juni, unter überaus großer Beteiligung hervorragender Persönlichkeiten das Leichenbegängnis statt. Den Nachruf hielt Rabbiner Dr. Caro, die kantorale Funktion versah Oberkantor H e i l p e r n. n'rj's'j'n Wien. (G o l d en e H o ch z e i t.) Der in weiten Kreisen bekannte und geschätzte Sprachenprofessor' Simon H o s m a n n beging am 29. Juni d. I. mit seiner Gemahlin das seltene Fest der goldenen Hochzeit. Der Jubilar, der im 84. Lebensjahre steht und noch geistig vollständig rüstig ist, hat ein Leben ehrenvoller Arbeit hinter sich. Seit 45 Jahren übt er seine Lehrtätigkeit im Französischen, Englischen und Italienischen in den besten bürgerlichen und aristokratischen Kreisen, daneben hat er in anerkennenswerter Weise an humanitären Werken sich viel und erfolgreich beteiligt, ist auch Obmann mehrerer humanitärer Vereine. Wien. (Humanitärer Geselligkeits-Verein „Rudolfsbund".) Mittwoch, am 21. v. M., fand die 15. ordentliche Generalversammlung des humanitären Geselligkeits-Vereines „Rudolfsbund" statt, bei welcher der Obmann desselben, Herr Armenrat Josef P o l l a k, nach Eröffnung der Sitzung, ausführlichen Bericht über das verflossene Jahr erstattete, der mit Beifall zur Kenntnis genommen wurde. Sodann gedachte derselbe des verstorbenen Ehrenmitgliedes, Herrn kais. Rat Heinrich K l i n g e r, in warmen Worten, bie: von den Versammelten stehend ange-

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