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Die Wahrheit · 1905-07-07 · Heft 26 (7.7.1905) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 26 (7.7.1905)
Date
1905-07-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 26. Die Wahrheit Leite 5. Form nnd Wesen der jüdischen j Religio«. Es ist so oft darüber gestritten worden, was das Wesen I der jüdischen Religion ausmacht und was bloße Formsache ist, j daß es wirklich Wunder nimmt, wenn noch heutzutage die j „Krittler" sich nicht aus ein klares, von jedermann annehmbares! Ergebnis stützen können; denn wäre die Wahrheit so erwiesen, j daß mau sie mit Händen greisen kann, dann hätte man nicht! die Ueberlieferung zur Bekräftigung derselben zu Hilfe nehmen müssen und in der Religion wäre, nach Zeit und Verhältnissen, ein großes Stück der Form zum Opfer gefallen, so daß vom Kerne nur wenig übrig bliebe. Ob es sich dann noch verlohnte, diesen Rest von Farce noch Religion zu nennen und dieser mit Leib und Seele anzuhangen, mag dahin gestellt sein. Ich denke, auch Herrn Rabbiner Dr. Coblenz in Bielefeld ist es nicht gelungen, mit seinem vor einiger Zeit veröffentlichten Aufsatze: „Zur Bekämpfung des unbewußt Nationalen im Gefühlsleben der modernen Juden" uns aufs vollste zu überzeugen, daß selbst die Liberalgesinnten in unserer Mitte noch auf vielen Kram schwören, der schon längst ans unserer Religion härte ausgeschieden werden müssen. Wir nehmen gerne an, daß auch unser Glaube entwicklungsfähig ist. ein Maimuni, ein Saadia, ein Albo hat dies aufs deutlichste bewiesen, und wenn wir ein klein wenig in unserem rituellen Leben Umschau halten, werden mir alsbald gewahr, daß die Zeit so manches abgebröckelt hat, worüber harte Kämpfe gefochten wurden. Doch Grenzlinien zu stellen: hier liegt das Wesen, das muß behalten werden, dort macht sich blos die Form breit, das muß verworfen werden — das wird Herrn Dr. Coblenz so wenig gelingen, wie es vor ihm einem Geiger und seinem Anhänge gelang. Die Religion ist ein festgefügtes, von jahrtausend alter heiliger Patina bedecktes Ganzes, dessen Formen mit zum Glanze und zur Erhabenheit gehören und die seinen vollen Gehalt ausmachen. Ein wenig hie, ein wenig da an seinen Formen gerüttelt, und die Säulen stürzen im Nu zusammen, die es Jahrtausende getragen. Und daß mit seinem Falle auch das Judentum sich nicht erheben würde, braucht keine Belege, weil unsere Geschichte auf jedem Blatte uns hievon Kunde gibt. Als nicht zum Wesen der jüdischen Religion gehörig, nimmt der Autor das Speisegesetz an. Wie oft und wie viel ist an demselben schon gerüttelt worden, und noch bis heute ist es keinem gelungen, mit demselben gänzlich aufzuräumen! Das wurzelt — nach seiner Meinung -— in „palästinensisch-örtlichen Anschauungen, wie sie noch heute bei anderen semitischen Volksstämmen im Orient Geltung haben, der ethische Monotheismus aber ist ein universeller Gedanke von so erhabener Größe, daß es geradezu lächerlich erscheint, ihn mit dem Speisegesetz in Verbindung zu bringen'. Daß diese Speisegesetze nicht wenig dazu beigetragen haben, daß der Monotheismus in der ganzen gebildeten Welt sich Eingang verschaffte, daß er hauptsächlich im Judentume feste Wurzel .geschlagen und trotz Sturm und Wetter, welche darüber einherbrausten, noch heute intakt geblieben, dies ist einzig und allein dem Speiseritual zu verdanken, denn wenn Israel durch dieses Ritual keine Sonderstellung eingenommen, wenn es in Sitten und Gebräuchen den anderen Völkern nachgeahmt hätte, wenn es mit einem Worte keine Spetsegesetz hätte, der monotheistische Gedanke — weil er eben universell ist — hätte sich alsbald verflüchtigt, wie das Allgemeine schwindet und nnr das Besondere sich emporzuringen vermag zur Höhe des Ungeahnten, und Unendlichen. Demnach erscheint es nicht lächerlich, das Speisegesetz mit dem universellen Gedanken in Verbindung zu bringen, denn ohne dasselbe wäre vom Monotheismus mehr keine Spur. „Ich persönlich —^ und die offene, dreiste Sprache könnte man loben, wenn sie uicht ein Rabbiner hielte, der doch berufen ist, bei seiner Religion Wache zu halten, damit Unberufene den Weinberg Gottes nicht verderben — stimme betreffs des Speisegesetzes der Auffassung zu, die Eduard v. Hartmann in seinem Buche: „Das Judentum in Gegenwart und Zukunft" ausspricht, es ist immer von neuem sich sinnenfällig aufdräugende Schranke, daß die Juden durch ihre religiöse Sitte verhindert sind, als Gäste ihrer christlichen Mitbürger an deren gesundheitsgemäß bereiteten Mahlzeiten' teilzunehmen." Mit Verlaub? Dem zuliebe, an christlichen Tafeln sichs wohlschmecken zu lassen, das Religionsgesetz beiseite zu schaffen, das täte kein Verständiger, viel weniger ein seinem Glauben, treuergebener Genosse. Es gibt ja der Wege genug, un es sich bei Christen wohlschmecken zu lassen, man braucht ' os das jüdische Banner wegzuwerfen, die hemmenden Ketten zu rreißen, und man ist seinen christlichen Brüdern gleichgestellt, wie es viele in unserer Mitte tun, zu ihrer eigenen Scb >.ch und Schande; aber wir glauben keineswegs, daß zu diesem Schritte die Last der Speisegesetze ne verleitete. Jeder Glaube har gewisse Schranken festgesetzt, um Gesittung und Mäßigung zu erzielen, diese Schranken mögen die Einen sinuenfällig, die Anderen tief in der ethischen Natur des Menschen begründet finden, der Menschheit Wohl und Wehe liegt in ihrem Schoße. Wir - können ans des Autors Worten die Ueberzeugung nicht gewinnen, „daß es wirklich hohe Zeit ist, mit dem Speisegesetz, als einem wesentlichen Bestandteil des offiziellen Judentums aufzurünmen". Weder die Juden selbst, noch ihr Glaube käme dabei besser heraus. Der Haß und die Verfolgung würde vielleicht noch größere Dimensionen annehmeu, wenn wir unseren Widersachern in allem gleichgestellt sein wollten, und daß unsere Freisinnigen ihren Glauben mehr schätzen und achten, ihn besser verstehen würden, auch das wagen wir zu bezweifeln. Wenn dies ein altes nationales Gefühlsleben bedeutet, so wollen wir uns glücklich schätzen, in der Zeiten unwirschem Drange diese nationale Seite stets hervorgekehrt zu haben. In diesem Gefühlsleben liegt unsere Stärke, unsere Erhabenheit, unser Judentum! Dunaföldvar. Rabbiner Dr. Samuel Par tos. Die Schreckenstage non Kod;. Grauenerregende Nachrichten kommen aus allen Teilen des russischen Reiches. In Warschau und Lodz, in Kronstadt und Odessa erheben Bürgerkrieg und Militärrevolte ihr bleiches Gespenstergesicht, Brand. Mord, Todtschlag wüten durch die volkreichen Straßen und auf dem blutgetränkten Boden etablieren die Kosaken ihre Schreckensherrschaft und schwingen die eiserne, erbarmungslose Faust über Schuldige und Unschuldige. Am schrecklichsten war die Menschenschlächterei in Lodz, dem polnischen Manchester, das, im jüdischen Ansiedlungsrayon gelegen, eine sehr dichte jüdische Bevölkerung hat. Ueber die grausigen Vorgänge, die sich dort vom 18. bis 25. Juni abspielten, wird der N. Fr. Presse" folgendes berichtet: Im großen jüdischen .Hospital von Poznanski alle Korridore vollgestopft mit Verwundeten; draußen auf dem Rasen in Laken gehüllte Leichen, in der kleinen Halle Tote an Tote; und den ganzen Tag wogt eine Menschenwelle hin und her, getrieben von Neugier, von Angst, von Besorgnis. Tagelang Vermißte werden hier gefunden — tot oder mit dem Tode ringend; oder man wandert weiter zum nächsten Hospital, zn demselben Bilde entsetzlicher Menschenschlächterei. Doch nur die Verwundeten werden nach den Hospitälern gebracht, die Toten auch gleich nach den Friedhöfen! Man versucht zu zählen; man addiert; man glaubt sich zu täuschen, man möchte die Summe für zu groß halten und kommt doch immer zu demselben Resultat: Hunderte und Hunderte! Und steht man vor den in blutigen Laken gehüllten Klumpen menschlichen Elends, dann fragt man sich entsetzt: „Wozu das alles? Wozu?!" Für die Freiheit! Armes Rußland, Zar! Mit Polypenarmen umklammert eine gewaltige und gewalttätige Bureaukratie das Volk, verweist die Beamten auf Diebstahl und Korruption und bereichert sich aus den Taschen der Bürger in unverschämtester Weise. Die Bureaukratie verlangt vom Volke, den Zaren als Gott zn verehren, und mißachtet dessen deutlichste

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