Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 26 (7.7.1905)
- Date
- 1905-07-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 26. „Deutschen Volksblatt" seine Zustimmung zu diesem Artikel bekannt zu geben, aber es hätte gar nicht dieser Geschmacklosigkeit des Judenstämmlings bedurft, denn tagtäglich kann man die Erfahrung machen, daß Führer und Partei,in diesem Punkte vollkommen einig sind. Auch die jüngst vom Gemeinderate beschlossene Uebernahme des Wiener Brauhauses in Besitz und Betrieb der Gemeinde liefert einen Beweis dafür. Die Opposition machte mit Recht geltend, daß Steuergelder nicht in Anspruch genommen werden dürfen, um den verkrachten Existenzen einige?* antisemitischer Parteigänger aus der Patsche zu helfen, aber äck angesehener Redner der Majorität erklärte ganz ungeniert, daß;9:- es für eine verdienstliche Tat halte, wenn den Leuten, (natü ch müssen es Parteigenossen sein) ihr Geld gerettet wird. jo, wenn es um den eigenen Vorteil geht, da sind die Herren Antisemiten aller Länder nicht skrupellos und da entdecken sie manchmal auch eine gewisse Vorliebe für die Juden. Das zeigte auch der famose Gedanke des Fürsten Henke l-D o n n e r smarck, den wir schon vorige Woche glossierten. Die „Nation" begleitete diesen geradezu ingeniösen Einfall, jüdisches Geld für antisemitische Zwecke zu gewinnen, mit folgenden satirischen Randbemerkungen: „Da haben einige Nörgler gemeint, daß gerade „die zum Offiziersersatz vor allem berufenen preußischen Adelsfamilien" den Kern jener politischen Partei bildeten, die cs sich seit Jahrzehnten angelegen sein läßt, die Börse als den Tummelplatz aller niedrigen Instinkte zu denunzieren und die Bankiers als eine besondere Sorte abgefeimter Buchmacher hinzustellen, denen man gesetzliche Handschellen anzulegen habe. Begreift man denn nicht, daß alle diese Bemühungen nur dem brennenden Wunsche entsprungen sind, die Börsenwelt zur vollen Höhe des moralischen stauckarck der „zum Offiziersersatz vor allem berufenen preußischen Adelsfamilien" zu erheben? Wie kann man die Absichten dieses ethisch-patriotischen Erziehungsfeldzuges so arg verkennen! Wenn nun aber gar auch noch darauf hingewiesen wird, daß speziell die jüdischen F i n a n z l e u t e daran Anstoß nehmen könnten, daß ihre eigenen Söhne grundsätzlich vom Osfiziersstande ausgeschlossen würden, so ist diese unpatriotische Empfindlichkeit kaum verständlich. Die Erfüllung der „historischen Mission," um die es sich hier handelt, ist eine schwere, mit großen Opfern verknüpfte, wie die militärische Dienstpflicht überhaupt. In stüheren Zeiten pflegte man sich glücklich zu schätzen, wenn man in der Lage war, sich von dieser Dienstpflicht loskaufen zu können. Die Pflichten des Offiziers aber sind viel schwerere. Erscheint es da unbillig, daß man denjenigen, denen man die Erfüllung dieser Pflichten nicht ansinnt, ein geringes Geldopfer zumutet, so etwas wie eine freiwillige Offizierswehrsteuer? Sodann ist aber auch noch ein weiterer Gesichtspunkt zu berücksichtigen. Dank der beständig wachsenden Vorurteilslosigkeit gerade auch „in den zum Offiziersersatz vor allem berufenen preußischen Adelsfamilien" mehren sich die Fälle, in denen Sprossen dieser alten Adelsgeschlechter eheliche Verbindungen mit den Töchtern reicher jüdischer Familien eingehen. Eine ziemlich regelmäßige Begleiterscheinung dieser höchst wünschenswerten Verbindungen zwischen Geburt und Reichtum ist die Deckung der Schulden des Schwiegersohnes durch den reichen Schwiegervater. Ist nun rechtzeitig für eine finanzielle Sanierung der betreffenden Adelsfamilien gesorgt, so liegt es auf der Hand, daß sich auch die zu deckenden Schulden der Schwiegersöhne wesentlich reduzieren werden. Eine Beteiligung an der geplanten Liebesgabe könnte also unter Umständen noch ein gutes Geschäft werden. Es ist charakteristisch für unsere in Materialismus versunkene Zeit, daß für die patriotische Idee, die diesem Zehnmillionenfonds zugrunde liegt, die Vertreter der Großfinanz, die man der Ehre gewürdigt hat, sich an einer historischen Mission wenigstens indirekt zu beteiligen, kein Verständnis gezeigt haben." Mitte Juni ist der frühere badische Finanzminister Eilst ätter, der Sohn eines jüdischen Möbelhändlers, hochbetagt gestorben. Unter den mannigfachen Mitteilungen, die über seinen Lebenslauf veröffentlicht werden, ist folgender historisch anekdotischer Beitrag gewissermaßen als eine „Ironie der Beschicht e" von besonderem Interesse: Der verstorbene badische Finanzminister Ellstätter durfte im Jahre 1854 noch keine Rechtsanwaltschaft ausüben, seines Glaubens wegen. Er verließ deshalb das Land und ging zur Diskontogesellschast nach Berlin, wo er mit Miquel und Mathy zusammen praktizierte. Alle drei sind Finanzminister geworden. Mathy war Ellstätters Vorgänger im Amt und berief, nachdem der Minister des Innern, Lamey, die Emanzipation der Juden durchgeführt hatte, den in Durlach ass Rechtsanwalt etablierten Kollegen von der -Diskontogesellschaft als Rechtsreferenten ins Finanzministerium. 10 Jahre zuvor war er aus Baden gleichsam vertrieben worden. Nach vier weiteren Jahren war Ellstätter Minister und seine Wirksamkeit als Reorganisator des gesamten Finanzwesens ist einer der Grundpfeiler gewesen, auf der Baden seine nationale Politik in so vorbildlicher Weise für ganz Deutschland durchführen konnte. Ellstätter war ein Finanzgenie ersten Ranges und nichts ist vielleicht bezeichnender für die ihm zu dankende Höhe des badischen Staatskredits, als die Tatsache, daß badische Staatsobligationen ein Lieblings-Anlagepapier der Rothschilds aller Länder waren. Freiherr Willy, der verstorbene Chef der Frankfurter Firma, sammelte in aller Stille aber mit großem Eifer sogenannte „Gulden-Baden", d. h. die alten Staatsobligationen in Guldenwährung. Dem Sohn des jüdischen M ö b e l h ä n d l e r s David Ellstätter war die Ausübung seines Berufes versagt worden, aber die liberale Gesetzgebung des Landes hat das gut gemacht an ihm, und er hat seiner Heimat in glänzender Weise dafür gedankt. Im übrigen hat — und auch das war eine Ironie der «beschichte — Ellstätters Ernennung zum Minister auf Jollys Vorschlag Lamey, den badischen Judenemanzipator, derart verblüfft verdrossen, daß er abends in den ..Darmstädter Hof" zu Karlsruhe gestürmt kam und dem Wirt wütend zurief: „Herr Cers, nennen Sie sich Hirsch dann werden Sie Minister". In unverfälschtem Karlsruher Dialekt wurde ihm aber aus der Tafelrunde zugerufen: „Des hasch jetz dervon mit Deine Judde. Du hasch jo kam Ruh gchabbt, bis D^ se emanzibiert gehabt hasch!" * * * Aus Amerika kommt eine traurige Kunde: Staatssekretär John H a y, einer der edelsten und bedeutendsten Männer der amerikanischen Union, der allgemein als zukünftiger Präsident galt, ist am 30. Juni im 67. Lebensjahre gestorben. Er war hervorragend als Dichter, Journalist, Diplomat und Staatsmann und genoß weit über sein Vaterland hinaus das größte Ansehen. Unermüdlich förderte er alle öffentlichen Interessen und furchtlos bekämpfte er jede Art von Korruption und Tyrannei: Unvergeßlich wird sein entschiedenes Auftreten gegen die Bedrückung der Juden in Rußland bleiben und die Protestnote an die russische Regierung bleibt ein ewiges Denkmal seinerhohen und freien' Gesinnung. Bemerkenswert ist, daß John H ay, der ein großer Sprachkenner war, auch das Hebräische vollkommen beherrschte und sich in dieser Sprache geläufig auszudrücken imstande war. Anarchie und Aufruhr nehmen in Rußland immer mehr zu und die letzten Pfeiler der Autokratie scheinen endlich ins Wanken zu geraten. Vergebens versuchen die lügenhasten Regiernngsorgane, die Wut der Massen gegen die Juden zu lenken und die letzteren als Urheber allen Uebels darzustellen, die Zahl der Einsichtigen im Volke wird von Tag zu Tag größer, das Volkerkennt endlich seinen wahren Feind, und Hand in Hand sieht man Christen und Juden sich gegen die grausamen Bedrücker erheben. Wie sehr das Urteil über die Juden sich in Rußland geändert hat, zeigt nachfolgende Stelle, die sich in dem soeben erschienen Buche des Kriegsberichterstatters der „Now. Wremia", betitelt: „Die Wahrheit über den Krieg" befindet: ..... „Welche Anekdoten werden nicht von den Juden erzählt! Dennoch haben sich nicht wenige von ihnen während dieses Krieges prächtig ausgezeichnet als tapfere und überlegene Soldaten. Nicht wenige wurden vor ihnen mit dem Georgskreuz geschmückt; viele tragen zwei und drei solche Kreuze an der Brust! Man beachte, daß dies Ehrenzeichen durch Stimmabgabe der Mannschaften einer Kompagnie und nicht durch die Vorgesetzten vergeben wird! Und wie werden die Juden von den ändern Soldaten geliebt. Auch die Offiziere konnten sie nicht genug loben. Beim russischen Soldaten gibt es weder nationalen, noch religiösen Fanatismus." Vielleicht ist die Zeit nicht mehr so ferne, wo auf den Trümmern des autokratischen Zarenreiches ein freies Rußland sich erhebt und auch unseren armen. verfolgten Brüdern dort die Sonne der Freiheit lacht.