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Die Wahrheit · 1905-06-30 · Heft 25 (30.6.1905) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 25 (30.6.1905)
Date
1905-06-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Nr. 26. Die Wahrheit was die Theologen „entre nous" schon längst wußten, daß unsere heutigen offiziellen Bibelübersetzungen total falsch seien, daß es überhaupt nur wenig Bibelverse gibt, über deren. Üeberfetzuug und Auslegung alle Bibelgelehrten einig sind. Es gibt kein Kapitel in der Bibel, sowohl des alten wie des neuen Testamentes, das nicht zumindest seine zwei oder drei „schwierigen Verse" hätte. Und meistens find es gerade Verse, die die Grunddogmen der verschiedenen Konfessionen bilden. Das Faktum, daß wir heute soweit sind, daß wir sagen müssen, wir wissen einstweilen nicht einmal, was in der Bibel steht, ist tief beschämend, es ist aber die notwendige Folge der bisherigen biblischen Forschungsmethode, die keine wisienschaftliche, sondern eine durchaus subjektive und konfessionelle war. Die Katholiken legten in die Bibelstellen das hinein, was ihnen paßte, die Protestanten und Juden vice versa. Die Protestanten, mit ihrem Prinzip der subjektiven Bibelauslegung, haben schon a priori eine ruhige und wissenschaftliche, vor allem historische Exegese der Bibel abgelehnt. Denn eine historische Exegese muß notwendigerweise die „Tradition", d. h. die Väterliteratur berücksichtigen. Die Katholiken behaupten in der Tat, daß sie die Bäterliteratur bei ihrer Bibelexegese berücksichtigen. Diese Behauptung ist leider nur eine Finte, denn die Katholiken berücksichtigen nicht alle Väter gleichwertig, sie suchen sich auch bei ein und demselben Kirchenvater nur die Stellen aus. die in die orthodoxe Lehre Hineinpassen. Was nicht hineinpaßt, gilt als — im nachhinein, kraft der päpstlichen Jnfallibilität konstatiert — Ketzerei. Uebrigens berücksichtigen die Katholiken außerdem einen ganzen Komplex von wichtigen, historischen Traditionsquellen nicht, nämlich die ganze jüdische exegetische, talmudische Literatur! Ohne zu prüfen, wird die jüdische Exegetenliteratur beiseite geschoben, obwohl es doch für die ersten Väter sonnenklare wissenschaftliche Tatsache ist, daß sie inhaltlich und formell völlig von der jüdischen Literatur beeinflußt waren. Andererseits kann man auch den Juden nicht den Vorwurf ersparen, daß sie sich bei ihren Forschungen einseitig verhielten, indem sie entweder jede Verbindung mit den anderen Konfessionen abwiesen, andererseits die prinzipiell falsche subjektive Forschungsmethode ebenfalls akzeptierten. Es war daher ein bedeutsamer und sreudigst zu begrüßender Schritt, den der rührige Akademische Verlag (Wien, VI., Laimgrubengasse) unternahm, als er zur Herausgabe der in Subskription (1 Heft zu 10 Mk.) erscheinenden „Monumenta Judaica", welche eine Art biblischer Encyklopädie werden sollen, je einen Vertreter der jüdischen, protestantischen und katholischen Konfession (Dr. M. A l t s ch ü l e r. Prof. Dr. Wünsche, Dr. I. Lanz-Liebenfels) beizog und den Herausgebern völlig freien Spielraum ließ, innerhalb der wissenschaftlichen Grenzen die Jntereffen der Konfessionen zu vertreten. Durch diesen höchst originellen Arbeitsplan ist von vornherein ausgeschloffen, daß die „Monumenta Judaica" einseitig konfessionell werden. Andererseits war aber die sichere Bürgschaft für eine wirklich wisienschaftliche und historische Durchforschung der Bibel geboten, und zwar in materieller, und inhaltlicher Hinsicht. Die „Monumenta Judaica" zerfallen in zwei Werke: in „Bibliotheca targumica", die zum erstenmal die deutsche Uebersetzung der Primärversionen der Bibel bringen soll (z. B. der aramäischen, samaritanischen, syrischen, gotischen, arabischen) und in die „Monumenta talmudica",&ieknlturgeschichtliche'undlinguistische Monographien aus dem Talmud bringen sollen. So ist z. B. eine Monographie über das Wort und die Bedeutung von tehom, samaim, adam etc. geplant. Bei all diesen Forschungen sollen zum erstenmal auch die Resultate der modernen Archäologie, Anthropologie, Affyriologie und Aegyptologie systematisch berücksichtigt werden. Auch die ganze antike Literatur soll zur l^egese beigezogen werden. Denn es ist nur ein scholastisches Vorurteil (das durch die archäologischen Funde gründlich widerlegt wird), daß zwischen der antiken und jüdischen Kultur eine trennende Scheidemauer bestanden habe. Vielmehr muß eine vorurteilslose Forschung den engsten Konnex konstatieren. Die „Monumenta Judaica" sind daher in jeder Beziehung ein bahnbrechendes Unternehmen. Sie haben den richtigen Weg gewählt, um uns in das richtige Verständnis der Bibel einzuführen. Denn die Herausgeber wollen uns nicht etwa eine eigene, subjektive, in die Bibel hineininterpretierte Auffaffung austischen, sie wollen vielmehr auf exakt historischem Weg eruieren, wie die Alten die Bibel verstanden haben. Und wird das die heutige Welt interessieren, wird die ursprüngliche und richtige Auffaffung der Bibel auch wirklich aktuell sein? Auch wenn die urtümliche Auffaffung der Bibel nicht aktuell wäre, so würde das Verdienstvolle dieses literarischen Unternehmens nicht geschmälert werden. Indes laffen die Vorarbeiten der Herausgeber (hauptsächlich in der „Vierteljahrschrift für Bibelkunde", Berlin, Calvary, veröffentlicht) erkennen, daß das, was die Bibel erzählt, die großartigste Weisheit und die tiefste Wissenschaft ist, daß die Bibel in physikalischer, anthropologischer und biologischer Hinsicht Kenntnisse besitzt, zu denen wir jetzt erst die Schlüffe! gefunden haben. Es gilt dies besonders von der Entwicklungslehre und der Photo-Elektrizität. Die Akten über die Bibel sind noch nicht geschlossen, sie werden vielmehr erst eröffnet und wir gehen einer Renaissance der Bibel, der Bibelwiffenschast und auch der Bibellehre entgegen. Trügen nicht alle Anzeichen, so wird gerade aus der ewig unvergänglichen, unverfälschten Bibellehre, die jedoch nicht die Lehre der Orthodoxie ist, der Menschheit Rettung, Heil, Glück und Friede ersprießen, und es wird wahr werden das Wort des Psalmisten: „Heil dem Manne, der nachdenkt über das Gesetz Gottes Tag und Nacht." I. ... von W .. . Feuilleton. Glühende Kohlen. Novelle von Ballette Fried, Prag. (Fortsetzung.) 6. Die Predigt. „Der Winter ist vorüber, die Regenszeit vorbei; Blumen sprießen aus dem Boden; die Zeit der Liebe ist gekommen, die Stimme der Turteltaube lockt auf der Flur." Derjenige, der diese Worte voller Liebe, voll unendlicher Sehnsucht vor sich hinmurmelte, das war Dr. Hellmann, der junge Rabbiner von M. Mit dem Abfassen seiner Predigt zu dem bevorstehenden Peßachfeste begriffen, blätterte er im Buche Schir-haschirim, um eine passende Stelle zum Texte zu finden. Dabei war er auf die oben zitierte Stelle gekommen, welche so ganz zu seiner Gemütsstimmung paßte. Denn noch immer weilte seine geliebe Martha fern von ihm in Prag, und nicht einmal den schwachen Ersatz für ihre Gegenwart war Dr. Hellmann beschieden, denn er hatte freiwillig auf einen Briefwechsel verzichtet, nachdem er ihn mit seiner Würde als Seelsorger nicht vereinbar erklärte. So mußte er warten, mußte seine Sehnsucht unterdrücken, mußte sein Vertrauen in Martha stärken. Was ihn unter diesen Verhältnissen vor Verzweiflung schützte, das war eben ein Ausspruch des gekrönten Sängers des Hohen Liedes: „Stark wie der Tod ist die Liebe!" Seine große Liebe zu Martha, das Vertrauen in die ihre, machte ihn stark, den Trennungsschmerz zu ertragen. Martha hatte ihn einmal brieflich aufgefordert, endlich- Ernst zu machen und als Bewerber um ihre Hand aufzutreten,, hatte ihn aber gleichzeitig versichert-, daß sie geduldig und treu, warten wolle, im Falle er es noch nicht an der Zeit fände, und: wenn es noch so lange dauern sollte. Diesen Brief mußte Hellmann beantworten. Er dankte ihr herzlich für das ihm geschenkte Vertrauen, welches ihn hoch beglücke, zumal er genötigt sei, es für unabsehbare Zeit in Anspruch zu nehmen, nachdem nicht daran zu denken sei, daß er jetzt das Jawort des erzürnten Vaters erhalte, ohne das er niemals glücklich sein könne. Der Segen des Vaters, so schrieb er weiter, baue den Kindern Häuser, und das Hans, das er zu gründen hoffe, dürfe der festesten Grundlage, des väterlichen Segens nicht entbehren. Er habe sich das Ziel vorgesteckt, in seiner Gemeinde segenbringend zu wirken und daselbst derart festen Fuß zu fassen, daß die Stimmung. des erbitterten Vaters zu seinen Gunsten umschlage, und wenn ihm dieses hier nicht gelänge, es in einer anderen Gemeinde zu versuchen. Dann bat er sie noch einmal aufs dringendste, ja nicht, mehr zu schreiben, oder einen Brief von ihm zu erwarten, da er in seiner Stellung, mit keinem Mädchen, und wäre es auch seine zukünftige Frau, korrespondieren wolle. Wenn sie die Gattin eines Mannes werden wolle, welcher mit Leib und Seele seinem Gotte und seiner Gemeinde dienen und letzterer als ein Muster von Frömmigkeit, Anstand und altjüdischer Sitte voranleuchten soll, so müsse sie sich jetzt schon an Entbehren und Entsagen gewöhnen. Wenn es an der Zeit sein werde, so werde er schon ohne vorherige Aufforderung grad und offen um sie werben. Jetzt könne dies noch nicht sein, jedoch ein heimlicher Briefwechsel sei für einen Mann seines Standes undenkbar. Trotz seines ausdrücklichen Verbotes beantwortete Martha auch diesen Brief mit einigen Zeilen, in denen sie seinen Ausführungen vollkommen beistimmte und versprach, sich in Geduld fügen zu wollen. Dem alten Brauche folgend nahm Hellmann auch an diesem ersten Pessachtage als Thema seiner Predigt einen Teil des Hohenliedes. Nie vorher hatte er mit soviel Begeisterung in diesen Blättern gelesen, als dieses Jahr. Die Liebesworte an Sulamith gerichtet, nahmen häufig Leben und Gestalt an, er glaubte, diese Worte seiner Martha zuzurufen, beziehungsweise sie von ihr zu vernehmen. Wußte er ja, daß sie mit gleicher Liebe und Sehnsucht seiner dachte, wie Sulamith ihres könig-- lichen Geliebten. (Fortsetzung folgt.)

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