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Die Wahrheit · 1905-06-30 · Heft 25 (30.6.1905) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 25 (30.6.1905)
Date
1905-06-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 25.• -.. .Die Wahrheit. Seite Nun, so lange Chanina b. Dosa in dürftigen Verhältnissen gelebt, hatte er sich um die Erhaltung der drei -Säulen des Judentums große Verdienste erworben. Wenn er auch nicht selber aus eigenen Mitteln Arme unterstützen konnte, so trug er viel dazu bei, daß den Bedauernswerten geholfen werde. Er veranstaltete Kollekten und suchte überall seinen Einfluß zugunsten der Unglücklichen gellend zu machen; natürlich konnte er sich nur für würdige und verschämte Arme verwenden, da er, so er an die Begüterten herantrat, beweisen mußte, daß es Würdige seien, für die er sich einsetzte. Als er aber reich geworden und aus eigenen Mitteln die Armen unterstützte, da war er nicht so skrupulös, er spendete unausgesetzt, ohne erst zu recherchieren oder recherchieren zu lassen. Jeder, der rhn um -eine Unterstützung bat, wurde von ihm reichlich beschenkt. Es Ikam daher nicht selten vor, daß er von unwürdigen lasterbaften Menschen, die sein Mitleid zu erregen wußten, mißbraucht, mystifiziert wurde. Dem Scharfblicke seiner Frau aber entging das nicht, sie gewann bald die Ueberzeugung, daß er anstatt 'Wohltaten auszuüben, das Laster unterstützte, daher sie ihn darauf aufmerksam machte, daß sein Thron des dritten Fußes, der Gemillus Chasodim heiße, entbehre. Nur die echte und -gerechte Wohltätigkeit, tazil, rettet den Menschen, vorewiger Vernichtung. Verschiedene Nachrichten. Wien (Aus der Plenarsitzung des, Kultus? Vornan des vom 25. Juni 1905. Unter dem Borsitze des Präsidenten Herrn Dr. Alfred Stern. Beginn 10 Uhr vormittags.) Im Einlaufe befindet sich ein Dankschreiben des Knltusvorstehers Dr. Isidor Schnabl für die ihm anläßlich des Ablebens seines Vaters -nusgedrückte Teilnahme des Kultusvorstandes; ferner eine Zuschrift des Statthalters mit der Mitteilung, daß der Kultusvorsteher Herr Dr. Markus Spitzer neuerlich zum Mitgliede des Bezirksschulrates für die kommende Funktionsperiode ernannt wurde. An Spenden sind eiugelaufen: Bon Herrn Wilhelm Kussn er uos eines ungenannt sein wollenden Wohltäters für die Armenanstalt X 3000, für den Rekonvaleszentenfonds X 3000, zusammen X 6000. Bon dem laut testamentarischer Anordnung des Herrn Baron Nathaniel Rothschild dem Statthalter zur Verteilung an Arme ohne Unterschied der Konfession übergebenen Betrag von X 40.000 für jüdische Arme X 5000. Von Iran Jda R o s e n b e r g für Arme X 100. Von Frau Agnes Beer zur Verteilung an jüdische Arme X 100. Von Herrn Jakob K a r p e l e s anstatt eines Kranzes ans die Bahre seines Neffen Josef Skutezky für die Chewra-Kadischa X 50, für den israel. Handlungskrankenverein X 50, zusammen X 100. Von Herrn kais. Rat Ludwig X l m a n n als Kranzablösungsspende für die sel. Frau Berta Reif für das Mädchen-Unterstützungsheim X 40. Bon „Ungenannt" zum Andenken an seinen sel. Vater für das jüdische Siechenhaus X 20. Von Frau Berta Elias für das israel. Knabenwaiseuhaus X 20. Von L. P. für die Kranken im Siechenhause Seegasse X 10. Von Herren Baß, Koritschoner L Co. der israelitischen Allianz für russische Juden X 6. Bon A. C. für den Verein „Bikur Chaulim" X 2. — Den Spendern wird der Dank votiert. An folgende Bethausvereine werden Subventionen bewilligt: „Achdus Israel", Tempelverein für den X. Gemeindebezirk, Bethausverein Brigittenau, Tempelverein Josefstadt, Bethausverein Am Volkert, Bethausverein, II., Hammerpurgstallgasse, Bethausverein „Talmud Thora". Anläßlich der Beratung über das Subventionsgesuch eines der obgenannten- Bethausvereine wird die schwierige Lage hervorgehoben, in welche Bethausvereine, die schon längere Zeit bestehen, durch die Errichtung neuer, teilweise auch von der Kultusgemeinde nicht genehmigter Bethanslokale. versetzt werden. Das Bertreterkollegium wird beauftragt, über diese Angelegenheit Erhebungen zu pflegen, eventuell Anträge zu stellen. Bewilligt werden weiters: Der Kultus gemeinde Mödling ein Beitrag zur Verköstigung der jüdischen Sträflinge in Wiener-Neudorf während der Feiertage. Der israel. Kinderbewahranstalt anläßlich der Uebernahme des Brigittenauer Kindergartens in ihre Verwaltung ein Adaptierungsbeitrag. Das Ignaz B l u m e n f e l d sche Stipendium per zirka X 1900 wird dem vom Jurorenkollegium primo loco vorgeschlagenen Maler Alfred Justitz verliehen. Dem von den Juroren 86cuucko loco in Vorschlag gebrachten Bewerber wurde mit Rücksicht auf seine Qualifikation im Wege einer Sammlung unter einigen Vorstandsmitgliedern ein Gratiale von X 500 zuerkannt. Bezüglich der Bewilligung vou Haustrauungen werden prinzipielle Beschlüsse gefaßt. Als Ehrendame des L. D. Königs b erg scheu Mädchen-Erziehuugs-Jnstitutes wird über Vorschlag des Kuratoriums dieses Institutes Frau Pauline K a u d e r s berufen. Die an den „Verein zur Hebung der Gewerbe" hinauszugebende Erledigung seiner Eingabe, betreffend die Vergebung von Arbeiten seitens der Kultusgemeinde wird genehmigt. Wien. Se. Majestät der Kaiser hat den I. Vizepräsidenten der Wiener Kültusgemeinde, Herr Dr. Gustav K o h n, zum Landesschulrate für die Fnuktionsperiode vom 1. Juli 1905 bis 30. Juni 1911 ernannt. Wien. Samstag, den 1. Juli, findet im Tempel, XV., Turnergasse 22, beim Morgengottesdienste eine Predigt statt. Wien. (BefühigungsPrüfung für Kindergärtnerinnen.) An der mit dem Oeffentlichkeitsrechte versehenen Privat- Bildungsanstalt für Kindergärtnerinnen in Wien, H, Schiffamtsgasse 15, fand am 21. d. M. unter dem Vorsitze des Herrn k. k. Landesschulinspektors Dr. Karl R i e g e r die Befähigungsprüfung statt. Einer Kandidatin wurde eine Nachprüfung nach den Ferien bewilligt, während alle übrigen Kandidatinnen approbiert wurden. Anmeldungen für den 38. Jahreskurs der Bildungsanstalt und den 3. Jahreskurs der mit diesem Institute verbundenen Bildungsaustalt für Kinderpflegerinnen, in welcher Mädchen bereits nach vollendetem 14. Lebensjahre Aufnahme finden, werden bei der Direktion entgegengeuommen. Wien. (Kaiser Franz Josefs-Ferienheim.) In der abgelaufenen Woche hat der Verein „Ferienheim" seine ersten diesjährigen Kolonien expediert. Nach dem Jodbade Hall wurden zu sechswöchentlichem Kuraufenthalte zwölf mit schwerer Skrophulose behaftete Mädchen entsendet, während 135 Kinder in das „Kaiser Franz Josef-Ferienheim" nach Tischnowitz abgegangen sind. Es sind dies teils rekonvaleszente, teils mit > Herz- oder Lungenaffektionen behaftete Kinder, die ihres Gesundheits- : zustande» wegen schon jetzt vom Schulbesuche befreit wurden und nun in der frischen, würzigen Luft, bei kräftiger Kost und unter fürsorglicher I Pflege Genesung oder doch Linderung ihrer Leiden finden sollen. Insgesamt wird der Verein „Ferienheim" in diesem Jahre 550 Kinder in Heilbäder und Kolonien entsenden. Eine seltene Ehrung wurde der Präsidentin und Begründerin dieser eminent segensreich wirkenden Institution, Frau Sofie G r ü n f e l d, beim Beginn des diesjährigen Kolomeubetriebes von Seite der Vorstandsmitglieder ihres Vereines zuteil, indem die letzteren aus eigenen Mitteln eine „Sofie G r ü n f e l d - W i d m u n g" ins Leben riefen. Das Widmungskapital wurde von der Wiener israelitischen Kultusgemeinde in Verwahrung und Verwaltung übernommen und hat die Bestimmung, daß aus dem Erträgnis nach Maßgabe desselben für immerwährende Zeiten alljährlich ein oder mehrere Kinder in das „Kaiser Franz Josefs-Ferienheim" entsendet werden. Das Vorschlagsrecht für die „Sofie G r ü n f e l d - W i d m u n g s p l ä tz e" ist der verdienstvollen Präsidentin und falls diese das Recht nicht mehr ausüben könnte oder wollte, deren Kindern zuerkannt. Das Widmungs-Promemoria nebst einer die unvergänglichen Verdienste um den Verein „Ferienheim" würdigenden Adreffe wurde der Präsidentin Frau Sofie G r ü n f e l d vom Bereinsvorstande korporativ überreicht. Petersburg. Am 21. d. erfolgte die kaiserliche Bestätigung des vom Ministerkomikee erstatteten Gutachtens, betreffend die Revision der Judengesetze. Das Ministerkomitee hat der Meinung Ausdruck gegeben, vom Standpunkte der Regierung bestände die richtige Lösung der Judenfrage in der rechtlichen Gleichstellung der Juden mit der übrigen Bevölkerung Rußlands. Jedoch erforderten die sozialen und die Rasseneigentümlichkeiten der Juden eine andere Lösung dieser Frage, weil die rechtliche Gleichstellung der JudendieJnteressen der übrigen Bevölkerung verletzen würden und unliebsame Ausbrüche des Volksunwillens Hervorrufen könnte. Das Ministerkomitee hat deshalb beschlossen, die Neubearbeitung der Judengesetze der einzuberufenden Deputiertenversammlunq zu überlassen, für die Vorarbeiten aber eine besondere außerbehördliche Konferenz einzusetzen, deren Mitglieder zum Teil vom Kaiser ernannt werden, zum Teil aus Vertretern von Behörden bestehen sollen._ Atrratnr. j Soeben erschien, im Umfang von 64 Seiten, die „T u r n t a g sj nummer" der Jüdischen T u r n z e i t u n g. In dem Hefte ist zum; ersten Male der offizielle Verhandlungsbericht über den in der gei samten jüdischen und nichtjüdischen Presse eingehend erörterten 2. Jüdischen Turntag wiedergegeben. Erst hier zeigt sich so recht die Fülle und Mannigfaltigkeit des von dem Turntag bewältigten Stoffes, ein Beweis für das frische Leben, das in der jüdischen Turnbewegung pulsiert, ein Beweis aber auch dafür, daß die maßlosen Angriffe, die insbesondere die Kölnische Zeitung gegen die jüdischen Turner unternommen hat, auf einer völligen Mißdeutung der Tatsachen beruhen. Der schneidig geschriebene Leitartikel, „Die Jüdische Turnerschaft und ihre Gegner", beleuchtet dies in glänzender Weise und fertigt die ungerechten und bösartigen Angreifer mit ihren eigenen Argumenten geschickt und geistvoll ab. Die auch im übrigen recht interessante Nummer ist von der Geschäftsstelle der Jüdischen Turnzeitung. Charlottenburg, Herderstraße 8, gegen vorherige Einsendung von 40 Pfennigen portofrei zu beziehen. Ein neues Bibelwerk auf Grund einer neuen Forschungsmethode. Kann man denn aus der Bibel noch etwas Neues erfahren, ist die Bibel nicht ein längst abgegrastes Wissensgebiet? Und wenn in der Bibel noch etwas zu finden wäre, was interessiert das die moderne Wissenschaft?! Die Bibel ist längst altes Eisen, so wird sich mancher denken. Der Babel-Bibelstreit hat die Wässer mächtig aufgerührt, ohne sie zu klären, und wir wissen erst recht nicht, was wir von der Bibel zu halten haben. Eines jedoch muß selbst den den biblischen Wissenschaften fernstehenden Laien aufgefallen sein, daß biblische Dinge. Ereigniffe und Sätze, die so ganz in unser religiöses und sittliches Leben übergegangen sind, über die jeder Volksschüler examiniert wird und die bisher als bombensichere Wahrheit angesehen wurden, im biblischen Urtext überhaupt nicht zu finden, oder in einem ganz anderen Sinne aufzufassen seien. Mit einem Worte, es hat sich zum höchsten Erstaunen der Laienwelt enthüllt

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