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Die Wahrheit · 1905-06-30 · Heft 25 (30.6.1905) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 25 (30.6.1905)
Date
1905-06-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
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LSÄMÄ^-LL , .L.-L Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 2s. Der Verfasser kommt dann auf Disraeli-Beaconsfield zu sprechen. „Gestehen Sie doch, daß das, wodurch die Juden für sich einuchmen, namentlich mit ihrer sittlichen Führung, mit lyrer Enthaltsamkeit, Unernmdlichkeit, gegenseiligcn Unterstützung, ihren» guten Familiensinn eng verbunden ist. Sie ächzen, Sie entsetzen sich darüber, daß in unserem Parlamente einige Juden sitzen werden. Schon der Gedanke blos, daß ein Jude Minister werden könnte, bringt Sie zur Betäubung. Aber ein solcher Jude wie Beaconsfield — ach, wie nützlich wäre er uns auf dem Berliner Kongreß gewesen! Bon allen englischen Diplomaten erwies sich blos ein Jude als Port ihres Imperialismus. Von allen Patrioten Englands gelanges nur einem Juden, die englische Königin als Kaiserin von Indien zu krönen. Und das geschah gerade zur selben Zeit, als unser Gorlschakow für einen armseligen Groschen unser ganzes Königreich in Amerika verkaufte — und zwar an unseren bösesten Feind, wie es sich später erwies. Ein Jude hätte dies nicht verkauft; seien Sie ganz sicher." Der Verfasser hätte noch darauf aufmerksam machen können, daß etwa zu gleicher Zeit als in England der Jude Beaconsfield die höchste Regierungsgewalt inne hatte, Sir George Jessel, ein Jude, rauster of the rolls war, das heißt nach dem Lordkanzler die höchste richterliche Stellung inne hatte, und das jüdische Haus Rothschild tonangebend auf dem Geldmärkte war; daß man aber nicht gehört hat, daß diese Stellungen zum Nachteil Englands in Händen von Juden gewesen sind. Im Gegenteil war England vielleicht zu keiner Zeit so angesehen in der politischen, finanziellen und kommerziellen Welt wie gerade damals, und daß die Justiz irgendwie durch die Schuld Jessels gelitten hätte, ist zu behaupten noch niemals auch nur im Traume einem eingefallen. Man könnte nun sagen, die maßgebenden Kreise sehen wohl schon ein, daß die Juden an der herrschenden Korruption nicht schuld seien, aber das Volk mache nun einmal die Juden für die ganze russische Misere verantwortlich und daraus müsse öie herrschende Klasse Rücksicht nehmen. Das ist aber ganz und gar nicht der Fall. Selbst die Judenschlächtereien in Rußland beweisen nicht das Gegenteil. Denn es ist Tatsache und selbst gerichtsnotorisch, daß zu diesen Judenschlächtereien Kirche und Legierung, Armee und Polizei erst das Volk aufstacheln, die Dummheit und systematisch erhaltene Unbildung ausnutzen und den viehischen Instinkten steies Rasen gestatten, ja sie unterstützen. Das russische Volk weiß sehr wohl, wo es die Quelle der Korruption zu suchen hat. In den Sprüchwörtern offenbart sich wenn irgendwo die Volksseele. Die werden nicht von Gelehrten, Literaten, Juden gemacht: sie sind auch nicht von heute und gestern, sondern das langsam im Laufe von Menschenaltern herangereifte Ergebnis der Beobachtung seitens des Volkes. Hier sind einige Proben russischer Spruchweisheit; man wird daraus ersehen, daß das Volk stockrussische Korruptionsursachen genug kennt und nicht jüdische Verderber in Anspruch nimmt. „Redlichkeit ist eine Bettlerin, die an einer Krücke geht, Schelmerei eine Fürstin, die die Krone trägt." „Mit einem goldenen Gaul kann man durch die Welt reiten." „Mit einem silbernen Ruder fährt man auch glücklich über die Fälle des Dnjepr." „Ein goldner Schlüffe! schließt auch des Zaren Herz auf." Man kann auch Kuchen backen vom gestohlenen Mehl." „Ein goldner Handschlag überzeugt den strengsten Richter von der Wahrheit unsrer Aussage," und „In einem Goldrubel liegt viel Ueberredung." Die Habsucht der Beamten wird so charakterisiert: „Wenn Du dem Starosten neun Würste gibst und eine im Rauchfange hängen läßt, so hast Du ihm keine gegeben." Noch gibt es keine russische Volksvertretung, und wenn sie endlich wirklich einberufen werden sollte, dann wird es sich noch sehr fragen, ob nicht noch andere Leute in Rußland mit ihr unzufrieden zu sein ällen Grund haben werden, als nur die Juden. Ebenso gut wie die russische Negierung sich nicht damit begnügt, Judenschlächtereien zu veranstalten, sondern auch christliche Armenier durch mohemmedanische Tartaren abschlachten läßt, wird sie vermutlich auch mehr als genug Christen von der Volksvertretung ausschließen. Man wird die Rechte, zu deren Gewährung man sich ohnehin ungern entschließt, und deren Notwendigkeit wirklich einznsehen man sich vermutlich noch nicht aufgerafft hat, nur knickerig gewähren, und es wird eine nicht geringe Menge im Heiligen Rußland übrig bleiben, die nach wie vor unzufrieden und zur Revolution geneigt sein wird. Den Dusas Wolfttiitigkritsstmi. Von Dr. M. H. Friedländer. (Schluß.) In Ben Dosas Hause ertrug man resigniert und gottergeben das härteste Geschick, nur durfte die Außenwelt nicht erfahren, welche Hause des frommen, allgemein verehrten und gefeierten Rabbi herrsche. Einmal jedoch war die Not so groß, daß seine Frau nicht umhin konnte, ihm zuzurnfen: „Wie lange noch werden wir ein solch erbärmliches Dasein fristen müssen?" „Und was kann ich dagegen tun?" eulgegnete ihr Ben Dosa. ^Du, der du dir durch deinen frommen, gott- und menschengefälligen Lebenswandel, durch deine überaus segensreiche Tätigkeit so viele Verdienste erworben, hast ja das Recht, znm himmlischen Vater deine Zuflucht zu nehmen, dein Herz in inbrünstigen Gebeten ausznschütten und zu verlangen, daß er dir schon hienieden einen Teil von dem für dich im Jenseits bestimmten Lohn gebe." Chanina willfahrte ihrem Wunsche, betete zu Gott und sein Gebet fandErhörung; es wurde ihm ein Goldklumpen in Form eines Fußes verabreicht, so daß er jetzt reichlich leben konnte. Er hatte es jetzt nicht mehr nötig, für die Ärmen und Dürftigen die Güte der Reichen in Anspruch zu nehmen und Kollekten zu veranstalten, was wohl doch nicht immer zu den Annehmlichkeiten des Lebens gehört, sondern er spendete aus eigenen Mitteln mit ganzem Herzen und mit vollen Händen. Jeder, der an seine Mnnifizenz appellierte, fand bei ihm ein geneigtes Ohr. Es dauerte aber nicht lange, da kam seine Frau und teilte ihm mit, daß sie einen Traum hatte, der sie sehr beunruhigt habe. „Ich habe nämlich im Traume gesehen," erzählte sie ihm, „wie die frommen und hochverdienten Männer alle im bessern Jenseits aus von drei Füßen getragenen Thronen sitzen, mährend der Thron, der für dich aufbewahrt ist, des dritten Fußes entbehrte. Wird eine solche Zurücksetzung nicht deprimierend ans dich einwirken? Ich würde lieber auf alle irdischen und zeitlichen Güter als auf die Anerkennung und Würdigung deiner Verdienste verzichten." „Nun, was ist da zu tun?" entgegnete Chanina. „Bete zu Gott, daß er dir den dargebotenen Goldklumpen wieder wegnehme, damit das Piedestäl, das dich tragen soll, nicht mangelhaft sei," lautete ihr wohlmeinender Rat. Welch ein tiefer Sinn liegt in dieser Erzählung! Bekanntlich beruht das ganze schöne, prachtvolle, imposante Religionsgebäude des Judentums auf drei Säulen. Und diese heißen: Thora, Aboda und Gemiluth Chasodim. Thora! Jede Gemeinde Israels muß, wenn sie als solche figurieren und ihre Pflichten gewissenhaft erfüllen will, vor allem dafür sorgen, daß in ihrer Mitte eine Stätte sich befinde, in der die Jugend wie die Erwachsenen mit der Kenntnis der Thora, mit den Grundsätzen der heiligen Lehre, mit der Ethik der Religion vertraut gemacht werden; denn ein Judentum ohne Thora gleicht einem Körper ohne Seele, hat keine Zukunft, keinen Halt, keine Stütze, hat überhaupt keine Existenzberechtigung. Aboda! Jede Gemeinde Israels ist als solche verpflichtet, dafür zu sorgen, daß in ihrer Mitte eine Stätte sich befinde, in der jeder Jude, der das Bedürfnis fühlt, sein Herz in inbrünstigen Gebeten vor Gott, dem himmlischen Vater auszuschütten, sein Gebet in würdiger, weihevoller Weise ungestört verrichten kann. Die Stätte, die der Andacht geweiht und gewidmet ist, darf nicht der Tummelplatz unruhiger Bewegungen, nicht der Zusammenkunftsort sein, wo man sicü aussprechen kann. Nicht durch moderne Einrichtungen und Reformen, nicht durch das elektrische Licht und nicht durch die elektrisierenden Gesänge und Klänge wird die Andacht geweckt, sondern durch das würde- und weihevolle Benehmen des Auditoriums, durch die religiöse Begeisterung, der Betenden. Ist aber einmal das Feuer der religiösen Begeisterung in den Herzen der Tempelbesucher erloschen, dann ist keine Musik' der. Welt — nicht einmal der Damen- und Männerchor — imstande sie wachzurufen. Gemiluth Chasodim! Jede Gemeinde Israels muß dafür sorgen, daß in ihrer Mitte Anstalten sich befinden, die den edlen Zweck verfolgen, das materielle Heil und Wohl der Armen nach jeder Richtung hin zu fördern. Jeder, der ftir die Erhaltung der hier genannten drei' Institutionen bereitwilligst Opfer bringt, erwirbt sich hohe Verdienste wodurch er sich die Unsterblichkeit erringt. *

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