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Die Wahrheit · 1905-06-30 · Heft 25 (30.6.1905) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 25 (30.6.1905)
Date
1905-06-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 25. Die Wahrheit Leite 5. dem Richter seine hohen Pflichten so strenge eingeschärft,-wie I gerade in dem Alten Testamente. Dort wird mehrmals gelehrt,! daß das Recht von Gott stammt und der Richter gleichsam der! Stellvertreter Gottes sei. Im Talmud findet sich sogar der schöne j Ausspruch: Der Richter, der streng sachlich und wahrheitsgemäß > die ihm vorgelegten Rechtssachen entscheidet, hat ein solches | Verdienst, wie wenn er dem Weltenschöpfer bei der Regierung der Welt helfen würde; ferner: Ein Richter, derwegen einer Schuld geklagt, zu deren Zahlung er gerichtlich verurteilt worden ist, ist dadurch seines Amtes unwürdig geworden. Doch wozu alle diese Zitate, sie werden nichts nützen; man weiß ja allenthalben ganz gut, daß die Juden nicht schlechter sind als andere Menschen; man weiß auch, daß Bibel unö Talmud Recht und Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und Menschenfreundlichkeit zum mindesten ebenso eindringlich lehren, wie Koran und Evangelium, und dennoch wird der Jude da von der Gerichtstribüne, dort von dem Lffizierskasino ferngehalten. Die Tapferkeit und Vaterlandsliebe, welche die Juden Deutschlands in den Befreiungskriegen und dann wieder bei der Begründung des Deutschen Reiches bekundet haben, vermochten die gegen sie herrschenden Vorurteile ebensowenig zu zerstreuen, wie die vielen Millionen, welche von ihnen jahraus, jahrein zu genieinnützigen und Humanitären Zwecken gespendet und testiert werden. Es paßt eben gar Vielen viel besser, immer neue Vorurteile gegen die Juden hervorzurufen, als die alten in Vergessenheit kommen zu lassen. Die schon vor Jahrhunderten ausgegebene Parole: Die Juden soll man zwar nicht gewaltsam töten, aber in Niedrigkeit erhalten, wird noch lange, auch in protestantischen Ländern, Richtschnur bleiben. Daran werden auch alle Targum-, Midrasch- und Talmudübersetzungen nichts ändern. Rußland nnd die Inden. Wie einst der ägyptische, so will auch der russische Pharao oder wer ihn etwa bevormundet, trotz aller bereits erlittenen Plagen nichts lernen und die.Juden nicht freigeben. Der Entwurf Bulyins betreffend Schaffung einer Volksvertretung schließt, wie allgemein verlautet, Israeliten von jeder Beteiligung an der Volksvertretung aus, weil es nicht folgerichtig sein würde, sie bei dem Bestehen der die Rechte der Israeliten beschränkenden Gesetze zur Ausübung des Wahlrechts oder gar zur Mitarbeit an der Volksvertretung zuzulassen. Wir haben zwar so eine Ahnung, daß es mit der russischen Volksvertretung nicht weit her, daß es eine Volksvertretung ä, 1s. Potemkin, d. h. eine Volksvertretung, die keine ist, sein wird, und daß demnach die Juden nicht viel verlieren, wenn man sie von Wahl und Mitarbeit ausschließt. Das ändert aber nichts an der Tatsache, daß die russische Logik, die man wegen ihrer Lächerlichkeit versucht wäre, eine schildbürgerliche oder eulenspiegelsche zu nennen, aber wegen der Motive und Folgen nicht gut so nennen kann, eine satanische ist, weswegen sie auch die Antisemiten als herrlich Preisen. Diese satanische Logik sagt: weil den Juden schon Unrecht geschieht, darf man ihnen kein Recht geben. Die richtige Logik würde sagen:, da die beschränkenden und beschränkten Judengesetze im Widerspruch stehen mit dem Recht, das den russischen Untertanen gewährt werden soll, so müssen diese unsinnigen und unheilvollen Gesetze eben aufgehoben werden, zumal sie auch ohnehin aufgehoben zu werden verdienten. Angesichts dieser Logik, die das Unrecht lieber vermehrt als es beseitigt, haben denn auch die Semstwomänner beschlossen, wenn sie zur Audienz beim Zaren vorgelassen werden sollten, auch die Judenfrage zur Sprache zur bringen. Die russische liberale Presse bezeichnet es im Hinblick auf die großen Dienste, die die jüdische Intelligenz für den politischen Fortschritt Rußlands geleistet hat, als eine Ehrenpflicht der russischen Intelligenz, sich ihrerseits auch der Juden anzunehmen. Sogar in der antisemitischen Presse Rußlands beginnt es zu dämmern. Vor einiger Zeit brachte die „Nowoje Wremia" einen gar seltsamen Dialog. Ein Herr Menschikow publizierte dort eine fulminante und treffende Erwiderung gegen die Angriffe auf die Juden. Allerdings glauben wir nicht, daß er im Interesse der Juden geschrieben und veröffentlicht worden ist, sondern es sollte unter dieser Maske der Regierung besser der Text gelesen werden können, und die gewählte Form einer Unterredung gestattete die Auslegung, daß es sich um ein nicht verbindliches Referat handle. Indessen was in diesem Dialog einem angeblichen Judenfreunde in den Mund gelegt wird, enthält so viel wahres, daß selbst ziemlich verbohrte Leser des russischen Antisemitenblattes die Wahrheit nnd Richtigkeit des Gesagten einsehen.müssen. Es heißt darin wörtlich: „Sie sagen, daß die Juden Rußland zugrunde richten! Aber in Wahrheit gesprochen, ist Rußland sich selbst nicht ein grimmiger Feind? Was diesen schrecklichen Krieg betrifft, verlieren wir denselben wegen der Juden? Sind etwa die Juden bevollmächrigt morden, Port Arthur zu befestigen, und haben sie es derart befestigt, daß beim Ausbruch des Krieges die Festung ohne Forts und ohne Geschütze, ohne Geschosse, ohne Medikamente, ohne Armee sich erwies? Wollen mir doch ein wenig gerecht sein. Waren etwa die Juden damit beauftragt gewesen, auf diplomatischem Wege die im wesentlichen unbedeutenden Forderungen Japans in Ordnung zu bringen? Reizten vielleicht die Inden die japanische Regierung durch ihren Hochmut und ihre Geringschätzung aus deren Anfragen? Sind etwa die Helden dieses Krieges — die Admirale Alexejew, Üchtomsky, Stark — Juden? Sind vielleicht die Landhelden von Tjnretschen, Kmdjdschau. Wajanpou, Dajchitschao, Liaujon, und Mukden — sind alle diese Juden? Lest einmal nach, ja sogar in der „Nowoje Wrejma", die Erklärung „über unseren Mukdener Mißerfolg". Durch wessen Unbegabtheit, Unwissenheit und Vergessen der elemenraren Regeln der Kriegskunst erklärt sich der Untergang von fast hunderttausend russischer Soldaten mit einem Schlag? Nun, haben etwa die Juden daran schuld? Oder der schmachvolle Untergang unserer neuen, erst erbauten Flotte vor Port Arthur? Oder der Kampf des 28. Juli? Wenn wir blos drei Minuten nrehr Ausdauer gehabt hätten, wäre ja der Admiral Togo geschlagen worden. Die Japaner erhoben bereits das Signal zum Rüctzug, aber unser Admiral war der erste, der davon lief. Das war ein Stammrusse, sogar ein Rjurikowitsch, und kein Jude. Wie jetzt sich ausklärt, nur etwas mehr Umsicht bei Tjurentschen, nur etwas mehr Standhaftigkeit bei Liaujon rc., so wäre der Sieg unser gewesen. Sagt doch, was richtet Rußland zugrunde, nicht nur in der Einbildung und nicht in weiter Ferne, sondern jetzt in der empfindlichen Wirklichkeit?" „Sehen Sie sich doch einmal um!" läßt das Blatt den Judenfreund weiter sagen. „Betrachten Sie sich den glänzenden Stand der Dinge bei uns! Sind etwa die Juden schuld daran? Haben wir jemals einen jüdischen Minister gehabt, oder ist jemals ein Jude Mitglied im Rate des Zaren gewesen? oder ein Senator oder ein Gouverneur? Alle Minister, Staatsräte, Senatoren, Gouverneure sind vollendete Typen von Russen, Abkömmlinge der vornehmsten Familien, und das Gleiche kann von unserer ganzen Bureaukratie gesagt werden. Sie fürcbten, daß mit der Zeit die Juden alle Russen zu Sklaven machen werden. Ob das jemals der Fall sein wird, ist sehr zweifelhaft; daß aber das russische Volk von Russen zu Sklaven gemacht worden ist, das ist ein geschichtliches Faktum, und wir verspüren das noch heutigen Tags. Nun, haben etwa die Juden diese schreckliche Sklaverei ersonnen? „Sie sehen voraus, daß die Juden den ganzen Grund und Boden in Besitz nehmen werden und so Fürsten werden. Vorläufig ist solches Gerede barer Unsinn; daß aber der ganze Grundbesitz sich jetzt in den Händen einiger Russen befindet, das ist eine Tatsache. Sagen Sie mir, wer hat dieses gescheite politische Stücklein, daß wir nämlich zu viel Land haben und gleichzeitig überhaupt keines, ersonnen, die Juden oder die orthodoxe Kirche? Rufen Sie sich die Zeiten Katharinas zurück! Rußland führte Kriege, ließ Blut fließen und eroberte Bessarabien, die Krim u. s. w. Sofort wurde das wertvolle Land unter die würdigen Fürsten verteilt, die keine Produzenten sind, während das gemeine Volk, das sein Blut in Strömen vergossen hatte, blieb, was es war, besitzlos. Von den Fürsten erhielten manche bis zu 200 Desjatinen Grundbesitz. Als aber die Sklaven befreit wurden, da wurden sie gezwungen, für Land zu zahlen. Welchem glänzenden Geiste legen Sie das zur Last? Den Juden? Damals wurde eines Juden noch nicht einmal Erwähnung getan. Sehen Sie sich doch unsere Staatsräte an, die arbeiten und arbeiten und bringen doch nichts zustande. Blicken Sie weiter! Sehen Sie, wie wild und ärmlich unser Inneres geworden ist, wie niedrig und verdreht unsere Lage und unsere Institutionen! Wohlan! sagen Sie, gestehen Sie: Wo haben hier die Juden eine Schuld?" So fragt Herr Menschikow. Dann führt er seine Unterhaltung mit einem imaginären Gegner folgendermaßen fort: „Ja, öffnet die Türen, lasset die Luft, die Sonne ein. Dies verlangen alle Aerzte, und bei jeder Epidemie. Begreifet doch, um Gotteswillen. daß nicht die Menschen selbst giftig sind, sondern ihre Feindschaft gegen Euch. Vernichtet die Quellen der Feindseligkeit, dann wird auch die Vergiftung verschwinden. Es bedarf vieler Worte nicht, die Fremdgläubigen werden in Rußland etwas neues hineintragen; etwas Schlechtes? — das ist die Frage. Sie werden erhöhte Forderungen, eine westliche Frische des Gedankens und das Temperament hineintragen, das uns so sehr fehlt. Sie werden Prometheus Geist des Suchens und der Entschlossenheit, den Geist des Eroberers, dem das sehr kleine Europa die ganze Welt unterwarf, hineinbringen. In ein Land des hoffnungslosen Trunkes und des betäubenden Kartenspiels werden die westlichen Menschen wertvolle Schätze — der Arbeit und der Nüchternheit hineinbringen. Und dies alles werden die Juden hineinbringen? Teilweise auch sie, wiewohl ich überhaupt über die Europäer im allgemeinen spreche."

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