Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 25 (30.6.1905)
- Date
- 1905-06-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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99* S'/^'is^-.KLsDLÄLM^M?iafcSiääXs$* ^L^ILlMMK‘ ’ VAi4l Seite 4. Die Wahrheit Nr. 25. der so maiv war, die Ansicht zu äußern, die jüdischen Berussgenoffen müßten die Aufforderung zu solchem Geschenk als ein seltsames Ansinnen empfinden; denn im Grunde werde ihnen damit das offene Bekenntnis zugemutet, daß sie zur Stellung brauchbaren Offizierersatzes noch immer nicht geeignet und nur gerade gut genug seien, den nach der herrschenden Meinung besser Qualifizierten mit ihrem Gelde das Osfiziersleben zu erleichtern. Fürst Donnersmarck meinte: ..Er habe sich in seinem Leben oft um den Ausgleich sozialer Gegensätze bemüht und hoffe, auch hier nicht auf unüberwindliche Schwierigkeiten zu stoßen; ganz leise und unverbindlich, doch laut genug für seine Ohren wurde die Möglichkeit an gedeutet, gerade ein Zeichen patriotischen Gemein sin ns, wie es jetzt erbeten werde, könne vielleichtHindernifse beseitigen, die heute noch berechtigten Ansprüchen den Weg sperren." Und der Fürst fand auch einen begeisterten Fürsprecher unter den — jüdischen Finanzgrößen. Herr Albert Ballin unterstützte enthusiastisch den Plan des Fürsten. Der Jude Ballin mag es ja gewiß ganz gut, ganz patriotisch und ganz edel gemeint haben. Aber wer weiß, ob es nicht würdevoller, klüger und sittlicher gewesen wäre, wenn er einfach erklärt hätte: „Mit Geld sollen wir Juden bezahlen, daß unseren Söhnen . ihr Recht wird? Genügte es nicht, daß wir Juden auf allen j Schlachtfeldern mit unserem Blute dieses Recht erwarben?" Ueber Plehwe, den grausamen Tyrannen, auf dessen, Schuldkonto die grausamsten Judenverfolgungen in Rußland kommen, erfährt man interessante Details aus einem eben erschienenen Werke „Die russische Revolution" von Alexander Ular. Wer war dieser moderne Torquemada, dem kein Mittel zu schlecht war, um zur Macht zu gelangen und sie festzuhalten? Freilich festzuhalten so lange, bis ihn eine Bombe in jene Regionen erhob, aus der es keine Wiederkehr gibt. Wir erfahren folgendes über Plehwes Leben und Karrierre: „Aus einer deutschen Familie Lithauens gebürtig, bekehrte sich der Protestant zum Katholizismus, um zum Universalerben seines Onkels zu avancieren, den er alsbald als Verschwörer denunzierte, h ängen ließ und beerbte. Er schlug dann mit den auf so edle Weise erworbenen Mitteln die Staatskarriere ein, wurde als noch ganz junger Mann das Haupt der politischen Polizei unter Alexander II. Unter dessen Nachfolger gelang es ihm, Loris- Melikoff, den berühmten Diktator, der Rußland beinahe eine Verfassung gegeben hätte, durch aufgefangene Briefe, in denen sich Melikoff allzu freimütig über die Nichtveröffentlichung der Verfassung ausgesprochen hatte, zu stürzen. Eine weitere Heldentat Plehwes war eine große internationale antisemitische Propaganda, die er mit Geschick und Erfolg in Szene setzte. Durch seine Agenten erregte erden Antisemitismus in Rumänien, blieb angeblich der deutschen antisemitischen Bewegung der achtziger Jahre auch nicht ganz fremd und endete mit einer vollständigen judenfeindlichen Organisation in Rußland selbst. Später erwuchs ihm ein gefährlicher Gegner in Witte, der gegen die bevorstehende Diktatur Plehwes seine Stimme erhob: „Ich will diesen Menschen nicht in der Regierung haben," urteilte Witte. ,Er hat schon drei verschiedene Religionen angenommen, um sich jedesmal auf die Seite des Stärkeren zu schlagen. Morgen würde er Jude werden, wenn die Juden regierten. Er ist ein von keiner Moral belästigtes Individuum." Monsignore S ch e i ch e r, der rüde antisemitische Hetz- Priester, ist das Opfer eines ebenso brutalen als verdammenswerten Attentats geworden. Beinahe wäre er um ein Auge gekommen. Scheicher hat sehr oft das Wort des Evangeliums entstellt. Der Attentäter hat seinem Beispiele gefolgt, als er eine Lehre des Evangeliums variierte: „Wenn dich das Auge eines Anderen ärgert, reiß' es ihm heraus." Präger Kries. Gautsch locutus est. Gautsch hat gesprochen! Der Ministerpräsident hat in seiner vor einigen Tagen im Reichsrate abgegebenen Erklärung auch die Beamtenanstellungen in Böhmen, über welche man von deutscher Seite schon so oft sich beschwert hat, des Ausführlicheren besprochen. Wie schon Baron Körber, hat auch er die angebliche Ueberflntnng deutscher Gegenden mit tschechischen Beamten mit dem Mangel an..deutschen Bewerbern um Beamtenstellen zu rechtfertigen gesucht. Wenn Inden, auch wenn sie in Deutschböhmen geboren, deutsche Schulen besucht und an der deutschen Universität ihre Fachstudien und Prüfungen gemacht haben, nicht als Deutsche gelten können, dann hat allerdings der Ministerpräsident recht, und seine Erklärung muß auch den deutschem Abgeordneten recht sein. Die Frage ist aber, ob dieser Standpunkt ein richtiger und gerechter ist. Wenn in tschechischen Gegenden nur tschechische und in deutschen Gegenden nur deutschnationale BeamteStaatsstellungen erlangen können, und die Juden, ob sie nun während ihrer Studienzeit die Tschamara oder die Kouleurkappe getragen, nicht als Tschechen und nicht als Deutsche anzusehen sind, dann sind dieselben überhaupt von den Staatsämtern ausgeschlossen, was übrigens tatsächlich der Fall ist, wiewohl es mit dem Wortlaute des Staatsgrundgesetzes im Widerspruche steht. Doch nicht den Ministerpräsidenten und nicht die deutschen Abgeordneten trifft diesbezüglich ein Vorwurf, als vielmehr die deutschen Juden selbst; denn volenti non fiat injuria. Muß I aber das vollständige Schweigen der letzteren über das ihnen zugefügte Unrecht nicht als Zustimmung dazu angesehen werden? Die größte deutsch-studentische Vereinigung in Prag ist die Lese- und Redehalle deutscher Studenten. Mehr als zwei Drittel der Mitglieder dieses Vereines sind Juden; und doch hat man noch nicht gehört, daß aus dem Schoße dieses Vereines eine Interpellation an einen deutschfortschrittlichen Abgeordneten hervorgegangen wäre, welche ihn genötigt hätte, in der bezeichneten Frage Farbe zu bekennen. Noch weniger als von Seiten der Lesehalle ist dies von Seiten anderer deutscher Vereine geschehen, deren beitragende Mitglieder mehr als zur Hälfte aus Juden bestehen. Hingegen hat die Lesehalle den Mut gefunden, an den akademischen .Senat mit dem Ersuchen. heranzutreten, jüdischnationale und konsessionelle Verbindungen an der Prager Universität nicht zuzulaffen. Wenn die Selbstverleugnung der Juden und ihre Opferwilligkeit fürs Deutschtum so weit geht, daß sie eine Beeinträchtigung ihrer Rechte, die ihre Lebensexistenz trifft, ohne Murren und Klagen hinnehmen, dann darf es nicht Wunder nehmen, daß sich in gewissen Kreisen nach und nach die Meinung herausbildet, daß der Jude eigentlich nur dazu da sei, um für fremde Zwecke Geld herzugeben, oder gar, wie es die Zumutung des Fürsten Henckl-Donnersmarck in Berlin gezeigt hat, die Mittel zur Aufrechterhaltung der ihre soziale Ausschließung und Erniedrigung' bezweckende Institution aus ihren Taschen zu beschaffen. Bescheidenheit und Selbstverleugnung sind allerdings sehr schöne Tugenden, und der Jude soll alle schönen Tugenden üben, aber nur dann, wenn nicht dem ganzen Judentume Schaden daraus entsteht. In unserem Falle aber hat leider oft genug das Judentum den Schaden zu tragen. Wie viele, die es verlassen, um ein Staatsamt zu erlangen, wären ihm treu geblieben, wenn sie Ihre Absicht ohne Glaubenswechsel hätten erreichen können? In dem letzten Prager Brief dieses Blattes war berichtet worden, daß unter den vielen deutschen Rechtspraktikanten und Auskultanten, die in letzter Zeit zu Gerichtsadjunkten befördert wurden, auch ein Jude war, und daß dieser nach Krakau versetzt wurde. Diese Angabe soll indes, wie man später erfahren hat, nicht ganz den Tatsachen entsprochen haben, denn auch jener vermeintliche jüdische Auskultant soll den Weg zum Amte durch die Kirche genommen haben und nicht nach Krakau, sondern nach Kratzau ist er gekommen. Wir haben jetzt noch mehrere jüdische Landesgerichtsräte und sogar einige Oberlandesgerichtsräte, die ohne Glaubenswechsel zu ihren Stellungen gelangt sind. Nichtsdestoweniger haben dieselben sich bewährt uud bilden eine Zierde des österreichischen Richterstandes. Warum sollte bei der jüngeren jüdischen Generation das nicht auch der Fall sein können? Finden sich doch nirgends solch schöne und erhabene Aussprüche über die große Wichtigkeit der Rechtspflege, und werden doch nirgends