Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 25 (30.6.1905)
- Date
- 1905-06-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion u. Administration: Wien, II/, Novaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei 153U2. Lilserate Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonnementsu. Jnsertionsbeträge sind in Wien zahlbar »nd klagbar. «abhängige Aeiischrifi für Mische Inierejsen^" Erscheint jeden Kreilag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Verugsplxei» : (Sanzjährig . . . K. 12 — Halbjährig . K. ü — Für Cultusbeamte: (Ganzjährig ... ft. 1« - Für Attvlnild: Äanzjährig . . . s Mark. 6 Rubel oder l»> Fes. Ur. 25 Wien. 30. Inni 1805. Inhalt: Aus der Woche. — Prager Briefe. — Rußland und die Juden. — Ben Dosa's Wohltätigkeitssinn. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. Feuilleton: Glühende Kohlen. — Der Sulzerismus und die moderne, synagogale Liturgie. Die geehrten Kerren Abonnenten werden um umgehende Erneuerung des Abonnements für das am 1. Juli beginnende 3. Kuartal ersucht, damit die regelmäßige Zusendung des Mattes keine Unterbrechung erleide. Abonnements-Bedingungen: Dierteljährig Kr. 3.—, halbjährig Kr. 6.—, Probenummern stehen zur Verfügung. Die Weöaktion. Ans dev Woche. Die Art und Weise, in welcher die dermalen herrschende Partei in Wien — mit dem Bürgermeister Dr. Lueger an der Spitze — in ihren Journalen die 20 Millionen-Spende des Freiherrn Nathaniel v. Rothschild quittierte, hat das Thema von der ..jüdischen Wohltätigkeit" neuerdings zur Diskussion gestellt. Man kann auch auf diesem Gebiete die „jüdische" Aufdringlichkeit kennen lernen, die sich so häufig darin äußerte, daß „jüdische" Wohltäter sich vordrängen und ihr Geld wohltätigen Zwecken obne Unterschied der Konfession zuwenden, was doch gewiß eine Verletzung des arischen Selbstgefühls involviert. Man erinnert da insbesondere auch an die vornehme Zurückhaltung des klerikal-feudalen Hochadels, dem es nicht im Traume einfällt, in solcher Weise „jüdische" Gefühle zu verletzen. Als leuchtendes Beispiel wird speziell auf den Fürsten Schwarzenberg hingewiesen, der sicherlich so reich wie Nathaniel Rothschild war und in seinem Testamente den Armen Wiens alles in allem 1000 fl. zuwendete. Von diesen 1000 fl. haben die armen Juden in Wien sicherlich keinen Kreuzer gesehen. Das braucht allerdings in einer Stadt nicht zu überraschen, in der man es selbstverständlich findet, daß antisemitischen Lehrern das Reisestipendium zugewendet wird, das ein „jüdischer" Wohltäter stiftete. * * * Zum Kapitel der „jüdischen" Wohltätigkeit wird ein Beitrag aus Berlin geliefert, welcher geradezu überwältigend komisch wirken würde, wenn er nicht gar so — traurig wäre. Man erinnert sich noch an die pikanter». Enthüllungen über den religiösen Eifer, mit dem vor einiger Zeit der antisemitisch angehauchte Freiherr v. Mirbach an den Bau von Kirchen schritt, zu denen er mit wahrer Wohllust auch die reichen — Inden heranzog. Dem Obersthofmeister der deutschen Kaiserin konnten die armen reichen Juden schwer widerstehen. Sie gaben Geld zum Bau von Kirchen, ohne selbst die bescheidene Gewähr zu haben, daß in ihnen nicht Jünger Stöckers das Evangelium des Judenhassers verkünden würden. Diese Kirchenbauten mit großer perzentualer Beteiligung seitens der Juden boten kein sonderlich erbauliches Schauspiel, aber schließlich konnten sich die Juden sagen, daß man ihnen — wenn sie danach ein Verlangen trügen — wenigstens gestatten würde, diese Kirchen zu besuchen. Was soll man aber zu der in jüngster Zeit versuchten Anbohrung „jüdischer" Finanzmänner sagen, denen von hocharistokratischer Seite nahegelegt wurde, große Beiträge zu einem ..Zehnmillionenfonds für bedürftige Osfiziere" zu spenden, also für einen Fond, von dessen Genuß die Juden völlig ausgeschlossen bleiben müssen? -r- * * In der Tat kein Geringerer als der Fürst Guido von Donnersmarck — ein Mann von 75 Jahren, der aber auch nebenbei 85 Millionen besitzt — war es, der in einem Konventikel, zu dem auch die „jüdischen" Bankiers und Finanzmänner eingeladen waren, an diese die Aufforderung richtete, ihren patriotischen Sinn durch Unterstützung dieses Fonds bekunden zu wollen. Sicherlich waren in dieser Gesellschaft alle darüber einig, daß der so viele Jahre und noch mehr Millionen zählende Fürst ohne Anstrengung diese patriotische Kundgebung aus eigener Tasche bestreiten könnte. Aber keiner wagte es, diesem Gedanken auch nur durch ein Wort Ausdruck zu verleihen. Nehmen wir an, ein Rothschild hätte eine ähnliche Proposition im Jockey-Klub zu Gunsten der armen hungernden Juden in Galizien — die vielleicht noch bedauernswerter sind, als ein preußischer Lieutenant — gemacht. Welche Antwort wäre ihm wohl zuteil geworden? Doch kehren wir nach Berlin zurück. Fürst Guido Donnersmarck stellte seinen „patriotischen" Antrag und.verehrungsvoll hörten ihn die Anwesenden — Juden und Christen — an. Nur einer hatte den Mut sich zu erheben und die Frage zu stellen: ..Warum die Leistung der zehn Millionen just einer Gesellschaftsklasse zugemutet werde, deren zahlungsfähigste Mitglieder Juden sind, und deshalb nicht hoffen dürfen, daß ihre Söhne den Offiziersrock tragen." Dieser kühne Frager war kein Jude. 4- * Und die Antwort Sr. Durchlaucht? Er wendete sich mit merklicher Geneigtheit gegen den urgermanischen Finanzmann,