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Die Wahrheit · 1905-06-23 · Heft 24 (23.6.1905) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 24 (23.6.1905)
Date
1905-06-23
Page
– (sequence 8)
Language
German
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- ■ -7 .••i/:-;--i- .>-.rr:'7p.-;-'J^¥ :'£ •.^:;r.5 ., Seite 8. Die Wahrheit Nr. 24. spreche. In erster Reihe wurde eine Schule. „Sufa chaje", fürden hebräischen Unterricht gegründet, die mit Bewilligung der hohen Behörde am 15. d. M. eröffnet wurde. Am ersten Tage waren schon bis 100 Schüler- , innen eingeschrieben, und die Zahl derselben wird gewiß noch höher werden. Es werden nur Mädchen vom achten bis zum zehnten Lebensjahre äufgeuommen, da für solche nur der Anfangsunterricht bestimmt ist. Schon jetzt; trat an die Verwaltung eine Deputation halberwachsener Mädchen mit der Bitte heran, man möge auch für sie einen Kurs zur Erlernung der’ hebräischen Sprache errichten. Dies wurde den naiven Bittstellerinnen versprochen, und es ist zu hoffen, daß die Verwaltung alles aufbieten wird, auch! diesen gerechten Anforderungen nachzukommen. Die Mittel dazu sind einst- . weilen sehr gering, da das Honorar der Kinder ein nur unbedeutendes ist und dasselbe keineswegs hinreicht, davon Lehrer und sonstige Auslagen zu decken. Mit vereinten Kräften jedoch und mit Gottes Hilfe schwinden alle Schwierigkeiten, diese Pflanzschule wird gewiß segensreich und zum Heile der Jugend wirken, und ihre Begründer und Erhalter werden den wohlverdienten Lohn im Gedeihen ihres Werkes finden- Der Unterricht wird einstweilen in zwei Abteilungen von zwei bewährten, tüchtigen Lehrkräften, Herrn N. Ochser und Herrn O. König, täglich m hellen geräumigen Lehrzimmern erteilt. Die Aufsicht und Leitung übernahm Herr Dr. S e i d m a n n, der Präsident dieses Vereines, der wesentliche Begründer dieser Schulendem ich auch ein wohlverdientes ^asollsr koach zurufe! M. Markstein. Fraukfurt a. M. Vom 11. bis 13. Juni hat hier im Saale der Frankfurt-Loge der zehnte Deutsch-Jsraelitis ch e G emeindet a g unter dem Vorsitz des Rechtsanwaltes Dr. Blau, Frankfurt a. M., stattgefunden. Anwesend waren 139 Delegierte, die 250 Gemeinden vertraten. Man genehmigte ohne Debatte den Geschäftsbericht und hörte dann ein Referat von Geheimrat Professor Dr. R 0 s i n-Freiburg i. B., der über seine Arbeit betreffend die Rechts st e l l u u g der jüdischen Gemeinden in Preußen berichtete. Herr Gebeimrat Dr. Rosin ist mit seinem Werke nock nicht zu Ende gekommen; er gibt lediglich eine Skizze und lenkt die Aufmerksamkeit der Tagung auf das Verhältnis der Laien zu den Geistlichen, die in den Korporationen sitzen müssen; als Grundlage der Organisation habe die Gemeinde zu gelten, der die Provinzialorganisation in Form einer Synode folgen müsse. Ueber allem aber müffe die rechtliche Gesamtorganisation unter Staatsaufsicht stehen, die allerdings nicht in rein religiösen, sondern nur in Verryaltnngsftagen eine entscheidende Stimme haben dürfe. Wichtig sei es auch, daß die Rabbiner in der Organisation vertreten seien und daß Kautelen geschaffen werden, die die Minorität gegen die Majorität schützen. Es seien daher Proportionalwahlen zu empfehlen. An den Vortrag schloß sich keine Diskussion an. Dieselbe setzte erst in reichem Maße ein nach dem Bericht von Prof. Blaschke- Berlin, der über den Religionsunterricht sprach, soweit es sich um die Bestrebungen der D. I. G. B. handelt. Der Referent sang wieder das bewegliche Lied von der Indolenz des preußischen Kultusministeriums, das den jüdischen Religionsunterricht nicht dem der anderen gleich stelle. Lebhaft wurde die Debatte, als die Zweckmäßigkeit der Inspektion betont wurdet Hier kam es zu Zusammenstößen zwischen einzelnen Rabbinern und Lehrern, die auf dem Standpunkt stehen, daß eine geistliche Schulinspektion unzeitgemäß sei. Zwei Resolutionen, die der Debatte eine Grundlage geben sollten, wurden zurückgestellt, um die drei Referate über den Wandelbettel anzuhöreu, die Sanitätsrat Dr. Stern-Berlin für den Osten, von Lebrecht-Nürnberg für den Süden, von Feilchenfeld-Köln für den Westen erstatteten. Man wünscht die Errichtung von Arbeitsstätten, die Positives leisten und demBettler den Genuß ehrlich durch Arbeit erworbenen Brotes zuteil werden lassen. Auch wird die Einberufung eines Verbandstages jüdischer Wohltätigkeitsanstalten unter der Aegide des D. I. G. B. gewünscht. Hierauf werden die Verhandlungen geschloffen. Die Israelitische Kultusgemeinde gab dem Gemeindetag ein Bankett. Feuilleton. Glühende Kohlen. Novelle von Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) „Was ist Ihnen denn so Angenehmes begegnet, Fräulein Marie? Sie sind ja ganz heiter, wie Sie es noch niemals, seit Sie bei uns wohnen, gewesen?" „SM, bitte, bitte, füll, Fräulein Emma, Sie verderben mir sonst meine köstliche Ueberraschung, wie sie gelungener in keinem Lustspiele vorkommt. Ich werde den ganzen Abend von einem Herrn verfolgt, der mir nun bis hierher nachkommt, ohne zu wissen, wohin er geht, denn schauen Sie, Ihre an die Türe befestigte Visitkarte habe ich wohlweislich beim Hereintreten abgenommen. Horch, er trampelt schon die Treppe herauf, nur bitte, keinen einzigen Laut!" Emma wollte es ihrer neuen Pensionärin für die Zukunft verwehren, ihre stille Wohnung zum Schauplatz eines verliebten Abenteuers zu machen, als an die Türe gepocht wurde, und uuf das überlaut gerufene „Herein!" Maries ein Herr ins- Zimmer trat mit den Worten: „Entschuldigen Sie, meine Herr-- schäften,, ich suche Fräulein Martha Honig." Dem Sabbate zu Ehren brannte heute in dem hoheu Zimmer keine Petroleumlampe, wie an anderen Abenden, nur die ältehrwürdige von der Mutter vererbte Sabbatlampe verbreitete ein Mildes, gedämpftes Licht im Zimmer, so daß der Angekommene, nicht im ersten Momente die Anwesenden erkennen konnte. Jedoch bei dem Klange seiner Stimme wandte sich Emmaerschreckt nach der Stelle um, woselbst der fremde Herr, den Hut in der Hand haltend, stehen geblieben war, und sagte in weichem, aber ernstem Tone: „Sie irren, Herr Doktor! Hier wohnt keine Martha Honig." Wie entgeistert, am ganzen Körper zitternd, starrte Piesen, denn er war der Angekommene, die Sprecherin an, dann blickte er sich ängstlich iu dem Zimmer um und gewahrte die noch immer kichernde arme Verwachsene. „Ich habe mich augenscheinlich geirrt," stotterte er mühsam hervor und wollte zur Türe gehen, um sich zu entfernen. Nein, das konnte er nicht ahnen, das nicht, daß seine Braut, Martha Hönig, bei dem von ihm verlassenen Mädchen Zuflucht gesucht und gefunden hatte. Er wußte nicht, wie weit der Zufall, wie weit Absicht im Spiele war, er wußte nur das Eine, daß sein schön zusammengesetzter Plan zu Wasser geworden, daß er selbst sich in der von ihm gelegten Schlinge gefangen hatte. Ein Zufall hatte ihm nach vergeblichem .zweitägigen Herumstreifen durch die Straßen Prags, Martha begegnen, lassen, der er gefolgt war, wie er glaubte, von ihr unbemerkt, bis hierher in die Wohnung, welche die beiden Schwestern inne hatten, und die er jetzt so schleunig als möglich zu verlassen wünschte. Jedoch Martha schnitt ihm entschlossen den Rückzug ab. „Aus der beharrlichen Verfolgung, mit welcher.Sie meine unbedeutende Person beehrten, erkenne ich, daß Sie. Herr Doktor, meinen Entschluß, den ich Ihnen am Dienstag mittags in Gegenwart hunderter von Zeugen geäußert habe, nicht ernst nehmen. Ich aber erkläre Ihnen heute in Gegenwart meiner beiden Ihnen wohlbekannten Freundinnen, daß ich niemals und unter keinen Bedingungen die Ihre werde, daß Ihr schmählicher Verrat an Fräulein Kolinsky, diesem Engel an Sanftmut und Güte, mir die Augen über Sie geöffnet und den letzten Rest von Achtung für Sie vernichtet hat. Jetzt gehen Sie!" Emma hatte sich von dem ersten Schrecken erholt; sie trat auf den ganz bestürzt und fassungslos Dastehenden zu, reichte ihm die Hand und sprach mit ihrer milden, sanften Stimme: „Setzen Sie sich ein wenig, Herr Doktor, und ruhen Sie aus. Eine ordentliche Aussprache mit Ihrer Braut, die ich unter dem Namen Marie Herz als Pensionärin ausgenommen habe, wird hoffentlich das erwünschte Resultat haben. Man hat Ihnen, liebes Fräulein," bei diesen Worten wendete sie sich Martha zu, „mein Verhältnis zum Herrn Dr. Piesen ganz anders dargestellt, als es in Wirklichkeit war. Er war frei, als er sich um Sie bewarb. Ich habe auf seine Hand freiwillig verzichtet, nachdem ich bemerkt, daß er mich nicht so liebte, als ich es verlangen durfte. Meine Liebe zu Herrn Dr. Piesen ist erloschen, ich will bei meiner Betti bleiben und Sie, Herr Doktor als meinen Jugendfreund betrachten, besonders wenu Sie der Gemahl meiner lieben Marie, will sagen Martha, werden." Eine abwehrende Handbewegung Marthas nach diesen Worten war dem wie ein Sünder dastehenden Doktor nicht entgangen. Er wußte, sein Spiel war verloren, und jetzt hieß es, einen, wenn nicht ehrenvollen, so doch nicht ganz lächerlichen Rückzug anzutreten. „Vielen Dank für Ihre Güte, Fräulein Emma, doch gelüstet es mich nicht, länger noch zur Zielscheibe des Spottes von Fräulein Hönig und Bettinas Bosheit zu dienen. Leben Sie wohl, Emma! und Sie werden von mir hören, Fräulein. Hönig!" (Fortsetzung folgt.)

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