Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 24 (23.6.1905)
- Date
- 1905-06-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Ocherr.-lilMr. Kantoren-Zeitung. Oesterr.-imgar. Kntttoren-Uerein. Am 15. Juni fand unter dem Vorsitze des Vizepräsidenten I. Bauer und des Präsidenten I. Singer eine Vorstandssitzung statt, an welcher die Herren I. Bauer, I. Löwit, M. S ch o r r, E. R e g n e r, I. S ch i l l e r, S. D ü n m a n n Und I. Singer teilnahmen. Den Vorsitz führte zu Beginn Vizepräses I. Bauer, und wurde zunächst vom Sekretär über die Vorkommnisse seit der letzten Sitzung und die Durchführung eines Teiles der Beschlüsse derselben Bericht erstattet. Hierauf übernahm der später erschienene Präsident I. Singer den Vorsitz und widmete dem vor mehreren Wochen verstorbenen Kollegen Oberkantor Jakob Bach mann in Budapest einen seine hervorragende Bedeutung würdigenden Nachruf, und ebenso auch dem am 13. d. M. verschiedenen hochherzigen Gönner des Vereines, Nathaniel Freiherrn v. Rothschild. In Fortsetzung der in letzter Sitzung begonnenen Diskussion wichtiger Standesfragen entwickelte sich eine ziemlich lebhafte Debatte, an welcher sich besonders die Herren I. Löwit, I. Singer und I. Bauer beteiligten, und wurde beschlossen, daß der Präsident ersucht werde, in nächster Sitzung ein Programm für die geplante Kantorenschule vorzulegen, und weiters die Kantoren der gesamten österreichisch-ungarischen Monarchie zu einer gemeinschaftlichen Beratung einzuladen, um ein einheitliches Vorgehen zur Wahrung der gemeinschaftlichen Interessen zu erzielen. Als Beratungsort wurde diesmal Budapest in Aussicht genommen, jedoch soll vorher diesbezüglich noch ein Einvernehmen mit den hervorragendsten Kollegen Ungarns und der gesamten Monarchie gepflogen werden. Vor Erledigung devHmläufe gibt Vereinskassier M. S ch o r r bekannt, daß von der Witwe des verstorbenen Vereinsmitgliedes M. R o s e n f e l d-Pisek die Bestätigung über Erhalt des Witwenbeitrages eingelangt sei, und werden hierauf die vorliegenden Eingaben der ordnungsgemäßen Behandlung zugeführt. Nach zweistündiger Dauer wird die Sitzung vom Präsidenten geschlossen. Deutscher Kantorentug. Der von der „Hilfskasse für jüdische Kultusbeamte in Deutschland" einberufene Kantorentag hat am 12. und 13. d. M. im Repräsentanten-Saale der jüdischen Gemeinde in Berlin stattgefunden. Es war dies der erste Kantorentag, der seitens des ^Deutsch-israelitischen Gemeindebundes" und auch seitens der Berliner Gemeinde subventioniert wurde, und sein Verlauf war ein allgemein befriedigender. Im Nachstehenden der Bericht: Der Vorsitzende der ..Hilfskasse," Oberkantor Schönberger-Potsdam, begrüßte die Erschienenen, wies auf Ursache und Zweck der Einberufung hin und bewirkte die Konstituierung des Bureaus. Zum Leiter der Verhandlungen wurde Nußbaum-Wiesbaden, zu dessen Stellvertreter Z i v i - Elberfeld gewählt. Herr JustizratTimendorser -Berlin entbot namens der jüdischen Gemeinde der Versammlung den Willkommengruß und wünschte den Bestrebungen des Kantorentages, denen der Gemeindevorstand volle Sympathie entgegenbringe, gutes Gedeihen. Einen gleichen Gruß und Wunsch überbrachte der Delegierte des D.-J.-G.-B. Herr Seminar-Oberlehrer Rosenthal- Berlin, der den Verhandlungen vom Anfang bis zu Ende bei-, wohnte. Hierauf erhielt Kalischer- Berlin das Wort zu seinem Referat über „Gründung eines allgemeinen Kantor e n-V e r b a n d e s." Die sich anschließende Debatte, welche sich vorzugsweise mit dem Verhältnis des zu gründenden Verbandes zu der Kantoren-Sektion des Lehrer-Verbandes, der viele Lehrer und Kantoren angehören, beschäftigte, nahm einen ziemlich lebhaften Verlauf und endigte mit der einstimmigen Annahme der von F a b i s ch - Göttingen gestellten Resolution: ..Der Kantorentag beschließt, einen allgemeinen Verband der jüdischen Kantoren in Deutschland zu errichten. Ein Anschluß an den Lehrer-Verband ist erstrebenswert." Die hierauf vorgenommene Wahl eines Komitees zur Ausarbeitung des Verbands-Statutes fiel aus die Herren Schönberger-Potsdam. Dubowski-Berlin, Belack- Frankfurt a. O., Hofstein-Dresden und Ziegelroth- Posen.. Sodann erstattete Dubowsky - Berlin sein Referat über „R e l i k t e n - V e r s o r g u n g," womit die Beratungen des ersten Tages erledigt waren. Der zweite Tag begann mit dem Referat Schön berger- Potsdam über „Gründung einer Kantoren sch ule." In der ausgedehnten Diskussion über die sehr beifällig aufgenommenen Ausführungen, welche in der Forderung gipfelten, daß eine Kunstschule für Kantoren errichtet werden soll, bezeichnete Fr i e d m a nn - Berlin eine solche Kantorenschule für überflüssig, da eine solche am hiesigen Lehrer-Seminar besteht. Rosenthal-Berlin hält die Ausbildung, welche dort erlangt werden könne, für ungenügend und wünscht, daß insbesondere Lehrer bessere Kantoren werden möchten. Goldschmid- Königsberg i. Nm. erklärte, in Uebereinstimmung mit anderen Rednern, die Errichtung einer Kantorenschule überhaupt nicht als Aufgabe des Kantoren-Verbandes. F r o m m e r m a n n - Berlin meint, daß eine gute Ausbildung von Kantoren nur in einer Spezialschule, die von der Berliner Gemeinde errichtet und reichlich fundiert werde, zu erreichen sei. Ziegelroth- Posen weist darauf hin, daß die sogenannte Kantorenschule in Posen die kantorale Ausbildung mit der ausgesprochenen Absicht vernachlässige, damit die „Ausgebildeten" nicht die Fähigkeit besitzen, nach den ersten Pflichtjahren in den kleinen Gemeinden der Provinz anderweitig Stellen zu bekommen. Dubowsky- Berlin sieht die Ausbildung von „Luxus-Kantoren" nicht als Aufgabe des Kantoren-Verbandes an und auch nicht im Jnteresie der meisten Gemeinden in Deutschland erstrebenswert, die nur einen Kultusbeamten besolden können, der zugleich Kantor, Schochet und Religionslehrer sein muß. Die Ausbildung müßte aber, schon um der Hebung des ganzen Kantorenstandes willen, in einer ausschließlich zu dem Zwecke errichteten Schule durch Kräfte, welche in diesen Disziplinen praktisch bewährt sind, geschehen. Das sollte eine der Hauptaufgaben des D.-J.-G.-B., der einzigen Zentralbehörde der deutschen Juden, bilden. Eine dahinlautende, vom Redner eingebrachte, mit einem Anträge von F a b i s ch - Göttingen verschmolzene Resolution wurde angenommen und die weitere Behandlung einer Kommission überwiesen. Hierauf wurde Punkt IV der Tagesordnung: „Wahl des Vorstandes für den allgemeinen Kantoren-Verband" dahin erledigt, daß ein provisorischer Vorstand von vier Mitgliedern (Vorsitzender: Schönberger -Potsdam) gewählt wurde. Mit dem formvollendeten, überaus beifällig aufgenommenen Vortrag des Kollegen H e n l e - Hamburg „Rück- und Ausblick aus die Entwicklung des Synagogengesanges" schloß der erste Kantorentag. Ein speziell für die Weihe desselben von H e n l e - Hamburg komponierter und von allen Teilnehmern vorgetragener Rundgesang: „Schiru laschem schir chodosch“ dokumentierte, daß das gemeinsame Mahl, das im Restaurant Simon (Gipsstraße 12 a) sich anschloß, ein wahres Festmahl der Einigkeit und Verbrüderung war. Heitere Gesänge, zu welchen C e r i n i - Breslau den Löwenanteil beitrug, und wohlgelungene Reden weckten in allen Anwesenden den innigen Wunsch, daß die Abschiedsworre des Vorsitzenden in Erfüllung gehen, daß der nunmehr gegründete Kantoren-Verband zur Ehre Gottes, zum Wohle der Kantoren und zunr Segen der Gemeinden gedeihen und erstarken möge.