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Die Wahrheit · 1905-06-23 · Heft 24 (23.6.1905) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 24 (23.6.1905)
Date
1905-06-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 24. Die Wahrheit. Seite 7. Zedoko Jjeiftt wohl Gerechtigkeit, d. h. der Wohltäter soll gerecht, vorsichtig sein, wenn er die Not lindern und mildern will; denn es kommt oft im Leben vor, daß jemand im Momente, wo er glaubt, eine edle Tat verübt zu haben, sich versündigt hat, indem er das Laster unterstützt chatte. Der Wohltäter muß daher vorsichtig sein, muß wissen, wie und lveji er unterstützen soll. Arbeitsscheue Individuen, die das erbettelte Geld vergeuden und verprassen, verdienen nicht, unterstützt zu werden. Moralisch und sittlich verkommene Menschen, Dalim werekim, die ihre körperliche Kraft nicht dazu benützen, um sich durch ihrer Hände Arbeit ihr Brod auf ehrliche und redliche Weise zu verdienen, soll man, wenn sie an die Munifizenz der Begüterten appellieren, entschieden abweisen. Verschämte unglückliche Menschen hingegen soll man nicht nur kräftigst, sondernauch in w ür d i g er Weise -unterstützen, damit ihre Ehre und Schamgefiihl n i ch t v e r l e tz t werde. ..Eine Gabe im Geheimen löscht den Zorn." (Spr. Sal. 21, 14.) „Wer öffentlich dem würdigen Armen eine Gabe reicht, um dadurch gleichsam mit seiner Freigebigkeit flunkern und .prunken zu können, begeht mehr Sünde, als wenn er gar nichts gespendet hätte." (Chag. 5. Sabb. 104.) „Wehe dem, der den würdigen Armen öffentlich beschämt." (Maim. M. Mat. Anij. 11, 5.) Ein berühmter Lehrer, namens?>'i. Jona, lehrte: „Wenn ein angesehener Mann seines Vermögens durch Unglücksfülle verlustig geworden, so verfüge man sich zu ihm und sage ihm: ,Jch habe vernommen, daß du eine große Erbschaft zu erwarten, oder daß du eine große Schuld einzukassieren hast, du könntest, bis du in. den Besitz des Geldes gelangst, von mir ein Darlehen annehmen, damit du nicht in Geldverlegenheit geratest? Will er dann später zahlen, so sage ihm, daß es ein Geschenk war." (Jalk. Ps. 41.) R. Aba hatte die Gewohnheit. Geld in ein Tuch zu binden und es hinter sich unbemerkt fallen zu lassen, daß es -die Armen. aufheben können, doch war er dabei so vorsichtig, daß es nicht in die Hände unwürdiger Subjekte gelange. (Ketub. 67.) Denn man muß wissen, wen man unterstützen soll. Wenn man Leute unterstützt, die die erhaltenen Spenden zur Befriedigung ihrer Genußsucht verwenden, so unterstützt man das Laster und begeht, anstatt eine Wohltat auszuüben, eine große Sünde. Einer der hervorragendsten Lehrer in der talmudischen Zeit war R. Chanina ben Dosa. Er zeichnete sich nicht blos durch hohe Gelehrsamkeit und uugeheuchelte Frömmigkeit, sondern mehr noch durch seinen Wohltütigkeitssinn, durch seine segensreiche Tätigkeit und edle Wirksamkeit aus. Als R. Chanina ben Dosa das Zeitliche gesegnet hatte, so heißt es im Talmud, .wurden mit ihm die Männer der Tat, An8ob6 maa88e, zu Grabe getragen. Ueberall war er rasch zur Hand, um Hilfe zu leisten. Wurde jemand von einer schweren Krankheit heimgesucht, wandte man sich an Ben Dosa, er möge zu Gott beten, da das Gebet eines so hochfrommen Rabbi Erhörung finden müsse.*) Hatte jemand mit Not und Elend zu kämpfen, so nahm man zu Ben Dosa seine Zuflucht und dieser appellierte sofort an die Munifizenz der Begüterten, veranstaltete Kollekten und suchte überhaupt seinen mächtigen Einfluß zugunsten der Armen und Unglücklichen geltend zu machen. Er selber aber lebte in den dürftigsten Verhältnissen und wußte das Joch der Entsagung *) Im Talmud (Berach. 34) wird Folgendes erzählt: Einst erkrankte der Sohn des R. Jochanan b. Saccai und lag schwer danieder. Der betrübte Vater sagte nun zu Ben Dosa, der seine Schule besuchte: „Chanina, mein Sohn, erflehe für mein krankes Kind Gesundheit vom Himmel." In tief gebeugter Stellung Hub Chanina b. Dosa hierauf an, inbrünstig zu beten, und die Folge war, daß der Kranke bald genas. Von der schnellen Wirkung des Gebetes höchst überrascht, rief Ben Saccai aus: „Hätte ich in gebeugter Stellung Tagelang gebetet, man würde es dennoch nicht berücksichtigt haben." „Ist denn Ben Dosa größer als Du?" rief ihm seine Gattin, die sich durch seine resignierte Aeußerung verletzt fühlte, verwunderungsvoll zu. „Ich," entgegnete ihr Ben Saccai, „verhalte mich zu Gott, wie der Minister zu seinem Könige, der vor seinem Herrn nur nach vorausgegangener Anmeldung erscheinen darf, während Ben Dosa sich zu Gott, wie ein Diener zu seinem Herrn verhält, dem es gestattet ist, ohne weitere Erlaubnis abwarten zu müssen, zu jeder Zeit und Stunde vor seinem Herrn zu erscheinen." und Entbehrung geduldig zu ertragen. »Die ganze Welt wird um meines Sohnes Chanina willen gespeist, und mein Sohn Chanina begnügt sich mit einem sehr frugalen Mahle." (Ber. 18.) Seine Fran ließ jeden Freitag den Backofen heizen, als wenn sie nach alter Sitte auf den Sabbath verschiedenes zu backen hätte, obwohl sie oft nicht die Mittel hatte, um die nötigen Einkäufe zu besorgen, (ibid. 24.) < Schluß folgt.) Uerschiedenr Nachrichten. Wien. (Israelitische K u l t u s g e m e i n d e.) In der am 18. Juni 1905 stattgehabten Plenarsitzung des Kultusvorstandes hielt der Vorsitzende, Präsident Dr. Alfred Stern, vor Uebergang zur Tagesordnung dem verewigten Herrn Baron Nathaniel Rothschild folgenden Nachruf: „Als wir in der letzten Plenarsitzung Beschluß über die Ehrung faßten, welche wir dem Freiherrn Nathaniel v. Rothschild anläßlich seiner hochherzigen Spende für unser Spital erweisen wollten, ahnten wir nicht, daß dieses äußere Zeichen tiefer Dankbarkeit nicht mehr dem Lebenden dargebracht werden wird, ahnten wir nicht, daß schon nach wenigen Wochen dem Gefühle der Dankbarkeit das Gefühl tiefer, aufrichtiger Herzenstrauer um diesen edlen, vortrefflichen Mann sich beigejellen werde. Die Trauer um den Verewigten ist wohlbegrüudet. Die Tradition seiner Familie, sein edles Herz wiesen ihm die Wege, die er Zeit seines Lebens wandelte, Tausende beglückend. Was Nathaniel v. R o t h s ch i l d zur Linderung von Armut und Krankheit überhaupt leistete, bedarf hier keiner näheren Erörterung. An dieser Stelle ziemt es sich, jener Taten zu gedenken, die besonders unseren Glaubensgenossen zugute kommen. Die von ihm und seinem Bruder, dem Freiherrn Albert v. Rothschild, gemeinsam errichtete munifizente Stiftung für jüdische Künstler, die in gleicher Weise von ihm und seinen Brüdern gemeinsam vorgenommene Ausgestaltung des jüdischen Spitales in Wien, endlich seine letzte hochherzige Spende für dasselbe sind Werke, welche dem Verewigten ein dauerndes Gedenken in unserer Gemeinde verbürgen. Sein edles Herz war allem Guten gleicherweise offen. Es konnte nicht fassen, daß die Lieblosigkeit, der Haß auch gegenüber den Armen, auch dort, wo nur Nächstenliebe und Erbarmen walten sollten, sich eindrängen könnten. Und von dieser allumfassenden, keine Einschränkung kennenden Menschenliebe gibt beredtes Zeugnis sein Testament, ein unvergängliches Denkmal jüdischer Wohltätigkeit! Sie haben sich, meine Herren, zum Zeichen der Trauer von Ihren Sitzen erhoben. Ich halte mich ermächtigt, diese Trauerkundgebung dem Protokolle einzuverleiben und von derselben dem tiefgebeugten Bruder des Dahingeschiedenen Kenntnis zu geben. Auch werden Sie gewiß dem Anträge beistimmen, daß für den Verewigten innerhalb der 30 Tage eine Gedächtnisfeier im Tempel der Innern Stadt abgehalten werde." Die Versammlung stimmt einhellig den gestellten Anträgen zu. Wien. Die Schluß-Jugeudgottesdienste für Mittelschüler finden in den Tempeln des I., II., IX. und XVIII. Bezirkes Samstag, den 24. Juni, und in den Tempeln des XV. und XVI. Bezirkes Samstag, den 1. Juli, statt. Der Beginn der Gottesdienste ist im I., II., IX. und XV. Bezirke 3 Uhr, im XVI. Bezirke 3 Uhr 15 Min. und im XVIII. Bezirke 2 Uhr 30 Min. nachmittags. Wien. (Torath-Emeth-Verei n.) Der seit 33 Jahren unter den Weißgärbern, III., Untere Biaduktgasse 9, bestehende Bethausverein „Torath Emeth" hat sich nach dem Heuer erfolgten Tode seines Begründers, Rabbiners Salomou W. Freu n d, neu konstituiert und in dankbarer Anerkennung der regen Fürsorge, welcher der verewigte Rabbiner Freund diesem Vereine seit dem Jahre 1872 gewidmet hat, den schönen Beschluß gefaßt, den Verein auf Grundlage seiner Statuten weiter zu erhalten. Demnach wurden auch die Leiter und Vereinsvorstände neu organisiert. Zum Obmanne wurde einstimmig Herr Med. Dr. Ludwig Straffer gewählt, welcher im Interesse der guten, frommen Sache die auf ihn gefallene Wahl bereitwillig annahm. Obmann-Stellvertreter ist Herr Ferdinand K o h n, Herr M i l l e t ist Vereinskassier und als Schriftführer ist Herr Med. Dr. Josef Straffer genannt, welche vertrauensvolle bewährte Männer den weiteren Bestand des Torath-Emeth-Bereines sichern und die Hoffnung begründen, daß demselben noch weitere Mitglieder sich anschließen werden. — r. j Wien. Herr A. D. H a s s a n, Bruder des Chefs der türkischen l Teppichfirma Hassan in Wien, Berlin und Konstantinopel, hat sich mit j Frl. Jlda Kohn, Tochter des Bankiers Herrn Max K o h n aus Salz- J bürg, verlobt. Brody. Mehreren jungen, strebsamen Leuten, die Freunde der hebräischen Literatur sind, gelang es, einen Verein zur Pflege und Verbreitung der hebräischen Sprache ins Leben zu rufen und für denselben eine bedeutende Anzahl von Mitgliedern zu gewinnen. Tie Verwaltung dieses Vereines ruht in den Händen höchst intelligenter Männer, die alles aufbieten, daß derselbe segensreich wirke und seinem edlen Zwecke ent-

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