Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 24 (23.6.1905)
- Date
- 1905-06-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 24. Zu Hause, bei festlichen Gelegenheiten tragen die marokkanischen Jüdinnen des Mittelstandes das prunkvolle -alte Nationalköstüm, breite Röcke aus goldgestickten Seiden- oder Sametstoffen, faltige Untergewänder aus Silbergaze mit langen bauschigen Aermeln und kurze ärmellose Jäckchen, deren farbiger Stoff unter kostbaren Stickereien verschwindet. Auf dem Kopfe werden kleine rote Käppchen, mit Goldnetzen und Perlen verziert, getragen. Lange Reihen von Goldmünzen fallen auf Stirn und Haar herunter. Verheiratete Frauen müssen sich ihr Haar abschneiden lassen und tragen schwarzseidene Perücken. Das Haar der Mädchen wallt frei herab über die Schultern. An den Ohren von Frauen und Mädchen hängen große Goldreifen. Die Handgelenke sind mit schweren Armspangen, die Finger mit großen Ringen von Gold und Silber geschmückt. Goldmünzen und Perlenreihen rieseln glitzernd über die Brust. Bunte Seiden- und Goldbrokatschürzen bilden den Gürtel, und die nackten Füßchen stecken in allerliebsten gold- und perlengestickten Pantöffelchen. Diese Töchter aus dem Mittelstand sind geschickte Verkäuferinnen in Läden und Bazaren, aber äußerst unwissend und nicht imstande, an einem halbwegs vernünftigen Gespräche teilzunehmen. Sie besitzen keine Spur von Mutterwitz der Spanierin aus dem Volke und sind einfach dumme Gänschen . .. obgleich zum Anbeißen schön. Ich' pflichte durchaus Herrn von Hesse-Wartegg zu, wenn er von ihnen sagt: „Die Natur verteilt ihre Gaben ziemlich gleichmäßig, und wenn sie unseren holden Wirtinnen an Schönheit tatsächlich zu viel gab, schien sie ihr Füllhorn hermetisch verschlossen zu haben, als es zur Verteilung der geistigen Güter kam. Gazellen können keine schöneren Augen haben, aber auch nicht dümmer sein als diese Weiber. Besäßen sie auch noch Verstand und Witz, sie würden die Welt erobern!" Von einem jüdischen Kaufmann, bei dem ich schon verschiedene Einkäufe gemacht, wurde ich vor einigen Tagen zu einer jüdischen Hochzeit eingeladen. Es war eine sehr interessante Zeremonie. Die beiden Brautleute waren beide zwanzig Jahre alt, und beide waren Verkäufer in einem Bazare. Da in dieser warmen Zone die Geschlechtsreife viel früher als in Nord- und Mitteleuropa eintritt, so heiraten sowohl Juden wie Mauren oft mit 10 oder 12 Jahren. Oft geschieht dies allerdings bloß, um eine zwischen den beiderseitigen Familien getroffene Vereinigung zu sanktionieren. Die Neuvermählten spielen erst ein paar Jahre zusammen, bis sie zur Ehe wirklich reif sind, ein Zeitpmckt, der gewöhnlich von den Eltern als eingeUeten erklärt wird. Ich kenne hier eine verheiratete Frau, deren Mutter 30 und deren Großmutter 45 Jahre alt ist. Die Großtante dieser Frau ist erst ein Jahr alt. Die Großmutter, die noch jugendlich aussieht, wird wohl Kindeskinder bis ins fünfte Geschlecht sehen. Diese Verhältnisse erklären sattsam die Zahllosigkeit jüdischer Familien. Zum Unterschreiben des Ehekontraktes wird immer der Dienstag gewählt. Am Mittwoch besehen die Hochzeitsgäste die Brautgeschenke in der Wohnung des Bräutigams, während die Eltern des letzteren die Aussteuer aus der Wohnung der Braut abholen. Abends begab ich mich ins Haus des Bräutigams, denn als Eingeladener hätte ich mir einen groben Verstoß gegen die Höflichkeit zu schulden kommen lassen, wenn ich nicht auch die Brautgeschenke besichtigt hätte. Diese, meist minderwertige Bazarware, waren auf dem Kamin und einem großen Tisch im Empfangssalon ausgestellt. Die ganze Wohnung mit ihren blau und rot gestrichenen Wänden, ihren bunten Fußteppichen, und ihren zahllosen Ampeln und Kandelabern machte einen exotischen Eindruck. Die Besucher defilierten mit bewundernden Ausrufen vor den ausgestellten Herrlichkeiten und entfernten sich, ohne daß einer von dem andern Notiz zu nehmen schien. Am Donnerstag war das Bad der Braut, dem ich selbstverständlich nicht beiwohnte, aber worüber man mir Nachstehendes erzählt hat. Das Baden der Braut, das mit zu den religiösen Gebräuchen gehört, erfolgt in Gegenwart zweier älterer Damen aus den beiderseitigen Familien, die dem jungen Mädchen den Eid abnehmen, daß es tugendhaft und unbefleckt in den Ehestand tritt. Das Bad wird vorher von dem Rabbiner eingeweiht und dient nur, durch Generationen hindurch, zum Brautbade. Das Wasser darin darf nie erneuert werden und wird nur in dem Maße, wie es verdunstet, nachgefüllt. Europäisch erzogene Mädchen empfinden eine gelinde Angst vor diesem Bade, dem sie ein anderes, reinlicheres folgen lassen. Am Freitag ist die Trauung in der Synagoge, eine kurze Zeremonie, die der Rabbiner mit den Worten beschließt: „Das alles nach den Gebräuchen von Kastilien." Bei der Trauung trägt die Braut ein weißes Kleid, einen weißen Gazeschleier und einen Kranz von frisch gepflückten Orangenblüten. Am interessantesten war die Zeremonie abends, als die Braut aus der Wohnung ihrer Eltern abgeholt wurde, um zu der ihres Gemahls geführt zu werden. Die Ueberführung geschah in der Weise, daß die festlich geschmückte Braut innerhalb einer Art mit Tüchern verhangenen Käfigs auf den Rücken eines Maultiers gehoben wurde und so zur Wohnung des Eheherrn zog. Die Hochzeitsgäste und Verwandten folgten hinten drein. Als der Käfig vor die Türe des Bräutigams gelangte, entstieg ihm die Braut, die nun alle zu sehen bekamen. Sie trug auf dem Kopfe ein hohes mit Perlen besetztes goldenes Diadem. Röcke, Mieder und Pantoffeln waren über und über mit Goldstickereien verziert. Ihre Mutter und ihre Schwiegermutter kamen ihr entgegen und führten sie an der Hand in den Salon, in dessen Hintergrund eine Art Thron mit drei Lehnsesseln stand. Hinter dem Throne war die Wand mit goldgestickten Sammetteppichen behängt. Die Gesetztafeln hingegen rechts und links. Die Braut setzte sich auf den Lehnsessel im Mittelpunkte. Mutter und Schwiegermutter nahmen auf den Sesseln rechts und links Platz. Bor dem Throne standen der Bräutigam, sowie dessen Vater und Schwiegervater, letztere mit brennenden Kerzen in der Hand. Eine Dienerin brachte eine Zuckerdose, der die Mutter ein Stück Zucker entnahm, um es der Braut in den Mund zu stecken. Eine andere Dienerin brachte ein gefülltes Glas Wein. Der Vater des Bräutigams reichte das Glas seinem Sohne, der es halb austrank und dann der Braut brachte, die den Rest austrank. Darauf zerschlug er das Glas gegen den Boden, daß die Splitter herumflogen. Nun begann das Hochzeitsmahl, das die ganze Nacht dauerte. Gegen Mitternacht zogen sich die jungen Gatten diskret zurück. Bei Tagesanbruch begaben sich alle Gäste in das Brautgemach, traten an das Bett heran und wünschten den Neuvermählten Glück und Segen. De« Dosas Mohltiitigkeitsstn«. Bon Dr. M. H. Friedländer. Tinius Rufus, der gewöhnlich in der Geschichte Israels „Tyrannos Rufus" genannt wird, stellte einmal an R. Akiba folgende Frage: „Wenn Euer Gott die Armen liebt, warum unterstützt er sie nicht kräftig? Warum müssen sie darben und hungern, während andere in Saus und Braus leben und schwelgen?" „Die Armen," entgegnete R. Akiba, „sind deshalb genötigt, sich an uns zu wenden, damit uns Gelegenheit geboten werde, uns durch Wohltätigkeit und echte Humanität unverwelkliche Verdienste erwerben und etwaige Sünden sühnen zu können." Mit anderen Worten, eine gleichmäßige Güterverteilung hat ein gütiger Gott nicht für zweckentsprechend gehalten; denn der Mensch, der nie Not gelitten, nie Not leiden gesehen und daher nie beim Anblick der Not ergriffen wurde, dessen Herz wird verhärtet und verstockt. Ein solcher Mensch kann sich nie für eine edle Tat erwärmen, er lebt tierisch, genießt tierisch und zieht auch von dannen spurlos, wie das Tier. Derjenige aber, der beim Anblick der Not und des Elendes ergriffen wird und sich angeregt fühlt zu helfen und zu retten, dessen Herz wird veredelt und dessen Geist erleuchtet, sein ganzes Streben ist dahin gerichtet, Unglücklichen mit Rat und Tat beizustehen, betrübte Herzen aufzurichten, Tränen zu trocknen und Wunden zu heilen und sich durch seine edle Wirksamkeit die Unsterblichkeit zu erringen. Zedoko tazil mimowes, „die wahre Wohltätigkeit rettet den Menschen vor ewiger Vernichtung".