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Die Wahrheit · 1905-06-23 · Heft 24 (23.6.1905) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 24 (23.6.1905)
Date
1905-06-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 24. Die Wahrheit Lette 5. ewigten auf seinen Weg in die seligen Gefilde nachrufeir. Es war sicher eine große, unvergeßliche Tat, die Millionenspende an unser Spital, die das von seinem seligen Vater begründete, von ihm und seinen Brüdern vergrößerte Werk einer nie geahnten Vollendung zugeführt hat, aber viel größer und edler noch sind die Motive seines Handelns, die den ganzen Mann charakterisieren und sein Bild für alle Zeiten in das Herz der künftigen Generationen unauslöschlich einprägen werden. Jahrelang hat der arme reiche Mann unsäglich gelitten, und in den schmerzdürchwühlten Stunden seines Siechtums, in welchen Andere nur von den Gedanken an das eigene Leid erfüllt sind, stand vor seinem Auge das Bild der armen Leidensgenossen, die, frierend und hungernd, kein Obdach haben und keine schützende Decke, und die in ihrem Kampfe ums Dasein vielleicht siegen könnten, wenn ihnen ein Armenbett im Spital, Pflege und Wartung zuteil werden könnte. Heilung und Linderung, die er für sich kaum erhoffte, wollte er den Anderen, den Aermsten bieten. Das ist wohl wahre antike Seelengröße, ein Altruismus, wie er schöner und edler nicht gedacht werden kann. Reich an Gut und Gold war Baron Nathaniel Rothschild, aber die wahre Größe seines Reichtums lag in seinem Herzen. Es war überreich an Liebe zu seinen Mitmenschen, überreich an Liebe zur Kunst und zum ewig Schönen. So wie er den lachenden, blühenden Frühling seiner herrlichen Gärten in Wohltun umgesetzt hat, so hat er auch aus seinem unsäglichen Schmerze, der ihn mit seinen armen Leidensgenoffen verband, die edelste Formel gefunden, die anderen Heil und Hilfe bringen soll Im Namen der armen Kranken, die seiner in Ewigkeit dankbarst gedenken werden, rufe ich ihm aus der Tiefste meines Herzens zu: „Ruhe sanft!" Als der Redner unter tiefer Bewegung der Trauerversammlung geendet hatte, wurde der Sarg in die Tiefe gesenkt, und die Pforten des Grabes schlossen sich über einen der edelsten Menschen. Sein Andenken sei gesegnet! Vom Kabinetsdirektor Ritter v. Schießl kam den Hinterbliebenen em Schreiben zu, in dem ihnen im Aufträge des Kaisers das allerhöchste innigste Beileid und die Teilnahme des Monarchen über das Ableben des Barons Nathaniel Rothschild in gnädigster Weise zum Ausdrucke gebracht werden. Bon Mitgliedern des Kaiserhauses gingen den Hinterbliebenen gleichfalls huldvolle Trauerkundgebungen zu. Auch König Eduard von England .hat in einem in huldvollster Weise abgefaßten Kondolenztelegramm sein Beileid ansgedrückt. Die Zahl der Beileidskundgebungen, die seitens hervorragender Persönlichkeiten des Jn- und Auslandes an die Familie Rothschild gelangten, ist eine ungewöhnlich große. _ Ein framö st scher Kal an Rußland. Aus leicht begreiflichen Gründen beschäftigt man sich in Frankreich zur Zeit sehr viel und recht ernsthaft mit der Lage des russischen Bundesgenossen. Hat man ja aus politischen Gründen dem Alliierten rund neun Milliarden geliehen, deren Sicherheit jetzt mehr als fraglich ist. Die gesamte Presse rät -nach der verhängnisvollen Schlacht in der Tschusimastraße zum Frieden. Auch in Betreff der Behandlung der Juden werden dem Zaren allerlei gute Ratschläge erteilt, die umso aufrichtiger gemeint sind, als man stets auch den eigenen Vorteil dabei im Auge hat. In der „Revue de Paris" setzt Victor Berard, Professor an der Ecole des Hantes Etudes, die Folgen der russischen Iudenpolitik auseinander, die nicht nur den Juden, sondern dem ganzen Lande nachteilig seien. Er knüpft daran Vorschläge zur Besserung der miserablen Verhältnisse und weist auf die finanziellen, international politischen und für Rußland wichtigen Folgen einer Besserung hin. Wenn die Juden sich überall niederlassen und die Hilfsquellen des Landes entwickeln helfen könnten, würde der Staatsschatz durch die Steuern bedeutend gewinnen. Die Juden würden dem Lande verschiedenartige Dienste erweisen. Sie würden zunächst innere Anleihen möglich machen; das Kapital würde leichter und rapider zirkulieren und Rußland könnte auf den Beistand jüdischer Finanziers an ausländischen Börsen rechnen, ohne die Rußland gar nicht existieren kann. Wäre diese Dienstwilligkeit bei Juden schon früher vorhanden gewesen, dann wäre Rußland besser imstande gewesen, den Krieg zu beginnen und es würde nicht solche furchtbare Niederlagen erlitten haben. I Das entsetzliche Schauspiel der erzwungenen Auswanderung der Juden, die sich überall niedertassen müssen, rechtfertigt den Haß und das Verlangen nach Rache. Schließlich werden die ausländischen Regierungen Abhilfe suchen müssen. Wenn die öffentliche Meinung in der ganzen Welt, mit Ausnahme von Frankreich, die Japaner mehr als die Russen begünstigt, dann ist dieser bittere Haß gegen Rußland zum großen Teil ans die Erzählungen und den bloßen Anblick der jüdischen Auswanderer zurückzuführen. I Der Einpferchung in beengten Rayons schreibt der Ber- I fasser die große Zahl jüdischer Revolutionäre zu. Dadurch, daß den intellektuellen Juden die sreie Verwertung ihrer Kenntnisse in legitimen Berufen verboten ist, wurden der revolutionären Bewegung unversöhnliche und unbesiegbare Führer verschafft. Die Maigesetze haben all das Elend über die Juden Rußlands und Polens gebracht. So spricht und schreibt man über die russische Judenpokitik in dem verbündeten und befreundeten Frankreich. Aber es ist schwer, ja unmöglich, Tauben, freiwillig Tauben, Vernunft zu predigen. Die russischen Machthaber wollen nicht hören; vielleicht auch sind ihre Ohren schon so des Hörens entwöhnt, daß sie degeneriert sind und nichts mehr vernehmen können. Die einzige Hoffnung ist, daß die großen Katastrophen ohne Gleichen, die seit Jahresfrist in kaum unterbrochener Folge über das russische Reich hereingebrochen sind, die wenigen sittlichen Kräfte unter den leitenden Männern so gründlich aufrütteln werden, daß sie endlich zu vernünftigem Handeln sich aufraffen. Dann kann es nicht fehlen, daß auch den Juden endlich Gerechtigkeit zuteil werden mag und bessere Zeiten für sie kommen, für sie und für Rußland selbst. _ Marokkanische Juden. (Schluß.) Die Wohnungen der jüdischen Aristokratie in Tanger sehen aus wie vornehme, andalufische Wohnungen. Unten befindet sich ein Arkadenhof, ein Patio, dessen Wände und Säulen-Postamente mit bunten Glasurfließen belegt sind. Schöne Säle mit durchbrochenen Türen, worin die Ausstattung ein orientalisches Gepräge hat, öffnen sich nach diesem Patio hinaus. Im oberen Stockwerk sind die Schlafgemächer. Die marokkanischen Jüdinnen sind berühmt wegen ihrer Schönheit und mit Recht. In einem vornehmen Hause, wo ich zum five o’elock tea eingeladen wurde, habe ich herrliche Frauengestalten zu sehen bekommen. Diese Jüdinnen sind hochgewachsen, ihre Glieder vom schönsten Ebenmaß, Hände und Füße klein, alle Linien rund und üppig, der Teint wunderbar! zart und rosig, das Gesicht vom klassischesten Oval; die Lippen voll und rot, die Nase nur leicht gebogen, die Brauen voll edlen Schwunges, die Augen feurig und schwarz, auffallend groß und mandelförmig geschnitten. Die Bewegungen sind ungezwungen und graziös. Die Mädchen sind in einem franzöfischen Pensionat erzogen worden. Bei diesen five o’clock teas geht es zu. wie bei ähnlichen Empfängen in Europa. Alle Anwesenden sind gebildete Leute, die viel in Europa gereist find, über alle großen Tagesfragen auf dem Laufenden sind, die neuesten Kunst- und Literaturerzeugnisse kennen und regelmäßig auf europäische Zeitungen abonniert sind. So sind denn hier die Salongespräche tont comme chez nous. Trotz allem halten auch die vornehmen Juden an ihren Religionsgesetzen und an vielen alten Gebräuchen fest. Sowohl reiche wie arme genießen nur das Fleisch von koscher geschlachteten Tieren. Der Wein, den sie trinken, wird zubereitet mit Trauben und in Gefäßen, die kein Andersgläubiger berührt hat, der Sabbath wird streng eingehalten. Am Freitag wird in allen Haushaltungen gekocht und gebacken für den darauffolgenden Tag. Das Geschirr darf nicht abgetrocknet werden. Kein Jude darf am Freitag Abend das Licht oder das Feuer auslöschen; jeder läßt dies von einem Christen oder Mauren verrichten.

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