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Die Wahrheit · 1905-06-23 · Heft 24 (23.6.1905) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 24 (23.6.1905)
Date
1905-06-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Nr. 24. Die Wahrheit Reden der Antisemiten zu.der Verwilderung und Verrohung der öffentlichen Sitten das meistebeigetragenhaben. * * * In Rußland hat eine Versammlung, aus Juden bestehend, in den schärfsten Worten die Forderung aufgestellt, daß von den zu gewärtigenden Freiheiten die Juden nicht ausgeschlossen sein dürfen, wenn sie nichl zu den verzweifeltsten Schritten gedrängt werden sollen. Die armen, getretenen, mißhandelten Juden haben bisher vergebens durch Bitten und Flehen die Herzen der Mächtigen zu rühren versucht. Sie versuchen jetzt ein anderes Mittel. Verlieren können sie — Nichts. Die Keerdigrmg des Freiherrn Uathaniel von Rothschild. Daß die Gewaltigen und Vornehmen der Erde, wenn Einer aus ihren Reihen zu Grabe getragen wird, ein imposantes Ehrengeleite stellen, ist eine vielfach beobachtete Erscheinung; daß hiebei der Glanz der erschienenen Persönlichkeiten und die Farbenpracht der unzähligen Blumenspenden in allen Dimensionen und Formen den düsteren Ernst, der die Majestät des Todes umgibt, zu verscheuchen drohen, gehört gleichfalls zum üblichen Bilde eines vornehmen Leichenbegängnisses; daß aber von den erhabenen Stufen des Thrones bis hinunter zur Hütte des Bettlers alle Schichten der Bevölkerung sich zur Anteilnahme gedrängt fühlen, das ist ein Ereignis, welches dieser Leichenfeier ein hervorstechendes Gepräge verlieh und daher auch für alle Zeiten feftgehalten zu 'werden verdient. In den Tagesblättern waren ja all die hochklingenden Namen der illustren Persönlichkeiten verzeichnet, die Freitag, den 16. Juni im Palais Rothschild in der Theresianumgasse erschienen waren, um dem Freunde und.Standesgenossen die letzte Ehre zu erweisen; außerordentlich war auch die Beteiligung seitens der Vertreter der Kultusgemeinde und der vielen jüdischen und nichtjüdischen Vereine und Institute, denen der Verblichene hochherzige Förderung angedeihen ließ; aber vom ethischen Standpunkte höher einzuschätzen als dieses offizielle. Ehrengeleite ist jene Ehrengarde von Armen und Dürftigen, die draußen in den - Straßenzügen Wiens zu Tausenden warteten, um ihrem Helfer und Retter noch einen tränenfeuchten Blick als allerletzten Dankeszoll zuzuwerfen. Das war eine Ehrengarde, die nicht befohlen oder bestellt werden kann, die vielmehr ein Mensch nur allein durch seine Taten und edlen Werke sich zu erringen vermag. Vor dieser geradezu rührenden Wirkung der wahrhaft fürstlichen Wohltätigkeit, wie sie Baron Nathaniel Rothschild sein ganzes Leben hindurch und, wie nun aus seinen letztwilligen Verfügungen zu ersehen, auch über das Grab hinaus geübt hat, sollte selbst die jederzeit bereite und auch anläßlich des Heimganges dieses edlen Mannes nicht zurückgehaltene Schmähsucht des offiziellen Wiener Antisemitenorganes verstummen; denn wir hörten, während sich der Leichenzug in Bewegung setzte, von christlich arischen Frauenlippen den bangen Ausruf: „Nun trägt man unseren Vater hinaus, wer wird uns jetzt Retter in der Not sein?" Dem Wunsche des Verblichenen enffprechend, gestaltete sich das Leichenbegängnis selbst sehr einfach. In einem schwarz drapierten Salon im Erdgeschosse des Palais, Wieden, Theresianumgasse 14, war gegen die Gartenterrasse zu die Leiche in einem metallenen Sarge aufgebahrt. Ihn zierten die Kränze der freiherrlich Rothschildschen Familie. In zwei angrenzenden Salons, die ebenfalls Trauerschmuck trugen, versammelten sich schon bald nach V*10 Uhr die Leidtragenden. Von der engeren Familie waren Baron Albert Rothschild und zwei seiner Söhne, die Barone Eugen und Oskar — die beiden anderen Söhne, die Barone Alfons und Louis, befinden sich derzeit auf der Rückreise von Amerika — ferner Baron James Armand Rothschild aus Paris und Herr v. G0ldschmidt-R0thschild aus Frankfurt cu Main, anwesend. Eine illustre Trauerversammlung füllte die übrigen Räume. Man sah Hofwürdenträger, Minister, Mitglieder des Adels, der Diplomatie, der Kunst- und Finanzwelt, Vertreter der Kultusgemeinde, der Vereine und Wohltätigkeitsanstalten, Abordnungen der Patrönatskirchen und des Forstpersonales der Güter des verstorbenen Barons, die Beamten des Hauses und viele Andere. Um 10 Uhr vormittags nahm die Trauerfeier ihren Anfang. Unter den wehmütig ernsten Klängen des üblichen Trauerpsalmes wurde der Sarg gehoben,. und in endlosem Zuge ging es hinaus zum Zentralfriedhofe, wo der Sarg in der Zeremonienhalle abgestellt wurde. Oberkantor Singer, unter Assistenz der ersten Kantoren Schiller und Blatt, gab der Stimmung des Augenblicks charakteristische Färbung, indem er, gegen die bisherige Gepflogenheit auf stimmliche Kraftentfaltung verzichtend, die Trauergesänge in zarten mezza vooe-Tönen wiedergab und unter Mitwirkung des seinen Intentionen folgenden Chores eine ergreifende Wirkung erzielte. Nach Beendigung der Trauergesänge trat Oberrabbiner Dr. Güd emann an die Bahre und zeichnete mit der ihm eigenen rhetorischen Kraft ein psychologisch tief erfaßtes Lebensbild des Verblichenen, dem er folgenden Nachruf hielt: „In aller Stille, in tiefer Zurückgezogenheit, die selbst die besten Freunde nicht mehr zuließ, ist hier ein Leben abgeschlossen, dem es beschieden war, die schärfsten Kontraste in sich zu vereinigen. Der Dahingeschiedene hätte sein Leben so glanzvoll und genußreich gestalten können, dazu waren ihm die Mittet in einer Fülle geboten, wie sie nur wenigen Menschen zur Verfügung stehen, aber eine kränkliche Veranlagung, die seit dreißig Jahren zu einem schweren Leiden sich ausgebildet hatte, reifte in ihm die schmerzliche Erkenntnis, daß es eigentlich nur einen wahren und echten Reichtum gibt, die Gesundheit. Dieser Reichtum blieb ihm versagt, und der von Tausenden Beneidete war also in Wahrheit ein beklagenswerter Mann, denn es gibt — wie unsere alten Lehrer sagen — nur einen wirklich Armen, das ist der Kranke. Aber dieser Kontrast, unter dem Andere zusammengebrochen wären, wurde dem Dahingeschiedenen ein Antrieb zu sittlicher Reinigung, er verhalf ihm zu einem Siege über die Unvollkommenheiten des Lebens, wozu sich selbst die Stärksten nur selten aufschwingen. Er hat es verstanden, die Kontraste zu versöhnen, und wenn man die Seelengröße ermißt, die er dadurch bewies, so muß man anerkennen, daß dieses beklagenswerte Leben doch wiederum ein beneidenswertes war. Was verhalf ihm zu diesem Siege? Seine reiche Bildung, sein hochentwickeltes Kunstverständnis, das seinem Geschmacke die höchste Verfeinerung verlieh, seine Freude an der Natur, vor allem aber seine Wohltätigkeit. Dadurch hat er seine Schmerzen und Leiden überwunden. So bescheiden und anspruchslos er für sich selbst war, ja schon wegen seines körperlichen Zustandes sein mußte, so grenzenlos war sein Drang wohlzurun. Auch hier stoßen wir wieder auf einen merkwürdigen Kontrast: Der Kranke wird leicht verbittert, er wird es umso mehr, je reicher ihm die Mittel geboten sind, sein Leben zu schmücken.. Der Dahingeschiedene war höchstens unwillig über seine S t an d e s g e n 0 s s e n, die bloß sammeln und nicht ausstreuen, aber für die leidende Menschheit öffnete er bereitwillig und fieudig die Schleusen seines Reichtums. Wie oft lief nicht die Kunde von den Millionen durch unsere Stadt, die der Dahingeschiedene auf dem Altar der Humanität und Menschenliebe dargebracht hatte! Das glänzendste Zeugnis von seiner Wohltätigkeit hat er aber in seinem Testament abgelegt. Er hat nicht bloß seine Beamten in vornehmster Weise bedacht, sondern ich darf es als Erster an seiner Bahre verkünden, daß die Welt staunen wird über die Höhe des Betrages, den er, der lebenslang Kranke, einer Krankenstiftung letztwillig gewidmet hat. So findet sein Leben ein treues Abbild in jenen Gärten, die seine Munifizenz geschaffen, und in denen alljährlich tausenden Besuchern der Blütenfrühling aller fünf Weltteile in entzückender Pracht vorgezaubert wurde. Die Geschichte weiß von mancherlei Gärten zu erzählen, sagenhaften und wirklichen. Aber die merkwürdigsten sind diejenigen, die seinen Namen tragen, denn aus ihnen bezog eine unserer vorzüglichsten Humanitätsgesellschaften alljährlich reichen Gewinn. Das ist eine Frucht, die keine andere Gartenkunst hervorgebracht hat. So war auch sein Leben ein fruchtbarer Garten. Er hat an sich bewahrheitet, was der erste Psalm von dem guten und edlen Menschen sagt: „Er wird einem Baum gleichen, gepflanzt an Wafferbächen, der seine Frucht gibt zur rechten Zeit, und sein Laub welkt nicht, und alles was er tut, gedeiht!" Aus diesem Garten zieht er nun ein in diesen Garten des Todes, wo Reich und Arm gleich sind. Aber er darf mit den Worten des Hohen Liedes sagen: „Auch Unser Lager grünt." Eine Blume wird seine Ruhestätte ewig zieren, die Menschenliebe, die er gepflanzt und die nie verwelken wird! Amen!" Am offenen Grabe sprach Hofrat Professor Oser namens des Rothschildspitales folgende tiefempfundene Worte: „Im Namen der armen Kranken unseres Spitals, die Baron Nathaniel Rothschild bis in die jüngste Zeit mit so reicher Liebe bedacht hat, will ich als Dolmetsch ihrer Gefühle ein Wort des Dankes dem Ver-

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