Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 24 (23.6.1905)
- Date
- 1905-06-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Rothschild beschäftigen; denn es sind aus dieser Angelegenheit Lehren zu ziehen, die in einem jüdischen Blatte nicht unausgesprochen bleiben dürfen. Das „Deutsche Volksblatt," das leitende Organ der in Wien herrschenden christlichsozialen Partei, hat das beispiellose Bubenstück verübt, anläßlich dieser großmütigen, von idealster Menschenliebe zeugenden Stiftung eines Rothschild, den Spender, wie alle seine Glaubensgenossen mit den schmählichsten Beschimpfungen und Beleidigungen zu überschütten. Die 20 Millionen-Spende den Lesern zu unterschlagen, das hätte dem edlen Vergani nicht genügt, er muß auf das frische Grab des Toten den Geifer antisemitischen Hasses speien. Die Bübereien des Schweigens befriedigen nicht jedes antisemitische Gemüt. Es muß verschiedene antisemitische Aeußerungsformen geben. Dr. Lueger, der Bürgermeister von Wien, legt sich die Sache anders zurecht. Er gibt z. B. in der öffentlichen Gemeinderats-Sitzung bekannt, daß Herr S tro b ach 3000 K für die Armen Wiens hinterlassen hat, und fordert dann die Mitglieder des Gemeinderates auf, ihren Dank durch Erheben von den Sitzen auszudrücken. Dann teilt Dr. Lueger mit, daß Nathaniel Rothschild 40.000 K für die Armen Wiens hinterlassen. Aber es fällt ihm nicht ein, dem Toten — der nebenbei auch noch 20 Millionen Kronen für wohltätige Zwecke bestimmte — die Ehre zu erweisen, daß er die Gemeinderäte zum Erheben von den Sitzen aufgefordert hätte. Doch kehren wir zum „Deutschen Volksblatte" zurück. Das Blatt besudelt das Andenken des Juden Rothschild, der 20 Millionen für Arme ohne Unterschied der Confe ssion widmete, und Vergani läßt zu diesem Zwecke eine lange Reihe von infamen Lügen aufmarschieren. Einige derselben seien hier angenagelt. Es ist eine Lüge, „daß die Judenpresse den Anlaß benützte, um den Dummen einmal so recht eindringlich vor Augen zu führen, daß ihnen alles Heil von den Juden komme und daß die jüdische Wohltätigkeit ohnegleichen auf der Welt dastehe." In der gesamten liberalen Presse — das ist ja die „Judenpresse" — wurde bei diesem Anlasse auch nicht ein Wort gesagt, das zu dieser Deutung berechtigen würde. Es ist eine Lüge, daß die 20 Millionen, die Rothschild spendete, „im Vergleiche zu seinem immensen Reichtume, doch immer nur eine bescheidene Gabe waren". Das ganze Vermögen Nathaniel Rothschilds soll 60—80 Millionen Kronen betragen; man ersieht daraus, was Vergani als eine „bescheidene" Gabe bei — Anderen betrachtet. Es ist ferner eine erbämliche freche Lüge, daß Rothschilds Spende „Wohltätigkeit aus fremden Taschen" genannt werden darf. So lange es in Oesterreich ein Erbrecht gibt, ist jeder der Eigentümer dessen, was er von seinen Vätern ererbte. Wohltätigkeit aus „fremden Taschen' hat z. B. Vergani geübt, als er, woran er jetzt zeitgemäß erinnert würde, für seinen erUankten Redaktionsdiener eine — Kollekte veranstaltete. Doch genug aus derLügen- Blumenlese! Wir wollen nur noch bemerken, daß die Lügen und Enthüllungen von gemeinen Beschimpfungen der Rothschilds und aller ihrer Glaubensgenossen abgelöst werden. So quittiert das leitende Blatt der in Wien herrschenden christlich-sozialen Partei die 20 Millionen-Spende eines Juden! Die Lehren, die sich aus der Sache ergeben, brauchen wohl nicht besonders betont zu werden. Laut und eindringlich muß an eine Taffache erinnert werden: Es gibt in Wien Stiftungen, die von jüdischen Wohltätern herrühren, die Gutes ohne Unterschied der Konfession üben wollten. Unter dem antisemitischen Regime ereignet es sich aber, daß dieserWohltatenwohlAntisemiten aber niemals Juden teilhaftig werden. Die Erben des Baron Nathaniel Rothschild haben die heilige Verpflichtung, dafür zu sorgen,, daß in pietätvoller Erfüllung seines letzten Willens die Bekenner allerKonfessionen seiner wohltätigen Stiftungen teilhaftig werden. Also Juden und Christen — aber nicht Antisemiten, die durch ihre Lehren sowohl das AlteTestament als auch das Neue Testament verhöhnen. * * * Monsignore Sch eicher ist das Opfer eines Ueberfaües geworden und hat schwere Verletzungen davon getragen. Jeder gesittete Mensch, sei er Christ oder Jude, wird eine solch häßliche, verbrecherische Ausschreitung bedauern und brandmarken. Freilich, die Antisemiten, die einen Mechaniker Schneider zu ihren vornehmsten Führern zählen, der öffentlich im Parlament Raub und Totschlag gegen alle Juden predigte, sollten bei ihrer sittlichen Empörung über das Attentat auf Scheicher dessen eingedenk sein, daß vielleicht die aufreizenden