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Die Wahrheit · 1905-06-16 · Heft 23 (16.6.1905) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 23 (16.6.1905)
Date
1905-06-16
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8, Die Wahrheit ' s)lr. -23; der Kinder des Islams nicht, zu reizen. Die Frauen sind unverschleiert, und das Charakteristische ihrer Kleidung auf der Straße, besteht in dem weißen Brustlatz und den bunten Kopf» tüchern. Der dem Patriarchen Abraham vom Herrn gespendete Segen: „Dein Same soll zahlreich sein wie der Sand am Meere", scheint noch heute fortzuwirken, denn in dem Judenviertel wimmelt es von Kindern, die ganz oder halbnackt sich im Staube wälzen. Mütter mit 17 oder 20 Kindern sind hier keine Seltenheit. Allerdings heiratendie Jüdinnen sehr früh und sind oft mit 13 Jahren Mutter. Die Juden sind in Marokko einer großen Menge von Vorschriften und Verboten unterworfen. Früher mußten sie barfüßig auf der Straße gehen; jetzt dürfen sie Pampuschen tragen, aber nur schwarze, und diese müssen sie von ihren Füßen ziehen, jedesmal wenn sie an einer Moschee vorbeikommen. Sie dürfen nicht auf Pferden, aber außerhalb der Städte auf Maultieren und Eseln reiten. Das Tragen von Feuerwaffen ist ihnen verboten. Sie dürfen in den dunklen Gassen keine Laternen, sondern uur offene Kerzen benützen. Die Heirat zwischen Angehörigen der jüdischen und maurischen Raffe ist strengstens verboten, während der zwischen Mauren und Christinnen sowie Negerinnen nichts im Wege steht. Die Juden bezahlen eine Toleranzsteuer an den Sultan und dürfen diesem bei Todesstrafe nie zu Gesichte kommen. In Tanger sind die Juden so einflußreich, nicht nur ihrer Zahl, sondern auch ihrer Wohlhabenheit wegen, daß sie sich an viele dieser Vorschriften und Verbote nicht kehren und dieselben Freiheiten genießen, wie die Europäer. Uebrigens haben die Vornehmen unter ihnen die europäische Kleidung und vielfach europäische Sitten angenommen. Einen Mullah gibt es, wie schon gesagt, in Tanger nicht, und im Maurenviertel gibt es nicht wenige jüdische Wohnungen, aber ein spezifisch jüdisches Stadtviertel befindet sich hier, zwischen der alten Ringmauer und der Sttaße, die sich vom Socco Chico zum Socco Grande hinaufschlängelt. Dieses Stadtviertel ist zwar auch wie das Maurenviertel, ein Winkelwerk von Gäßchen und Plätzchen, mit quer darüber gespannten Torbogen, Dachvorsprüngen und Galerien, aber es ist wesentlich reinlicher, und die Fassaden der Häuser mit Fenster bieten einen freundlicheren Anblick. Einige Häuser, wie die der reichen Bankiers Nahon und Abensur, sind moderne Prachtbauten. Ich besuchte hier einige Synagogen, die hell und luftig gebaut sind. Während des Gottesdienstes stehen die Männer rechts, die Weiber links. Der Raum ist mit zahlreichen Ampeln, Lampen und Kandelabern erleuchtet. In der alttestamentarischen Sprache wird gesungen und gesprochen, in der Sprache der Bibel, die erhalten geblieben ist durch Zeit und Raum, ttotz Feuer und Schwert und tausendjähriger Verfolgung. (Schluß folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wie«. Mittwoch, den 14. d. M., 12 Uhr mittags, fand im Tempel in der Seitenstettengaffe in Anwesenheit eines überaus zahlreichen, den besten Kreisen der Wiener Gesellschaft angehörenden Publikums, die Trauung des Herrn Paul Ritter v. Sonnentha l, Sohn des k. u. k. Hofschauspielers Herrn Adolf Ritter v. S o n n e n t h a l, mit Fräulein Klara Schwarz statt. Die liebliche Braut, die Tochter des Banquiers Schwarz, in Firma Strisower & Schwarz, ist eine Nichte des Professors Ignaz Brüll. Die Trauungszeremonie vollzogen Oberrabbiner Doktor G ü d e m a n n und Oberkantor Singer. Beim Verlaßen des Gotteshauses wurden Herrn Adolf Ritter v. Sonncnthal stürmische Ovationen seitens des Publikums bereitet. Wien. (Eine verleumderische Anzeige.) Die Oesterreichisch-israelitische Union ersucht uns um Aufnahme folgender Mitteilung: Im März dieses Jahres wurden fünf jüdische Einwohner von Zmigrod in Galizien auf Grund der Aussage eines 14 jährigen Mädchens, daß sie auf dem Wege zur Kirche von einem Haufen Juden überfallen und in ein Haus geschleppt worden sei, wo man ihr Gewalt antun wollte, verhaftet. In Zmigrod verbreitete sich sofort das Gerücht von einem beabsichtigten Ritualmorde, und da zur selben Zeit in der dortigen Kirche zehntägige Missionspredigten abgehalten wurden, zu welchen das Landvolk in Massen zusammenströmte, drohten arge Exzesse gegen die Juden auszubrechen. Die sorgfältigen gerichtlichen Erhebungen führten schon nach drei Tagen zur Enthaftung der beschuldigten Juden, gegen welche nunmehr auch formell die Untersuchung eingestellt worden ist. Dagegen erhob die Staatsanwaltschaft gegerr das Mädchen Käthcsrinä-Tä'b äl die^ Anklage wegen Ber» leumdung.--Da...eineganze Reihe -.vom Zeugen bestätigte, "daß Karharina Tabak zu der von ihr angegebenen Zeit in einem weit entfernten Dprfc sich befand und daß ein solcher Ueberfall überhaupt nicht stattgefundeu habe, wurde sie bei der am 7. Juni vor dem Bezirksgerichte Zmigrod stattgehabten.Verhandlung, bei welcher für die Privatbeteiligten der Jasloer Advokat Dr. Sreinhaus.intervenierte, schuldig. erkannt und zu einer dreimonatliche n, mit Fasten verschärften Arreststrafe verurteilt. Wien. In der am 28. Mai d. I. stattgehabten Plenarsitzung der israel. Kultüsgemeinde wurde der Oberkautor, Herr Matyas Matyas aus Neupest, als I. Kantor für den Kultusgemeiude-Tempel des XVI. und, XVII. Bez. ausgenommen und wird derselbe am 1. August d. I. den Dienst antreten. . . Eibenschitz. Am 5. d. M. verschied aus unserer Mitte Herr Samuel P r e tz «er, Schwager des in Wien bekannten Herausgebers der „Montagsrevue", Herrn Jakob Herzog. Der Verblichene fuhr nach Wien, um Heilung von einem tückischen Leiden zu suchen, fand aber daselbst Erlösung von allen irdischen Schmerzen. Die Leiche wurde hieher überführt und mit großen Ehren, wie es dem frommen und edlen Manne geziemte, bestattet. Auf den Verstorbenen kann mau mit Recht sagen: er war ein zadik tornim bedorosow. Ungeachtet des leider allgemein grassierenden Uebels des Jndifferentismus auf dem Gebiete der religiösen Institutionen, und des Tempelganges in erster Linie, war er in unserer Gemeinde noch der Einzige, der dem Ausspruche der Gelehrten: „roz kaz’wi laawodos habboreh" mit Aufrichtigkeit und Wonne erfüllte. Wenn Beteuszeit war, ließ er seine Geschäfte ruhen und eilte in das Gotteshaus. Durch Jahrzehnte bekleidete er das Ehrenamt eines Tenipelvorstehers, war Ausschuß- Mitglied der politischen und Kultusgemeinde und leistete überall sein Bestes Isseüeoa scbomajim, ohne jeglichen Hintergedanken. Am Grabe widmete ihm Herr Rabbiner Dr. Handl einen sehr warm empfundenen Nachruf,/ in welchem er die Vorzüge des Verblichenen pries. Wir rufen mit herzinnigem Schmerze aus: „Obaval al daab.din delo mischtakchin." — Wehe um die für uns Berlorengegangenen, sie kehren nimmer wieder. n'2's'j'n X. W—tscb. Ledetsch. Nach langem schweren Leiden verschied am Sonntag, den 4. d. M. der hiesige Kaufmann und Bürger Herr Moritz Morawetz im 57. Lebensjahre. Mit dem Verblichenen würde ein Mann zu Grabe getragen, der zu den hervorragendsten Mitgliedern der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde und zu den besten und angesebensten Bürgern unserer Stadt zählte. Trotz seiner ausgebreiteten geschäftlichen Tätigkeit war er bestrebt, dem öffentlichen Wohle mit aller Hingebung zu dienen. Dieser bescheidene und friedliebende Mann, der weit über die Gemarkung unseres Bezirkes als angesehener und streng reeller Kaufmann sich eines selten guten Rufes erfreute, bekleidete durch nahezu 25 Jahre das Amt eines. Verwaltungsrates der hiesigen bürgerlichen Sparkassa, entfaltete eine rührige Tätigkeit als Gemeinderat, sowie als Ausschußmitglied der hiesigen Kultusgemeinde und Beerdigungsbrüderschaft, war weiters Ehrenmitglied der hiesigen freiwilligen Feuerwehr, Mitglied der „remislnickä beseda", des Handelsgremiums der hiesigen Kaufmannschaft, der Suppenanstalt rc., und bis an sein Lebensende stellte er unentwegt sein ganzes Können in den Dienst der Wohltätigkeit. Das. Leichenbegängnis, welches Dienstag, den 6. d. M., um 4 Uhr nachmittags stattfand, gestaltete sich zu einer, imposanten Trauerlundgebung; die „Obßanska zalo^na", welche eigene Parten ausgab, war vertreten durch den Verwaltungsrat nebst den Beamten, die Feuerwehr durch eine Abordnung, die . politische. Gemeinde durch den Bürgermeister und die Stadträte, der Arbeiterverein durch seine Mitglieder, die mit der Trauerfahne dem Kondukte voranschritten, die israelitische Gemeinde, Chewra Kadischa und der Frauenverein, durch den Vorstand und viele Mitglieder; ferner erschienen zahlreiche fremde Gäste, sowie viele aus der Umgebung. Auf dem Friedhofe sang der hiesige Religionslehrer Herr M. Mandl einen. Txauerchoral unter Mitwirkung der israelitischen Schuljugend, worauf Herr Rabbiner I. Singer aus Deutsch-Brod eine ergreifende Trauerrede in tschechischer Sprache hielt, die auf alle Anwesenden einen tiefen Eindruck machte. Nach dem edlen Verstorbenen, der stets auch eine religiöse Lebensweise führte, trauern eine Witwe und neun Kinder, von denen jedoch erst drei ihre-Selbständigkeit erlangt haben. Das Andenken des Verblichenen wird stets ein ehrendes bleiben. M. Saaz. Herr Oberkantor Leo K o r n i tz e r aus Klattau ist hier als Oberkantor atzeptiert worden und wird seinen Posten bereits am 1. August antreten. Er hatte solchen Beifall, daß die weitern Probevorträge eingestellt wurden. Wittingau. In Ergänzung einer jüngst in diesenr Blatte veröffentlichten Notiz über die Akzeptation des Herrn Kantor Rudolf Blau in Svetla sei konstatiert, daß derselbe seine kantorale Ausbildung dem Herrn Oberkantor I. Schlesinger in Wien, X, Bez., verdankt. Petersburg. Der Entwurf Bulygins betreffend die Schaffung einer Volksvertretung schließt, wie die „Nowosti" zuverlässig erfährt, die Israeliten von jeder Beteiligung an der Volksvertretung aus, weil es nicht folgerichtig wäre, sie bei dem Bestehen der die Rechte der Israeliten beschränkenden Gesetze zur Ausübung des Wahlrechtes oder gar zur Mitarbeit in der Volksvertretung zuzulassen. Posen. Hiesigen polnischen Blättern wird aus Warschau telegrapiertü Das Kriegsgericht verurteilte gestern 46 während der letzten Revolten verhaftete jüdische Arbeiter wegen Aufruhrs zum Tode durch Erschießen. 420 weitere Verhaftete werden in den. nächsten Tagen abgeurteilt.

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