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Die Wahrheit · 1905-06-16 · Heft 23 (16.6.1905) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 23 (16.6.1905)
Date
1905-06-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 23. Die Wahrheit. Seite 7. Interpret der göttlichen Einzeichnung, der göttlichen Offenbarung. '.Und Moses Lehre ist Ausfluß der göttlichen Einzeichnung, der -göttlichen Offenbarung. Die Lehre. Moses enthält aber nicht nur Lehren und Satzungen in des Wortes geläufiger Bedeutung, vielmehr umfaßt sie das ganze Sein des von ihm befreiten Volkes; indem diese Lehren und Satzungen alle kulturellen, ethischen, sowie sozialen, hygienischen und ökonomischen Momente — betreffend feine Brüder, und mittelbar die ganze Menschheit — ausgiebigst berühren und beleuchten, überzeugend erörtern und erläutern, einbringlichst wiederholen und so zur Darstellung bringen, daß sie dem Volke seiner Führung mundgerecht wurden, ihm sich einprägten und in Fleisch und Blut übergingen und bis heute fast ausschließliches Eigentum desselben verblieben. Die Lehre Moses enthält nämlich nicht nur Geschichts-, Neligions- und Sittenlehren, sondern auch großenteils Gesundheits-, Reinlichkeits- und Lebensvorschriften, die gleichsam eine -Einheit bildend, insgesamt gegenseitig sich erklären und ergänzen, und in folgenden fünf Punkten gipfelten: I. Schilderung der Entstehung und Entwicklung, sowohl des All, als dessen Bestandteile, wie auch des Wachstums der 'Lebewesen — und besonders der Menschen — der Schöpfung Zier und Meister. H. Der übersinnliche Gottesbegriff und die aus demselben sich ergebende Erkenntnis der ewigen Wahrheit und ein derselben entsprechender Lebenswandel. HI. Ausstellung von Lehren und Satzungen: Geist und -Körper möglichst ferne zu halten von allem Unreinen, Gemeinen, Unästhetischen, Rohen rc., das hygienisch oder moralisch nachteilig, verrohend, verwildernd, vertierend auf den Menschen einzuwirken geeignet ist. So unter andern: Torturen, Zweikampf rc., 'Tierquälerei, Tierkämpfe, Stiergefecht, Lust- und Hetzjagden rc., um, wie Gott heilig, sich zu heiligen und der Gottesebenbildlichkeit würdig sich zu zeigen. IV. Anführung, von Regeln, Einrichtungen, Lehren und Satzungen, die, erstens, unerläßlich sind zur vollen körperlichen, geistigen und ethischen Gesundung und Reinheit, zweitens, die .zu solcher Lebensführung des Heiligseins die Wege zeigen, bahnen und ebnen und die Menschen befähigen und stählen, dieselben .zu wandeln, auf denselben auszuharren. V. Als Endergebnis, Zweck und Ziel und Inhalt aller .Religion, aller Moral, aller Philosophie, die Aufstellung des Postulats der selbst- und rastlosen, Alle und Alles — die ganze Schöpfung umfassenden, werktätigen Liebe und Gerechtigkeit. Nach diesen Richtungen enthält der Pentateuch zahlreiche -Lehren und Satzungen, welche die Uebung werktätiger Allliebe bezwecken, so die aus dieser Allliebe fließende Gerechtigkeit und Fürsorge gegen und für alle Menschen, alles Getier, die ganze Natur, die Schöpfung Gottes. Und so eindringlichst, wiederholt und erschöpfend kommen diese Lehren und Satzungen im Pentateuch zum Ausdrucke, daß sie vollständig sich einlebten dem Volke und den wesentlichsten Inhalt der Volksseele Israels bildeten und bis nun derselben eigen blieben. Marokkanische Inden. Seit dem Besuche des deutschen Kaisers in Marokko steht dieses kleine Sultanat an der Nordküste Afrikas im Vordergründe der öffentlichen Diskussion und nicht nur die Diplomaten, fondern auch die Publizistik wendet demselben erhöhte Aufmerksamkeit zu und vielfach wurden in den letzten Wochen die landschaftlichen Reize des Landes und die Sitten und Gebräuche feiner Bewohner geschildert. Besonderes Interesse nach dieser Richtung erregten die in der „Köln. Ztg." veröffentlichten „Marokkanischen Briefe" von Julio Broutä, der in denselben ein eigenes Kapitel den marokkanischen Juden widmet. Die Wiedergabe dieser der Natur abgelauschten Schilderungen dürfte auch unserem Leserkreise willkommen sein: Beinahe die Hälfte der Bevölkerung Tangers ist jüdisch. Sowohl die hiesigen wie die in anderen marokkanischen Städten lebenden Juden sind zumeist Abkömmlinge jener, die auf Antrieb der Inquisition von den sogenannten katholischen Herrschern aus Spanien verwiesen wurden. Die spanische Sprache har sich bei ihnen wie ja auch bei ihren Stammesgenossen in der Türkei und Kleinasien bis auf den heutigen Tag erhalten, allerdings etwas veraltet und mit Fremdwörtern vermischt, wie erwa die französische in Kanada. Die altspanische Einfluß zeigt sich noch in ihren Lebensgewohnheiten, Sitten und Gesetzen, und sie nennen sich selbst kastilianische Verbannte. Die meisten Juden in Tanger sprechen neben Spanisch und Arabisch auch noch Französisch und Englisch. Sie bilden den wohlhabendsten, gebildetsten und arbeitsamsten Teil der eingeborenen Bevölkerung und durch ihre Beziehungen sowohl zu den Mauren wie zu den Europäern sind sie die natürlichen Vermittler zwischen dem alten, verfallenden Sheriffenreich und den modernen Kulturstaaten. Die Juden sind in Marokko ein geradezu unentbehrliches Element. Die Mauren wissen das so gut, daß sie ihnen das Auswandern verbieten. Allerdings hat dieses Verbot, wie noch viele andere, iür die Juden in Tanger keine Giltigkeit. Die Mauren, denen die Anlegung ihres Geldes in Leihgeschäften verboten ist und die übrigens, um nicht vom Sultan oder seinen Beamten ausgeraubt zu werden, von ihrem Reichtume nichts merken lassen dürfen, bedienen sich der Juden als Verwalter, Geschäftsführer und Strohmänner. Die Franzosen, denen es bekanntlich mit der „friedlichen Besetzung" des Landes so Ernst ist, wissen den Wert der marokkanischen Juden ebenfalls zu schätzen und fördern die Tätigkeit, die die israslits" dort entwickelt, mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln. In Tanger hat die „Alliance" zwei große Schulen für Knaben und Mädchen, die wohl von zusammen 400 Kindern besucht werden. Die Judenkinder lernen hier Französisch und werden in französischen Anschauungen erzogen: Sie werden später unbewußt die Interessen Frankreichs verfechten. Nur das voreilige Vorgehen und die zu offen zur Schau getragene Aufsaugungspolitik der Franzosen in der letzten Zeit hat die Juden stutzig und bockbeinig gemacht, und in Tanger hat die Mißhandlung eines Juden durch den französischen Kapitän Larraze die Begeisterung für Frankreich bedeutend gedämpft. Ich möchte nicht unerwähnt lassen, daß die Beamten der hiesigen ausländischen Postämter in der Mehrheit Juden sind, die nicht nur europäische Sprachen, sondern auch Hebräisch und Arabisch schreiben, lesen und sprechen, was von europäischen Postbeamten nicht gefordert werden kann. Man lobt allgemein den Diensteifer, die Fachkenntnis und Ehrlichkeit dieser Beamten. In allen Städten des Reiches, ausgenommen Tanger, besteht, wie dies im Mittelalter und noch später in Europa ja auch der Fall war, ein Judenviertel, Mellah genannt, wo Rücksichten auf Reinlichkeit. Gesundheit und Bevölkerungsziffer der auf engem Raum Zusammengepferchten nicht stattfinden. Der Mellah ist von hohen Ringmauern umgeben, deren wenige Tore am Tage durch maurische Soldaten bewacht und kurz nach Sonnenuntergang geschlossen werden. Große, kahle, unbebaute Flächen trennen den Mellah von den mohammedanischen Vierteln und dienen der Bevölkerung hüben und drüben als Abladeort des Unrats aus den Wohnungen, soweit dieser nicht auf Plätzen und Straßen liegen bleibt. Das Judenviertel unterscheidet sich nicht wesentlich von den maurischen Stadtteilen. Es sind dieselben engen, winkeligen, schmutzigen Gassen, dieselben weiß- oder gelbgetünchten fensterlosen Mauern, dieselben niedrigen Bogentüren, dieselben flachen Dächer und dämmerigen Höfe. Nur die Bevölkerung sieht anders aus. Die Männer tragen enge glatte Kaftans aus dunklen Stoffen, die durch gelbe oder dunkelblaue Gürtel um die Lenden gehalten werden. Auf dem Kopfe tragen sie runde, schwarze Käppchen oder auch ein blaues Tuch, dessen Spitzen unter dem Kinn zusammengebunden sind. Dazu weiße Strümpfe und schwarze Pantoffeln, wenn sie nicht barfüßig gehen. Nie zeigen sich die Juden auf der Straße in prunkvollen Kleidern, um die Habgier und die Gewalttätigkeit

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