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Die Wahrheit · 1905-06-16 · Heft 23 (16.6.1905) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 23 (16.6.1905)
Date
1905-06-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 23. Eine besondere Sehenswürdigkeit Wiens sind die Roth- > s ch i l d-G arten auf der Hohen Warte, die zweimal in der Woche gegen ein Entree, das verschiedenen Wohltätigkeits-Anstalten zu Gute kommt, besichtigt werden können. Baron Nathaniel ließ sie im Jahre 1873 anlegen. Ein wahres Paradies entstand in kürzester Zeit aus dem früher trostlosen Besitz. Die Gartenanlage selbst mit ihren seltenen Bäumen und Sträuchern, ihren samtartigen Pelousen, ihren Terrassen und überraschenden Aussichtspunkten auf die Großstadt ist eine Sehenswürdigkeit, namentlich im Frühling, wenn hier alles um drei Wochen früher in Grün und Blüte vrangt als an irgend einem anderen Punkte in der Nähe von Wien. Seinen Weltruf hat sich aber der Rothschild-Garten durch seine Gewächshäuser erobert. Es werden in denselben seltene Blumen in großen Mengen gezogen, die dann, zu imposanten Gruppen vereinigt, mit voller Wirkung ihres unvergleichlichen Reizes zur Ausstellung kommen in Glashäusern, welche nichts verraten von den Geheimnissen der Kultur und deshalb wie wahre Zaubergärten wirken. Die Wände und Glasdächer dieser Pflanzenhäuser sind mit außerordentlichem Geschick ganz von Schlingpflanzen verdeckt und verkleidet, sv daß alle Räume stets so aussehen, als seien sie eben für, ein Fest dekoriert worden. Da in jedem Gewächshaus immer nur eine Blumengattung zusammengestellt wird, so ist die Wirkung von Form und Farbe eine ganz unbeschreiblich schöne. Das größte Wunder der Rothschild-Gärten bleiben aber seine Obstzuchthäuser, welche stets auf das Publikum wirken wie Bilder aus einem Märchenbuch und der Wirklichkeit entrückt zu sein scheinen. Die Kulturen sind so angelegt, daß das ganze Jahr hindurch die herrlichsten Sorten von Trauben, Pfirsichen, Feigen, Erdbeeren. Birnen, Ananas, Kirschen sowie Schlangeugurken zu voller Reife kommen und jeden Tag im Jahr die Tafel des Gartenbesitzers schmücken können. In Gärtnerkreisen wurde seit der Meldung von einer gefährlichen Erkrankung des Baron Nathaniel die Befürchtung gehegt, es könnten nach seinem Hin-, scheiden diese, Oesterreich zu so großer Ehre gereichenden, jedem Gärtner als Ideal vorschwebenden Gärten nicht weiter erhalten werden. Es wird deshalb eine Aktion geplant, um bei den Erben des verstorbenen Mäzens die dringende Bitte vorzubringen, daß das zu so schöner Blüte gebrachte Werk nicht zerstört werde. Ueber die letztwilligen Verfügungen des Barons Rothschild ist vorläufig kein vollständiger Ueberblick gewonnen. Cs soll ein auf fünfzehn Jahre zurückdatierendes Testament vorliegen, das den Neffen des Verstorbenen, Baron Alfons Rothschild, zweiten Sohn des Freiherrn Albert v. Rothschild, zum Universalerben einsetzt und verschiedene Wohltätigkeitsinstitute mit Legaten bedenkt. Die Möglichkeit ist noch nicht ganz ausgeschlossen, daß sich noch Kodizille zu diesem Testament vorfinden. Nach einer anderen Version soll Baron Albert Rothschild Universalerbe sein. Die „Korrespondenz Wilhelm" berichtet, daß Baron Nathaniel Rothschild einen namhaften Betrag seines Vermögens für wohltäüge Zwecke bestimmt hat und daß in einigen Tagen Näheres über die einzelnen Zuwendungen bekannt werden dürste. Das Leichenbegängnis findet Freitag, um 10 Uhr vormittags, vom Trauerhause, Theresianumgasse Nr. 14 aus statt. Die Leiche wird iu der Familiengruft auf dem Zentralfriedhofe •' beigesetzt werden. Baron Nathaniel Rothschild hat vor Jahrzehnten den Wunsch geäußert, in Frankfurt am Main, an der Seite seiner Eltern, beerdigt zu werden. Als anläßlich des Todes der Baronin Bettina Rothschild, Gemahlin des Freiherrn Albert v. Rothschild, auf dem Zentralfriedhofe eine Rothschildsche Familiengruft errichtet wurde, änderte Baron Nathaniel seinem Bruder, dem Baron Albert gegenüber, diesen Wunsch ab. Demgemäß erfolgt auch die Beerdigung in Wien. Ueber den Tod wurde folgende Traueranzeige ausgegeben, während von der Versendung von Parten Umgang genommen wird: Freiherr Albert v. Rothschild gibt ttefbettübt in seinem Namen sowie in dem seiner Schwestern Baronin Adolphe v. Rothschild, gebornen Julie Freiin v. Rothschild, Baronin Wilhelm v. Rothschild, gebornen Mathilde Freiin v. Rothschild, Baronin Raymondo Franchetti, gebornen Luise Freiin v. Rothschild, und Alice Freiin v. Rothschild Nachricht davon, daß ihr geliebter Bruder Nathaniel Freiherr v. Rothschild, Großkreuz des kaiserlich österreichischen Franz Josef- Ordens, Besitzer des königlich preußischen Kronen-Ordens erster Klasse rc. rc. nach langem, schweren Leiden im 69. Lebensjahre am 13. d., 1 Uhr nachts sanft entschlafen ist. Die sterbliche Hülle des Verblichenen wird Freitag, den 16. d., 10 Uhr vormittags vom Trauerhause, 4. Bezirk, Theresianumgasse Nr. 14, auf den Zentralfriedhof überführt und daselbst in der Familiengruft bestattet werden. Die Sendung Moses', die Misston des Indentmns. Von D. A. Sulzbach-Rosenfeld. Gleich einem selbstlos liebenden, ausschließlich um das Wohl seiner Kinder besorgten Vater war Moses^ Denken, Sinnen und Trachten, wie dies das Dornbuschgleichnis und sein Selbstgespräch in der Einsamkeit der Wüste deutlich zeigen, nicht nur die Befreiung seiner Brüder von physischer und geistiger Knechtschaft, sondern auch die successive Belebung, Erhöhung und Vervollkommnung der Jntellektualität und Moralität seiner Brüder, um sie zum Priestervolke zu befähigen und heranzubilden, d. i. zu Trägern, Bewahrern und Verbreitern der übersinnlichen Gottesidee in ihrer erhabensten absoluten Abstraktheit, Reinheit und Einheit, die bis dahin annähernd traditionelles Vermächtnis einzelner Eingeweihter war. Wahrheit und Klarheit, bar aller Mysterien und Dogmen, basierend auf den Erscheinungen und Vorkommnissen in der göttlichen Natur, jedem Laien zugänglich und verständlich, sind daher die Merkmale seiner licht- und geistvollen Lehre, die jeden, der bestrebt ist, in ihren Geist einzudringen, erleuchtet und erhebt. Daher war auch ihr vornehmlichstes Gebot: „w’hagitho bo jomom wolajlah“, unausgesetztes Denken, Forschen und Streben nach Wahrheit und Erkenntnis: bis zum völligen Ueberzeugt- und Durchdrungensein von denselben — während andere Religionen mehr oder minder darauf bedacht waren, die Unwissenheit und Leichtgläubigkeit, die Sinnlichkeit und die Schwächen der Menschen auszubeuten, zur Befriedigung selbstsüchtiger Interessen und unbegrenzten Ehrgeizes; diese waren demnach auch stets bestrebt, die intellektuelle Entwicklung ihrer Bekenner möglichst einzudämmen. So ist denn auch die hohe, heilige Mission des Judentums, die ihm durch Moses übermittelt worden, erst dann glorreich erfüllt und siegreich vollbracht, wenn die reine, unverfälschte, übersinnliche Gottesidee Gemeingut Aller, der ganzen Menschheit geworden, womit die wahre Messiaszeit angebrochen, und es nur Eine Gottheit, Eine Wahrheit, Eine Gerechtigkeit und Eine Liebe gibt, eine Alle und Alles, die ganze Schöpfung umfassende, werktätige Liebe und Gerechtigkeit. Gott, Natur und menschliche Vernunft stehen in so innigem Kontakt, daß sie gleichsam eine Einheit bilden. Die menschliche Vernunft ists ja doch, die durch die Natur und aus derselben zur Gottesidee, zum Gottesbegriffe, zur Erkenntnis des Daseins Gottes, zur Gottheit gelangte. Gott, unserer Sinne Inbegriff aller Vollkommenheiten, Schöpfer und Erhalter der Entstehungs- und Entwicklungskraft des All; Natur, das durch den Willen Gottes entstandene, ewige. Buch, in dem Gott die ewig unabänderlichen und unwandelbaren Gesetze seines Willens eingezeichnet und geoffenbart hat; Vernunft, jener Teil, der die Gottheit geahnt, die Einzeichnung Gottes erraten und entdeckt, die Offenbarung Gottes erkannt und erfaßt hatt Und Moses wars, in dem die Vernunft zur höchsten geistigen Entwicklung gediehen. Moses war der auserkorene, gottbegnadete, erleuchtetste und berufenste, der prädestinierte

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