Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 23 (16.6.1905)
- Date
- 1905-06-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit Lette 5. Nr. 23. allgemein-psychologischen Erwägung, daß beide gleich notwendig und . darum gleichwertig sindso erkennt das Judentum das Urteil an, aber es fügt hinzu: Höher —nicht dem Range, doch dem Zwecke nach — als die Oeffentlichkeit steht die Häuslichkeit, dieser sei jene dienstbar. Gilt im allgemeinen der Satz, daß die Familie im Staate ausgehe, so gilt sür das Judentum : der Staat gehe in der Familie auf. Damit wird der Mann nicht hinter das Weib zurückgestellt. Denn nicht nur die Oeffentlichkeit, sondern auch das jüdische Familienleben begehrt nach dem Manne, als einem integrierenden, dem Weibe gleichwertigen Bestandteile. Gerade die jüdische Familie bedarf nicht nur des Herzens, sondern auch des Kopfes; denn die Gött entstammende Sittlichkeit des Judentums, deren natürliche Hauptträgerin das Weib ist, braucht zu ihrer Erhaltung die Gott entstammende Weisheit, deren natürlicher Hauptträger der Mann ist. So rückt also das Judentum die Häuslichkeit und damit das Weib noch um eine Stufe höher, als der allgemein-menschliche Weltzustand. Der Familie hat es seine heiligsten Güter zum Schutze und zur Pflege anvertraut. Daher konnte der jüdische Staat fallen, ohne den jüdischen Glauben unter seinen Trümmern zu begraben. Das Judentum wohnt im jüdischen Hause. Ist aber dem in Wahrheit so, dann steht der Religionslehrer angesichts der weiblichen Jugend vor einer unsäglich hohen, geradezu Angst erweckenden Verantwortung. Auch nicht der Gedanke kann beschwichtigend wirken, daß es so lange ohne ihn „gegangen" ist. Früher brauchte das jüdische Mädchen zur jüdisch-sittlichen Vollendung nur das jüdische Haus, nicht den Unterricht; heute, aber schon lange, kann es ohne ihn nicht ein jüdisches Weib bleiben, nicht einmal werden. Früher hat die jüdische Tochter ihren gesamten Seelenschatz am heimischen Herde empfangen; alle Geistesperlen, mit denen sie sich schmückte, griff sie ans dem Erze jüdischer Denkungsart und Empfindung heraus; . der Glanz, mit welchem die Edelsteine ihre Gestalt umwoben, war der Glanz der Diamanten auf dem Brustschilde des Judentums. So konnte sie ohne Schule, ohue Lehrer heranreifen zur Hohepriesterin ihrer'Religion am Hausalrare. Heute empfängt die jüdische Tochter einen großen Teil ihres Seelenschatzes außerhalb des Hauses; insbesondere die Wissensfülle, aus welcher die Anschauung über Welt und Leben sich abhebt, bietet sich ihr in Schulen und anderen öffentlichen Instituten dar, in welchen das Antlitz des Judentums selten hervorlugen darf und dann meist nur mit verzerrten Zügen. Genährt wird der von außen kommende Geist im Innern des Hauses durch die Schriftsteller, deren Erzeugnissen die modernen Familien die Pforten gern erschließen. Darum muß die Tochter in dem jüdischen Hause fremd werden, muß schneller und tiefer entfremden durch ihre ganze Naturanlage als der Sohn — wenn nicht der Religionsunterricht zur Hilfe kommt. Aber welche Pflichten ladet der Lehrer auf seine Schultern! Zu gleicher Zeit muß er Streiter und Friedensträger sein, zugleich niederreißen und säen. Wie zahlreich sind die Streitkräfte, denen er fast allein gegenübersteht! Stets von neuem muß der Herzensboden gerodet werden, ehe er einen Schößling einsetzen kann. Dabei weiß er, daß unter seiner Führung die jüdische Tochter nur die halbe Höhe des Berges mühsam erklimmt, zu dessen Gipfel die einstige Zurückgezogenheit im jüdischen Hause auf leichten Schwingen sie emporgetragen hat. Die Pädagogen einigen sich in dem Urteile, daß die Natur gerade des weiblichen Geistes die Beherrschung der gesamten Ausbildung vom religiösen Gefühle erheischt. Wie' viel dringender gebietet das Judentum das Gleiche! Laut ertönt sein Ruf: Aller Sonderunterricht in Religion ist Flickwerk. Aber dies Bewußtsein soll dem Lehrer den Unterricht der Mädchen nicht verdrießlich erscheinen lassen. Er freue sich seines „Flickberufes"; er erweist dem Judentum den höchsten Dienst. Unverwandt hält es seinen Blick auf die Religionsschule für Mädchen geheftet und setzt ihr als Ziele: Abstreifen alles der jüdischen Empfindung Abholden, das die Seele in sich ausgenommen hat; Einpflanzung echt jüdischer Empfindung durch Mitteilung des jüdischen Glaubens. Die Hauptnorm aller weiblichen Ausbildung in höheren Schulen, welche das Streben nach „allgemeiner Bildung"».bestimmt, d. h. nach der Beschränkung des Unterrichtes in jedem Fachgebiete auf das Maß, das erforderlich ist zur Erzeugung eines Gleichgiltigkeit ausschließenden Verständnisses für jedes große Wissenschaftsfeld, gilt auch für den Religionsunterricht der Mädchen und fordert zur Erzielung des Verständnisses für den Inhalt und die Mission des Judentums als Normen: Schöpfen am Brunnen der heiligen Sprache der Bibel, Vertrautheit mit der jüdischen Geschichte, vernunftvolles Anschauen der jüdischen Lebensweise. Nathaniel Freiherr v. Rothschild. In der Nacht vom 13. auf den 14. d. M. ist Baron N a t h a n i e l Rothschild, der ältere Bruder des Chefs des Wiener Hauses Baron A l b e r t R o t h s ch i l d. in seinem Palais in der Theresianumgasse im 63. Lebensjahre gestorben. Schon seit vielen Jahren war Baron Nathaniel Rothschild schwer leidend, und in den letzten zwei bis drei Jahren hatte die Krankheit solche Fortschritte gemacht, daß der nunmehr Verblichene allen gesellschaftlichen Veranstaltungen ferne bleiben mußte. Um Heilung zu finden, unternahm Baron Rothschild größere Reisen, da er sich von dem Klima-Wechsel Erfolg versprach. Er weilte in Aegypten, in St. Moritz, in 'Neapel. Den letzten Winter verbrachte er in Paris und kam im Frühjahr nach Wien zurück. In der ersten Woche seines Aitfenthaltes in Wien unternahm er kleinere Spazierfahrten in die Umgebung der Stadt; mit Vorliebe suchte er einsame Orte auf, wie er überhaupt, durch körperliche Leiden verstimmt, in der letzten Zeit ein Freund der Einsamkeit geworden war. In den letzten Wochen unterließ er auch diese kleinen Spazierfahrten, sein Leiden zwang ihn, das . Zimmer zu hüten. Montag, den 13. d. vormittags war es den behandelnden Aerzten bereits klar, daß die Katastrophe unmittelbar bevorstehe. Baron Albert Rothschild wurde verständigt und traf abends aus Kaltenleutgeben in Wien ein. Nachts um Uhr erfolgte der Tod. Nathaniel Mayer Anselm Freiherr v. Rothschild war als viertes Kind und als ältester Sohn des Freiherrn Anselm Salomon v. Rothschild und seiner Gemahlin Charlotte geborenen Freiin v. Rothschild (aus der Londoner Linie des Hauses) am 26. Oktober 1836 geboren. Seine Schwestern sind die Freiinnen Julie und Mathilde v. Rothschild, beide verwitwet nach Freiherrn v. Rothschild aus der Frankfurter Linie, die dritte, Freiin Luise, vermählt mit Baron F r a n ch e t ti in Turin, ferner Baronin Alice unvermählt in London. Sein Bruder Albert Freiherr v. Rothschild ist der Chef des Bankhauses S. M. v. Rothschild in Wien. Von siebzehn Geschwistern sind nur mehr diese fünf am Leben. Nathaniel Freiherr v. Rothschild war ein als Sammler und Kunstmäzen still für sich lebender Privatmann von Bildung und Weltkenntnis, der selten anders hervortrat, als wenn es galt, Kunst und Humanität zu fördern. Als Wohltäter hat er seinen Namen mit einer Reihe hochherziger Wohltätigkeitsakte und Stiftungen verknüpft. Die bedeutenderen Humanitätsakte Rothschilds m den letzten Jahren sind die Millionenspende für die Poliklinik, die mehrfachen Spenden sür die Rettungsgesellschast, die Schenkung seines Besitzes bei Reichenau an die Armen, das Spital in Karlsbad und die Spende von 2 Millionen Kronen für das Spital der Wiener Kultusgemeinde. Außerdem zählen hundert andere Wohltätigkeitsinstitute den Verstorbenen zu ihren hochherzigen Gönnern und Förderern. Im großen Stile übte er auch private Wohltätigkeitsakte, die der Oeffentlichkeit unbekannt blieben und sich jährlich auf viele Hunderttausende beliefen. Baron Rothschild war auch ein hochherziger Förderer aller künstlerischen Bestrebungen, ein großer Kunstliebhaber und ein Sammler, der, was Verständnis und Eifer betrifft, seinesgleichen suchte. Sein Palais in der Theresianumgasse birgteine seltene Fülle von Kunstschätzen, die erlesenen Geschmack und feines Verständnis auf allen Gebieten der Kunst bekunden.