Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 23 (16.6.1905)
- Date
- 1905-06-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 23. Hieb gegen d n Antisemitismus führte, der doch in Wissenschaft und Bildung seine Todfeinde erblicken muß. Uebrigens, was nicht ist, kann noch werden. Vielleicht wird nächstens Ernst Schneider, aus irgend einem Grunde gegen den Prinzen grollend, erklären, Fürst Liechtenstein arbeite jetzt nicht mehr für Kalksburg, sondern für die Israelitische Allianz... % * * Von einem „Freunde unseres Blattes" erhalten wir nachstehende Zuschrift: „In den letzten Tagen war in den Blättern vielfach von dem Ursprung der Häuser Bernadotte und B r a g a n z a die Rede. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß auf Grund genauer historischer Forschungen auch nicht der geringste Zweifel darüber besteht, daß sowohl das Haus Bernadotte als auch das der Braganza von — Juden ab stammt." * * * Wie anders die Wortführer der Katholiken über konfessionelle Fragen dort denken, wo sie in der — Minorität sind, dafür gibt eine recht interessante Mitteilung in der „Köln. Zeitung" Aufschluß, aus der wir Nachstehendes zitieren: „Wie gründlich unsere Ultramontanen die konfessionelle Scheidung unseres Volkes auszugestalten suchen, lehrt eine kleine, aber bezeichnendeDeschichte. die sich in dem bergischen Städtchen Velbert zugetragen hat. An dem dortigen paritätischen Realprogymnasium, das unter rund 125 Schülern 21 Katholiken zählt, fand beim Ausscheiden eines Lehrers eine Abschiedsfeier statt. Dabei ließ der Direktor, offenbar um der Feier einen ernstern Anstrich zu geben, einen „evangelischen" Choral singen und Psalm 21 verlesen. Welche Wirkungen dies auf ein ult r amontanes Gemüt aus geübt hat, lehrt eine Zuschrift aus Velbert an die ..Kölnische Volkszeitung", die diese in Nr. 464 vom 5. Juni ausgenommen hat. Die ultramontane Beurteilung der Feier lautet also: .An einer paritätischen Anstalt sind die gemeinsamen Feiern doch wohl so zu gestalten, daß alle Schüler daran teilnehmen können und niemand sich verletzt fühlen kann; sie sind paritätisch zu gestalten, und da ist das religiöse Moment auszuschalten. Was würde wohl auf evangelischer Seite für ein Geschrei erhoben werden, wenn evangelischen Schülern zugemutet würde, katholische Andachten zu besuchen? Was dem einen recht ist, ist dem andern billig." Dagegen bemerkt nun die „Kölnische Zeitung": „Soweit wir wissen, ist ein Psalm ein Stück ernster religiöser Poesie, das glücklicherweise sogar noch Christen und Juden gemeinsam ist, und es ist vollkommen unverständlich, wie sich ein Katholik durch das Anhören eines Psalms „konfessionell verletzt" fühlen kann. Wir glauben, diesmal paßt das treffliche Wort des Kardinals Fischer, daß ein Verbrechen am Vaterlande begeht, wer den konfessionellen Frieden stört, wirklich nur auf den ultramontanen Teil". Wehmütig berührt der Gedanke, wie in Oesterreich in den Wiener Schulen die Gefühle der jüdischen Schüler verletzt werden, weil die herrschende Majorität da eine katholische ist. Ist es wirklich nur eine „jüdische" Erwägung, daß wahre Gerechtigkeit unabhängig von Majoritäts- und Minoritätsfragen ist? Mädchenlronfirmation und religiöse Ausbildung der jüdische« Mädchen. Es ist in den fortschrittlichen jüdischen Gemeinden allmälig Sitte geworden, um die Zeit des Wochenfestes eine Konfirmationsfeier für jene Mädchen, die das zwölfte Lebensjahr vollendet haben, zu veranstalten und so konnte man in den jüngsten Tagen öfter Gelegenheit haben, bald in dem einen, bald in dem anderen Wiener Bezirke einem derartigen Schaustücke beizuwohnen, und auch aus vielen Provinzgemeinden wurde über derartige Veranstaltungen berichtet. Wir begreifen und billigen es wohl, daß man auch bei den Mädchen dem Tage, von welchem augefangen es an die Erfüllung der religiösen Pflichten, soweit sie vom'Weibe verlangt werden, eine besondere Bedeutung beilegt und denselben mir einer weihevollen Zeremonie umgibt; aber so lange der Konfirmation nicht, wie es z. B. bei den Protestanten geschieht, ein längerer Konfirmationsunterricht mit einer abschließenden rigorosen Prüfung über die erworbenen Kenntnisse vorangeht, halten wir diese an sich sinnvolle Zeremonie wirklich nur für ein Schaustück, das wohl die Eitelkeit des meisten Teilnehmerinnen außerordentlich fördert, aber ihrer inneren Erhebung wenig Dienste leistet. Dieser Gedanke, den wir nicht zum ersten Male aussprechen, kann nicht genug erörtert werden, und wir haben darum auch mit vielem Interesse einige Anregungen gelesen, die jüngst über den Beruf des jüdischen Weibes und die religiöse Ausbildung der jüdischen Mädchen in einem unter dem Titel ..Ueber die religiöse Ausbildung unserer Töchter" in der „Jüd. Presse" veröffentlichten Artikel gegeben wurden. Welchen Beruf hat nun das Judentum dem Weibe gegeben? Das Judentum hat dem Weibe den Beruf gegeben, oder genauer, unverkürzt überlassen, welchen das Weib von Natur mitgebracht, für den die Natur es geschaffen hat: die Seele der Häuslichkeit zu sein, der Born, aus welchem das wärmende Blut in alle Adern des Familienganzen rieselt, das Herz der Familie, ihr immer leuchtender Sonnenstrahl, der dem nach Licht und Wärme durstenden Grunde der Gemüter züchtige Knospen sittiger Gemeinschaft, lachendes Obst edler Lebensinnigkeit entlockt. Diese Belastung des gegebenen Zustandes seitens des Judentums beweist zwar durch die Beachtung des Naturwillens seinen eigenen gesunden Natursinn, gibt aber an sich noch keinen Aufschluß über seine Beurteilung des Weibes. Erst mit der Aufklärung über die Zuneigung oder den Widerwillen, mit dem es sich dem Naturzustände gefügt hat, ergibt sich sein eigenes Urteil. Diese Aufklärung führt aber nur die Erwägung des Wertes herbei, welchen das Judentum der Familie beimißt, d. h. der Summe und der Bedeutung der Aufgaben, für deren Lösung das Judentum die Familie würdig befunden und be- 'rufen erklärt hat. Was hat das Judentum der Familie überantwortet? Von den Säulen, auf denen der Hochbau des Judentums ruhte, ist in der Zeiten Flucht gar manche znsammengestürzt: kein Tempel mehr, kein gelobtes Land, kein jüdisches Reich. Drei Säulen stehen heute noch: Synagoge, Schule, Familienleben. Gesetzt, wir seien vor die traurige Wahl gestellt, an eine derselben uns zu klammern mit Einbüßung der anderen — der Fall stände nicht einzig da; „längst war es in den Zeiten, die vor uns gewesen" — wir würden mit Schmerzen die Synagoge fallen sehen, mit blutendem Herzen der Schule entsagen, das jüdische Haus würden wir nicht preisgeben. Das unbewußte Gefühl, das zweifellos jeden der Unserigen zu diesem Entschlüsse treiben würde, spricht Bände. Aber es braucht nicht zu sprechen. Denn in die Tageshelle bewußter Ueberzeugung taucht diesen Entschluß ein Blick in unsere Geschichte, die Blatt für Blatt kündet, was die Familie dem Judentume gewesen ist. Warum ist die Familie die erste und letzte Säule, der Grundpfeiler des Judentums? Warum bedarf das Judentum des Familienlebens? Weil es sein letztes Ziel nicht in weltlichen, sondern in seelischen Zwecken erblickt, weil sein letztes Ziel zwar auf die gesamte Menschheit gerichtet ist, aber nicht als einen weltlichen Verband, sondern als die Summe von verwandten, mit gleichen Idealen erfüllten Seelen. Würde nicht das Weib des Mannes und der Mann des Weibes zur physischen und sittlichen Vervollkommnung bedürfen, so könnte das Judentum auch auf eine Familienwirksamkeit zu seinen Gunsten Verzicht leisten, da es nur für jede einzelne Menschenseele als solche geschaffen ist. So aber, da eine Naturnotwendigkeit der Familie iu doppelter Hinsicht besteht, bedingt auch das Judentum die Familie zu physischen und den von ihm diktierten sittlichen Zwecken; aber diese Familie, der kleinste menschliche Verband, ist zugleich der einzige, dessen das Judentum zu seiner Lebensexistenz bedarf. Diese Tatsache wirft ein Schlaglicht auf die Beziehungen, welche das Judentum zwischen der Häuslichkeit und der Oeffentlichkeit knüpft. Ergibt sich auf dem Wege einer