Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 23 (16.6.1905)
- Date
- 1905-06-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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illcbaftiou 11. Sldiniiiistialion: j Wien, 1J/, N'vvara^asse 27. j Telephon Nr. der Druckerei > ' 15302. i Insvraio! 2» Hell, per NoupareiUe-Heue. LlbounemeulSu. Jusertious-! beträte sind in Wie» zahlbar jj und klagbar. j j_!i Unabhängige Heitschrift für jäöische ien. 1 Kr scheint jeden Ireitng. Uotto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!- I Vezugspi;eis: j jj (Ganzjährig ... ff. ,2 — > l| Halbjährig . . ff. 6.— j | Für CultilSdrumte: I j Ganzjährig . ff. n» — \ Für 'Jlusltiub: i Äanziayrig . . . j 6 Rubel oder r« Fes Mark.!> Wien. 16. Innr 1963. Inhalt: Aus der Woche. — Mädchenkonfirmation und religiöse Ausbildung der jüdischen Mädchen. — Nathaniel Freiherr von Rothschild. — Die Sendung Moses' die Mission des Judentums. — Marokkanische Juden. — Verschieden',' Nachrichten. — Ter Sulzerismus und die moderne synagogale Liturgie. Wir ersuchen um freundliche Einsendung des Abonnementsbetrages und bitten gleichzeitig jene geehrten Abonnenten, welche Sommerfrischen oder Kurplätze aufsnchen, uns rechtzeitig die genaue Adresse anzuzeigen, damit ihnen das Blatt dorthin regelmäßig zngesendet werden kann. Die Administration. Aus der Woche. Baron Nathaniel Rothschild, der nach, langen und schweren Leiden im Alter von 69 Jahren verschied, hatte sich niemals geschüstlich betätigt. Den Inhalt seines Lebens bildeten: Kunstpflege und Wohltätigkeit. Millionen, viele Millionen hat der vornehme Mann Humanitären Zwecken gewidmet und er tat es zweifellos dem Impulse eines guten, edlen Herzens folgend. Denn Nathaniel v. Rothschild hatte weder das Bedürfnis, sich Reklame zu machen, noch den Wunsch, eine Ordenssammlung sich anzulegen. Seine Bildersammlung machte ihm mehr Freude. Da es auch allgemein bekannt ist, daß Nathaniel v. Rothschild Millionen humanitären Zwecken, ohne Unterschied der Konfession widmete, darf mau wohl darauf Hinweisen, wie dieser Mann nt. der Wiener christlich-sozialen Presse gewürdigt wird. Nun, jüdische Wohltäter und Philanthropen höret es: Das „Deutsche Volksblatt" weiß dem Manne, der Millionen an christliche Armen verschenkte, nur nachzusagen, daß er, da er seine Gärten nur gegen ein Eintrittsgeld sehen ließ, mit dem Gelde Anderer —: wohltätig war! * * * * Und noch Eines weiß das „Deutsche Volksblatt" von Nathaniel Rothschild zu erzählen. Eine große, infame Lüge. Es berichtet, daß der Baron einst einen seiner Gärtner entlassen habe, weil dieser dem Erzherzog Karl Ludwig , ohne besondere Erlaubnis den Eintritt in die Rothschildffchen Gärten gestattete. Aber noch mehr. Um die angebliche „jüdische" Frechheit eines Rothschild gegenüber einem Mitgliede des Kaiserhauses noch krasser hervortreten zu lassen, fügt das „Deutsche Volksblatt" hinzu, Rothschild habe seine in der Nähe des erzherzoglichen Schlosses gelegene Villa zu einem Tuberkulosenheim umgestalten wollen, um dem Erzherzog den Aufenthalt zu vergällen!! Es gehört die korrupte antisemitische Phantasie dazu, die edlen Absichten eines. großen Wohltäters durch derartige Verdächtigungen zu kompromittieren. . . Dem „Deutschen Volksblatt" ist derlei eine Kleinigkeit. Der edle Zweck wird erreicht: die antisemitischen Leser erfahren nicht davon, daß ein Jude Millionen für arme, kranke, hilfsbedürftige — Christen gespendet. Nein, sie werden gegen den Juden gehetzt, der sein Geld mißbraucht, um gegen einen Erzherzog „frech" sein zil können. Jüdische Wohltäter! So wird Euer Wirken in der Aera Lueger, in dem christlich-sozial verseuchten Wien der christlichen Bevölkerung dargestellt* * Wie sehen neben den „jüdischen" Wohltätern, die christlichsozialen Helfer und Reiter des armen ..christlichen" Mannes aus? Wir können uns bei der Beantwortung dieser Frage glücklicherweise auf das Zeugnis eines in diesem Punkte autoritativen, glaubwürdigen, verläßlichen Mannes, auf die Aussage eines — Ernst Schneider beziehen. Ernst Schneider hat kürzlich eine kleine Charakterskizze seines Gesinnungsgenossen Bielohlawek geboten, aus der man das Bild eines echten, antisemitischen Volksmannes und Volksfreundes ersehen konnte. Schneider erzählte, daß man ihm die Stelle eines Sekretärs der Franz Josefs-Stiftung angeboten, die mit 3000 K (für zwei Stunden Arbeit in der Woche) dotiert ist. Schneider hat, wie er in einer antisemitischen Versammlung mitteilte, dieses Anerbieten refusiert, weil er ..einer der korruptesten Kerle sein müßte," um unter solchen Umständen eine solche Stelle zu akzeptieren. Bisher hat aber niemand anderer alsBielohlawekdiese Stelle bekleidet! Nun weiß man, wie Schneider von Bielohlawek denkt! Allerdings darf nicht verschwiegen werden, daß Schneiders Charakterisierungsbedürfnis durch den Umstand gesteigert wurde, daß er Landesausschuß werden wollte, eine Stelle, die mit 12.000 K dotiert ist und die — Bielohlawek erhielt! Fragt sich nur, wie Bielohlawek Schneider beurteilt, der nur die Annahme von 12.000 K im Dienste der christlichsozialen Partei als erstrebenswert hält, während er 3000 K als verächtlich ansieht. Vielleicht äußert sich Bielohlawek einmal öffentlich über diesen Punkt, und man hat dann zwei wertvolle Charakteristiken christlich-sozialer Volksfreunde und Bolksretter. * * Prinz Alois Liechtenstein hat neulich in einer antisemitischen Versammlung die Notwendigkeit des Wissens und der Bildung betont. Das ist gewiß sehr merkwürdig. Noch merkwürdiger aber ist, daß die Zuhörer Sr. Durchlaucht gar nicht merkten, daß der Prinz durch diesen Wunsch einen tötlichen