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Die Wahrheit · 1905-06-09 · Heft 22 (9.6.1905) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 22 (9.6.1905)
Date
1905-06-09
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Leile8. Die Wahrheit Nr. 22. feucht, als Herr Kantor Lemberg er den herrlichenSulzerschen Weihegesang : „Es segne dich, behüte dich der Herr", aufs beste unterstützt von einem kleinen Chor des Leopoldstädter Tempels unter Leitung des Herrn Heimann und der Harmoyiumbegleitung des Herrn Prof. Herz mit tiefer Empfindung anstimmte, worauf mit dem Kaisrrliede diese schöne Feier geschloffen wurde. Ör. G. Wie». (Mädchen-KonfirMation im VIII. B ezirke.) Zn überaus festlicher und solenner Weise fand Sonntag, den 4. d. M., die Mädchen-Konfirmation im Tempel des VIII. Bezirkes, Neudeggergeffe 12, statt. Das schöne Gotteshaus war bis auf das letzte Plätzchen besetzt, als unter.Orgelklang der Einzug der Konfirmandinnen erfolgte. Mit Vortrag des Matowu durch Oberkantor Quartin begann die Feier, die ihren Höhepunkt in der schönen Predigt des Herrn Rabbiner Dr. Bauer und dem ergreifenden Bortrag des Glaubensbekenntnisses durch die Konfirmandinnen fand. Der gesamte Vorstand des Tempelvereines, mit dem Präsidenten Herrn H. B e ck an der Spitze, wohnte der weihevollen Feier bei. Wie«. Sonntag, den 4. d. M., 1ji2 Uhr nachmittags, fand im Tempel des XX. Bezirkes die Trauung des Herrn Isidor W ü n s ch mit Fräulein Erna Adler statt. In Anbetracht, daß der Vater des Bräutigams, Bauunternehmer Herr Josef W ü n s ch. Vorsteher des Brigittenauer Tempelvereines ist und bedeutende materielle Opfer für die Erhaltung des Tempels bringt, wie er überhaupt als Menschenfreund und Wohltäter sich des besten Rufes erfreut, wurde der Zeremonie ein besonders feierliches Gepräge gegeben. Eingeleitet wurde die Feier mit einem Harfenpräludium, ausgeführt von Herr und Frau Prof. Moser, worauf Oberkantor B a s s e r unter Chor-, Orgel- und Harfenbeqleitung das „Matowu" und das deutsche Brautlied: „Möge der Segen Dich begleiten" (von Grünzweig) wirkungsvoll zum Vortrag brachte. Den Trauungsakt vollzogen die Herren Rabbiner Dr. Bach und Dr. Abel es. In dem mit Blattpflanzen reich geschmückten Gotteshause bemerkten wir unter den zahlreichen Damen und Herren: Kultusvorsteher Dr. Markus Spitzer, Dr. Ehrenthal, Dr. Moritz Beck, Leop. Preßburger, Dr. Jakob Roth, Dr. Rybaczefsky, Dr. Weißenstein, Dr. Jakob Weiß, Dr. Rosenthal, Jg. Körner u. v. a. X. Ch. Wien. Am vorigen Sabbat feierte der Gymnasiast Ernst Martin B a ch r i ch, Sohn des Militär-Rechnungs-Offizials Herrn Isidor Bachrich, im Tempel in der Kluckygasse in Gegenwart des greisen Großvaters und mehrerer militärischer'Honoratioren seine Barmizwa, aus welchem Anlasse deflen Lehrer Dr. H. P o l l a k im Gotteshause erschien und an seinen Schüler eine erhebende Ansprache hielt, in der er dem Konfirmanden das treue Festhalten an der mim n;na b:~i wärmstens ans Herz legte und ihm besonders das edle Vorbild des glaubenstreuen Elternhauses zur eifrigen Nachahmung empfehlend. Mit der gelungenen Rezitation der Haftora schloß der Festakt. Wie«. Nach einem mit vielem Beifalle aufgenommenen Probevortrage wurde Herr A. M. W e i n st o ck als erster Kantor für die Fugbach-Synagoge gewählt und hat derselbe bereits sein Amt angetreteü. Prag. Die Czechen machen bekanntlich den Deutschen in Prag den Borwurf, daß ihre Majorität nur aus Juden bestehe, und die Partei der Alldeutschen spricht dieser Majorität ihr Deutschtum ab; aber trotz alledem verharrt dieser Grundstock der Intelligenz auf seinem Standpunkt, alles zu verfechten, wenn gefahrdrohend das Recht der Deutschen verkümmert werden sollte. Erst die jüngste Verfügung der Prager Stadtgemeinde, welche alle deutschgeschriebenen Firmatafeln abgeschafft wissen will, hat die Häupter des Prager Deutschen kaufmännischen Vereines zusammengeführt, um gegen diesen national chauvinistischen Anschlag Protest zu erheben, und man hofft auf einen Erfolg. Es war dem Schreiber dieser Zeilen vergönnt, durch seinen werten kunstsinnigen Freund Dr. Friedrich Bendiener, den Sohn des berühmten Advokaten Dr. Ludwig Bendiener, zur Chorprobe für die am 30. v. M. als Schluß der Schillerfeier aufzuführende 9. Symphonie von Beethoven im Spiegelsaale des deutschen Kasino eingeführt zu werden. Nachdem das Gros der Deutschen Prags, wie gesagt, aus Israeliten besteht, so müffen naturgemäß auch die deutschen Sänger Prags der Mehrzahl nach dieser Konfession angehören. Ja sogar der die Proben leitende Kapellmeister Herr Leo Blech, dessen Name in allen deutschen Landen bestens bekannt ist, gehört demselben Stamme an, also antisemitisch gesagt, alles verjudet. Es hatten mitgewirkt: Der deutsche Sängerverein und der deutsche Männergesangsverein, circa 200 Damen und Herren. Nach einer kurzen Begrüßungsansprache Leo Blechs, welcher Allen für den zahlreichen Besuch dankte, stimmte Kapellmeister EugenPollakdie ersten Akkorde an. Blech erhob seinen Stab, und schon brausten in vollen Akkorden mächtig durch den Saal Schillers herrliche Worte „An die Freude" mit Beethovens großangelegter Tonsprache verbunden. Und unsere Sänger begriffen auch, das alle Herzen Bewältigende in Tönen auszudrücken, was zwei weltumspannende Genien als das hohe Lied der Nächstenliebe predigten. „Und alle Menschen sind Brüder", auf diese Worte legte auch Blech die ganze Schwere seiner Auffaffung. Schmettern Sie es hinaus, Singen Sie es weniger! verbefferte er, und wiederum „Seid umschlungen Millionen" das muß gewaltiger klingen, dies darf nicht gebunden, mehr stoßweise hervorgebracht werden rc. rc. und immer von neuem auf die Schönheiren aufmerksam gemacht, wurden die Sänger immer wieder angespornt, die im hohen Diapason sich bewegenden Sätze nochmals und abermals zu wiederholen; aber die sich ganz hingebende Schaar unterzog sich mit Liebe dieser Anstrengung, getragen von dem Gefühl, diese ganze Skala menschlichen Empfindens von Freiheit und Gleichheit begeistert durchzuführen, um der Zuhörerschaft sagen zu können: Wir haben Schiller verstanden! Nun, auch der Dichterfürst würde Euch liebe Sänger verstehen, er, der gleich einer Morgenröte heraufgezogen, um Licht zu verbreiten, wo vor ihm noch tiefes Dunkel herrschte. Man erinnert sich an das Wort des berühmten Kanzelredners Dr. Jellinek: Das Volk Israel ist ein Volk des Lichts. Und deshalb ist der Kontakt ein so schöner, der zwischen Judentum und Schiller besteht. Mögen die Feinde des Judentums auch anders denken. Benedikt Singer. Jungbunzlau. Am 8. Juni fand im hiesigen Tempel die Mädchenkonfirmation statt, deren festliches Arrangement allgemeinen Beifall fand. Unter Orgelklang wurden 10 Mädchen vom Herrn Rabbiner Dr. Hoch zum Altar geleitet, worauf vom Oberkantor B. S ing er und dem Tempelchor ein Psalm intoniert wurde. Nach einer auf Herz und Gemüt der Mädchen wirkenden Ansprache des Herrn Rabbiners folgten die üblichen liturgischen Fragen, welche von' allen Konfirmandinnen in schönem Deutsch beantwortet wurden. Mit wahrhaft kindlichem Sinne hielt Frl. Martha Benda die Dankrede an die anwesenden Eltern, während Frl. Olga Fuchs als älteste Konfirmandin dem Herrn Rabbiner den Dankeszoll in böhmischer Sprache abstattete. Nachdem noch der Chor den Segen gesungen hatte, überreichte Frl. Frieda Singer mit einer kleinen Ansprache dem Herrn Rabbiner em Geschenk in Form eines fein gebundenen Buches, das die Beantivortungen der liturgischen Fragen enthielt. Lemberg. In deM Verein „Schomer Israel" lief folgende Mitteilung ein: In der Nacht vom 22. auf den 23. Mai überfielen 47 bewaffnete Bauern das Haus des im Dorfe Czytala bei Jaworow wohnenden Juden Moses Scheer und beraubten ihn seines Vermögens, und zwar: Bargeld X 619, Ohrgehänge im Werte von X 150, einen Ring im Werte von X 20 und einen Polster. Aber daniit noch nicht zufrieden, raubten sie auch das im selben Zimmer schlafende 16jährige blühende Töchterchen Ruchel Scheer. Trotz energischem Recherchieren der Eltern um den Verbleib und das Los ihres Kindes, blieben ihre diesbezüglichen Bemühungen bis heute ohne Erfolg. Zwar wurden drei dortige im. Verdachte stehende Bauern durch die Gendarmerie verhaftet, jedoch auf Kaution freigelassen. Wo liegt nur Galizien, in Oesterreich oder Rußland? Die Sache hört sich kosakisch an! Brody Wie sehr der Jude die Pflicht der Nächstenliebe ohne Unterschied des Glaubens heilig hält und sogar sein eigenes Leben aufopfert, wenn es gilt, das Leben eines in Todesgefahr schwebenden Christen zu retten, darüber mögen unsere Antisemiten durch folgenden traurigen Fäll eines Besseren belehrt werden. In Zborow, einem Städtchen Östgäliziens, begab sich ein Bauer mit seinem Wagen und zwei Pferden in den dortigen großen Teich zur Schwemme und gelangte an eine Stelle, wo er in der bodenlosen Tiefe des Wassers versank. Dies sah ein Jude,, zwar ein Familienvater aber ein Ben-rachmun, stürzte sich, sein eigenes Leben nicht schonend, ins Wasser, um einen ihm ganz unbekannten Andersgläubigen vom Tode zu retten, und fand selbst, nnt diesem vereint, sein kühles Grab in der Tiefe des Teiches. Um diesen Unglücklichen weinen und trauern eine Witwe und zwei Waisen, die ihren Brotgeber und Beschützer auf solche Weise einbüßten. Welche Konsequenz werden der Großantisemit Schneider und seine Jünger von dieser Aufopferung eines Juden ziehen, und wären diese fähig, eine solch edle Tat zu vollbringen? M. Markstein. Budapest. Freitag, den 26. v. M., hielt im israelitischen Kultustempel in der Tabakgasse der Prager Rabbiner Dr. Julius Fischer eine Probepredigt, der die Mitglieder der Pester israelitischen Religionsgemeinde ganz außerordentliches Interesse entgegenbrachten. Das weite Gotteshaus war bis auf das letzte, verfügbare Plätzchen besetzt, der Gemeindevorstand war unter Führung des Präsidenten Hofrates Sigmund Ko h n e r vollzählig erschienen und mit lebhafter Spannung erwartete das mehrtausendköpfige Auditorium, es waren mehr als 6000 Personen erschienen, die Kanzelrede des noch jungen Rabbiners, der, ein Sohn unserer Gemeinde, aus dem Budapester Rabbiner-Seminar hervorgegangen, erst in Györ gewirkt und dann der ehrenden Berufung nach Prag Folge geleistet hatte. Dr. Fischer hatte als Thema für seine Predigt die Frage gewählt: welchen Umständen das Volk Israels es zu verdanken habe, daß es trotz jahrtausendelanger Anfeindung, durch Nacht und Not sich habe behaupten können? Die Predigt, in ungewöhnlich schönem, klarem Ungarisch, stellenweise mit pathetischem Schwung gesprochen, machte auf das Auditorium sichtlichen Eindruck und Dr. Fischer wurde, als er, von der Kanzel herabsteigend, die Reihen seiner Hörer durchschritt, vielfach beglückwünscht. Samstag gab Hofrat Kohuer dem Dr. Fischer zu Ehren einen Teeabend, an welchem der Gesamtvorstand der Pester israelirischen Religionsgemeinde, sowie die Tempelvorsteher und der Ausschuß der Gemeinde teilnahmen. Die allgemeine Stimmung ist für den brillanten Kanzelredner die denkbar günstigste und würde es sofort zur Abstimmung gekommen sein, wäre er schon als Pester Rabbiner mit übergroßer Majorität gewählt worden. Dr. Fischer wurde Sonntaa durch den Besuch des Hofrates Kohner ausgezeichnet und ist Montag Früh nach Prag gereist. — Vorigen Freitag Abend hielt Dr. P o l l a k aus Oedenburg die Probepredigt, am Schebuothfeste wird Dr. Händler aus Lagos, Freitag Abend nach dem Feste Dr. Ke cs kemsti aus Großwardeiu und zum Schluffe Dr.'Elias Adler aus Altofen sprechen. O. H. 8. Ateratnr Eine interessante Stelle in Goethes italienischen Briefen. Es ist mir nicht bekannt, ob schon von irgend einer Seite darauf hingewiesen wurde, daß Goethe für jüdische Melodien lebhaftes Interesse hatte. Jedesfalls dürfte Kenner des jüdischen Gesanges folgende Stelle interessieren. die Goethe in Rom am 1. März 1788 niederschrieb : „So haben wir eine werkwürdige Sammlung Psalmen im Hause; sie sind in italienische Verse gebracht und von einem venezianischen Nobile, Benedetto M a r c e l l o, zu Anfang dieses Jahrhunderts in Musik gesetzt. 'Er hat bei vielen

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