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Die Wahrheit · 1905-06-09 · Heft 22 (9.6.1905) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 22 (9.6.1905)
Date
1905-06-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Seite 7. Nr. 22. Die Wahrheit. Kektor I. H. Weiß. Mit I. H. W e i ß, der, wie wir in voriger Nununer berichteten, am 30. Mai im 91. Lebensjahre gestorben ist, ist eine der hervorragendsten Erscheinungen der jüdischen Gelehrtenwelt in ein,besseres Jenseits eingegangen. Ein scharfsinniger Denker und Forscher, ein ausgezeichneter.Lehrer, hat er der jüdischen Wissenschaft unvergängliche Dienste geleistet. Sein Hauptwerk ist seine „Geschichte der jüdischen Tradition", die, wie selten ein zweites Werk, helles Licht über das talmudische Judentum verbreitet und in ebenso scharfsinniger als geistvoller Darstellung die Entwicklung der jüdischen Lehre von den ältesten Zeiten bis fast auf unsere Zeit bietet. Das Werk ist in klassischem Hebräisch geschrieben und wurde vor Jahren ein Teil desselben in deutscher Uebersetzung von Dr. K a h a n in diesem Blatte veröffentlicht. Gerade in der heutigen Zeit, wo der moderne Jude den Zusammenhang mit dem Boden, dem er entsprossen, gänzlich LU verlieren scheint, und den in der Finsternis der allgemeinen Unwissenheit Tappenden „Die Geschichte der jüdischen Tradition" als leuchtende Fackel wahrer Aufklärung erschiene, wäre es überaus wünschenswert, daß dieses ausgezeichnete Werk durch eine Uebersetzung der deutschen Judenheit zugänglich gemacht würde. Das Leichenbegängnis des greisen Gelehrten fand Sonntag, den 4. d. M., 2 Uhr nachmittags, unter ungemein zahlreicher Beteiligung statt. Sämtliche offiziellen Vertreter des Judentums und eine große Zahl von Freunden, Verehrern und Schülern gaben dem Verewigten das letzte Geleite. An seiner Bahre sprachen: Rektor Dr. Schwarz, Lektor F r i e d m a n n, Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n, RabbinerDr. Schmiedl und Rabbiner Dr. Oppenheimer -Olmütz. Die kantorale Funktion .versah Oberkantor Guttmann. Jakob K. Krandeis. Wer kennt ihn nicht, den biederen alten Herrn mit den noch jugendlich angehauchten Wangen, mit dem wohlgepflegten, grau melierten Kaiserbarte, mit den milden Gesichtszügen, die jeden, der an ihn herantritt, eutgegenkommend begrüßen, der stets bereit ist, auch dem Geringsten mit Rat und Tat beizustehen? Wer Jakob Br and eis in seiner Buchhandlung zu sehen oft Gelegenheit hatte, der wird ihn nie anders als tätig, in jener stillen Ecke beim Schreibtisch, mit der Feder in der Hand, irgend einen Bericht schreibend, eine historische Begebenheit nufzeichnend, gefunden haben.- Ich will hier nicht noch einmal darauf Hinweisen, welch reiche journalistische Tätigkeit er entfaltete, wie er seit vielen Jahren und zu allen Zeiten tätig, edle Wohlfahrtsbestrebungen immer fördernd, unermüdlich und segensreich wirkte, dies haben bereits andere Blätter rühmlich hervorgehoben. Was ich jedoch ergänzend hinzufügen möchte, ist, daß seine Buchhandlung der literarische Vereinigungspunkt jener Männer war und ist, welche sich mit Herausgabe von Schriften und anderen auf das jüdische Leben bezughabenden Werken befassen. Diese können allezeit bei Jakob B. Brandeis einen aufrichtigen und leutseligen Berater finden, der sich gern in den Dienst der guten Sache stellt, wenn auch dem Kaufmann Brandeis nicht immer der materielle Vorteil winkt. Jakob B. Brandeis ist ein echtes Prager Kind, aus vornehmem Hause stammend, ausgewachsen 'mit den Verhältnissen und auch mit voller Wärme das Schöne und Große, das das Prager Ghetto und das spätere geistige Prag hervorbrachte, vertretend. Wie oft habe ich von ihm Anregung erhalten, um über Persönlichkeiten, wie Franz Skraup, Dr. Michael Sachs und Oberkantor Moriz Pereles rc. in unserem Fachblatte ganze Artikel schreiben zu können:-Doch ich spreche zu viel von der Vergangenheit. I. B. Brandeis ist wohl 70 Jahre alt geworden, aber sein elastischer Körper, sein reger Geist verbürgen noch für eine weitere Tätigkeit, um der wißbegierigen Jugend zu nützen und den Männern von Beruf ein beratender Freund zu bleiben. Vom Herzen sei ihm und seiner edlen Frau gratuliert! Iungbunzlau, im Juni 1905. B. 8. Verschiedene Nachrichten. Wien. Die Religionsprüfungen für Mittelschüler finden im H. Semester dieses Schuljahrts Mittwoch, den 14. Juni, von 3—5 Uhr nachmittags, in der Religionsschule der israel. Kultusgemeinde (I., Seitenstettengasse 2, II. Stock) durch Herrn Professor Dr. H. Pollak statt. Wien. tA d o l f S t i a ß n y.) Am 1. Tage Schewuoth begeht das älteste Mitglied des Bethausvorstandes der Wiener Kultusgemeinde Herr Adolf S t i a ß n y, in bewunderungswürdiger geistiger und körperlicher Rüstigkeit seinen 80. Geburtstag und zugleich vollendet er an diesem Tage das 40. Jahr seines ununterbrochenen Wirkens als Vorsteher. Seine Kindheit fällt in die Zeit des Werdens der heutigen Wiener Kultusgemeinde und der Beginn seiner Wirksamkeit im Bethausvorstande ist zugleich der Beginn jener Epoche, in welcher unter stetiger und gewaltiger Zunahme der Wiener Bevölkerung Wien zur Großstadt und die Wiener Kultusgemeinde zur Großgemeinde wurde. So ist er, mit seinen persönlichen Erinnerungen in die Zeit der Altvorderen zurückreichend, in die moderne Zeit und die modernen Verhältnisse hineingewachsen und er wußte sich durch seine liebenswürdige Persönlichkeit, die den Typus jüdischen Biedersinnes mit der alten Wiener Gemütlichkeit vereint, jederzeit nur Freunde zu erwerben. Ein Genuß ist es, ihm zuzuhören, wenn er aus jenen Zeiten erzählt, als die glanzvollen Namen der alten jüdischen .Patrizierfamilien noch mit Herz und Hand an der Verwaltung der Wiener Kultusgemeinde teilnahmen, und Wehmut beschleicht den Zuhörer, wenn er bedenkt, wohin so viele Epigonen jener glaubensstarken Männer geraten sind. Mit seltener Liebe und seltenem Eifer hängt er seinem Ehrenamte an und möge es ihm von der Vorsehung gegönnt sein, noch viele Jahre an heiliger Stätte die von ihm ernst genommenen Pflichten eines Vorstehers zu erfüllen. Wien. ^Hafenbaudirektor Sigmund Taus fiig.) Die „Wiener Zeitung" brachte vorige Woche nachstehende Verlautbarung: „Der Kaiser hat gestattet, daß dem Hofrate des niederösterreichijchen Staatsbaudienstes und Hafenbaudirektor der Donauregiülerungskommission Sigmund T a u s s i g aus Anlaß der erbetenen Uebernahme in den dauernden R u h e st a n d für seine vieljährige pflichttreue und vorzügliche Dienstleistung neuerlich der Ausdruck der allerhöchsten Anerkeunung bekanntgegeben werde." Wien. Ein verhängnisvolles Schicksal waltet über der Familie des vor kurzem verstorbenen Direktors des Wiener Bankvereines Moriz Bauer. Kaum ist ein Monat seit dem Hinscheiden dieses seltenen und allverehrten Mannes vergangen, ist nun auch dessen zweiter Sohn Leopold Bauer, der seinem Vater mit ganz besonderer Liebe anhieng, eines plötzlichen Todes gestorben. Der junge Mann, früher Prokurist des Hauses Moriz Pflaum, war wohl leidend, doch gerade in der letzteren Zeit hatte er sich wesentlich erholt. Er war bei seinem Onkel, dem österreichischen Generalkonsul Rafael v. Bauer in Brüssel, zu Gaste und hatte noch Samstag, den 3. d. M., um 7 Uhr früh, ein Telegramm an seine Mutter gesendet. Tags darauf, um 10 Uhr, auf einem Spaziergange begriffen, sank er tot zusammen. Der Leichnam wurde nach Wien überführt und Donnerstag, den 8. d. M., auf dem Zentralfriedhofe in der Familiengruft beigesetzt. Für die tiefbetrübte Mutter und die schwergeprüfte Familie gab sich allgemeinste Teilnahme kund. Die Trauerfunktiouen bei dem Leichenbegängniffe versahen Oberrabbiner Dr. Güdemann und Oberkantor Singer. Wien. (Mädchen-Konfirmation in der Leopoldst a dt.) Es war eine sehr erhebende Feier, zu der am 1. d. M. mehr als hundert erwachsene Mädchen, im weißen Festgewande, an heiliger Stätte sich einfanden. Der große Tempel der Leopoldstadt — obwohl Karten ausgegeben waren, um zu großen Andrang zu vermeiden — war voll besetzt, als Oberkantor Gurtmann das Matowu intonierte. Herr Rabbiner Dr. Schmiedl hielt die Festrede, in der er die Heranwachsenden Mädchen auf ihren künftigen Beruf, als „Nesche chajil“, als „Heldinnen", treu dem angestammten Väterglauben, im Hause zu wirken, besonders aufmerksam machte und der Hoffnung Ausdruck gab, daß sie alle in nicht mehr ferner Zeit unserem Volke zur Ehre gereichen werden. Unter den Vortragenden Mädchen — es waren durchwegs klangvolle Stimmen — fiel besonders die Tochter des Herrn Regierungsrates Dr. Schlag auf, die kräftig und innig das Glaubensbekenntnis im Namen Aller sprach. Zum Andenken an diese Feier erhielt jedes Mädchen vom Kultusvorstand ein prachtvolles Mannheimer-Gebetbuch und von Herrn Dr. Schmiedl seine illustrierte Festschrift „Die Konfirmationsfeier der weiblichen Jugend" mit herrlichem rhetorischen und poetischen Inhalte. Wien. Vergangene Woche fand unter überaus zahlreicher Beteiligung das Leichenbegängnis des Schuhfabrikanten Herrn Wilhelm Simon statt. Der Verblichene war ein äußerst guter und wohltätiger Mensch und deshalb allgemein beliebt. Der Verein zur Bekleidung und Unterstützung alter Männer, deffen Mitglied der Verstorbene war, hat aus diesem Anlasse der im Schoße des Vereines bestehenden Michael Back-Stiftung eine Kranzablösungsspende gewidmet. Zu diesem Zwecke spendeten die Herren Präsident Isidor Schwarz X 25, Michael Back X 20 und Markus K o h n X 10 Die kantorale Funktion versah erster Kantor Schiller, den Nachruf hielt Rabbiner Dr. Schmiedl. Wien. Freitag, den 2. d. M., ist hier Frau Marie Schwager, die Mutter des Administrators der „Lesterr. Wochenschrift", Herrn Max Schwager, im 59. Lebensjahre gestorben. Das Leichenbegängnis fand Sonntag, den 4. d. M., unter großer Teilnahme vom Trauerhause nach dem Zentralfriedhofe statt. Die Trauerfunktiouen versahen Oberkantor G u t m a n n mit dem Chore und Rabbiner Dr. G r u n w a l d. Wien. (Mädchen-Konfirmation im III. Bezirke.) Der rührige Vorstand des Hl. Bczi.kes mit Dr. Ehrenthal und dem Schriftführer Herrn O rn stein an der Spitze, hat die diesjährige Mädchen-Konfirmation besonders feierlich gestaltet. Der mit Tannenreifig und Blumen prächtig geschmückte Weißgärbertempel konnte die Anzahl der Festgäste nicht faffen, welche dem gediegenen Bortrage des für diese Feier speziell berufenen Funktionärs, des Herrn S. Lcmberger vom Stadttempel, lauschte. Seine mächtige, sympathische Baßbaritonstimme erweckte eine weihevolle Stimmung, die sich zur Andacht steigerte, als der Prediger Dr. A b e l e s in einer geistvollen, feffelnden Exhorte die Bedeutung der Konfirmation erörterte und in warmen Worten für die religiöse Erziehung der Heranwachsenden Generation eintrat. Manches Mutterauge wurde

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