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Die Wahrheit · 1905-06-09 · Heft 22 (9.6.1905) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 22 (9.6.1905)
Date
1905-06-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 22. Die Wahrheit Seite 9. die Intonation der Juden, teils der spanischen, teils d er d eutsch en, als Motiv an g enommen .. .. Vielleicht kann man einmal das ganze Werk haben, das in Venedig 1724 gedruckt ist und die ersten fünfzig Psalmen enthält." Vielleicht gibt vorliegende Bemerkung Kennern der Musik Veranlassung, das Werk von Marcello zu studieren und den Einfluß der jüdisch-traditionellen Melodien auf dasselbe nachzurveisen. Professor Dr. B i a ch, Rabbiner in Brüx. Aeber Babylon nach Rom. Biblisches Tonbild zur Geschichte Israels . für großes Orchester, komponiert von Hermann Zivi, Oberkantor in Elberfeld. Als Vorläufer des geistlichen Oratoriums schätzt man im allgemeinen die geistlichen Musikdramen mit Dialog, Rezitativen, Chören und Tanz, welche am Anfänge des 17. Jahrhunderts durch die geistlichen Konzerte eine neue fördernde Richtung erhielten. Heinrich Schütz (Dresden) 1615—72 schrieb seine Oratorien noch im a oapella-Styl und verlangte urimische Darstellung; erst durch Hinzutritt des Orchesters verschwand später die äußerliche Ausstattung und mimische Darstellung; in den grandiosen Werken Händels und Bachs erreicht das Oratorium jene Gestalt, die zugleich den Höhepunkt, aber auch Abschluß des großen deutschen Qratorien-Styles bildet; das geistliche Oratorium hat auch späterhin bedeutungsvolle Phasen durchgemacht, ohne in musikalischer Hinsicht die Altmeister zu erreichen. Noch vor dem Austauchen der „Programm-Musik" wurden vielfach biblische Vorwürfe zu Oratorien oder Tongemälden in verschiedener Fassung benützt. Die neueste Zeit hat in der „Programm- Musik" das der Musik unterlegte Wort eliminiert und spricht somit lediglich durch die Instrumente. Der Komponist bietet den Hörern zur leichteren Fassung seiner Idee ein unterlegtes „Programm", welches seine bestimmten 'Absichten expliziert; es entstand demnach eine Symphonie mit freier Form und poetisch ausdrücklich bestimmtem Inhalt — die symphonische Dichtung. Ein Werk dieser Gattung liegt in Zivis neuester Arbeit vor uns. Der Komponist betitelt es „Biblisches Tonbild" und legt den einzelnen Sätzen folgendes Programm unter: 1. Darstellung des salomonischen Tempelbestandes; 2. Babylonische Gefangenschaft — Jeremia auf den Trümmern Jerusalems (■='**), zugleich erscheint analog der historischen Begebenheit das s'urr Fest; 3. Rückkehr nach Jerusalem; 4. Juda in neuer Macht. — Die Makkabäer (ns »*>’*=); 5. Erstürmung Jerusalems und Knechtschaft Israels durch Titus (Fs Eigentlich findet man in religionsgeschichtlichen Programm-Musiken neben Gefühlszumeist Verstandesmusik; orchestrale Illustration des Gottesgerichtes, des Krieges, der Pest, des Hungers, des Todes führen zu -erklügelten, unklaren Tonmalereien, die unverstanden bleiben, cs ist Musik, vergleichbar mit einem Mimiker, der sich vergeblich bemüht, uns durch komplizierte Gesten ein Geschehnis mitzuteilen — ein paar klare Worte wären Erlösung; ich erinnere hier nur an die entschiedene Ablehnung, die solche Werke von'tüchtigen Meistern bei'der Zuhörerschaft fanden. Gegen Zivis Programm ist zunächst nichts einzuwenden, da es sich um religionsgeschichtliche Vorwürfe handelt, die an sich interessieren und für musikalische Ausgestaltung geeignet erscheinen; wir erhalten somit keine reflektierte Verstandes-Musik mit Zuhilfenahme eines phantastisch verschrobenen Programms, sondern ungekünstelt und naiv in Musik umgesetzte Ideen — nicht Naturalismus, sondern Natur. Schon bei flüchtigem Durchsetzen der Partitur gewahrt man, daß Zivi mit den traditionellen Weisen bestimmten Gedanken Ausdruck gab, dieselben erscheinen als Grundlage seiner Ideen. Indem er Melodie und Rhythmus beibehält, hat er die erstere stellenweise veredelt, die Umrisse vergrößert und an vielen Stellen ein harmonisches Halbdunkel hineingezaubert, welches jene Empfindungen und Erregungen wiedergibt, die unsere Herzen beim Hören dieser heiligsten Weisen bewegt. Das Dramatische hat den Komponisten mächtig ergriffen, der technische Ausbau, die harmonische Ausgestaltung zeugen von Intelligenz, und in allen Teilen überrascht neben dem Respekt vor der Form die Ehrfurcht vor dem Ueberlieferten. Ist auch nicht alles originell — so ist es doch melodisch gefällig, voll Esprit und Grazie; ist auch nicht alles von hinreißender Wirkung, so nimmt es uns doch durch wahre und warme Empfindung gefangen. Mit diesen inneren Vorzügen verbindet sich der äußere Vorzug einer stellenweise auf blendende Klangwirkung berechneten Instrumentierung, ohne hyperdrastische Kniffe, doch effektvoll; die Technik ist hier nicht Selbstzweck, sondern steht im Dienste der musikalischen Idee. Zu bedauern ist, daß die am Anfänge beim Streich-Quintett so herrlich anklingende ’-n: Melodie bald durch die Holzbläser und zwei Hörner unterbrochen wird, indessen versöhnt hier der fein berechnete Uebergang zur Weise von Tijs'.i L'rri. In der richtigen Voraussetzung, daß das Cello in seinem Klange der menschlichen Stimme am nächsten kommt, hat Zivi die «’s Melodie diesem Instrumente zugewiesen, es dünkt uns jedoch der Klang mit zwei Klarinetten, und Fagott etwas spröde, ein Solo von Englisch Horn, zumindest Oboe in Begleitung eines Streich-Quartetts (con sordino) hätte hier die dazu passende wehmütige Stimmung besser ausgedrückt. Zweifellos überwältigend "wird das Schluß-Pesante wirken, wo die p’s Melodie mit Aufgebot des ganzen Orchesters dynamisch blendend ertönt. Dem ganzen Opus muß man schließlich das nachrühmen, was man an ' einem vollkommen liebenswürdigen Menschen lobt, ungesuchte Formen, Sicherheit, Klarheit und Einfachheit, trotzdem eindringlich im Ausdruck, innere Uebereinstimmung des Ganzen und überall gleichmäßig fein berechnete Kraft. Zivis ungewöhnliches Talent dokumentiert sich hier neuerdings in der Vereinigung kontrapunktischen Könnens, genialer, thematischer Arbeit mit bedeutender Instrumentations-Kunst. Kattowitz, Mai 1905. Oberkantor Simon Singer. Klützende Kotzten. Novelle von Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) „Gut Schabbos!" tönte es ihr zurück. „Wo bleibst Du heute so lange, ich hatte ordentlich Sorge um Dich." „Warum nicht gar," antwortete Emma mit einem schwachen Versuche zu lächeln; „mir geschieht nichts, das solltest Du wissen, Unkraut verdirbt nicht; aber beim Nachhausegehen traf ich eine Bekannte, mit der ich mich aufgehalten habe, Du kennst sie ja> die Toni Gerstl, die in der alten Wohnung in der Schiffmühlengasse unsere Nachbarin war." „Ach die, ich weiß schon, und die hat Dir etwas sehr Verdrießliches, etwas sehr Unangenehmes mitgeteilt," sagte Betti, die Schwester mit einem sehr durchdringenden Blicke fixierend, „nicht wahr?" „Wie, Du weißt es schon, Betti?" „Was es ist, weiß ich" nicht, daß es aber etwas Unangenehmes für Dich ist, das sehe ich Dir an. Was also hat Dir die Plaudertasche denn erzähl:, wenn ich es wissen darf?" „Warum denn nicht, liebe Schwester, es ist ja kein Geheimnis, wenns nämlich wahr ist, denn Du selbst hast die Erzählerin dieser Sensationsnachricht als Plaudertasche bezeichnet." „Eine Sensationsnachricht? Emma, Du machst mich neugierig, was war es denn?" „Es ist mir höchst peinlich, darüber zu sprechen, doch hast Du ein Recht darauf, es zu erfahren, und zwar muß es sofort sein, bevor unsere neue Pensionärin heimkommt; denn was Dir gegenüber eine schwesterliche Mitteilung ist, wäre, Fremden erzählt, böswillige Verleumdung. Denn hoffentlich ist die ganze Sache erfunden. Also die Toni erzählte mir, daß Dr. Piesen, der vorigen Dienstag hätte Hochzeit haben sollen, von seiner Braut im letzten Momente, schon als sie unter der Chuppe standen, verlassen worden sei. Sie behauptete, diese Nachricht aus sicherer Quelle zu haben." Betti war von ihrem Sitze aufgesprungen und rief im Hellen Jubeltone aus: „Also doch, Gott sei Dank!" „Was ist das, Betti, was muß ich hören? Ziemt sich diese Schadenfreude für ein so seelengutes Mädchen, wie Du es sonst bist, für die Tochter des edlen, selbstlosen Ahron Kolinsky?" „Selbstlos und edel bist Du genug, Emma! Ich brauche dies nicht auch zu sein. Während Du dem treulosen Verräter vergeben und ihn an seinem Hochzeitstage von der Ferne aus gesegnet hast, habe ich ihm kein Glück gewünscht und" — sie fügte das leise hinzu — „gehandelt." Laut fuhr sie fort: „Ich habe nie jemandem gezürnt, wenn er sich von meiner mißgestalteten Persönlichkeit voller Widerwillen, im günstigsten Falle voll Mitleid, weggewendet hat, ich habe fiir meine Person niemals Liebe gewünscht oder erwartet; aber den Mann, welchem wir unser Haus geöffnet, den wir so reichlich unterstützt haben, der vorgab, Dich über alles zu lieben und sich am Sterbebette des Vaters mit Dir verlobte, um Dich schließlich schmählich zu verlassen, diesen Mann hasse ich bis zu meinem letzten Atemzuge. Sage meinethalben auch Du, wie die meisten anderen Leute, daß in dem mißgestalteten Körper eine mißgestaltete Seele wohnt, ich setze mich über das Urteil aller hinweg, ich mußte Dein verdorbenes Leben rächen an dem, der Dein Lebensglück vernichtete, an dem elenden Verräter." Emma stellte sich der Schwester gegenüber und rief voller Unruhe aus: „Ich will nicht hoffen, Betti, daß Du Deine Hand im Spiele hattest; ich habe längst auf meinen Jngendtraum verzichtet und meine Gefühle für Heinrich Piesen sind die einer Jugendfreundin und meine ehemalige große Liebe zu ihm ist gänzlich erloschen. Sprich, Betti, was hast du getan?" Dem noch immer erregten Mädchen wurde die Antwort erspart, denn die Türe öffnete sich und herein stürzte eine liebliche Mädchengestalt, welche geschwind die Türe hinter sich zumachte und vor unterdrücktem Lachen kaum imstande war, den üblichen Gruß auszusprechen. (Fortsetzung folgt.) NNUPNIMNI iirniii i m T~ri~~ ii i i iiii i i ui m «, nmmi n! im ,»»

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