Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1905-06-09 · Heft 22 (9.6.1905) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 22 (9.6.1905)
Date
1905-06-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063265-3063287--03701-3070480
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 22. Z«m Jubelfeste des De. Gmil Kyk. Die Situation unseres Volkes im allgemeinen wie die Galiziens msbesondere ist kaum darnach angetan, Jubel und Festgelage zu pflegen, aber zuweilen geschieht es doch, daß weitere Kreiie von aufrichtiger Festesstimmung erfaßt werden, wie dies bei dem jüngst stattgehabten Hochzeitsjubiläum des Präsidenten der Lemberger Kultnsgemeinde, Reichsratsabgeordneten Dr. E. Byk, der Fall war. Allein dem Feste an sich würden wir kaum an dieser Stelle so eingehende Betrachtung widmen, wenn nicht dem Festtage selbst auch eine gewisse politische Bedeutung innewohnte; denn die 25 Ehejahre waren ebenso viele Jahre ernster und erfolgreicher Arbeit für unser Volk. Unser Silberhochzeitler, welcher Donnerstag, den 25. Mai, seinen Hochzeitstag feierte, gehört nämlich zu jenen wenig derzeit noch am Leben befindlichen Männern, welche in Lemberg ihre politische Schulung als Wahrer, Verteidiger uud Vertreter jüdischer Interessen im ersten jüdisch-politischen Verein Galiziens, im „Schomer Israel" durchgemacht haben. Vom Präsidenteupodium dieses Vereines aus erklomm derselbe die Präsidialtribüne des Lemberger Kultusvorstandes, von hier wurde er (vor 25 Jahren) in den Gemeinderat entsendet und endlich eroberte er sich den kurulischen Stuhl im Reichsrate. Dr. Emil Byk ist somit der älteste jüdische Parlamentarier, welcher durch Dezennien im Dienste der jüdischen Repräsentation steht, während seine Mitarbeiter im Vereine ..Schomer Israel" längst eingezogen sind in das Reich des ewigen Friedens. Was seine Anschauung in Judaeis anbelangt, gehört Dr. Byk zur Assimilationspartei, an deren Fahne er festhält, ohne der neuen Strömung, dem Zionismus, einen Fußfall zu wachen. Indes besitzt er so viel parlamentarischen Takt und genügend Toleranz, um als anständiger Gegner der Gegenpartei auch gewisse Konzessionen zu machen, indem er wohl weiß, daß mit einer so mächtigen nationalen Strömung, der die Zukunft gehöre auch die Gegenwart sich abfinden müsse. Politisch verfolgt Dr. Byk die gleiche liberale Richtung wie etwa die ehemalige Kaiserfeldsche oder Mühlseldsche Partei und ähnliche andere, die jetzt von der politischen Schaubühne verschwunden sind, und so sehen wir ihn jetzt im Kolo polskie sitzen und mit ihnen an ein- und demselben Strange ziehen, ohne aber hiebei das Interesse seiner Stammesgenossen aus dem Auge zu verlieren. So erwirkte Dr. Byk für den jüdischen Handwerkerstand in Galizien die Freigebung des Sonntages als Nichtruhetag. Desgleichen verdankt man ihm, trotz der antisemitisch-reocktionären Strömung, gar manche Avancements jüdischer Beamten, und neuerlich erst brachte er die Interpellation betreffs der Schechita ein, welche nur drei jüdische und zwölf christlich-polnische Unterschriften trug. Daß Dr. Byck die Kahals-Kanzlei in einen förmlichen Palast verlegte und daß er im Kanzleidienst wie in der Kaffagebarung eine solch musterhafte Ordnung durchgeführt hat, wie sie peinlicher kaum in irgend einer Staatsverwaltung angetroffen wird, davon kann sich wohl jedermann überzeugen. Wenn unter solchen Umständen das Familienfest des Herrn Dr. Byk sich zu einem allgemeinen Feste seiner Mitbürger und Glaubensgenossen gestaltete, so ist dies nur eine natürliche Folge seiner hingebenden und treuen Arbeit im Dienste seiner Gemeinde, an deren Spitze er ein Vierteljahrhundert steht. Wir können wohl nicht in alle Einzelheiten des Festes eingehen — man müßte den Rahmen einer Tageszeitung überschreiten, wenn man z. B. nur die Ansprachen der verschiedenen Deputationen wiedergeben wollte — und so müssen wir uns darauf beschränken, den Eindruck, den wir erhielten, in großen Zügen zu zeichnen. Treu der alten fortschrittlichen Gepflogenheit. begann das Fest mit einer Auffahrt zum Tempel der Fortschrittsgemeinde. Dorthin begab sich das Jubelpaar, wurde vom gesamten Vorstande zu den Ehrensitzen auf einer blumengeschmückten Estrade geleitet, und Tempelchor, Kantor und Prediger entledigten sich ihrer Aufgabe in ebenso solenner als tadelloser Weise. Nach der Feier im Tempel begann die Auffahrt der Gäste und Korporationen zur Wohnung des Jubelpaares, jede der Deputation hielt ihre angemessene Ansprache und überreichte kostbare Adressen. Die kostbarste war wohl die des Lemberger Kultusvorstandes. Der Stadtmagistrat erschien unter Führung des Vizepräsidenten Michalski. Diese Repräsentanz hatte, wie immer, für den Mann, der mit ihnen 25jährige Arbeitsgemeinschaft teilt, den Mann, der ihnen das Gros der jüdischen Wähler zuführt, sie aus den Strzelnica-Nöten befreite und am Ruder hält, für diesen treuen Bundesgenossen, welcher sich eben deswegen auch ein Heer von Gegnern zuzieht, hatten beide, Michalski und M a l a ch o w s k i, sympathische Worte in allen Gängen und Toasten. Dieses Gebaren erscheint fast typisch für den ganzen Geist, welcher in der judenreinen Stadtbude herrscht: Für Juden den Spieß, für Polen katholischer Konfession den Braten. Wir glauben es dem Stadtpräsidenten aufs Wort, wenn er im Toaste den Wunsch aussprach, daß die Lemberger Gemeinde viele derlei Männer besitzen möge — natürlich zur größeren Ehre, Pardon zur größeren Heeresfolge und generöfen Unterstützung ihrer Herzenswünsche. Wir aber wünschen geradezu das Gegenteil. Möge der Jubilar seine herrlichen Gaben dazu verwenden, um fortab in einer energischeren Tonart die verbissene und unerhörte Judenreinheit des Magistrates zu verdammen und zu verbannen, und möge endlich die Zeit kommen, in welcher das Magistratspräsidium nicht an Kreuz und Krummstab gebunden ist, sondern auch jüdischen hervorragenden Bürgern offen stehe. In einer Gemeinde, in der jeder dritte oder vierte Mensch Jude, jedes dritte oder yierte Haus jüdischer Besitz ist, und jede Gemeinde-Institution, selbst mit ganz urchristlicher Bestimmung, von jüdischem Gelde erhalten wird, muß endlich die Stunde geschlagen haben, in der das Prinzip der Gleichheit der Rechte bei Gleichheit der Pflichten durchgeführt wird. Dies anzustreben, möge die Aufgabe aller unserer jüdischen Gemeinderäte sein, welche so viel Gewicht auf die Wahl in den Gemeinderat legen. Unter den Adressen verdienen hervorgehoben zu werden: die des Kültusrates, des Spitalrates, des Waisenhauses, der Kultusbeamten, der Synagogen und der jüdischen Schulen, der Frauenwohltätigkeitsvereine zc. Alle überboten sich in Lobeserhebungen, wie nicht minder in - herrlichen kalligraphischen Arbeiten und prachtvollen Envelopes, die würdig wären, ein Museum für kalligraphische Kunst zu schmücken. Unendlich war auch die Zahl der eingelaufenen Gratulationen von hohen politischen und gesellschaftlichen Persönlichkeiten, u. a. vom Statthalter von Galizien, vom Vorstande der Wiener Kultusgemeinde, von zahlreichen anderen jüdischen Gemeinden und Vereinen rc. Das feiernde Paar hat aber nicht blos Sorge getragen für die Tafelfreuden der jüdischen und christlichen Gäste (der Gemeinderat war fast vollzählig erschienen), sondern auch für die armen Hungerleider beider Konfessionen und wurden 500 Portionen in den jüdischen und ebensoviele in den christlichen Volksküchen verteilt. Für die armen Schulkinder der jüdischen Schule war ein besseres Menu vorbereitet, während die Waisenkinder in ihrem herrlichen Heim, die Pfründner und Pfründnerinnen wiederum in dem ihrigen auf Kosten des Jubelpaares gespeist wurden. Es bedarf erst keiner besonderen Erwähnung, daß Frau Dr. Byk, als der gute Geist des Hauses, als Förderin der Erziehungs- und Wohltätigkeitsinstitute und Vorsteherin mehrerer Humanitäisinstitute, ebenfalls der Mittelpunkt aller Ovationen war, und so schließen wir diesen Bericht mit dem Wunsche, daß das Jubelpaar auch das goldene Fest erleben möge, und daß es dem Jubilar beschieden sei, fortdauernde Erfolge zu erzielen im Ringkampfe um die Erhaltung und Fortentwicklung unserer Rechte, auf den exponierten Posten, wo immer derselbe von seinenzBrüdern gestellt sein wird. Möge ihm das Losungswort ..Schomer Israel" der Leitstern bleiben in den dunkeln Gängen zwischen Anti- und Assemiten und ihn geleiten bis ins hohe Alter. Samuelsohn.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.