Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 22 (9.6.1905)
- Date
- 1905-06-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22. Die Wahrheil L eue o. im Lande als vollberechtigte Bürger anerkennen würden, lassen lieber die Bauern nach Ur-Ur-Großväter-Sitte das Land bewirtschaften, verzögern die Entwicklung des Handels und der Industrie, lassen lieber, wie in Rußland, Getreide und Fische verfaulen, als daß wir den Inden mehr Vorteile znkommen lassen. Die Herren vergessen nur, daß heutzutage die Welt viel zu eng ist, als daß man Länder, zumal in Europa, lange unentwickelt liegen lassen kann. Sind es nicht die im Lande geborenen Inden, die gern auch Bürger des Landes werden möchten, dann kommen eben andere Staatsangehörige, die sich nicht nach rumänischem oder russischem Bürgerrecht sehnen, Leute, die cut Konsuln, an Gesandte, sich wenden können, die die Fahne einer großen Macht schützt, und die Reichtümer des Landes gehen in fremden Besitz über, und das Land läuft außerdem Gefahr, in Konflikte mit anderen Ländern zu geraten. Die Grenzen des Landes aber Fremden ganz zu versperren, geht heute auch liicht mehr. Japan hat diese Politik aus freien Stücken aufgegeben und ist gut dabei gefahren. China hat es nicht getan und hat drn Schaden davon. Australien, das den ganzen Kontinent für die Australier behalten will, lebt in steter Sorge, daß die Japaner mit.Gewalt sich die Möglichkeit verschaffen werden, in dem so wenig bevölkerten Erdteil durch Arbeit sich eine in ihrem übervölkerten Vaterlande unmögliche Existenz zu gründen, die ihnen jetzt die australische Gesetzgebung verschließt. Unsere Antisemiten aber, die für die rumänische Judenpolitik so schwärmen, sollten beherzigen, daß die in Rumänien unterdrückten Juden, wie Herrn Bellefort geklagt worden ist, die d e u t s ch e n P i o n n i e r e s i n d, die Verbreiter deutschen Einflusses und deutscher Industrie. Und feiner sollten sie sich merken, daß die administrative Verfolgung die schlimmste von allen Verfolgungsarten ist. Nicht das Gesetz, das man kennt und das man bekämpfen kann, ist das gefährlich Furchtbare, sondern das ganz Gemeine ist es, das man nicht „kann sehen und ins Auge fassen" und darum auch nicht offen bekämpfen. Und noch unmoralischer und darum verderblicher als selbst die gesetzlich eingeführte Willkür — wenn wir uns ein solches Paradoxon erlauben dürfen — ist die Willkür trotz Gesetz und Verfassung, denn diese untergräbt im ganzen Volke die Achtung vor dem Gesetz, das Vertrauen auf Gesetz und Gerechtigkeit. Israelitische JÜUim;;n Wien. Die andauernde Notlage der Juden in Rumänien, die schrecklichen Verfolgungen und blutigen Gewalttätigkeiten, unter welchen unsere Glaubensgenossen in Rußland zu leiden hatten, und der fast unaufhörlich flutende Auswandererstrom, der sich ans diesem durch die Folgen des Krieges doppelt unglückseligen Lande ergoß, haben im abgelaufenen Jahre die Tätigkeit der „Israelitischen Allianz zu Wien" in ganz außerordentlichem Maße in Anspruch genommen und wenn man dem soeben ausgegebenen Jahresbericht eine aufmerksame Lektüre widmet, muß man auch anerkennen, daß der Vorstand und das Bureau der Allianz mit den im Verhältnis zu der Größe des Elends allerdings geringen Mitteln nach dieser Richtung das Möglichste geleistet haben. Leider hat diese große Summen verschlingende Tätigkeit in den breiteren Schichten unserer vaterländischen Glaubensgenossen nicht die nötige materielle Unterstützung gefunden, und wir sehen uns darum veranlaßt, an unsere Leser und Leserinnen den Appell zu erneuern, dem am Schlüsse dieses Berichtes veröffentlichten Aufrufe in reicherem Maße als bisher hilfstätige Würdigung zuteil werden lassen. Mit Rücksicht auf die erhöhte Tätigkeit der Allianz hätte man für die am 6. d. M., 6 Uhr abends, im Sitzungssaale der Wiener Kultusgemeinde unter dem Vorsitze des I. Vizepräsidenten Dr. Alfred Stern stattgehabte Generalversammlung ein größeres Interesse vorausgesetzt, aber infolge der vorgerückten Jahreszeit war die Beteiligung, trotzdem wir, wahrscheinlich aus Courtoisie für den Vorsitzenden, außergewöhnlich viele Mitglieder des Kultusvorstandes sahen, eine ziemlich schwache, und unter dem Eindrücke der im Saale herrschenden Hitze wurde die Tagesordnung in raschem Tempo erledigt. Der Vorsitzende, Dr. Alfred Stern, eröffnet und begrüßt die Versammlung, entschuldigt die Abwesenheil des Präsidenten David Ritter von Gutmann und des Schriftführers Dr. Felix Katzau, die sich in Kurorten besinden, und gedenkt, während die Versammlung sich von den Sitzen erhebt, mit warmen Worten der seit der letzten Generalversammlung verstorbenen Stifter, Gründer und Mitglieder der Allianz. Bei Uebergang zur Tagesordnung wird über Antrag des Herrn M. Baum von der Verlesung des Berichtes Abstand genommen und resümiert blos der Sekretär, Dr. A. K a m i n k a, die seit Drucklegung des Berichtes eingetretenen Ereignisse, verweist insbesondere auf die Maffakres in Schitomir und deren traurige Folgen und appelliert an die Versammlung, für die Hilfsaktion der Allianz eifrigere Propaganda zu machen. Herr Moriz Baum tadelt, unter Anerkennung der aus dem Berichte ersichtlichen Leistungen, die späte Einberufung der Generalversammlung und die unvollständige Zusammensetzung des Beirates und beantragt in Form einer Anregung an den Vorstand, die Propaganda in den Prvvinzgemeindeu eifriger zu betreiben und durch Verlautbarungen von Aufrufen und Aufstellung von Sammelbüchsen in den Tempelvorhallen sämtlicher israelitischer Kultusgemeinden Mitglieder und Beiträge für die Allianz zu sammeln. Der Vorsitzende gibt Aufklärung bezüglich der Verspätung der Generalversammlung und der Zusammensetzung des Beirates und dankt dem Vorredner für seine Anregungen, die zum Teile schon ausgeführt sind und zum anderen Teile die vollste Berücksichtigung seitens des Vorstandes sinden werden. Rabbiner Dr. Feuchtwang will die Propaganda nicht nur aus die Provinzgemeinden ausgedehnt wissen, sondern viel dringlicher und auch sehr erfolgreich würde ihm die Propaganda in den einzelnen Wiener Bezirken erscheinen. Durch Abhaltung von Vorträgen und persönliche Fürsprache könnten viele Mitglieder und Beitrüge für die Allianz gewonnen werden. Nach beendeter Debatte wird der Bericht über die Tätigkeit des Vereines, sowie der Bericht über die sinanzielle Gebahrung im abgelaufenen Jahre einstimmig genehmigt. Bei der hierailf über Antrag des Herrn Architekten Mar- -morek mittelst Stimmzettel vorgenommenen Wahl werden sämtliche fünf laut § 6 der Statuten ausgeschiedenen Vorstandsmitglieder, u. zw. die Herren: Emanuel Baumgarten, Emil Horner, Dr. Arthur K u r a n d a, Bernhard P o l l a k und Julius R e i t l i n g e r wiedergewählt. Nachdem über Antrag des Herrn Rabbiner Dr. David dem Vorstande der Dank votiert wird, schließt der Vorsitzende um 7 Uhr abends die Versammlung. Aufruf! Neuerlich sind grauenhafte Nachrichten zu uns gedrungen? Furchtbare, jedes menschliche Gefühl empörende, sich täglich in verstärktem Maße wiederholende Massakres gegen schutzlose jüdische Familien in Rußland haben unter vielen unserer Glaubensgenossen unsägliches Elend heraufbeschworen. Zahlreiche Familien allerorts im nordisch e n R e i ch e greifen z u m W a n d e r st a b e, um sich vor dem drohenden Untergange zu retten. Unsere für derlei Zwecke aufgebrachten Mittel sind beinahe v o l l st ä n d i g erschöpft, und nun treten neue Anforderungen in größtem Stil an uns heran. Wir wären aber außer stände, helfend einzugreifen, wenn uns nicht rasche und ausgiebige Hilfe zu teil würde. Um nicht in unserer philanthropischen Aktion, welche im Laufe der letzten Monate namhafte Summen in Anspruch genommen, innehalten zu müssen, wenden wir uns an alle edlen Menschenfreunde mit der innigen Bitte um Spenden zu Gunsten der verfolgten und dem Elend preisgegebenen russischen Juden, die ohnedies unter den schwierigsten Verhältnissen um ihre kümmerliche Existenz zu kämpfen haben. Die Zusendung der Spenden erbitten wir uns in das Bureau der „I s r. A l l i a n z z u W i e n", I., Weihburggaffe 10.