Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 22 (9.6.1905)
- Date
- 1905-06-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit? 4. ' ^v':- Die Wahrheit Nr. 22. . Wie man in Wien Gerechtigkeit, Objektivität gegen Juden übt, das kann man aus der nachfolgenden kleinen Geschichte ersehen, die dieser Tage in einem deutschen Blatte zu lesen war: Da heißt es u. 91.: Au der Wiener Hofoper, einem Institut, an dem bekanntlich ein getaufter Jude die allerbeste Geige spielt (Arnold Ross), das unter der Leitung eines ebenfalls getauften Juden (Gustav Mahler) steht, spielten sich jüngst harte Kämpfe ab. Ein Jude aus dem Orchester, namens Riesenfeld, der den Sprung zum Wasser noch nicht getan, war streberisch genug, nach Chopinschen Tänzen ein Ballet zu komponieren, über dessen Wert man ja nicht allzu hoher Meinung zu sein braucht. Vor kurzem war die Erstaufführung. Mahler wollte dem Komponisten eine aufmunternde Ehrung zu teil werden lassen, indem er ihm die musikalische Direktion für die Aufführung übertrug. Er hatte aber seine Rechnung ohne das Orchester, das zu einem Teil aus Konservatoriumsprofessoren besteht, gemacht. Die Herren des Orchesters weigerten sich nämlich, unter der Leitung eines ungetausten Juden zu spielen. Denn sie spielen sehr gerne unter dem Taktstock von Bruno Walter, der vor seiner nentestamentarischen Zeit Schlesinger hieß, und natürlich auch unter Gustav Mahler. Aber schließlich durfte der Komponist doch die bescheidene Genugtuung erleben, daß sich Mahler seiner annahm und die Herren doch unter Riesenfelds Leitung spielten. Ja, Kunst veredelt! Zur Iudeufragc in Rmnarne». (Schluß.) An einer anderen Stelle schreibt Bellefort: „Man sagt, der Jude liebe das Geld. Diese Gier teilt er aber mit einer stattlichen Anzahl anständiger Christen. Von allen Krämern in Bouhoussi ist nur ein einziger Rumäne, aber gerade über den klagen die Bauern am meisten. Gewiß, der Jude ist sehr scharf hinter dem Verdienen her. Aber nur in Arbeitervereinen kennt man solche Generosität wie in den jüdischen Gemeinden. Wann immer die Sache Israels es erfordert, dann wird auch der letzte Jude in dem ärmsten moldauischen Dörfchen nicht sich weigern, einen Beitrag zu den Kriegskosten zu entrichten. Sie sind geduldig, zäh, ohne viel Zartgefühl, aber nicht ohne starkes moralisches Empfinden, sowohl eng verbunden hinsichtlich ihrer allgemeinen Interessen als auch fest verankert in ihren privaten. Die Tugenden, die sonst überall welken, bewahren um ihren häuslichen Herd noch ein ursprüngliches Grün: die Frömmigkeit, die Achtung vor der Tradition, die Verehrung ihrer Vorfahren, die außerordentlich stark entwickelte Familienliebe. Ich bewundere sie. Der Jude ist einer der stärksten Fermente der Menschheit. Wo er sich niederläßt, da geht selbst der Grund und Boden auf." Diese Bemerkungen sind nicht allgemeine Betrachtungen, sondern natürliche, gewissermaßen sich von selbst ergebende, ja sich aufdrängende Schlußfolgerungen des Gesehenen und in der Revue Geschilderten. Wie scharf Herr Bellefort beobachtet und urteilt, das geht daraus hervor, daß er in den noch so unmodern als möglich gekleideten, und auch sonst überaus wenig, zumal von der französischen Kultur, beleckten, den bescheidensten Berufen nachgehenden rumänischen Juden die großen Idealist e n herauserkennt. Wie aus den Aufzeichnungen zu ersehen, betreiben die Juden in Rumänien jedes nur denkbare Handwerk, übernehmen sie jede Arbeit, für die sich die Rumänen als Nachkommen der Römer zu vornehm dünken, sind sie die Vermittler zwischen Produzenten und Konsumenten, bewirtschaften die schönsten Domänen und sind der ganzen Landwirtschaft in allen ihren Verzweigungen geradezu unentbehrlich. Sie erfreuen sich auch eines verhältnismäßigen Wohlstandes, sie besitzen alles, nur, wie Herr Bellesort sich ausdrückt, nicht das R e ch t, etwas zu besitzen. Sie leben auch auf durchaus freundschaftlichem Fuße mit dem rumänischen Volke, werden nicht in dem üblichen Sinn, und wie man es von Rußland gewohnt ist, verfolgt, könnten zuftieden sein und sind es auch, wenigstens in den Schichten, in welchen man zuftieden ist, wenn man sein anspruchloses Dasein ftisten kann; aber — nun, der frühere M i n i st e r C arp sagt es in einer Unterredung mit Herrn Bellefort. „Sie haben keinen verfolgten Juden gefunden?" ruft er aus. „Aber ist das nicht- Verfolgung, daß ein Präfekt mit einem Federstrich einen Mann mit seiner ganzen Familie wirtschaftlich ruinieren kann? Die administrative Verfolgung ist die schlimmste." Herr Bellefort hat Gelegenheit gehabt zu sehen, welche Wirkungen die rumänische Judengesetzgebung auf solche Juden hat, die an etwas mehr als an das tägliche Stückchen Brot zu denken gelernt haben. Der rechtlose, akademisch gebildete Jude vergißt nicht, daß er als Paria behandelt wird; man erkennt das an seinem kälten, haßerfüllten Blick. Der schwärmerisch veranlagte Jude glaubt, daß nur der Sozialismus eine Aenderung herbeiführen wird und wirft sich diesem in die Arme. Da haben wir die Erklärung für die Verbreitung der sozialistischen Lehren unter den Juden in Rußland. Der Franzose will keine politischen Schlüsse aus seinen Beobachtungen ziehen, er sagt nur. erwürbe, wenn er Rumäne wäre, sich nicht so sehr über die Juden beklagen, und wenn auch nicht sie gleich, so doch schneller naturalisieren, und wenn er Jude wäre, würde er, wie er glaube, sich weniger über die Rumänen beklagen, aber gegen das Wehrgesetz protestieren, das ihn zwinge, einem Staate als Soldat zu dienen, als dessen Bürger er nicht anerkannt werde. Wenn nun in Rumänien die Juden wie alle und sogar mehr als alle anderen Bewohner des Landes arbeiten, wenn ihnen nicht der Vorwurf gemacht werden kann, daß sie nicht Handwerker, nicht Landwirte u. s. w. seien, wenn keine Feindschaft, sondern im Gegenteil große Freundschaft zwischen Juden und Christen im Lande besteht, was in aller Welt hält die Regierung ab, den Bestimmungen des Berliner Vertrages zu entsprechen? Es ist, wie wir annehmen müssen, die Furcht, daß die Juden, die selbst unter den jetzigen, so unbilligen und unwürdigen Gesetzen so viel Macht und Einfluß gewonnen haben, nach Aufhebung der sie einschränkenden Gesetze das ganze Land in ihre Gewalt bekommen würden. Das aber ist unseres Erachtens eine durchaus verkehrte Annahme. Genau das Gegenteil wäre der Fall,' d. h. Macht und Einfluß der Juden würden abnehmen, es würde sich alles mehr ausgleichen. Wie lange ist es her, daß die Ressortminister begriffen haben, daß sie durch Verbilligung gewisser Tarife, durch Ermäßigung gewisser Steuern dem Staate größere Einnahmen verschaffen? Und wie viele haben das selbst heute noch nicht begriffen! Der jüdische Leutnant, der jüdische Oberlehrer, der jüdische Richter, sie haben einen sehr beschränkten Einfluß, und Schätze sammeln sie alle erst recht nicht. Aber die jüdischen Rechtsanwälte, die jüdischen Geschäftsleute und noch andere, von denen man im täglichen Leben abhängt, weil man sie fortwährend braucht, die haben Einfluß und erwerben zum Teil großen Reichtum, der ihnen noch weitere Macht und noch größeren Einfluß verschafft, und dazu werden die intelligentesten Juden geradezu gepreßt. Noch ein anderes Motiv für das Verhalten der Regierung ist denkbar: das stupide Rassenmotiv, eine falsche Auffassung des Nationalitätsbegriffes. Die Rumänen haben keine Initiative, wie beispielsweise auch die Russen nicht. Statt aber froh zu sein, daß es im Lande Leute gibt, die dieses Defizit ausgleichen können, die Initiative und andere der Mehrheit fehlende Tugenden entfalten und mit der Zeit natürlich auch lehren, hemmt man sie und drangsaliert sie auf jede mögliche Weise. Die Folge ist, daß man die unzufrieden macht, die man doch nicht entbehren kann, daß man diese geradezu anreizt, ihre Macht mehr auszunützen, und die anderen, die man doch schützen ivill, gewöhnt, in ihrem Schlendrian zu verharren, da diese die ihnen abgehenden Tugenden für minderwertig, wenn nicht gar für Untugenden halten müssen, wie andererseits die Juden wieder in einem Milieu erhalten werden, in welchem sie die an ihnen beklagten unangenehmen Eigenschaften beibehalten oder doch nur schwerer und jedenfalls langsamer ablegen. Die hochweisen Herren, die Rumänien und auch manche andere Länder regieren, sagen nun, wir - verzichten lieber auf vieles, das wir haben könnten, wenn wir die Juden überall