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Die Wahrheit · 1905-06-09 · Heft 22 (9.6.1905) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 22 (9.6.1905)
Date
1905-06-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Dieser Tage berichtete der Telegraph, daß es den Vereinigten Staaten gelungen ist, nach 25jährigen Kämpfen und Bemühungen von Rußland die Zusicherung zu erhalten, daß die amerikanischen Juden freien Aufenthalt in Rußland genießen sollen . . . Die europäischen Staaten hatten bisher weder den Mut noch die Energie, für ihre jüdischen Untertanen von Rußland eine solche wohl selbstverständliche „Begünstigung" zu fordern. Und doch sollten die Staaten eine solche Forderung an Rußland, wenn auch nicht den Juden und der Gerechtigkeit zuliebe, so doch aus Selbstachtung und Selbstgefühl stellen. Jeder Staat, der den Russen, ohne Unterschied der Konfession, den freien, uneingeschränkten Aufenthalt gewährt, müßte schon aus Gründen der p r i m i t i v st e n S e l b st a ch t u n g von Rußland ein gleiches Verhalten verlangen. Wer auf diese Gegenseitigkeit verzichtet, gibt nicht blos das Recht seiner eigenen jüdischen Bürger Preis, sondern erniedrigt auch seine staatliche Selbständigkeit und gibt damit zu, daß es Rußland gegenüber sich nicht auf den Fuß der Gleichheit zu stellen wagt. 4- * * * Die Siege des „heidnischen" Japan über das „christliche" Rußland sind, so paradox es klingen mag, Siege der europäischen Kultur über asiatische Barbarei. Vielleicht werden auch die Juden es Japan zu danken haben, wenn nunmehr die europäischen Staaten den Mut haben werden. Amerikas Beispiel zu befolgen, um auch für ihre Untertanen jüdischer Konfession die Gleichstellung mit den Amerikanern jüdischer Konfession zu erlangen. Wenn dies einmal erzielt ist, dann werden vielleicht die russischen Machthaber soviel Schamgefühl haben und nicht länger einen Zustand aufrechterhalten wollen, welcher fremden Juden in Rußland mehr Rechte einräumt, als den im Lande geborenen. Die Gleichberechtigung der Juden in Rußland ist wohl noch lange nicht der Verwirklichung nahe, erfolgt sie aber endlich, dann werden die Juden dankbar des Anteiles gedenken müssen, den die — Japaner an diesem Befreiungswerke hatten . . . * * . * Die Europäer könnten überhaupt, was konfefsionetle Duldung betrifft, von Japan manches lernen. Ein gebildeter! Japaner, der durchdrungen von der Ueberzeugung ist, daß der - Staat sich absolut nicht um das religiöse Bekenntnis seiner Bürger zu kümmern, sondern nur darauf zu achten habe, daß sie die Gesetze beobachten, würde die Hände über den Kopf zusammenschlagen, wenn er hörte, daß ein österreichischer Gesetzgeber laut und öffentlich die Vertreibung von hunderttaufenden seiner Bürger fordert, deren — Konfession ihm nicht sympathisch ist. Der Abgeordnete Schneider, welcher so oft das Totschlägen der Juden als sein ideales, antisemitisches Prinzip proklamierte, hat zur Abwechslung neulich im niederösterreichischen Landtage deren Vertreibnng beantragt. Der Anlaß zu diesem frechen Attentat gegen die Gesetze, die die Gleichberechtigung der Juden anerkennen, war für Schneider darin gelegen, daß seiner Meinung nach die Besitzer der großen Warenhäuser — Juden sind. Nun ist dies eine Lüge. In vielen Hauptstädten sind die Besitzer der großen Warenhäuser durchwegs Christen, und in Wien selbst, welches das traurige Vergnügen hat, Schneider zu beherbergen, sind die Herren der großen Warenhäuser sowohl Christen als Juden. Macht nichts! Schneider kommt es, wenn er gegen die Juden hetzt, auf ein paar bewußte Lügen und Verläumdungen niemals an. Und er weiß auch, daß es seine Anhänger gar nicht geniert, wenn er mit faustdicken Lügen und Fälschungen manövrirt. Wenn nur der Antisemitismus, der Judenhaß echt ist! * * * Ja, der Antisemitismus macht alles möglich. Er läßt sogar das Unglaubliche zur Tat werden, daß ein B i e l o h l a w e k in dem Momente, wo er die mit 12.000 K dotierte Stellung eines Landesausschusses erhält, sich öffentlich rühmt, ein ..Fanatiker der Gerechtigkeit" zu sein! Und er durfte dies tun, ohne durch ein lautschallendes Hohngelächter vom Platze gefegt zu werden. Ein Bielohlawek, der sich, seitdem er im öffentlichen Leben steht, bei jeder Gelegenheit als ein Fanatiker der Ungerechtigkeit, als ein brutaler Parteimann bewährte, der den Gegner, insbesondere die von ihm gehaßten Juden mit allen Mitteln verdrängte und entrechtete, der wagt es, das hehre, edle Wort „Gerechtigkeit" in den Mund nehmen! Ja, noch mehr, er schändet den Begriff der Gerechtigkeit, indem er sich einen „Fanatiker" derselben zu nennen wagt. Wahrhaftig, es ist schwer zu entscheiden, wer widerlicher erscheint: der Schneider, der mit cynischer Gemeinheit sich als einen Fanatiker der Unduldsamkeit und Verfolgungssucht bekennt, oder Bielohlawek, der der Intimus Schneiders ist, sein Denk- und Gesinnungsgenosse und dabei noch die Gerechtigkeit zu seinen vornehmsten Eigenschaften rechnen will.

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