Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 21 (2.6.1905)
- Date
- 1905-06-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 21. Komitee gewählt, daß sich , mit dieser Frage beschäftigen und dem nächsten Delegiertentag Bericht erstatten solle. Hermaumestec. Das am 20. Mai stattgehabte 25jährige Amtsjubiläum des Oberkantors I.. R o s n e r verlief in überaus solenner Weise. Der Kultusvorstand überreichte dem Jubilar eine Adresse und ein Ehrengeschenk und auch die einzelnen Mitglieder bedachten ihn mit mannigfacheu Aufmerksamkeiten. Von Nah und Fern kamen Telegramme, Gratulationen, u. a. vom Israel. Lehrer-Verein in Böhmen, vom Oesterr.-ungar. Kantorenverein, von Kollegen, Freunden und Bekannten. Der Tempel war festlich geschmückt, der Sitz des Jubilars dekoriert und als derselbe zu Maphter aufgerufen wurde, rezitierte Herr Rabbiner Dr. Krenberger einen von ihm verfaßten Mischeberach. Lemberg. Unter Anteilnahme aller Gesellschaftskreise beging der Reichsratsabgeordnete und Präsident der Lemberger Kultusgemeinde, Herr Dr. Emil B y f, am 25. Mai mit seiner Gattin Jeanette die Feier der silbernen Hochzeit. Nach einem Festgottesdienste, bei welchem Oberrabbiner Dr. Caro eine die Verdienste des Jubilars würdigende Ansprache hielt, erschienen als Gratulanten die Mitglieder des israelitischen Kultusvorstandes, dann unter Führung des Bürgermeisters Reichsratsabgeordneten Dr. Walachowski und des Vizebürgermeisters, Landtagsabgeordneten Doktor Michalski die Mitglieder des Lemberger Gemeinderates, unter denen sich auch der römisch-katholische Prälat Lenkiewicz befand, ferner der Obmann- Stellvertreter des Polenklubs Dr. Dulemba, sowie die Abgeordneten Dr. Roszkowski und Dr. Rutowsk«, der Ausschuß der Lemberger Advokatenkammer, deren Vizepräsident Dr. Byk ist, der Präsident der Bukowinaer Advokatenkammer Dr. Kiesler, sowie die Vertreter zahlreicher Wohltätig keitsiustitute und Vereine. Dem Jubilar sind auch viele Beglückwünschungstelegramme von hervorragenden Persönlichkeiten zugegangen. Lemberg. Am 29. Tamus l. I. werden es achthundert Jahre, daß R. Salomon b. Jsak (Raschi genannt) das Zeitliche gesegnet hat. Anläßlich dieses achthundertjährigen Todestages bereitet der bekannte, geist- 'reiche Schriftsteller, kais. Rat Salomon B u b e r in Lemberg, die Drucklegung des "““nKM "iec», einer noch ungedruckten Schrift Raschis, versehen mit einer großen Einleitung und Anmerkungen vor, und soll dieses Werk am diesjährigen Todestag Raschis erscheinen. Um jedoch das Andenken dieses großen Lehrers zu verewigen, soll gleichzeitig eine Raschi-Stiftung ins Leben gerufen werden, deren jährliche Erträgnisse zur Förderung eines vom Kuratorium dieser Stiftung zu bestimmenden literarischen Zweckes verwendet werden sollen. Es ergeht nun an alle ehrwürdigen Herren Rabbiner, Vorsteher und Freunde der jüdischen Wissenschaft die dringende Bitte, durch Zuwendung von Geldbeiträgen die ehetunlichste Aktivierung dieser Stiftung zu ermöglichen. Jeder Spender erhält ein Exemplar des Tn:sn "SBC. unentgeltlich. Budapest. Am vergangenen Sabbat hat der neugewählte Rabbiner und Lektor des Talmudvereines, Herr Michael Herskowits, im Bethause desselben seine erste Rede über den Wochenabschnitt gehalten. Dem Vortragenden, welcher mehrere Jahre hindurch als Rabbinats-Assessor in Mskolcz tätig war, ging ein guter Ruf als glänzender Redner voraus und er hat den (^Wartungen der zahlreichen Versammlung vollkommen Rechnung getragen, indem er eine sehr schöne, abgerundete und inhaltreiche Draschah bot. Da Rabbiner Herskowits, wie aus seinen allabendlichen Talmudvorlrägen hervorgeht, auch ein gediegener Talmudkenner ist, hat der obgenannte Verein alle Ursache, mit seinem neuen Oberhaupte zufrieden zu sein. O. Gr. Paris. Vorige Woche ist Baron Alphonse Rothschild, einer der edelsten Wohltäter, besten Herz warme Empfindung für die Leiden der Mitmenschen hatte, gestorben. Das Leichenbegängnis fand, einem letzten Wunsche des Verewigten entsprechend, in prunkloser Weise am 29. Mai statt. Imposant gestaltete es sich nur durch die massenhafte Teilnahme der Bevölkerung, welche den großen Boulevard entlang bis zum Friedhofe Psre-Lachaise Spalier bildete, und durch die immense Anzahl der Trauergäste, welche zur Leichenfeier im Geburtshause Rothschilds, Rue Laffitte, erschienen, wohin die Leiche aus dem Sterbehause übertragen worden war. Unter den Anwesenden bemerkte man den ehemaligen Präsidenten der Republik Casimir-Perier, Oberst Cabaud als Vertreter des Präsidenten L o u b e t, den Ministerpräsidenten R o u v i e r, die Minister Delcasse, Thomson, Etienne, dann Ri bot, den Kammerpräsidenten D o u m e r, zahlreiche Mitglieder der Diplomatie, der Ariftokatie, der Finanzwelt und der gesellschaftlichen, akademischen und künstlerischen Kreise. Aus Wien waren Bankdirektor Blum und der Präsident der Wiener „Chewra Kadischa", Salo Cohn, als Repräsentant dieses Vereines erschienen. In einem schwarz drapierten Salon, im Erdgeschosse des Trauerhauses war die Leiche aufgebahrt. In zwei Nebensalons weilten die Mitglieder der leidtragenden Familie: der Sohn und die beiden Brüder des Verstorbenen, besten Schwiegersöhne Baron Albert Rothschild aus Wien und Maurice Ephrussi, sowie dessen Schwager Lord R o t s ch i l d, welche die Kondolenzbezeigungen der Anwesenden entgegennahmen. Oberkantor Beer stimmte mit dem Chore die üblichen liturgischen Gebete an und hierauf würdigte Großrabbiner Zadok Kahn in kurzer, tiefempfundener Rede die hohen Tugenden, den vornehmen Charakter des Verblichenen, sein edles Mitgefühl für die leidende Menschheit und seine große Anhänglichkeit für das Judentum. Unter Absingung von Trauerpsalmen wurde hierauf der Sarg auf einen höchst einfachen, zweispännigen Leichenwagen gehoben und, begleitet von den Familienmitgliedern und Trauergästen, auf den Friedhof Pöre-Lachaise überführt, woselbst die Beisetzung in der Familiengruft erfolgte. KWende Kohlen. Novelle von Babette Fried, Prag. : (Fortsetzung.) „Der Name kommt Ihnen sehr bekannt vor. Natürlich, wie denn nicht. Sie haben sich dieses Mädchens Vater,, dem alten Religionslehrer, ernähren lassen, als Gymnasiast, weil Sie der Sohn' seines Jugendfreundes waren, und. aA Student, weil Sie Vorgaben, seine Tochter Emma zu lieben. Mit den.heiligsten Eiden ihm noch auf seinem Sterbebette versprochen, sie zu heiraten, sobald Sie eine Stelle haben werden." „Wer hat Ihnen diesen schön zusammengestellten Roman erzählt, Herr Hönig?" fragte der Doktor, verlegen die Enden seines Schnurbartes zupfend. „Gelesen Hab ich. es, Freund Piesen, gelesen in einem Briefe, den Martha vor der Trauung aus Prag bekommen hat. Sie ließ mich darauf in ihr Zimmer bitten und flehte mich an, die Partie zurückgehen zu lassen, oder wenigstens die Trauung aufzuschieben. Da ich aber auf die Ehre brannte, der Schwiegervater des Herrn Doktor Piesen zu werden —" bei diesen Worten verbeugte sich der Genannte eben so ironisch, als diese Worte gemeint waren — „konnte ich ihren Wunsch nicht erfüllen. Sv kam das, was kam. Jetzt führen Sie Prozeß, Herr- Doktor!" Als der Letztere sich anschickte, eine Entgegnung zu machen, kam ihm Hönig mit der Bemerkung zuvor: „Ihre Barauslagen werde ich Ihnen selbstverständlich ersetzen, vielleicht noch etwas mehr, wenn Sie verständig sind, aber das sage ich Ihnen im. vorhinein: Mit einem Prozeß erreichen Sie nichts, durch eben diesen Brief." „Das wird sich zeigen, Herr Hönig," sagte Piesen, und entfernte sich. Trotz dieser direkten Niederlage gab Dr. Piesen die Sache noch nicht verloren und beschloß, Martha in Prag aufzusuchen, um eine persönliche Aussprache mit ihr herbeizuführen. 5. In Prag. Der alte Hönig hatte ganz richtig kalkuliert, daß Martha direkt nach Prag gereist sei, und hatte sich auch in der Annahme nicht getäuscht, daß sie dort geblieben. Martha wurde in Prag freundlich ausgenommen, vor dev Hand unter einem fremden Namen, als Marie Herz, ein reiches Wäisenmädchen vom Lande, welches nach Prag gekommen war, um sich daselbst eine Existenz zu schaffen. An dem an Schulen aller Art so reichen Altstädter Fleischmarkt lebten in einer bescheidenen Wohnung von drei Zimmern und einer Küche zwei Schwestern, an die sich Martha gewendet, hatte, und bei denen sie als Pensionärin eingetreten war. Es war Freitag Nachmittag. Die jüngere der beiden Schwestern war eben mit den Vorbereitungen zum morgigen Feiertage und zum heutigen Festmahle fertig geworden. Müde setzte sie sich zum Tische, auf den sie ein weißes Damasttuch gebreitet hatte. Drei Gedecke standen vorbereitet, und eine Flasche Wein, sowie frischgebackene, duftende Sabbatbrode luden zum. Genüsse ein. Betti jedoch wollte nichts genießen, bis die Schwester kommen werde; sie verrichtete das Abendgebet, und als sie damid fertig geworden und die Schwester noch immer nicht kam, begann sie in einem Andachtsbuche zu lesen. So mochte wieder ungefähr eine halbe Stunde vergangen, sein und die einsame Leserin überfiel eine lebhafte Unruhe. ..Ob nur Emma nichts passiert ist," murmelte sie vor sich hin. „Lektionen gibt sie um diese Zeit nicht mehr, das weiß ich sicher, sie geht gewöhnlich geraden Weges nach Haufe, was konnte sie denn, heute so lange aufgehalten haben?" Die Aufhorchende vernahm leichte Schritte im Vorzimmer, und sie ging, oder eigentlich hinkte zur Türe hin, um diese der eintretenden Schwester zu öffnen. „Guten Abend, Betti, und gut Schabbos!" lautete dev Gruß der Angekommenen. (Fortsetzung folgt.)