Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 21 (2.6.1905)
- Date
- 1905-06-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21. Die Wahrheit. Seite 7. klagen hören — semper aliquid haeret, kann man auch in diesem Sinne sagen,, obwohl er als Franzose keine besondere Vorliebe haben mag für die Juden, von denen man ihm klagt, „daß sie durchweg deutsch sprechen, die Avantgarde des deutschen Einflusses bilden und' zum Schaden Frankreichs die deutschen Fabrikate verbreiten, wie Ratten die Pest", so bleibt er doch gerecht gegen die Juden, ohne ungerecht gegen die Rumänen zu sein. Er schildert beispielsweise die furchtbaren Verwüstungen, die durch die Pellagra unter dem Volk augerichtet werden, aber er sieht gleich, warum die Juden nicht von ihr heimgesucht werden. Der Jude, schreibt er, nimmt mehr Rücksicht auf die Hygiene wie der rumänische Bauer und genießt gesündere Kost. Er ißt Fleisch und trinkt nicht. Wenn ihm ein Kind erkrankt, dann holt der Jude schnell einen Arzt und gibt, wenn es sein muß, seine letzten Ersparnisse her. Das, fügt er hinzu, ist eine der Ursachen für die Zunahme der Zahl der Juden, die seit 1850 etwa 100% beträgt, während die der übrigew Bevölkerung sich auf kaum 60% beläuft. Wohin der französische Reisende kommt, sieht er Juden fleißig arbeiten, die winzigsten wie wichtigsten Arbeiten verrichten und infolgedessen wirtschaftliche Macht, wirtschaftlichen Einfluß gewinnen und sich geradezu unentbehrlich machen. Die Regierung, schreibt er, lebt in beständiger Angst, daß die Juden sich vermehren oder daß sie auswandern; beides sollen sie nicht. Wird ein Jude von einem Ortsmagnaten ausgewiesen, dann kommen die Bäuerinnen und bitten, daß man ihn wohnen lasse. Zwischen Landleuten und Juden besteht das denkbar beste Verhältnis. Der Bauer, lesen wir in den Aufzeichnungen, denkt nicht daran, den Juden zu hassen oder zu verachten, und er haut wohl gelegentlich seinen Advokaten, den Lehrer oder seine Frau durch, aber niemals einen Juden. Auch der Großgrundbesitzer kann ohne die Juden nicht fertig werden, die allein die Arbeiter mit Erfolg beobachten können, die alles liefern, alles kaufen, alles verstehen. Der Gutsbesitzer, der nur die Rente bezieht, schimpft auf die Juden, der Arbeiter, der unter Aufsicht des Juden das Land wirklich bebaut, tut es nicht, sondern achtet auf einen bloßen Wink des Juden, während er auf den Besitzer nicht einmal hört. Der Absentismus der Bojaren hat den jüdischen Pächtern, Aufsehern, Vermittlern u. s. w. ihren Einfluß verschafft, die Indolenz des Bauern läßt die Juden reich werden,, was man unter den kleinen Verhältnissen reich nennt. Von dem Eifer der Juden und ihrem Einfluß auf die Bauern einerseits und der Indolenz der letzteren andererseits erzählt Herr Bellefort manch niedliches Geschichtchen. Einem Ingenieur verunglückt das Gespann und er bittet, da er unter allen Umständen noch an demselben Tage in der Stadt sein muß, dringend einen Bauern, dem er fünf Franks verspricht, ihn nach der Stadt zu fahren. Der Bauer sagt nein und verharrt dabei. Dem Ingenieur bleibt nichts übrig als nach der Schänke zu gehen, die natürlich einem Juden gehört. Er ist kaum dort, so bietet ihm der Jude, der auf irgend eine mysteriöse Weise schon Namen, Beruf, Reiseziel des Ingenieurs erfahren hat, von selbst an, wenn für ihn etwas abfiele, ihn nach der Stadt zu befördern, wohin er doch jedenfalls reisen wolle und vor Abend gelangen müsse. „Was wollen Sie?" fragt der Ingenieur. „Vier Franks." Das Geschäft ist gemacht und bald darauf ist ein Gespann zur Stelle. Der Ingenieur ist vor Erstaunen außer sich, als er in dem Fuhrmann denselben Bauern erkennt, den er vor kurzem dringend um den Dienst gebeten und dem er noch um einen Franc mehr geboten hatte. Fast möchte er an die Zauberkraft der Juden glauben, mit der sich selbst „gebildete" Rumänen deren Einfluß erklären. Er fragt den Mann, was ihm der Jude für die Fahrt gebe. „Drei Francs," lautet die Antwort. „Aber ich habe Ihnen doch vorhin fünf Francs geboten und Sie wollten mich nicht fahren?" ..Ja," sagt der Bauer, „Ihretwegen wollte ich mich nicht von meiner Wohnung trennen. Der Jude aber, den kenne ich seit zehn Jahren. Ich könnte ohne ihn nicht existieren. Ist meine Ernte schlecht, dann leiht er mir Geld. Stirbt mir ein Kind, dann verschafft er mir die Begräbniskosten. Der kennt das Leben. Er schafft uns alles, was wir brauchen. Er ist kein schlechter Kerl, und man muß etwas für ihn tun." Der Zauber war erklärt, der Ingenieur konnte darauf nichts erwidern und schwieg._(Fortsetzung folgt.) Uerschiedene Nachrichten. Wien. (Lektor Weiß.) Knapp vor Schluß des Blattes erhalten wir die traurige Nachricht, daß der greise Gelehrte, Lektor I. H. Weiß, gestorben ist. Der Vorstand des Wiener Bet ha-Midrasch, an welchem der Verewigte durch Jahrzehnte hervorragend lehrte und wirkte gibt folgende Parte aus: Tiefbewegt geben wir hiemit die traurige Nachricht von dem Ableben unseres durch hervorragende Gelehrsamkeit weithin berühmten Lektors, des Herrn Ignaz H. W e i ß, welcher im hohen Alter von 91 Jahren am 30. Mai 1905 von Gott in ein besseres Dasein abberufen worden ist. Seine zahlreichen Werke, die eine unerschöpfliche Fundgrube tiefster Forschung bilden, sichern ihrem nunmehr verewigten Verfasser einen unsterblichen Namen in der Gelehrtenwelt. Die irdische Hülle des Verblichenen wird Donnerstag, den 1. Juni d. I., präzise 2 Uhr nachmittags, vom Trauerhause: II., Czerningasse 9, in das Bet ha-Midrasch, II., Tempelgasse 3, gebracht und von dort zur Beerdigung auf den Zentralfriedhof überführt. W i e n, 30. Mai 1905. Der Vorstand des Bet ha-Midrasch- Bereines in Wien. Wien. lMüdchen-Konfirmation.) Am verflossenen Sonntag fand im Wiener Stadttempel die diesjährige Mädchen-Konfirmation in feierlicher Weise statt. Gegen 60 erwachsene Mädchen, die in besonderen Kursen zuvor einen vorbereitenden Unterricht genossen hatten, fanden sich im Stadttempel ein und empfingen gleich beim Einzuge in das Gottes-' Haus ein vom Knltusvorstande hierzu bestimmtes Mannheimer-Gebetbuch im Prachtbande, aus dem gleich das erste Gebet — „Ma towu" — vom Tempelchor unter Leitung des Oberkantors Singer feierlich vorgetragen wurde. Herr Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n hielt an die Mädchen und die sie begleitenden Eltern und Angehörigen, welch letztere den Tempel in allen seinen Räumen füllten, eine allen zu Gemüte gehende Ansprache, in der er den ins Leben hinaustretenden Töchtern unserer Gemeinde treffliche religiöse Lehren mit auf den Weg gab. Lautlose Stille herrschte hierbei, wie auch bei den Antworten der Konfirmandinnen auf die an sie gerichteten Fragen. Mit einem vom Oberkantor Singer und dem Chore vorgetragenen Liede fand die Feier stimmungsvollen Abschluß. — Aehnliche Konfirmationsfeierlichkeiten fanden an demselben Tage auch im XV. und XVI. Bezirke unter großer Beteiligung seitens der Gemeindemitglieder statt. Wien. (Verein „Tefilas Haneorim".) Am Sch'wuotfeste findet im Bet-Hamidrasch, II., Tempelgaffe 3, ein Gottesdienst für die Jugend statt. Beginn des Gottesdienstes abends um l/a8, morgens um 1lid Uhr. Wien. Sonntag, den 28. Mai, 10 Uhr vormittags, fand im Tempel des XX. Bezirkes in der Kluckygasse eine solenne Feier statt, wobei 36 Schülerinnen, geführt von den Religionslehrern Herren Doktor Jakob Weiß, Philipp Ö e h l e r und Bürgerschullehrer F a l t i s ch e k, konfirmiert wurden. Herr Oberkantor B a s s e r leitete die Feier mit einem schönen Matowu ein, worauf Herr Rabbiner Dr. David in einer gehaltvollen Rede den Konfirmandinnen in Erinnerung rief, was sie den Eltern schulden, und sie zum Festhalten an der erhabenen jüdischen Religion aufforderte, die ihnen Trost und Stütze auf ihren weiteren Lebenspfaden sein möge. Nach Vortrag der Glaubenssätze und des Glaubensbekenntnisses durch die Konfirmandinnen stimmte Oberkantvr Bass er unter Chor- und Orgelbegleitung das Lied „Es segne Dich der Herr" an, womit die Feier schloß. Oberhollabrunn. Letzten Samstag fand die Barmizwahfeier des Gymnasialschülers Alois Ranzen Hofer, Sohn des Herrn Adolf und Frau Henriette Ranzenhofer geb. Brüll, im hiesigen Tempel statt. Der Konfirmand trug die Haftora höchst ausdrucksvoll vor und Religionslehrer S. Jellinek hielt an ihn eine erhebende Ansprache. Im Elternhause hielt der Barmizwah eine gehaltvolle Rede, in der er das Gelöbnis ablegte, dem väterlichen Glauben treu zu bleiben. Die Familie Ranzenhofer erfreut sich allgemeiner Beliebtheit und gab es daher auch viele Gratulanten. Prag. Dienstag, den 16. Mai, fand in Prag unter Vorsitz des Präsidenten Dr. Rosenbacher-Prag der Delegiertentag des „Gemeindebundesder isr. Knltusge mein den Böhmens" statt, bei welchem folgende Gemeinden vertreten waren: Franzensbad, Austra, Dr. Max Löbl; Pilsen, Josef Hofmann; Beneschau, Moritz Steindler; Reichenberg, Dr. Schnürmacher; Böhm.-Brod, Dr. Dux; Weinberge, I. Bayer; Münchengrätz, Gustav Stroß, kais. Rat Falkowicz; Komotau, W. Komarek; Teplitz, Steinwald; Hermamnestec, Dr. Ludwig Pik-Prag: Horowitz, Julius Bondy; Mühlhausen-Rakonitz, Dr. Ad. Oppenheim; Jistebnitz-Breznitz, Dr. Rosenbaum; Nachod, Dr. Bendiner; Smichov, Grab; Eger, Dr. Kühner; Kolin, Kohljanowitz, Dr. Podvinec; Karlsbad, Moser; Karolinental, Dr. Porges: Böhm.-Leipa, Dr. Oesterreicher. Nach Erstattung des Berichtes, der sich mit der Wanderbettelfrage, verschiedenen Verwaltungsfragen und den Vorarbeiten eines selbständigen Pensions-Institutes für sämtliche Funktionäre der Kultusgemeinden beschäftigt, wird über die letztere Frage, eingehende Debatte geführt. Allseits wurde die Notwendigkeit eine derartigen Institutionen betont, jedoch derzeit die Gründung mangels der nötigen Kapitalien für nicht möglich gehalten. Es wurde dann ein