Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 21 (2.6.1905)
- Date
- 1905-06-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3062972-3063265-3063286--03688-3070466- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4. Die Wahrheit Nr. 21. 27 Professoren .der Universität Odessa haben eine von sittlicher Empörung zeugende Erklärung veröffentlicht-, in welcher sie ziemlich unzweideutig die Mitteilung des offiziellen russischen. „Regierungsboten", daß die Juden durch provokatorisches Benehmen die Greuelszenen in Schitomir hervorriefen, als Lüge brandmarken. Kein rechtlich und unbefangen Denkender hat es einen Moment geglaubt, daß die armen, geängsteten Juden, die von Niemandem beschützt, ja im Selbstschutz behindert sind, auf die wahnwitzige Idee verfallen seien, sich kleine Scherze, wie das Schießen und Spucken aus das Zarenbildnis zu gestatten. Die Perfidie der russischen Machthaber, die jede Gewalttat gegen die Juden deckt, scheute auch vor der infamen Ungeheuerlichkeit nicht zurück,, den unglücklichen Opfern der Bestialität die. Schuld an den Exzessen in die Schuhe zu schieben. Die 27 christlichen Professoren an der Universität Odessa, die durch ihre von sittlichem Mut und edler Humanität zeugenden Erklärung der schurkischen, unter offizieller. Flagge segelnden. Lüge entgegentraten. haben sich nicht mir unr die Juden, sondern auch um die Wahrheit ein großes Verdienst erworben. Allgemeiner österr.-ilrarl. Knud. Das abgebrauchte Schlagwort von der jüdischen Solidarität ist wieder einmal zn Schanden gemacht worden, und leider nicht zum erstenmale konnte neuerdings die bedauerliche Tatsache konstatiert werden, daß bei uns Juden, und nicht nur bei einzelnen privaten Individuen, sondern auch in den offiziellen Kreisen des Judentums, der Sinn für allgemeine Interessen lies dürniederliegt. Am 15. Mai a. c. wurde in Wien der Bundestag des „Allgemeinen öster r. - i s r a e l. B ü n d e s" abgehalten,- einer Institution, die als Krystallisationspunkt sämtlicher österreichischer Kultusgemeinden gedacht, hochbedeutsame und im allgemeinen Interesse gelegene Ausgaben zu erfüllen hätte, aber die Beteiligung an diesem „Bundestage" war eine so geringe, und der gewiß nicht allzu große Sitzungssaal der Wiener Kultusgemeinde zeigte eine so erschreckende Leere, daß . man, die Vertreter der-jüdischen Publizistik, abgerechnet, Mühe gehabt hätte, ein Minjan zustande zu bringen. Mit Ausnahme von Brünn, Lemberg, Pilsen, Troppau und Wien, deren-Vertreter an den Beratungen des Bundestages teilnahmen, glänzten alle übrigen Knltusgemeinden Oesterreichs durch ihre Abwesenheit, und die provinzielle Separationssucht, welche von jeher jede einheitliche Aktion der österreichischen Judenschaft störte, trat auch bei dieser Gelegenheit durch den Umstand zutage, daß der böhmische Gemeindebund fast zu gleicher Zeit, am 16. Mai, seinen Delegiertentag in Prag abhielt und dadurch die Teilnahme der Gemeindevertreter an den Wiener. Beratungen von vorneherein unmöglich war. Am auffallendsten erschien uns jedoch die Abwesenheit der niederösterreichischen Kultusgemeinden, die erst vor kurzem, freilich galt es da die Wahrnehmung ihrer eigenen Interessen, mit so überschwänglichen Worten ihre Solidarität mit dem allgemeinen österr.-israel. Bunde verkündeten. Gegen eine solche Indolenz, ist allerdings schwer anzukämpfen, aber trotzdem ist sie nicht die alleinige Ursache der mangelnden Entwicklung des Bundes, vielmehr glauben wir, daß er, zumal in den ersten Jahren, seine Tätigkeit aus einem Gebiete suchte, das seiner eigentlichen Bestimmung ferner lag, und dadurch bei den einzelnen Gemeinden das Interesse an seinem Bestände merklich herabstimmte. Erfreulicherweise scheint jetzt in den diesbezüglichen Anschauungen der Bundesleitung eine Wendung zum Besseren eingetreten zu sein, und wie aus dem am Bundestage erstatteten Bericht hervorging, beschäftigt sich der Bund gegenwärtig mit solch eminent wichtigen und praktischen Fragen, denen gegenüber sich die Kultusgemeinden, schon in ihrem eigensten Interesse, nicht länger ablehnend werden verhalten können. Im Nachstehenden veröffentlichen wir einen. Auszug aus dem uns seitens des Bundes zur Verfügung gestellten Berichte: Nach Begrüßung der Anwesenden erklärt der Vorsitzende, Präsident Dr. Alfred Stern, den Bundestag für eröffnet und teilt mit, daß die Herren Vorstandsmitglieder : Dr. Arnold Rosenbacher, Prag;. Dr. H. Fialla, Brünn; Ignaz Hahn, Linz; I. Ph. Glesinger, Teschen; Bernhard Biller, Graz; Dr. Alois Hilf, M.-Ostrau und Dr. Benno Straucher, Czernowitz, ihre . Abwesenheit entschuldigt haben. Hierauf widmet er den dahingeschiedenen Vorstandsmitgliedern: Dr. Horowitz, Präsident der Kultusgemeinde Krakau; Heinrich Klinger, Präsident der Kultusgemeinde Wien; Dr. Moriz Lichtenstern, Obmann der böhmischen Landesjudenschaft in Prag, 'welche sich um den Bund große Verdienste erworben haben, einen warmen Nachruf und bittet um die Ermächtigung, diese Beileidskundgebung dem Protokolle einverleiben zu dürfen. Weiters teilt der Präsident mit, daß die Kultusgemeinde Pilsen an Stelle ihres bisherigenBundes-Vertreters, Herrn kais. Rat Adolf Levit. der nicht mehr dem Kultus- Vorstände Pilsen angehört, den Delegierten Herrn Dr. Josef Schanzer, zu ihrem Vertreter beim Bundestage gewählt und entsendet hat, uud daß als Bevollmächtigter der Gemeinde Prag Herr kais. Rat. Dr. Lieben delegiert wurde. - Unter Uebergang zur Tagesordnung erstattet Herr Landesschulrat Dr. Gustav Kohn den Bericht über die Vorkommnisse seit der letzten Bundestag-Sitzung und bemerkt einleitend, daß die letzten zwei Jahre eigentlich nur Vorarbeiten gewidmet waren, die noch nicht abgeschlossen sind. Einzelne Gemeinden und einzelne Personen haben sich um Rechtschutz an den „Bund" gewendet; ein Teil dieser Eingaben, insoweit sie sich nicht für den „Bund" eigneten, wurden der „Oesterr. Jsr. Union" in Wien.zugemittelt, welche die betreffenden Angelegenheiten auch mit bestem Erfolge durchführte. Die Zuschriften' der Gemeinden im eigenen Wirkungskreise wurden der geschäftsmäßigen Behandlung zugeführt und kann mit Befriedigung mitgeteilt werden, daß alle diesbezüglichen Eingaben die' gewünschte Erledigung fanden. Von geringen Details absehend, sollen nur die wichtigsten Gegenstände in Kürze zur Kenntnis gebracht werden. 1. Anläßlich der Ritualmord-Beschuldigung hat Rabbiner Horowiz in Also Kubin eine Broschüre über den Rabbiner- Kongreß in Krakau publiziert, in welchem Kongresse mehr als 100 Rabbiner der konservativsten Richtung eidlich gegen diese ebenso boshafte als lächerliche Beschuldigung Protest erhoben. Der Vorstand des „Bundes" hat durch Subventionierung diese Publikation gefördert. 2. Die Kultusgemeinde Horn wandte sich an den Vorstand des „Bundes", mit der Beschwerde, daß der dortige Gymnasial- Professor mit Rücksicht darauf, daß in dem genannten Gymnasium weniger als 20 jüdische Schüler sich befinden und deshalb der jüdische Religions-Unterricht dort nicht erteilt wird, die Aufnahme der'Note, über jüdische Religion in das Schulzeugnis verweigerte. Das Unterrichts-Ministerium diesfalls angerufen, gab den Bescheid, daß von Fall zu Fall eingeschritten werden müßte, weil eine allgemeine Weisung nicht zulässig sei, daß aber über jeweiliges Einschreiten die entsprechende Verfügung getroffen werden wird; ein ähnlicher Fall habe sich in der Bukowina in einem Gymnasium, wo die Mehrzahl der Schüler der griechischorthodoxen Konfession angehöre, bezüglich der katholischen Minderheit ereignet und es sei über Einschreiten die entsprechende Weisung gegeben worden. Die Kultusgemeinde Horn wurde von diesem Bescheide des Unterrichts-Ministeriums verständigt. 3. Der Vorstand hat sich in ganz besonderer Weise mit dem Religions-Unterricht befaßt und es wurde diesfalls zur Förderung des jüdischen Religions-Unterrichtes eine Enquete nach folgenden Richtungen eingeleitet: a) Einheitlichkeit eines Lehrplanes, allerdings in Form eines Rahmens-Normale unter Freilassung von Details; d) Schaffung von Lehrbüchern; o) Errichtung einer Präparandie zur Heranbildung von jüdischen Religions-Lehrern.