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Die Wahrheit · 1905-06-02 · Heft 21 (2.6.1905) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 21 (2.6.1905)
Date
1905-06-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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'Jtebaftiou u. Sldmiiiistialiou: Wien, II/, Novaragasse 27. Telephon Dir. der Druckerei 15302. Jujuratt' 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonnementsu. Jnsertionsbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. e Ieiifchrift für jüöische Ivtereben^ Krscheinl jeden Ireilag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Verngs-pyeis: Äanzjäyrig . . . K. 12.— Halbjährig . . ft. 6 — Für CultnSlieamte: Äanzjähriq . . . St. io — ji Für Ausland: i |j (Kanzjährig . . . s Mark.!!!| 6 Nabel oder lü Fes.! Wien, 2. Inni 1SV3. Inhalt: Aus der Woche. — Allgemeiner österr.-israel. Bund. — Das aufgehobene Schächtverbot. — Aus der Wiener Kulrusgemeinde. — Zur Judenfrage in Rumänien. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Glühende Kohlen. — Der Sulzerismus und die moderne synagogale Liturgie. Ans der Woche. Die Statthalterei hat das von dem Wiener Gemeinderat beschlossene Schächtverbot aufgehoben und damit den brutalen Eingriff in die Glaubens- und Gewissensfreiheit zurückgewiefen. Der antisemitische Moniteur speit nun Gift und Galle gegen die Statthalterei und spricht sich in eine Wut hinein, die ihm den letzten geringen Rest von Menschenverstand und Logik raubt. Ist es nicht geradezu blödsinnig, wenn, das „Deutsche Volksblatt", gleichzeitig mit der Statthalterei und den berufenen Vertretern des Judentums polemisierend ausruft: „Es ist nicht wahr, daß das Schächten zu den integrierenden Bestandteilen der jüdischen Religionsvorschriften gehört." Was würde man sagen, wenn irgend eine Vereinigung von Advokaten, Journalisten, Gewerbetreibenden ^c. sich erfrechen würde, von dieser oder jener Institution der Kirche — entgegen der Behauptung aller katholischen Autoritäten — zu erklären, sie bilde keinen integrierenden Bestandteil der christlichen Religionsvorschriften. Man würde ein solches Beginnen mit Recht als eine freche Impertinenz bezeichnen. Der jüdischen Konfession gegenüber erfrecht sich jeder antisemitische Journalist zu entscheiden, was religiöse Satzung sei. Der Kniff der Antisemiten ist sehr einfach: Nach der heuchlerischen Versicherung, daß man das Schächten „nicht als religiöse Satzung betrachte", kann man jede Rücksicht auf die religiösen Gefühle der Juden ruhig mit Füßen treten. Das „Deutsche Volksblatt" ignoriert mit souveränem Gleichmut die von den hervorragendsten christlichen Autoritäten erstatteten Gutachten, die das rituelle Schächten, den höchsten Prinzipien der Tierfreundlichkeit entsprechend erklären, und wirst sich in die edle Pose, um angeblich Tiere vor Martern zu bewahren. Diese feige, heuchlerische Ausrede muß gezüchtigt werden. Die Gesinnungsgenossen eines Mechanikers Schneider, der mit tierischer Grausamkeit öffentlich zu Raub und Totschlag an Menschen hetzte, haben das Recht verwirkt, Glauben zu fordern, wenn sie mit Tierfreundlichkeit protzen. Wahrhaftig, die Christlich-Sozialen könnten sich ruhig auf die Gutachten der christlichen Autoritäten, die für das Schächten eintreten, verlassen, wenn es sich ihnen um den Schutz der Tiere und nicht um die Hetze gegen die Juden handeln würde... * * * Der traurige Ausgang des Duells Keglevich-Henz beschäftigt un hohen Maße das öffentliche Interesse, und die Erörterungen über das Duell beginnen wieder eine stehende Rubrik der Zeitungen zu bilden. Hervorhebenswert ist es, daß der Gegner des im Duell getöteten Grasen ein Klerikaler von der schwärzesten Sorte ift, der an der Budapester Universität vor einigen Jahren durch eine kleine Judenhetze sich hervortat. Es handelte sich damals um die Wiederanbringung der Kreuze in den Lehrsälen, gegen die zwar nicht die Juden, sondern die freisinnigen Elemente Protest erhoben, was aber nicht hinderte, daß die klerikal-antisemitischen Hetzer nur die Juden verantwortlich machten. Unter den Fanatikern für das Kreuz war der leidenschaftlichste Herr Henz. Schade, daß der fromme Herr sich nicht lieber daran erinnerte, daß das Evangelium das Töten eines Menschen verbietet. * Vom jüngst verstorbenen Baron Alphonse Rothschild erzählen Pariser Blätter unter anderem nachstehenden Zug: Wenn er aus seinen Spaziergängen auf der Straße von einem Armen augesprochen wurde, drückte er diesem einen Louisdor in die Hand. Es kam dann häufig vor, daß der durch die unerwartete Gabe verblüffte Arme ausries: „Sie haben sich geirrt, mein Herr!" Dann drehte sich Rothschild um und gab ihm einen zweiten Louisdor mit den Worten: „Ja, Sie haben Recht, hier ist die Ergänzung." Wir empfehlen den antisemitischen Blättern diesen „jüdischen" Zug dadurch zu brandmarken, daß sie daran erinnern, Baron Rothschild habe in seiner Arroganz zeigen wollen, wie ein Jude gibt. Die „jüdische" Unbescheidenheit und Aufdringlichkeit — die alte Geschichte. * Kaiser Wilhelm hat kürzlich wohl in einer seiner improvisierten Reden die Behauptung ausgestellt: „Nur der Christ ist ein guter Soldat." Diese Meinung bedarf wohl keiner besonderen Widerlegung, aber man kann immerhin daraus Hinweisen, daß Japan im Kampfe gegen Rußland, welches ebenso viele Heiligenbilder als Gewehre für den Krieg mobilisiert, sich der Mühe unterzogen hat, die Ansicht des deutschen Kaisers zu korrigieren. Freilich, läßt sich nicht leugnen, daß Rußland trotzdem vom Christentum noch weiter entfernt ist, als das heidnische Japan, wenn man Gerechtigkeit und Menschlichkeit als Prüfsteine christlicher Gesinnung hält.

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