Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 20 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20. Die Wahrheit. Seite 7. aus Scham über den russischen Absolutismus gerötet hat. Mich wundert es, daß es in Europa noch Juden gibt, die nicht fluchen, die vor Schmerz bei den Nachrichten über diese Mordtaten nicht weinen, daß es hier in Europa noch Freunde und Verbündete des russischen Selbstherrschertums gibt. Das eine weiß ich: dieser schreckliche Schandfleck, der die Blätter der russischen Geschichte besudelt, kann durch nichts ausgelöscht werden und wird in alle Ewigkeit dort nicht verschwinden. . . ' Die Politik der russischen Regierung in der Judenfrage ist der Gipfel der Niederträchtigkeit. Verräterei und Bestialität. Versammlung der «ngar.rsrael DistriKtsprastdenten. Die Präsidenten der israelitischen Gemeindedistrikte hielten Montag im Sitzungssaale der Pester israelitischen Kultusgemeinde ihre Jahresversammlung ab. Zu derselben hatten sich eingefnnden: Präsident - Stellvertreter Dr. Franz Bakonyi (Komitate Somogy und Zala), Präsident Dr. Franz Berkovics (Komitate Bihar und Bekes), Präsident Emanuel Donath (Komitat Trencsen), Präsident Alexander Leopold (Komitate Tolna und Barcmya), Präsident Wilhelm Lippe (Komitate Borsod, Heves und Jaß-Nagy-Kun-Szolnok), Präsident-Stellvertreter Dr. Immanuel Löw (Komitate Csanad, Csongrad und Torontal), Präsident Dr. Moriz Mezei (Komitate Peft-Pilis- Solt und Budapest), Präsident Dr. Julius Rosenberg (Komitate Sopron und Vas), Präsident Ignaz Schreiber (Komitate Eßtergom, Komarom und Györ), Präsident Salomon von Sternthal (Komitate Arad, Temes und Krasso-Szöreny), Präsident Dr. Victor Schul (Siebenbürger Komitate), Martin Schweiger, kön. Rat Dr. Josef Simon und Dr. Franz Mezey. Martin Schweiger eröffnet die Sitzung, indem er die Erschienenen begrüßt und mit Berufung auf seine im schriftlichen Wege bereits eingereichte Demission die Anwesenden ersucht, ihn von seiner Stelle als Präsident der israelitischen Landeskanzlei zu entheben. Er bittet aber vorher, den Rechenschaftsbericht der Kanzlei über das abgelaufene Jahr zur Kenntnis zu nehmen. Der Sekretär der Landeskanzlei, Dr. Franz Mezey, verliest sodann den Jahresbericht, welchem wir Folgendes entnehmen: Der Bericht konstatiert, daß die verschiedenen und vielfachen Petitionen der Judenschaft an die Regierung bisher die verdiente Würdigung nicht gefunden haben, sowie daß die Regierung, so oft sie in Angelegenheit der Kirchen handelt oder sich äußert, den Umstand, daß die jüdische Konfession in die Reihe der rezipierten Religionen gehört, bisher nicht entsprechend -berücksichtigt hat. Der Bericht behandelt sodann die Regelung der materiellen Verhältnisse der Konfession. Die Anstellung berufener Glaubensvertreter, die Schaffung von Volkserziehungs- und anderer Institutionen sind mit unerträglich gewordenen Lasten verbunden. Das wirtschaftliche Leben liegt danieder. Die Stabilität der Existenzen ist zweifelhaft geworden und dies fühlen in erster Reihe die auf die Opfer der Gläubigen angewiesenen moralischen Körperschaften. Die Kleinkaufleute, welche den Kern der Provinzkorporationen bilden, sind an den Rand des Ruins gelangt, wodurch die kleineren Gemeindeorganisationen der Auflösung entgegengehen. Die Opfer, welche die jüdische Konfession gebracht, sind im Vergleich zu jenen der anderen Konfessionen unvergleichlich groß. Gegenüber diesen Kämpfen und Opfern der jüdischen Konfession zeigt der Staat Gleichgiltigkeit. Es ist vergebens, daß unsere Konfession zu den rezipierten zählt, die Kraft der Gesetze fühlen wir nur vom Gesichtspunkte der von uns zu tragenden Lasten. Die für unsere Konfession dekretierte Rechtsgleichheit wird nicht zur Wirklichkeit. Trotz der vielfachen Bitten, auch der jüdischen Konfession zu gedenken, geht der Staat der patriotischen ungarischen Judenschaft gegenüber nicht über die leeren Versprechungen hinaus. Im Budget für 1905 sind für die verschiedenen Konfessionen K 1,847.000 präliminiert, von welcher Summe auf die Israeliten K 51.000 entfallen. Der Bericht bespricht sodann die in Angelegenheit der Verwirklichung der im G.-A. XX: 1848 niedergelegten Prinzipien entstandene Landesbewegung und konstatiert, daß, während bei den Evangelischen die Kirchensteuer im Durchschnitt 32-82% beträgt, diese bei den Israeliten 50—70% der Staatssteuer, ja mit jenen Abgaben, welche bei anderen Konfessionen nicht existieren, auch 100—160% beträgt, wozu noch viele Abgaben für sonstige konfessionelle Zwecke kommen. Die den Israeliten gewährte staatliche Unterstützung figuriert seit 1868 im Budget, während diese Unterstützung seit der Rezeption im Verhältnis zu den übrigen Konfessionen hätte festgestellt werden sollen. Was die Ergänzung des Seelsorgereinkommens aus staatlichen Mitteln anbelängt. ist diesbezüglich die staatliche Hilfe für die israelitische Konfession fast ganz in Vergessenheit geraten. Von den durch den Staat zu diesem Zwecke votierten K 2,281.000 entfallen auf die israelitischen Rabbiner X 20.300. Die Aufmerksamkeit der Landeskanzlei galt auch der Lage der übrigen konfessionellen Beamten, und es ist in erster Reihe eine Regelung des Verhältnisses zwischen den Gemeinden und ihren Beamten notwendig, ebenso die Schaffung einer Qualifikation, weil diesbezüglich die Verhältnisse unhaltbar sind, und die Schaffung eines Landes-Pensionsinstituts für die Witwen und Waisen der israelitischen Beamten. Der Bericht reflektiert sodann auf den Gesetzentwurf über die Modifikation des Volksschulunterrichts und konstatiert, daß einzelne Bedenken, welche die Landeskanzlei vorgebracht, bei Verhandlung der Vorlage in Berücksichtigung gezogen werden dürften. Zum Schluffe behandelt der Bericht die Schritte, welche in Angelegenheit der staatsrechtlichen Stellung der Konfession, der derselben entsprechenden Vertretung im Magnatenhause und der gesetzlichen Sicherstellung ihrer Autonomie unternommen wurden. Diesbezüglich sei eine Klärung der Ideen unbedingt notwendig, weshalb es unerläßlich ist, bei der Regierung dahin zu wirken, daß zum Zwecke der Ausübung des Selbstbestimmungsrechtes der gesetzlich rezipierten jüdischen Konfession ehestens ein israelitischer Landeskongreß einberufen werde. Der großangelegte, ideenreiche Bericht des Sekretärs wurde mit großem Beifall ausgenommen. In der allgemeinen Debatte hielten Dr. Julius Rosenberg und Dr. Franz Berkovics längere Reden; an der Spezialdebatte beteiligten sich fast sämtliche Anwesenden. Schließlich wurde der Bericht zur Kenntnis genommen. Sodann wurde zum Präsidenten der Landeskanzlei Doktor Moriz Mezei, zum stellvertretenden Präsidenten Alexander Leopold (Szegzard) mit Akklamation gewühlt. Auf Antrag des letzteren wurden die Verdienste Martin Schweigers protokollarisch verewigt. Die Versammlung votierte dem k. Rat Dr. Josef Simon, der länger als dreieinhalb Jahrzehnte hindurch die Angelegenheiten der Konfession mit großem Erfolge leitete, vollste Anerkennung und erbat auch für die Zukunft seine Unterstützung. Dr. Moriz Mezei dankte für die Wahl und legte die künftigen Aufgaben der Konfession in großen Zügen dar. Die israelitischen Distriktspräsidenten werden sich schon demnächst wieder zu einer Plenarversammlung zusammensinden, um eine auf dem Gebiete des israelitischen Konfessionswesens einzuleitende größere Aktion vorzubereiten. Uester israel. Retigionsgemeiude. Die Repräsentanz der Pester israelitischen Religionsgemeinde hielt vorige Woche unter dem Vorsitze des Präsidenten Hosrates Sigmund Kohner ihre ordentliche Generalversammlung im großen Sitzungssaale der Religionsgemeinde in der Sip-utcza ab. Es versammelten sich der Gesamtvorstand und der größte Teil des Ausschusses und der Repräsentanz. Anwesend waren: Reichstagsabgeordnete, Universitätsprofessoren, Magnaten- Haus-Mitglieder, Kurialrichter, Hofräte, Ministerialräte, Barone und Edelleute, sowie Vertreter aller Stände.