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Die Wahrheit · 1905-05-26 · Heft 20 (26.5.1905) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 20 (26.5.1905)
Date
1905-05-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
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. «>S3ltfK-i- /«fitXSJK »•? %• S: .^-L-^SIRTL-ÄWkÄLE:&tö4iifiizrS» j:'£*i-r?: ' •»-*?§& Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 20. und befindet sich in Moskau in ärztlicher Behandlung. „Hinaus mit ihm, er hat dort kein Wohnrecht!" Ein jüdischer Handwerker ist erkrankt, er kann nicht mehr arbeiten und schließt seine Werkstatt. „Fort mit ihm, dem Hund, von seinem alten Wohnsitz; er soll keine Schmach über das russische Land bringen!" Es bedarf kaum der Erwähnung, daß auch die Familie i des Juden vollkommen ohne Schutz gegen die allmächtige Willkür 8er Polizei ist. Als im Jahre 1891 die Juden aus Moskau in die Verbannung gejagt wurden, schonte man niemand. Schwerkranke, Sterbende, Wöchnerinnen, die in Betten lagen — alle wurden ohne Unterschied und ohne Erbarmen hinausgetrieben. In den südlichen Sanatorien der Krim und in Jalta, in den Bädern im Kaukasus ist es den Juden verboten, sich zur Kur äuszuhalten. In Kiew werden auf die Juden Treibjagden veranstaltet, in der Mandschurei waren bloß Jüdinnen als Prostituierte zugelassen, und in Petersburg wurde bis zur letzten Zeit noch die Ausweisung von .Jüdinnen vorgenommen, deren Männer dort Wohnrecht haben, nur weil ihre Männer die Residenz auf 24 Stunden verlassen hatten. Die für einige Zeit aufgehobene Ausweisung vou Frauen jüdischer Aerzte, die in den Krieg gezogen sind, hat wieder begonnen. Der Tod eines jüdischen Handwerkers zieht die unabwendbare Ausweisung seiner ganzen Familie nach sich. Auch der großjährige Sohn muß fort, wenn er das Wohnrecht für sich selbst nicht erworben hat. So handelte man auf Grund des „Gesetzes" der administrativen Anordnungen, Polizeibefehle und Gerichtsbeschlüsse, und diese Praxis sanktionierte der Senat, mit seinen Erläuterungen. Das Versprechen Plehwes erfüllte sich ganz und gar: das Leben der Juden wurde im buchstäblichen Sinne des Wortes — unerträglich. Es schien eine Zeitlang, als ob der Kelch der Qualen des jüdischen Volkes endlich bis zum Rand gefüllt sei, und daß es selbst der blutrünstigsten Phantasie schwer fallen werde, noch schlimmere Qualen, eine noch verfeinerte und mit mehr Berechnung ausgeführte Unterdrückung zu ersinnen. Aber das schien nur so. Den Juden wurde es als Schuld angerechnet, daß sie Menschen und kein stummes, geduldiges Vieh sein wollten, daß sie die marternde Hand nicht mit Ehrfurcht leckten und küßten, daß sie nicht im Gefühl von unendlicher Liebe und Dankbarkeit zu denen erstürben, die sie der Möglichkeit zu -leben und zu atmen beraubten, der Möglichkeit, zu denken, zu fühlen und zu arbeiten. Die Sklaven — sie haben gewagt zu denken und von Freiheit zu träumen, die verachteten Parias hielten sich für Menschen, die Rechtlosen, mit offizieller Schmach Gekennzeichneten, an ihr Ghetto Gefesselten, sie wagten von Gleichheit zu sprechen, von Recht, von sozialer Gerechtigkeit, von Volksherrschast. Uud sie haben sich nicht mit Worten begnügt, sie haben sich in einem Proletarierverband organisiert, sie haben die Fahne des Kampfes gehißt, sie sind mit Waffen in der Hand aus den Barrikaden erschienen . . . Welch eine Frechheit, welch eine Schamlosigkeit, welch eine Dreistigkeit! Mit Schmach hat sich die zarische Regierung im Kriege in der Mandschurei bedeckt. Eine halbe Million Menschen und zwei Milliarden vom Gelbe des Volkes hat sie hinausgeworfen, um nur den allerkleinsten Sieg zu erringen, und sie ist geschlagen, vollkommen geschlagen. Die Staatskasse ist leer, im Volke Herrschi Gärung und Unzufriedenheit, wie ein verwundetes Tier blickt die Millionenmasse um sich, sie fühlt das Unglück und den Verrat, sie sucht die Schuldigen, sie lechzt dannach, ihren großen Zorn an den befehlenden Herren auszulassen. Die Stützen schwanken. Es tritt die Anarchie ein. Allmählich öffnen sich die Augen des Volkes, die Revolutionsflamme beginnt zu lodern. — „Haut die Juden!" — das ist der magische Ruf, das Losungswort der Rettung: Die Juden zu verleumden, sie zu brandmarken, aus sie die eigene Schmach und die eigenen Verbrechen abzuwälzen, sie zu Opfern des Zornes des Volkes zu machen, das Gewitter von sich selbst abzulenken, mit unschuldigem Mute das erwachte Tier zu sättigen, gegen die aufständischen Parias die dunkle ungebildete Masse zu hetzen. Haben denn nicht weise Herrscher im Mittelalter diese Methode angewendet, haben sie in schweren Zeiten nicht auch gerufen: „Die Juden sind an allem Unglück schuld! Sie, die Christus gekreuzigt haben, vergiften die Brünnen, bringen uns Hungersnot, Pest und Seuche!" Die Revolution naht. Das ganze russische Proletariat hat sich schon erhoben. Die Vertreter der Semstwo, die Professoren, Vertreter aller freien Berufe haben sich vereinigt. Eine demokratische Presse ist entstanden. Parteien bilden sich, Vereine organisieren sich. Das ganze Land ist vom Fieber des Befreiungskampfes erfaßt. Gegen die absolutistische Tyrannei haben sich alle erhoben, die sich in ihrer Brust ein Herz' bewahrt haben, denen die Ehre des Landes teuer ist, die nach Recht und Freiheit lechzen. Den unterdrückten Völkern ist die Freundeshand gereicht, die Parias haben Brüder gefunden, die jüdischen Ketten fallen, der Augenblick der Beffeiung eines sechs Millionen zählenden Volkes naht . . . Wie soll man diese Bewegung äufhalten, wie sie verleumden und in den Schmutz ziehen? Da ertönte in. ganz Rußland der Ruf ... in Kirchen verkündeten ihn die Priester, in den Schulen die treuen Untertanen, auf den Straßen die Polizisten, in der Presse die Reptilien, in den Werkstätten die Spitzel und agents provocateurs — „Haut die Juden! Sie. haben den Japanern für 18 Millionen die Sicherheit und die Ehre des Landes verkauft, sie haben die Gärung hervorgerufen, sie tasten das Heiligste an, sie haben in verräterischer Weise alle großen nationalen Stützen des Staates unterwühlt; sie haben sich gegen den heiligen Zaren und seine treuen Diener aufgelehnt; sie haben die Studenten und die Leute der Presse verdorben, sie haben Rußland der Schmach und den Niederlagen ausgeliefert. Eine neue Leibeigenschaft. die Herrschaft der verfluchten Juden, bringen die Juden und die Studenten mit sich. Sie denken den Bauern das Land zu nehmen, die alten Herrscher des großen russischen Reiches zu unterjochen. Haut die Juden!" Es gibt aber keine Möglichkeit mehr, die jüdischen revolutionären Kräfte zu hemmen. In geschlossenen Reihen, mit röter Fahne, die Arbeiter-Marseillaise singend, gehen sie zusammen mit den Esten und Letten, mit den Russen und Polen, die letzten Festen zu erobern, den tönernen Koloß des russischen Absolutismus zu zerstören; und sie werden von jüdischen Kapitalisten unterstützt, die jüdische Bourgeoisie ist dem Zaren untreu geworden, die auserwählte jüdische Minderheit, die bis jetzt in den Pferchen über die jüdische Arbeitermassen herrschte, ist von der Opposition angesteckt . . . Man mußte strafen. Und nicht bloß strafen, sondern auch allen Liberalen, der ganzen Opposition Furcht einjagen, ihnen klipp und klar beweisen, was die Macht, des absolutistisch gesinnten Gesindels, der Polizeibanden, der Lumpen und Diebe, des Auswurfs der Gesellschaft bedeutet . . . In Kursk, Tambow, Nischni-Nowgorod und Baku hat man Studenten, Liberale, kurz die Intellektuellen, geprügelt. Aber der Effekt war nicht vollkommen. Die Hauptpunkte der freiheitlichen Bewegung waren unberührt geblieben, die Metzeleien Kischenew, Homel und Mohilew waren vergessen- Man mußte die alte Praxis erneuern und beweisen, daß die Drohungen der Regierung kein Scherz sind. „Gebt die Demokraten an," sagten die Gouverneure, ..und es wird keine Metzeleien geben; wenn ihr es. nicht tun wollt, dann vertilgen wir euch alle!'.' Und die Drohung wurde erfüllt. Aus. Simferopol, aus dem Gouvernement Poltawa und aus Taurien sind schon schreckliche Nachrichten eingetroffen. Die Abschlachtung hat begonnen. Mit Unterstützung der Polizei und der Militärs, unter Beihilfe dex höchsten Administration und der Behörden hat eine wilde Räuberbande das Zerstörungswerk vollbracht und hat gemordet. Die Armen wurden beraubt, Bettler gebrandschatzt, es wurde gesengt und gemordet, Kinder wurden zu Krüppeln gemacht, erdrosselt, Greise niedergeschlagen, Wehrlose, Schwache, Schutzlose angegriffen und zu-Boden geschlagen. In staatlichen. Verkaufsstellen wurden diese Bestien mit Branntwein bewirtet, und die kaiserlichen Truppen, nahmen den Juden die Waffen fort, um sie leichter töten und quälen zu können. Ich weiß nicht, was. sich dem noch hinzufügen ließe. Mich, wundert es nur, daß der Himmel über Europa sich nicht-

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