Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 20 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Leite 4. Nr. 20. Die Wahrheit Von einem Freunde unseres Blattes erhalten wir nachstehende Zuschrift: „Der Wagner-Kultus, welcher so viele Arier und Christen zu Antisemiten macht, weil sie glauben, damit im Sinne ihres Idols zu handeln, der seinem Judenhasse so deutlich in der Schrift „Das Judentum in der Musi!" Ausdruck verliehen, hat auch in den Köpfen vieler kunstbegeisterter Juden eine heillose Verwirrung angestistet. Da möchte ich mir denn erlauben daran zu erinnern, daß einer der bedeutendsten und sittlich höchststehenden deutschen Schriftsteller, Gustav Frey tag, über die Wagner'sche Musik das Urteil fällte, sie habe alle jene Merkmale, die nach Wagners Meinung der Musik der In den — in unschöner Weise — anhaften. Wenn man überdies noch weiß, daß Wagner in seinem Aussehen stark an einen Juden erinnerte, so muß man schließlich befürchten, daß noch einmal die Judenfeinde Wagner gegen die Juden ausspielen werden, aber in dem Sinne, daß sie ihn zum Juden stempeln und aus seinen häßlichen Charaktereigenschaften den Beweis für die — semitische Verworfenheit deduzieren werden". » -i- * Wir haben wiederholt darauf hingewiesen, wie die antisemitischen Hetzpfarrer und Hetzkapläne verwegen sich gegen Päpste und Kirchenfürsten wenden, wenn. diese die Toleranz gegen die Juden fordern. Sie bleiben sich aber konsequent, indem sie mit derselben Brutalität den religiösen Haß gegen die Protestanten schüren. In dem Momente, wo der Papst den deutschen Kaiser durch hohe Auszeichnung ehrte, ist es interessant zu sehen, wie Monsignore S ch e i ch e r gegen die Protestanten hetzt, die in Klosterneuburg eine Kirche zu erbauen wagten. Da hieß es jüngst in dem von Scheicher redigierten Blatte: „In diesen Tagen, geweiht der Verehrung des heiligen Leopold, ist neben seinem Werke ein anderes errichtet worden, aber kein Werk heiliger Frömmigkeit und christlicher Liebe, sondern ein protestantisches Bethaus.... Ich finde es nicht unverständlich, daß ein Angehöriger des Chorherrenstiftes Klosterneuburg sich und mir die Frage vorlegte: Ist das Bekenntnis, dessen Verbreitung in Oesterreich auch das neue Bethaus in Klosterneuburg fördern will, nicht gefährlich, sogar staatsgefährlich?" Welcher wahre Christ müßte nicht aus dieser Stilprobe erkennen, daß es den Leuten von der Sorte Scheichers in ihrer Hetze, handle es sich um Juden oder um Protestanten, um alles, nur nicht um das Christentum handelt. * * * In Rußland machen die leitenden Regierungskreise von dem erbärmlichen, ebenso alten, als leider erfolgreichen Mittel Gebrauch: sie lenken die Erbitterung des Volkes auf die Juden. In den von der Regierung patronisierten Proklamationen der neugegründeten „Patriotischen Ligen" wird der Kampf zwar gegen die „Intelligenz" gepredigt, aber die gewissenlosen Hetzer und Volksverderber wissen ganz genau, daß es genügt, die Juden als die Bundesgenossen der „Intelligenz" zu bezeichnen, um die Exzesse gegen die Juden herbeizuführen. In einer dieser Proklamationen, die typisch für alle anderen ist, heißt es u. A.: „In den Stadtverordneten- und Landschaftsversammlungen, wo die Herrschaften das Regiment führen und in den großen Städten die Advokaten, Professoren, Studenten, Lehrer, bankerott gewordene Gutsbesitzer, vornehm gewordene Kaufleute, und andere Herren, die sich die Intelligenz nennen, wollen unseren Staat umformen, so daß sie selbst an Stelle des Zaren die Herrschaft ausüben.... Die Herrschaften verleugnen den Zaren, weil sie dessen Platz einnehmen wollen; sie verleugnen den orthodoxen Glauben, weil sie nicht an Gott glauben; sie verleugnen das Vaterland, weil sie mit den Vaterlandsfeinden, den Juden, Polen und Anderen im Bunde stehen. Tun wir uns zusammen und prügeln wir diese Intelligenz, wo und wann wir ihrer habhaft werden, des Nachts aus dem Hinterhalt. Gegen Bösewichter ist jedes Mittel gut. Der Bund des Volkes. So werden unter dem hohen Schütze der Regierung Re i Bomben in das russische Volk geschleudert. Sie üben ihre verj hängnisvolle Wirkung, das beweisen die — Judenmassakres. | Das Indenelend in Rußland. j Das Blutbad von K i s ch e n e w hat in S ch i t o m i r! eine neue Auflage erlebt und das letzte russische Osterfest gab j wieder willkommenen Anlaß zu Raub, Mord und Plünderung, die an Anseren armen schwergeprüften Glaubensgenossen in Rußland begangen wurden. Massenhaft greifen sie zum Wanderstabe, um wenigstens das nackte Leben zu retten, und hilfesuchend j klopfen sie auch an unsere Tore. Gräßlich sind die Schilderungen ' ihrer eigenen Leiden und jammervoll ist das Schicksal ihrer in Not und Elend zurückgebliebenen Brüder und Schwestern, die den gleichen Weg werden antrelen müssen. Die „Israelitische Allianz zu Wien" hat eine umfassende Hilfsaktion eingeleitet. Da aber ihre eigenen Mittel zur Linderung der großen Not nicht ausreichen, wendet sie sich in nachstehendem Aufrufe an alle Glaubensgenossen, durch ausgiebige Geldspenden mitzuwirken an diesem Werke der Befreiung aus Not und Elend. Rasche Hilfe ist hier am Platze, und so appellieren auch wir an Alle, die den jüdischen Namen tragen, das so oft gerühmte jüdische Herz zu betätigen und die Hilfsaktion der Allianz kräftig zu fördern.. Ausruf! Neuerlich sind grauenhafte Nachrichten zu uns gedrungen! Furchtbare, jedes menschliche Gefühl empörende, sich täglich in verstärktem Maße wiederholende Massakres gegen schutzlose jüdische Familien in Rußland haben unter vielen unserer Glaubensgenossen unsägliches Elend heraufbeschworen. Zahl r eich eFamilien allerorts im nordischen Reiche greifen z u m W a n d e r st a b e, um sich vor dem drohenden Untergange zu retten. > Unsere für derlei Zwecke aufgebrachten M i t t e l sind beinahe vollständig erschöpft, und nun treten neue Anforderungen in größtem Stil an uns heran. Wir wären aber außer stände, helfend einzugreifen, wenn uns nicht rasche und ausgiebige Hilfe zu teil würde. Um nicht in unserer philanthropischen Aktion, welche im Laufe der letzten Monate namhafte Summen in Anspruch genommen, innehalten zu müssen, wenden wir uns an alle edlen Menschenfreunde mit der innigen Bitte um Spenden zu Gunsten der verfolgten und dem Elend preisgegebenen russischen Juden, die ohnedies unter den schwierigsten Verhältnissen um ihre kümmerliche Existenz zu kämpfen haben. Die Zusendung der Spenden erbitten wir uns in das Bureau der „Israelitischen Allianz zu Wien", I., Weihburggasse 10. Der Vorstand der „Israelitischen Allianz zu Wien". Wien, 20. Mai 1905. ->- * * Die furchtbare Notlage der Juden in Rußland hat Professor Reussner aus Berlin in einem jüngst in der Wiener „Zeit" erschienenen Artikel geschildert und seine wahrheitsgetreuen Schilderungen erscheinen uns als wirksames Mittel, um die westeuropäischen Juden zu werktätiger Hilfe anzueisern. Die neuesten Nachrichten aus Rußland, heißt es daselbst lassen sich in eine kurze Formel zusammenfassen: „Haut die Juden!" Die Verfolgungen und Metzeleien, die jetzt wieder einmal in Rußland vor sich gehen, lenken auch die Aufmerksamkeit des ausländischen Beobachters auf die Lage der Juden in Rußland. Es ist ein wahres Martyrium, von dem die folgenden Zeilen dem Leser eine Vorstellung geben sollen. Die russische Regierung ist es eigentlich selbst, die das Judentum heranzieht, um es hermetisch abgeschlossen zu erhalten. Sie steht seit Jahrhunderten Wache vor dem Kerker der Un- . ..