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Die Wahrheit · 1905-05-26 · Heft 20 (26.5.1905) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 20 (26.5.1905)
Date
1905-05-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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aßrikit Nedaktioil u. Admiuistratioil: Wien, II/, Nvvaragasse 27. Telephmi Nr. der Druckerei 15302. Inserate 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Abounementsu. Jilsertiousbeträge sind in Wien zahlbar und'klagbar. eitschrift für Mische en. Hrfcheint jeden Kreilag. Uotlo: „Das 8i6A6l Oottes ist Wahrheit!“ |J Berngsp^eis: j| Ganzjährig ... ft. 12.— | Halbjährig ... ft. 6.— i| Für Cnltnsbeamte:! Ganzjährig . . . ft. 10 — j Für Ausland: Ganzjährig ... 3 Mark. 6 Rubel oder >6 FcS. l!__ |tv. 20 Wien, 26. Mai 1905. Inhalt: Aus der Woche. — Das Judenelend in Rußland. — Versammlung der ungar.-israel. Distriktspräsidenten. — Pester israel. Religionsgemeinde. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton: Glühende Kohlen. Ans der Mache. Also Dr. I. P o r z e r ist der Erkorene der Christlich- Sozialen! Er wird an der Seite Luegers und Neumayers den kurulischen Thron besteigen. Uns kann es recht sein, denn schließlich hat die christlich-soziale Partei viele Mitglieder, die noch antisemitischer und noch klerikaler gesinnt sind, als Doktor Porzer. Aber daß die auf dem Rassenstandpunkte stehenden Christlich-Sozialen mit der Kandidatur eines 'Mannes zufrieden waren, der. notorisch jüdischer Abstammung ist, dessen Mutter eine Jüdin war, ist einigermaßen verwunderlich. Vielleicht haben sie übrigens Porzer gewählt, damit sie das abgegriffene Schlagwort: ..Alles ist verjudet", mit erhöhtem Mat in die Bevölkerung schleudern können. Alles ist verjudet. Sogar die christlich-soziale, antisemitische, klerikale, rassenfanatische Majorität des Gemeinderates. Und die Liberalen werden in diesem Falle gegen das Schlagwort wirklich nichts sagen können . . . * * * In einem Wiener Blatte war zu lesen, daß Dr. I. Porzer ein Neffe des Dr. Ludwig August Frankl, des ehemaligen Sekretärs der Wiener Kultusgemeinde, sei. Dem gegenüber wird uns mitgeteilt, daß Dr. Porzer allerdings in verwandschaftlichen Beziehungen zu diesem hervorragenden Beamten der Kultusgemeinde stand, daß er aber nicht dessen Neffe war. * * * Angesichts der seltsamen Rede, in welcher Freiherr Alfred v. Berger — nebenbei bemerkt ein Judenstämmling — zur Zentennarfeier Schillers den großen Dichter für den Katholizismus reklamierte, mag auf die taktvolle, diskrete Art hingewiesen werden, in welcher ein jüdischer Schriftsteller der Beziehungen Schillers zu den Juden gedenkt: ..Das hätte sich Schiller wohl kaum je ttäumen lassen, daß seine Lieder in der uralten Sprache des Judenvylkes erschallen würden. Wenn König David käme und die Sänger der Psalmen, wenn , die Propheten Israels kämen, sie brauchten nicht erst deutsch zu lernen, um den Dichter des Liedes „An die Freude" zu verstehen, denn das Herrlichste von dem, was er geschaffen, würde ihnen in hebräischen Klängen entgegentönen." So leitet B. Sflphra einen Aufsatz ein, der am 20. Mai in der Zeitschrift „Ost und West"' erschien und worin er eine interessante Uebersicht über die bisher veröffentlichten Uebersetzungen Schillerscher Gedichte und Dramen ins Hebräische gibt. „Die Uebersetzungen", so führt der Verfasser aus, „entsprangen nicht dem Bedürfnis, die Leser mit diesen Werken bekannt zu machen, denn das literarisch interessierte jüdische Publikum verstand fast durchweg Deutsch, las eifrig deutsche Bücher und brauchte nicht erst die guten Dienste der Uebersetzer abzuwarten, um sich die hervorragendsten Schöpfungen der deutschen Dichter anzueignen. Die Uebersetzer hätten sich also die Mühe sparen können. Wenn sie dennoch so viel Geist, Formkunst und Fleiß auf diese immerhin wenig dankbare Arbeit verwandten, so geschah dies lediglich aus dem seelischen Drange heraus, das, was man vom Werke eines deutschen Dichters besonders liebte und bewunderte, in den Lauten der eigenen geliebten Sprache nochmals erklingen zu hören. Uebersetzte man also ein Gedicht ins Hebräische, so nahm man davon recht eigentlich Besitz, man bemächtigte sich seiner, es wurde dadurch sozusagen geweiht, es wurde „unser". Die Uebersetzer waren also hier keineswegs Vermittler fremder Gedanken, sie entsprachen vielmehr einem Bedürfnis nach geistigem Luxus, freilich einem Luxus von der Art, auf die Voltaires Wort: Iis superflu — chose la plus neeessaire vorzüglich paßt. Das erste Gedicht von Schiller, das ins Hebräische übersetzt wurde, dürfte wohl „An die Freude" sein; der Uebersetzer war Büschenthal; die Uebersetzung erschien im Jahre 1817 in der Berliner Zeitschrift Jedidja. Eine größere Auswahl Schillerscher Gedichte in sehr schöner Uebersetzung veröffentlichte Doktor Letteris aus Przemysl in Galizien, Wien 1852. Letteris, der sich als Lyriker einen guten Namen gemacht, lieferte (1862) auch eine Uebersetzung von Faust I. Teil, die damals zu einer weitläufigen Polemik Anlaß gab. Mathias Simcha Rabener aus Lemberg, Schuldirettor in Jassy, hatte zur Zentennarfeier von Schillers Geburtstag (1859) ebenfalls eine Auswahl von dessen Gedichten ins Hebräische überttagen, die aber erst 1862 in Czernowitz herauskam und sechs Jahre nachher in Jassy in vermehrter Auflage erschien." Saphra gibt dann eine lange Liste einzelner Gedichte, von denen hebräische Uebersetzungen vorliegen. Der Aufsatz schließt: „Was die Juden des Ostens so mächttg zu Schiller hinzog und ihn ihnen so lieb und teuer machte, war, abgesehen von der Zeitstimmung — der Sehnsucht nach Freiheit und Gleichheit —, von der sie in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts beherrscht waren, und der Schiller einen so grandiosen Ausdruck verlieh, noch etwas ungleich Tieferes und Dauernderes. Es war Schillers warme und echte Religiosität, die, frei von allen beengenden Schranken, die ganze Menschheit umspannte!" * * *

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