Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 19 (19.5.1905)
- Date
- 1905-05-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 10. Die Wahrheit Nr. 19. Pflichterfüllung fand er die chn beglückende Befriedigung und Zufriedenheit. Er war einfach und schlicht, bescheiden und anspruchslos, erkannte keine andern Vergnügungen als die treueste Pflichterfüllung im idealsten Sinne im Gottes- und Familienhause. Er befaß aber auch ein warmfühlendes und gutes Herz für Arme und Bedürftige, und keiner wandte sich vergeblich an ihn und aus feiner engeren Heimat kamen gar oft und gar viele Arme zu ihm, alle fanden sie ihn hilfbereit und er gab gerne und freudig, weit mehr, als es seine Verhältnisse gestatteten; dabei empfand er nur den einzigen Stachel, die einzige Wehmut — daß er nicht mehr geben konnte, sowie es ihm sein gutes edles Herz diktierte. Je mehr des Lobes¬ und Rühmeswerten von einem Manne bekannt ist und von ihm gesagt werden kann, desto schmerzlicher ist der Abschied von einem solchen Manne. Seinem Wahlspruch: 'n nMwn „Ich preise Gott mein Lebelang im Lied, in Andacht und Gesang!", blieb er bis zu seinem Tode treu. Wer ihn noch an den verfloffenen Festtagen an gottgeweihter Stätte hörte, wie er mit herrlicher, kraft- und machtvoller Stimme die Gebete zu Gott emporsendete, wie er in tiefer Ergriffenheit für das Seelenheil der teueren Dahingeschiedenen betete, der konnte es kaum für möglich halten, daß seine Tage, die er unter den Lebenden zu weilen hat, gezählt und von so kurzer Dauer nur noch sind und daß der Tod schon an der Schwelle lauert und wir ihn selbst heute als Tobten beklagen und betrauern werden. In dieser schmerzlichen Empfindung nehme ich Abschied von Dir, teuerer Verklärter, im eigenen Namen, im Namen der Berufsgenoffen, denen Du eine Leuchte und Zierde gewesen, sowie im Namen aller Beamten unserer Gemeinde. Jakob Bachmann, ziehe hin in Frieden, rube sanft, Gott mit Dir!" Szenicz. Im Alter von 77 Jahren verschied Frau Jeanette Steiner, Mutter des berühmten Schriftstellers H. Iork-Steiner und des Profeffor Steiner. Mittwoch den 10. d. M. fand vom Hause ihres Schwiegersohnes, unseres geehrten Herrn Präses Moritz Schönmann, ihre Beerdigung unter sehr zahlreicher Beteiligung statt. Herr Bezirksrabbiner Marmörstein hielt eine tiefempfundene, formvollendete Leichenrede, in welcher er mit beredten Worten die edlen Charakterzüge der Verblichenen schilderte und den Schmerz der Söhne verdolmetschte, denen es nicht gegönnt war, ans die letzten Atemzüge der sterbenden Mutter zu lauschen und an ihrem Sarge die letzten in kindlicher Liebe geweihten Tränen zu weinen, da sie beide fern von der Heimat weilen. Herr Iork-Steiner ist seit einiger Zeit im Auslände verreist und Professor Steiner gegenwärtig in Amerika. Die treffliche Rede machte allgemein tiefen Eindruck. Vukovar. (Vortrag über die „Erste jüdische Reisegesellschaft nachdem heiligen Lande.") Unter dem Vorsitz des verdienstvollen Präses der Kultusgemeinde konstituierte sich in Vinkovce ein Komitee, welche durch eine Deputation den Bukovarer Oberrabbiner Herrn Dr. I. Diamant ersuchte, über seine während seiner Reise gesammelten Eindrücke und Erfahrungen in Vinkovce einen ausführlichen Bortrag zu halten. Für denselben gab sich auch in der ganzen Umgebung das lebhafteste Interesse kund. Derselbe fand Freitag den 14. d. M. im Tempel statt, der sowohl im Männerraume als auf der Damengalerie bis aufs letzte Plätzchen gefüllt war. Herr Bezirksrabbiner Salomon Neumann begrüßte in warmen, herzlichen Worten seinen verehrten Amtsbruder und ersuchte ihn, den zugesagten Vortrag, für welchen sich so ungeteiltes Interesse dmdgab, zu halten. Unter gespannter Aufmerksamkeit der großen Schaar der Zuhörer sprach nun der Vortragende (dritthalb Stunden) über die Seereise^ sowie das Leben auf dem Schiffe bis Alexandrien, behandelte dann die jüdischen Verhältniffe in Alexandrien und Cairo uud besprach sehr eingehend die heutigen Zustände des heiligen Landes, gab ein sehr anschauliches Bild über die jüdischen Kolonien und schilderte sehr ausführlich die Verhältniffe aller in der heiligen Stadt wohnhaften Glaubensgenossen, vornehmlich ihre Schulen, Gotteshäuser und wohltätigen Anstalten. In schwungvollen Worten dankte Gemeinde-Präses, Herr Ignatz Löwy, namens der Gemeinde sowie sämtlicher Zuhörer für den genußreichen, unvergeßlichen Vortrag des illustren Redners. In der Wohnung des Herrn Rabbiner Neumann überreichte nun das Komitee als Zeichen des Dankes dem Vortragenden ein kunstvolles, silbernes Schreibzeug mit paffender Widmung. Glühende Kohlen. Novelle von Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) Doktor Piesen hatte, seit er unverrichteter Sache aus der Synagoge gekommen war, nicht daran gedacht, etwas zu genießen, oder auch seinen Frackanzug abzulegen. — Seine Verwandten, die zu seiner Hochzeitsfeier gekommen, waren alle abgereist, ohne daß er ihnen das Geleite zum Bahnhose gegeben hatte, niemand kümmerte sich um ihn, auch seine Schwester nicht. Jetzt aber verlangte die Natur gebieterisch ihr Recht. Piesen suchte in seinem Schranke die kärglichen Reste seines gestrigen Mittagsmahles zusammen, zu Nacht hatte er ja bei Hönigs gespeist, wo ein solenner Polterabend gefeiert worden, und begann etwas zu essen. Auch seine Gedanken begannen sich einigermaßen zu ordnen. Wenn er nur nur wüßte, wer dem Mädchen von seinen zerrütteten Vermögensverhältnissen erzählt hatte. Etwas anderes, so sagte er sich, konnte sie ja gegen ihn nicht haben. Martha war zwar niemals zärtlich gegen ihn, hatte ihm niemals die geringste Vergünstigung gestattet, doch glaubteer immer, daß diese Zurückhaltung in ihrer Natur liege, daß: dies eine übertriebene, mädchenhafte Scheu sei. Aber freundlich war sie doch immer gegen ihn, selbst heute früh noch, als sie im Brautschmuck so verführerisch schön ihm entgegentrat. Wenn das Mädel nur nicht so sehr hübsch wäre! Er glaubte, noch nie so geliebt zu haben, nicht einmal die Emma in der Zeit, wo sie noch jung und hübsch war, und er vermeinte, sie zu lieben.- Bei dieser Erinnerung durchrieselte etwas wie ein kalter Schauer des Doktors Körper. Er stand aus, schänkte sich ein. Gläschen Kognak ein und stürzte es hinab. „Und jetzt wäre ich all die Gurgelabschneider mit einem Male losgeworden," murmelte er vor sich hin, „hätte wiederfrei atmen können und dem Mädel in Prag, dem hätte ich einige hundert Gulden geschickt als Ersatz für ihre Bar-Auslagen; — — wie ich die Emma kenne," und wieder schüttelteer sich voll heimlichen Grauens, „so würde sich die damit zuftieden geben und nichts, nichts würde mich mehr an meine Vergangenheit nnd an meinen leichtsinnigen Lebenswandel erinnern. Gin neues, schönes Leben, ein Leben in Reichtum, Glück" und Liebe wäre mir aufgegangen; dieses schöne, üppige Weib wäre mein geworden, mein auf immer! Schon jetzt wäre ich. mit ihr hinausgefahren in die weite Welt, ich allein mit ihr,, der Stolzen, Unnahbaren! Es sollte nicht sein." Sinnend starrte er vor sich hin. Etwas hatte sich zwischen ihn und sein Glück gestellt. Ein Schatten war aufgetaucht, ungreifbar, unfaßbar, der alle sein Pläne und Hoffnungen vernichtet hat. Damals, als er in seiner Eigenschaft als Hausarzt das Hönigffche Haus zu besuchen anfing und von dem. Hausherrn direkt zur Bewerbung um Marthas Herz und Hand aufgefordert wurde, war es ihm weniger um diese selbst zu tun, als um den immensen Reichtum, der für ihn in Aussicht stand. Den blasierten Großstädter, den, was Weiblichkeit betrifft, zynisch denkenden Mediziner, hatte die stille Anmut der lieblichen Martha kalt gelassen. Den inneren Wert dieser Mädchenblume zu würdigen, dazu war er zu verderbt gewesen. Dies konnte.nur einem Julius Hellmann gelingen, der in Martha nicht ihre äußeren Reize bewunderte, sondern ihr stilles Walten im mutterlosen Hause, ihre echte Frömmigkeit und ihren stillen Wohltätigkeitssinn beobachtet. Hönig hoffte im stillen durch die Verwandtschaft mil dem Stadtarzte eine angesehenere Stellung in Stadt und Gemeinde zu bekommen, als er sie trotz seines Reichtumes inne hatte, ja, er gab sich der Hoffnung hin, daß es Doktor Piesens Einfluß gelingen werde, seine Wahl in den Gemeindeausschuß, durchzusetzen, welche ihm als das höchste Ziel seines Lebens galt. — Marthas Herz kam bei beiden nicht inbetracht. Auch noch nach seiner Verlobung wußte Piesen den Schatz, der ihm übergeben werden sollte, nicht nach Gebühr zu würdigen. Erst heute Mittag, als er ihm auf immer entrissen worden, da erkannte er erst, was er verloren. Der Blick voll unsäglicher Verachtung, den ihm Martha zugeworfen, hatte sein ganzes Innere aufgewühlt, hatte sein Herz in toller Leidenschaft für die, die ihn verschmäht hatte, entfacht, trotzdem er sich gestehen mußte, daß er sie jetzt für immer verloren hatte. (Fortsetzung folgt.) WoMsrvirtschast. „Atlas" Lebens-, Militärdienst- und Rentenversicherungs-Aktiengesellschaft „Atlas", Wien 1. Bezirk, Franz Josephs-Quai Nr. 1 („Atlashof,,). In der am 11. d. abgehaltenen, fünften ordentlichen Generalversammlung wurde der Jahresbericht pro 1904 vorgelegt. Aus demselben geht hervor, daß 6689 Anträge über eine Versicherungssumme von 14,944.849 X. eingereicht wurden, 6074 Polizzen über 12,243.152 X. Versicherungssumme zur Ausstellung gelangten. Der Versicherungsbestand am 31. Dezember 1904 hat sich von 9999 Polizzen über 24,042.597 X. Versicherungssumme auf 12.316 Polizzen über 27,296.738 X. Versicherungssumme erhöht: außerdem waren noch 11.877 X. Leibrente nnd 21.119 X. Jnvaliditätsrenten mitversichert. Die Prämieneingänge stellten sich auf 1,014.067 X. und sind speziell in der Lebensversicherung gegen das Vorjahr um 234.851 X. gestiegen. Die Prämienreserve ist gegen das Vorjahr um 578.814 X. auf 2,242.922 fL gestiegen. In den Berwaltungsrat wurde der ausgeschiedeue Herr Ministerialrat Doktor Nikolaus v. S z m r e c s a n y i wiedergewählt, die kooptierten Herren Direktor Dr. Reinhold Schultz und Kommerzienrat Gustav Schwanhäusser in ihre Funkton eingesetzt.