Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 19 (19.5.1905)
- Date
- 1905-05-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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23-jkhriges Amlsjuviliinm. Samstag, den 20. Mai feiert Oberkantor Ignaz R o fn er in Hermanmestec fein 25-jähriges Amtsjubiläum in dieser Gemeinde, und wer da weiß, wie schwer es für den Kantor, besonders in den Provinzgemeinden ist, sich die Gunst des Publikums durch eine längere Reihe von Jahren zu erhalten, der wird aus der langen, an Anerkennung reichen Amtstätigkeit des Jubilars in ein und derselben Gemeinde den richtigen Schluß ziehen können auf die ausgezeichneten Qualifikationen, die ihm zu eigen sind. Strenges Pstichtbewußtsein, tadellose Amts- und Lebensführung, ausgezeichnetes Fachwissen und eifrige kollegiale Teilnahme an den den gemeinsamen Interessen dienenden Bestrebungen der Standesgenossen haben ihm nicht nur in den engen Grenzen seiner Amtswirksamkeit Ehre und Anerkennung .gebracht, sondern auch in den weitesten Kollegenkreisen aufrichtige Sympathien erworben, deren Ausdruck sich an seinem Jubeltage gewiß in mannigfacher Weise kundgeben wird. Ein Blick auf den Lebenslauf des Jubilars zeigt uns seinen engen Zusammenhang mit dem Berufe, dem er sich gewidmet hat, und das ernste Streben, durch emsiges Studium auf allen fachlichen Gebieten die Stufen der Vollendung emporzuklimmen. Oberkantor Ignaz Rosner. entstammt einer alten Kabalisten-Familie, aus welcher viele Rabbiner und Kantoren hervorgingen. Zu diesen zählte auch der noch heute in Polen verehrte „Reb Eisigl" in Sidatschov, dessen Vater als Chasen mit seinen Meschorerim in der ganzen Welt herumreiste und bei dem er in zartestem Kindesalter als Singerl fungierte. Von hier .kam er zu dem bekannten „Oscherl Chasen", dann zu Kantor Wittmann nach Lugos, woselbst er bis zur Mutation seiner Stimme verblieb und in der Musikschule des dortigen Kapellmeisters ernste musikalische Studien trieb. Zur selben Zeit war dort der nachmalige berühmte. Wiener Oberkantor Josef Goldstein, mit dem ihm innige Jugendfreundschaft verband. Mit 18 Jahren wurde Rosner Kantor in Kalocsa, erhielt jedoch bald eine Berufung nach Ofen (Budapest) als Kantorstellvertreter und setzte hier unter Leitung Friedmanns seine Studien fort. Von Ofen kam er als Chordirigent zu dem berühmten „Jossel Kokosch" nach Preßburg, und suchte da jede Gelegenheit, um nach Wien zu fahren und sich nach dem Vorbilde Meister Sulzers zu vervollkommnen. Von Preßburg wurde Rosner nach Bonyhad als Oberkantor, dann nach Patzau in Böhmen und schließlich 1880 nach Hermanmestec berufen. Und so werden es am 20. Mai 25 Jahre, daß Oberkantor Rosner m dieser Gemeinde sein Amt in ausgezeichneter und allgemein -anerkannter Weise versieht, geschätzt und geliebt vou allen Mitgliedern und der großen Schaar seiner Freunde und Kollegen. Der Snsterismns »md die moderne fynagogale Liturgie. Von P. Minkowsky, Oberkantor' der Brodier Gemeinde, Odessa. Baritonisten und Bassisten waren zumeist entweder zweite Kantoren oder Choristen, und wurden früher nur als Kantoren geringeren Ranges.zugelassen. Hat die Tenorstimme bei den Völkern überhaupt als Königin der Männerstimmen gegolten, so erfreute sich die lyrische Tenorstimme bei den Juden besonderer Popularität. Im ganzen Orient, wie auch in Rußland (ich fürchte zu sagen, auch in Westeuropa), ziehen die Gemeinden noch bis heute den schlechten Tenor dem besten Bariton bei der Kantorwahl vor, nicht zu sprechen von dem Bassisten, der ohneAusnahme als ungeeignet für das Kantorat gilt.*) *) Diesbezüglich haben sich wohl die Anschauungen in Westeuropa total geändert, nnd es gibt sogar Gemeinden, in denen Baritonisten unbedingten Vorzug erhalten. Die Redaktion. Die psychologische Ursache dieser eigentümlichen musikalischen Konzeption der Juden mag nicht allein in der dynamischen Verschiedenheit der Schwingungen der Stimmen und ihren besonderen pathologischen WiUungen liegen, sondern in der fast hypnotischen Gewohnheit ihrer liturgischen Neima, in welcher sie in der langen Zeit ihrer Diaspora aufgezogen worden sind. Jeden Freitag und Samstag schließt der Jude seinen Gottesdienst mit Neima nrvw cyax und Orew x: r-ijr. Diese Hegemonie der synagogalen Neima forderte a priori von ihren Trägern, sich eine gewisse musikalische Phantasie anzueignen. Außer den perpetuellen Nuschoes, die von Generation auf Generation ohne wesentliche Alteration bleiben, sind doch eine Menge Gebete und Piutim ohne musikalische Tradition, und diese mußten während des Gottesdienstes vou den Kantoren vom Stegreif neimiert werden. Ans diese Weise wurde die Neima (und besonders seit dem Aufblühen der Piutim) Mutter der Improvisation, die aus Phantasie, Dichtung und momentane Eingebung gegründet ist. Die synagogale Improvisation, die sich bei den Juden der vorsulzerischen Periode die größte Popularität erworben hat, war eine musikalische.Spekulation, bei welcher der Improvisator vorher selbst keine Ahnuug hatte, was er singen wird, ebensowenig wie nachher, was er gesungen hat. Selbstverständlich haben dabei die Verhältnisse des Textes zum Gesänge sehr gelitten. Die öffentlich extemporierte Neima, die sich zu einem ganz selbständigen und sehr wichtigen Genre in der jüdischen Liturgie ausgebildet hatte, und die dazu nötige Vertiefung in der Erfindung der musikalischen Ideen machte ein enges Verhältnis zwischen Wort und Ton fast unmöglich. Mit geschlossenen Augen, verzücktem Gesichte, alles nach innen konzentriert, grübelnd, suchend nach einem Punkte, dessen Ende er selbst nicht kannte, stand der Improvisator während seiner Schöpfung da. Sein psychischer Zustand war dem des Propheten während des Prophezeiens ähnlich. Das Gelingen und Mißlingen seiner Improvisation war, wie bei jenem, von dem Grade der höheren oder geringeren Inspiration abhängig. Wie der Prophet im Momente der Ekstase, wenn Gott ihm einen cnus1? p®1? verliehen hat, nur das, was eine geheime Inspiration ihm in den Mund gelegt hat, zu prophezeiten pflegte, so war der gesangliche Improvisator im Momente seiner Begeisterung in einer somnambulen Zustande, er sang träumerisch, dichtete halb schlafend, schwebte in einer Sphäre, in die er sich in einem wachen Momente nie gewagt hätte. Gelang ihm eine Improvisation, so glaubte er im Schutze der Sch’china gewesen zu sein, und seine Hörer waren wirklich hingerissen. Gelang es ihm aber nicht, so wurde er wie der Nabi als Plauderer ausgelacht. In der Tat war eine echte und begeisternde Improvisation ohne Verzückung und Inspiration eine Sache der Unmöglichkeit. Darum konnten diejenigen Sänger, denen die Fähigkeit zu einer improvisatorischen Verzückung fehlte, niemals aufrichtig glauben, daß sie fähig sind, das kantorale Amt selbständig zu versehen. „Malchioth, Sichronoth, Schofroth“ u. dergl. standen wie ein abschreckender Dämon vor ihnen, mit denen sich nicht spassen läßt, wie Alpen, die fast unpassierbar sind. Sie wußten von vorneherein, daß mit allen ihnen zu Gebote stehenden Gesangsmitteln ihre Mühe eine ganz vergebene sei, wenn sie nicht einige musikalische Kombinationen improvisieren können; wenn sie nicht einige musikalische Geschicklichkeit besitzen, jede Phrase reichlich ex promptu zu neimieren uyd modulieren, in allen verschiedenen Güsten und Steigern und in Zeit und Stelle auf der Station „Ko omur", „Kakosuw", „W’neamar*, „K’mo schekosuw", „K’mo scheneemar" rc. halt zu machen; kurz, wenn sie nicht den Mut hatten, musikalisch zu riskieren So diente die Improvisation, die Tochter der Neima, als Barometer bei der Wahl der konkurrierenden Kantoren. (Fortsetzung folgt.)