Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 19 (19.5.1905)
- Date
- 1905-05-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063265-3063284--03668-3070444- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seile'S.— - --— Die^Wrchrheit -; Nr. 19. erleuchtend"'. Alle religiösen Satzungen, mizwoth, mit Gesinnung und Verständnisinnigkeil geübt, sind und wirken, weit entfernt düster zu machen und das Auge zu verdunkeln, vielmehr aufhellend, aufklärend, lichtvoll; denn . eine Leuchte ist das Gebot" — ner mizwah — wie ihre Quelle „die Thora, ein Licht" ist.-Was bezwecken sie alle? Die Ethik: Jirath Adonaj, die Furcht Gottes. »Diese steht im Mittelpunkt; deshalb wird von ihr gesagt: „sie'ist rein, besteht ewiglich" (10). Tugend, volle Reinheit des ganzen Menschen, fleckenloses, makelloses Sein und Walten: Das ist der Zweck der Thora, der Theologie und ihrer Disziplinen, ihrer Forschungen über Gott, ihrer historischen Zeugnisse, ihrer moralischen Verordnungen für das Innere und ihrer religiösen Gebote für das Leibliche. Alles andere ist vergänglich; sie, die Tugend oder Gottesfurcht, ist der Kern von Allem; sie ist „ewig bestehend", wie Gott selbst, „omedetk laadu, und führt den Endllcheu zur Ewigkeit oder Unendlichkeit. III. Diese Ethik aber, die geflossen aus dem Bronnen der Theologie als solcher, verbindet sich aufs innigste mit den im Welt-, Staats- und Bürgerleben zur Darstellung gelangenden ,R echten des Herrn", mit den „mischpete Adonaj“, die auf emeth, Wahrheit, fußen und allesamt darüber übereinsttmmen, daß sie die Summe von zcdek, Gerechtigkeit und Liebe ergeben — „zadeku jachdaw“. Hier tritt das Corpus juris mit den einzelnen Paragraphen der Rechtsweisheit in seine Rechte. Die bürgerlichen Jura, wie sie im Rechtsstaat alle Verhältnisse des Staates und der Gesellschaft regeln, sie wurzeln in dem Gedanken der Bibel: „Das Recht ist Gottes Sache". Und daher wird Ethik und Jurisprudenz in einem Satze als göttlich hingestellt, und wie die Sündenscheu auf die Furcht vor Gott, also alles Rechtsleben und Wahrheitsstreben auf die mischpete Adonaj, auf die Rechte des Herrn zurückgeführt. Und diese sind nicht nur in ihrer Wahrhaftigkeit, sondern auch in ihrer inneren Harmonie als das Allerhöchste zu bewerten. „Die köstlicher als Gold und gleißendes Geschmeide nnd süßer denn Honig und Honigseim" (Vers 11). Warum? Weil diese, flüchtig, nur in einer Zeit etwas gelten, während der Wert der geistig ethischen Güter, hervorgegangen aus der geoffenbarten Gotteslehre, nie aufhört, ja sogar von Zeit zu Zeit mit der höheren Erkenntnis wächst und fort und fort strahlt in Ewigkeit. Weil „omsdsth laad“, weil die Ethik „e w i g b esteh t", daher ist sie köstlicher als vergänglich gleißendes Gold nnd als ein honigsüßes Gaumenlabsal des Augenblickes. Woher weiß ich das? Was führt mich, den Autor dieser Sentenzen, zu der Erkenntnis dieses Tugendwertes? Der Einblick in mein eigenes Ich: „Auch ich bin durch sie gewarnt und gewitzigt, ich der Diener des Herrn; indem ich sie — die Rechte und Weisungen der Gottesfurcht vermittelnden Lehre — beobachte, ist mir reichster Erfolg zuteil." (Vers 12.) IV. Mit diesem Satz baut der Psalmist eine Brücke von der abstrakten Allgemeinheit zu konkreten Individuation. Die Sentenz hat sich in ihm inkarniert und zugleich in ihrer Wirkung erprobt. Nicht nur ist er geisttg von ihr erleuchtet — nishar von sohar*) —, er ist auch gewarnt und gewitzigt, d. h. bewahrt worden im praküschen Leben vor manchen Untaten und Unbilden. Sie haben ihm den Wert der Tugend in mehr als einer Hinsicht zur Ansicht gebracht und ihn gelehrt: „bsschamram ekeb rab“, sie zu beobachten im Dasein und „in ihrer Beobachtung eine Fülle von Erfolgen zu sehen." Worin liegen die Erfolge? Indem er sie hütet, behütet sie ihn vor den Hauptfaktoren der Krankheit, des inneren Defizits seiner Fähigkeiten und der Unvollkommenheit. Die Ethik dient der Medizin, ja sie ist die beste Medizin! Denn die meisten Erkrankungen rühren von einem sündigen Leben her. Die Prophylaxe, die Vorbeugung durch eine ethische Lebens- *) Bgl. Jbn Baruch in meinem „Koheleträtsel". I. Kauffmann, Frankfurt a. M., 1899. führung verhütet Krankheit, Schwäche und Mangelhaftigkeit des- Fortschreitens zur Vollkommenheit, wie hingegen Jrrtümer, Unwissenheit und absichtlich begangene Fehler der Gesundheit, dev Herrschaft über die Triebe und dem Streben nach Vervollkommnung Abbruch tun. Wir begreifen den Uebergang zu dem. Schlußvers (14) mit dem schwierigen Wort: sn'8 rc — äs ejtham, tmnn „gesunde ich", ..erstarke ich", „werde ich vollkommen". Hier sind in der Psalmistenseele die Grundzüge der Medizin bei Maimonides vorgeahnt: Die Gesundheit hängt von der sittlichen Lebensführung ab; hier liegen die Wurzeln unserer Kraft. Deshalb betet der Sänger im „Hymnus der Natur und der Gotteslehre", daß er vor „Sünden" bewahrt bleibe. Die Verse 13- und 14 besagen es deutlich: „Vor Jrrtümern, wer ist vernünftig genug, sie nicht zu begehen, bewahre mich; von mir verborgenen Sünden mache mich frei! Auch von absichtlich, im Uebermut begangenen Fehlern — sedim — sedonoth — halte ab deinen Diener, daß sie nimmer mich beherrschen": „dann werde ich gesund sein, stark sein, vollkommen werden" (tharn, thamim, schalem). Das letztere kann nur möglich sein, wenn „ich frei bin von großer Verschuldung" — wenikethi mipescha rab. * * * So führt die zwiefache Offenbarung Gottes in der Natur und in der Gotteslehre im Psalm „Die Himmel rühmen" durch den ethischen Kern, der ihr Mittelpunkt ist. arr« m d. h. zur Gesundung und Vervollkommnung des Leibes und des Geistes,, zu jener Harmonie des ganzen Menschen, die als Endziel aller Universalbildung heute allseitig erkannt wird- Der Psalm aber, in dem sich der Inhalt aller Fakultäten: der Philosophie, der Theologie, der Jurisprudenz und der Medizin,, in seiner Beziehung auf den zur Harmonie emporstrebenden Menschen urnrißlich offenbart, muß als ein „Psalm der gesamten geistigen Weltkultur", täglich mehr Bewunderer, Sänger und Beter finden. Ich schließe mit des Autors Schlußwort (Vers 15): „Mögen wohlgefällig sein die Worte meines Mundes und meines inneren Denkens und Ernpfindens vor dir, o Ewiger, mein Hort und mein Erlöser Das grausame Ualerlaud. Unter dieser Aufschrift veröffentlicht die „Nowosti" tit ihrer Nummer 92 folgenden Artikel: Im belagerten Port Arthur erschien am 29. November ein Regimentsbefehl an das 27. ostsibirische Schützenregiment^ der mit folgenden Worten begann: ..Der Gefreite der 7. Kompagnie, Josef Trumpeldor, schreibt in - seiner Eingabe an seinen Hauptmann vom 24. d. M. wie folgt: „Bei mir ifl nur eine Hand geblieben, aber das ist die rechte. Ich bitte, da ich mit meinen Kameraden weiterkämpfen will, mir einen Säbel und einen Revolver geben zu lassen." Im Befehl ist dann weiter gesagt, daß diese Worte in die Geschichte des Regiments mit goldenen Worten verzeichnet werden müßten, umsomehr, als Trumpeldor Jude ist. Es ist selbstverständliche daß die Obrigkeit dem tapferen einhändigen Streiter seine gerechte, wenn auch ungewöhnliche Bitte nicht abschlagen konnte und gestattete, ihm Degen nnd Revolver zu geben, aber'es entstanden hierbei Schwierigkeiten rein formalen Charakters, da es, wie es im Befehl weiter heißt, „für den Gemeinen nicht geziemt,, ohne Gewehr zu streiten". Allerdings fand sich ein leichter Ausgang, den Bittsteller zum jüngeren Unteroffizier zu befördern, aber Trumpeldor ist ein Jude. Der Verfasser des Befehls mußte zu einer weitläufigen Apologie Zuflucht nehmen, um die Beförderung des tapferen Kämpen zum Vize-Unteroffizier zu „entschuldigen". Er mußte sämtliche Kriegsverdienste des bescheidenen Helden (es gab deren eine ganze Anzahl), die erhaltenen Belohnungen aufzählen, er mußte bemerken, daß. Trumpeldor „von seinem Rechte, als Invalide entlassen zu werden, keinen Gebrauch gemacht hat", und „daß er die Gefahr verachtend, sein Leben aüfs neue zum Kampf gegen den Feind anbot. Auf diese Weise," schließt der Befehl, „bringt Trumpeldor