Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 19 (19.5.1905)
- Date
- 1905-05-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 19. Die Wahrheit. Seite 7. den jüdischen Gotteshäusern seit undenklichen Zeiten eingebürgerte "Einrichtung keineswegs dazu beiträgt, das Ansehen des Gottesdienstes zu heben und zu fördern, sondern daß vielmehr zur Erhaltung und Stärkung der Humanitären Gemeinde-Institutionen der milde Sinn der Spender in ganz anderer Weise gefördert werden könnte. Von derselben Erkenntnis ausgehend, hat die hiesige .Kultusgemeinde schon vor Jahren durch einen diesbezüglichen 'Beschluß den Standpunkt eingenommen, daß die Würde des Gottesdienstes durch Abstellung der bisher öffentlich kundgemachten Thoraspenden nur gewinnen könne und die Einführung subskribierter Tempelspenden weitere Kreise zur Beitragsleistung heranziehen würde. Dieses System, welches hier seit rwn snn 1901 für die )Feier- und Festtage zur Einführung gebracht wurde, hat sich bei der bewährten Intelligenz der hiesigen Gemeindemitglieder auf das vorteilhafteste bewährt. Es haben sich nämlich an diesen subskribierten Spenden auch solche Mitglieder mit namhaften Beiträgen beteiligt, welche sonst niemals Gelegenheit halten, im Gotteshause eine Spende für wohltätige Zwecke zu widmen. Gleichzeitig mit der Abschaffung des sogenannten „Schenodern" wurde auch die Verfügung getroffen, daß jedem zur Thora Gerufenen blos ein Mischeberach zu machen sei. Auch diese, den religiösen Einrichtungen nicht diametrale Verfügung hat eine wesentliche Kürzung des Gottesdienstes und Schonung des rezitierenden Lalkore zum Zwecke und hat gleichfalls allgemeinen Beifall gefunden. Anknüpfend hieran will ich eine Reminiszenz nicht unerwähnt lassen, welche sich im hiesigen neuen Tempel während eines feierlichen Gottesdienstes, anläßlich des Besuches einer Hohen Persönlichkeit, ereignete. Se. Exzellenz drückte dem damaligen, nunmehr verstorbenen Kultusvorsteher, Herrn Ed. Hamburger, seine besondere Befriedigung über den schönen und erhebenden Gottesdienst aus, konnte es jedoch nicht unterlassen, die Bemerkung zu machen, daß ihm das laute Verkünden der Spenden vor der Thora nicht Zusagen könne. Diese Aeußerung war zwar nicht der unmittelbare Anlaß, die Thoraspenden abzustellen, sondern es wurde diese zur Hebung des Gottesdienstes notwendig gewordene Einrichtung durch die diesbezüglich ergriffene Initiative des Kultus- und Kammerrates Herrn Sig. Zweig eingeführt. Olmütz, am 9. Mai 1905. A. Stößler, Kantor und Sekretär. Kreisrabbmer Adam Münder nnd Oderlehrer Gdnard Fantl. Freitag, den'5. Mai, starb hochbetagt Adam Wunder, Kreisrabbiner von Budweis. Mit ihm ging ein Mann von hinnen, von dem man wahrhaft sagen durfte: jofo talmud toro im derech erez schejegias schenehem mascbkachas owön, schön ist der Besitz der Gotteslehre mit Lebenssitte, deren beider Pflege Irrung hintanhält. R. Wunder war ein talrnid chochom, der in allem und jedem Weisheit mit kluger Mäßigung verband. Er wirkte zunächst in Kuttenplan und von dort kam er nach Budweis, wo er seit 1862, also durch fast 43 Jahre das Rabbinat und Lehramt des Religionsunterrichtes versah. Er hatte ein klares Auge und Verständnis für die Entwicklung der Gemeinde. Sein einfaches, entgegenkommendes Wesen und seine hohe Einsicht erwarben ihm bald Achtung und Wertschätzung in weiteren Kreisen, und er wurde in die Stadtvertretung und in den Bezirks- und Ortsschulrat entsendet. Se. Majestät der Kaiser würdigte die verdienstvolle Tätigkeit Wunders durch Verleihung des goldenen Berdienstkreuzes und der Ehrenmedaille für 40jährige treue Dienste, und auch seine Mitbürger anerkannten sein emsiges Schaffen und Wirken, und so wurde Wunder Ehrenbürger der Stadt Budweis und Ehrenmitglied der Kultusgemeinde und der Chewra-Kadischa. Die allgemeine Wertschätzung und Verehrung dieses wackeren Mannes manifestierte sich auch bei seiner Bestattung, an welcher alle Bevölkerungskreise teilnahmen, und in zahlreichen Reden wurden die Tugenden und Verdienste dieses Priesters wahrer Religiosität gerühmt. Wunder verstand gar wohl den Begriff tikkun olom, Bestand der Gesellschaft: Die Menschen, die alle Gott, das höchste Gut suchen, sie sollen auf der Suche nach der höchsten Wahrheit nicht mit Haß und Zwietracht einander begegnen, sondern alle, wenn auch auf verschiedenen Wegen, so doch mit Entfaltung aller sittlichen Kräfte der Höhe idealen Lebens zustreben: Mosche olo lamorom, Mose erklomm die steile Höhe und ist uns in seiner großen Bescheidenheit und Güte der beste Wegweiser für Duldsamkeit und edles Verständnis unserer gegenseitigen Bestrebungen. Die vollendetste Sittlichkeit, Milde und Nachsicht, das liegt im Begriffe Religion; so müssen wir Religion üben, lilmod ulelamed, uns mäßigend. Andere das Beispiel vornehmer Zurückhaltung gebend. Das war Wunders Grundsatz. Als ob Gott uns doppelt daran gemahnen wollte, durch unser Beispiel, unsere Lebensführung alle Feinde zu entwappnen, ries er am Begräbnistage Wunders den allverehrten Religionslehrer der Budweiser Gemeinde und ehemaligen Oberlehrer der deutschen Schule in Pribram heim, Eduard Fantl, einen Mann von gewinnenden Umgangsformen und von großer Kenntnis des Judentums und der jüdischen Tradition. Er hatte die in seiner Kindheit erworbenen Lehren vom Judentume treu bewahrt und in ihnen Trost in den mannigfachen Anfechtungen des Lebens gesucht, für seine Ueberzeugung trat er warm ein und wußte seine Meinung mit viel Scharfsinn und Takt zu vertreten. Besondere Verdienste erwarb er sich um die Erhaltung der so sehr bedrohten deutschen Schule in Pribram, wie während der leider nach seiner Pensionierung so kurzen Wirksamkeit als Religionslehrer an den Budweiser Volksschulen. Er verstand die Kindesseele, das Gemüt und die Herzen der Kleinen und darum war er deren Liebling, der die besten Erfolge auszuweisen hatte. Auch er wußte, wie Wunder, seiner Mitmenschen Vertrauen und Hochachtung durch ein freundliches, entgegenkommendes Wesen zu erwerben, wenimzo chen wesechel tob beene elokim weodom. Das Leichenbegängnis R. Wunders gestaltete sich zu einer großen Trauerkundgebung, an welcher die Budweiser Kultus- und Stadtgemeinde, die Vertreter der Behörden, die Geistlichkeit und die spalierbildende Schuljugend teilnahmen. Die rituellen Gesänge verrichtete im Trauerhause und in der Friedhofshalle in ergreifender Weise Oberkantor Weiß und Rabbiner Dr. Krakauer schilderte in meisterhafter Rede den Lebensgang und die Verdienste des Verblichenen, worauf der Chor unter Leitung des tüchtigen Chormeisters Lehrer Gans wehmütige Trauergesänge anstimmte. Am Grabe nahm Herr Kultusvorsteher Dr. K o h n in erschütternder Rede Abschied vom hochverdienten Seelsorger. Nach ihm sprachen noch die anwesenden Rabbiner der Nachbargemeinden, Dr. B r e t - Klattau, G o t t l i e b - Sobeslau und Dr. Hirsch- Krumau. Während dem greisen Lehrer der Gemeinde die letzten Ehren erwiesen wurden, spielte sich im allgemeinen Krankenhause eine erschütternde Szene ab: Eduard Fantl rang mit dem grausamen Tode und wehrte sich gegen den Würger mit der letzten Kraft, um seinen Teuren erhalten zu bleiben, doch vergebens, denn der geübte malach hamowes, der gewandte Todesengel, ließ sich nicht abweisen! Friede sei mit beiden Lehrern Israels! Krumau, 8. Mai 1905. Rabb. Dr. L. Hi rs ch. „Die Himmel rühmen..." Eine Studie zur Psalmenforschung von Dr. D. Leimdörfer, Hamburg. (Schluß.) Was ist der Natursang dessen, was „die Himmel rühmen", im Vergleich zu der Intelligenz, die aus dem Studium der gottgeoffenbarten Thora quillt! Hier ist zunächst die Belehrung über den ewigen Gott, die Theologie als solche, „Torat Adonaj“, die als eine Vollkommenheit ohnegleichen dasteht und den sterblichen Menschen zum Streben nach Vollkommenheit anleitet — ist er doch ein Ebenbild des vollkommenen Ur- und Allgeistes. Dies ist nicht nur „Erquickung der Seele", sondern wörtlich — meschibat nefesch — „zurückbringend die Seele", d. h. so oft diese sich verliert im Gebrauche der Wogen alltäglicher Profanalion und Weltsucht. Hier ist „Ednt Adonaj“ ein Zeugnis für Gott und von Gott, nicht nur, daß ein Gott ist, sondern ein Zeugnis, wie er wirkt und was er von seinen Vernunftwesen will, wie es die Sätze des Dekalogs (genannt Gottes Zeugnis) künden. Ohne sie wäre es heute noch düster am Gesamthorizont der Menschheit. Dies Zeugnis ist „neemana glaubwürdig" (Luther übersetzt: „gewiß"), richtiger (von amen.) Glaube und Vertrauen festigend und so klar und einleuchend, daß selbst die Albernheit der Toren und alles Schwanken der geistig Schwachen durch sie aufhört. Hier gibt es allerdings Gesetze, d. h. Verordnungen und Gebote — „pikudim, mizwoth“ — für das Innerliche und das Aeußerliche, für die Bildung des Gemütes und für die des Willens. Jene wollen redliche Gesinnung, diese das Auge erfreuende Taten im Menschenleben zeitigen. Daher ist von den Verordnungen gesagt, sie finb „jescharim, gerade, redlich". Denn sie lenken den inneren Sinn auf die edle, rechtschaffene Gesinnung hin und beabsichtigen, dem Menschen ein zufriedenes Herz zu schaffen, „mesamche leb44, ja wahrhaftig, „sie erfreuen das Herz". Mit ihnen zugleich aber wird in demselben Satz (9) auch das Gebot der lebensvollen Tat nach außen hin — mizwa, Befehl zum Tun und Lassen — hervorgehoben. Dies tritt in die Erscheinung und soll Lauterkeit begründen, die in die Wahrnehmung tritt, deshalb „meirath ejnajim, die Augen