Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 18 (12.5.1905)
- Date
- 1905-05-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18. LZIMZE?' Seite 8..—-..iDie.Wahrheit noch das Produkt seines geistigen Vermögens sei: Töne, nichts als Töne! Und welche Töne! Auf jeglichem Gebiete künstlerischer und allgemeiner Betätigung, werden hie und da die Lebensbedingungen glücklich gewürfelt, allein, wenn jemand das Glück hat, das große Los zu gewinnen, dann muß' er es auch verstehen, die Ergebnisse desselben entsprechend zu verwerten, soll dieses seltene Füllhorn des Glückes nicht zur dunkeln Quelle wahrhaften Mißgeschickes für ihn werden. Mit einem Worte, auch für außergewöhnlich glückliche Geschehnisse muß man erzogen und vorgebildet sein, oder zumindest, von dem Augenblick an, da das Schicksal uns zum Mittelpunkte bedeutungsvoller Ereignisse erkoren, wenigstens den ethischen Antrieb bekunden, das früher Versäumte in rationeller Weise nachzuholen. Jnsolange unsere aufstrebenden Kautoratskandidaten nicht von der unabweisbaren Tatsache überzeugt und erfüllt sind, daß eine wahrhaft erfolgreiche Amtsausübung auch eine umfassende fachmännische und allgemeine Bildung voraussetzt, insolange werden wir jüdische Kantoren die leider selbst verschuldete traurige Erscheinung nicht bannen, daß das jüdische Kantorac nach jeder Richtung hin von Stufe zu Stufe sinkt. Verweilen wir zunächst bei der fachmännischen Vorbildung, und zwar beim Rezitativ. Diese Benennung scheint eine Blüte unseres modernen Zeitalters zu sein, in Wirklichkeit jedoch hielten schon unsere ältesten Altvorderen diese Wesenheit sehr hoch, doch wurde dieselbe von ihnen mit dem Ausdrucke „Sagen" belegt, zum Unterschiede von „Singen", welcher Teil hauptsächlich von den Meschorerim (Hilfssängern» ausgeführt wurde. Auch der moderne jüdische Kantor darf nicht singen, seine ganze rationelle Betätigung soll im Rezitieren bestehen; hiemit kann er aur erschöpfendsten bekunden, an welchem Musterborne er seine Phantasie gelabt, welch mannigfaltige künstlerische Darbietungen er in sich ausgenommen, um endlich bis zu jenem bedeutungsvollen Selbstschaffen gelangt zu sein, welches seinen Vorführungen den Bedeutungsgrad des Goldes mit persönlicher Prägung verleiht. Unsere Heimgegangenen kantoralen Kapazitäten verwichener Jahrzehnte waren allesamt Meschorerim bedeutungsvoller Chasanim, hatten demnach vollauf Gelegenheit, von Kindesbeinen an in die Geheimniffe der mannigfaltigen Gesangsstile einzudringen und durch Selbstbetätigung an denselben (Nisbore-Jntermezzi) zur selbstschöpserischen Bedeutsamkeit zu gelangen. Wo und wie soll nun der heutige Kantoratskandidat zur beruflichen Reife gelangen? Diese hochwichtige Frage kann ausschließlich mit dem Hinweise darauf beantwortet werden, daß rationelle Kantorenschulen ins Leben gerufen werden müssen, in welchen die Zöglinge von gebildeten, fachmännisch reifen Lehrmeistern, teils durch didaktische Einwirkung, teils durch Vorführung künstlerisch-tadelloser Musterrezitative zum Selbstschaffen hingeleitet werden. Man mißverstehe uns nicht! Diese Musterrezitative sollen nicht etwa — wie es leider heute üblich ist — einfach nachgesungen werden, was doch offenbar ein Plagiat bedeutet und die eigene Phantasie erstickt, sondern diese Musterrezitative sollen gleichsam als Vorlageblätter zum Nachzeichnen dienen, an deren reinen und zarten Linien die Hand des Eleven zu allmählig selbständiger Griffelführuug erstarke und seiner persönlichen Begabung Rückhalt verleihe. Solche drei, geradezu vorzüglich zu nennende Musterrezitative von einem ftemden, bis nun uns ganz unbekannten jungen Mann, Herrn Rudolf Ulanovsky. Malchios, Sichronos, Schof'ros, liegen uns heute zur Beurteilung vor. Wer mit der Wesenheit des traditionellen Synagogengesanges vertraut ist, der weiß, daß die Rezitativgruppe Malchios, Sichronos und Schof'ros das Leistungsgebiet xar excellence jedes bedeutenden jüdischen Kantors bildet. Derjenige, der diesen heißen Boden als Selb st schaffender betreten will, der muß eine vollkommene Vertrautheit mit dem Gesamtstoffe des traditionellen Gesanges, seinen mannigfachen Stilarten, melismatischen Verzierungen, modulatorischen Ausweichungen und sinnverwandter musikalischer Illustration des zu behandelnden Textwortes rc. sein eigen nennen. Weffen Gepflogenheit es ist, stets dieselben festgerannten sogenannten Jeschiwa-Koloraturen ohne Rücksichtnahme auf textliche Gegensätze leichthin anzuwenden, der hat seine Mission als besonnener und denkender Dtusikillustrator des Textwortes, somit auch als Kantor von Bedeutung, nicht erfüllt. Diese uns vorliegenden Ulanovskyschen Rezitative weisen all die geschilderten wesentlichen Merkmale in geradezu rühmenswerter Weise auf. Der beschränkte Raum gestattet uns kein spezielles Borführen der zahlreichen Schönheiten, und es muß uns genügen, diese dem Synagogen-Gesange gewidmeten Gaben gerade als vorzüglich zu bezeichnen. . Es drängt sich unwillkürlich die Frage auf, wie ein entsprechend noch sehr junger Mann zu dieser gesättigten ästhetisch-musikalischen aber auch fachmännisch reifen Anschauung gelangte. Wir setzen allerdings empfangene Eindrücke berühmter Chasanim voraus; allein solche Einwirkungen wurden ja auch anderen zuteil, ohne dieselben zu einer solch rationellen Reproduktion geeignet zu machen. Deshalb sind wir der Anschauung, daß in Rudolf Ulanovsky auch der Götterfunke einer reichen kantoral-omsikalischen Phantasie lebt, die in seinem Seelenleben eine Ahnung fachmännischen Könnens, aber auch die berechtigte Absicht der Wiedergabe seiner Befähigung wachruft. Die künstlerische Kritik hat die verpflichtende Aufgabe, solche Darbietungen zu unterstützen und denselben zum Durchbruche zu verhelfen. Wir leben der sicheren Ueberzengung, daß das synagogale Rezitativ Herrn Rudolf Ulanovsky noch manche holde Schenkung zu danken haben wird. In diesem Sinne sei die Ulanovskysche Rezilativgrupppe Malchios, Sichronos und Schof'ros allen jüdisch-kantoralen Kreisen eindringlichst empfohlen. . Während der tvarmen Jahreszeit rvird die Frage öftep . erörtert, ob es zweckmäßig ist, Wäsche zu waschen, ohne sie zu kochen oder zu-brühen. Jin allgemeinen ist diese Frage entschieden zu verneinen, denn das Waschen hat nicht nur den Zweck, die Wäsche zu reinigen, sondern auch den, sie zu desinfizieren. Es ist erwiesen, daß durchschwitzte Wäsche Bakterien enthält, die sich schnell vermehren; die desinfizierende Kraft der meisten Seifen genügt aber nicht, um die Bakterien abzutöten, das wird zyverläßlich nur durchs Kochen erreicht. Es gibt aber Sachen, die man lieber nicht kocht, oder die man nicht kochen darf, wie Woll- und Seidenwäsche, damit der Stoff nicht eingeht, oder die Farbe nicht leidet. In solchen Fällen sollte nur „Schichts feste Kaliseife mit der Marke Schwan" benützt werden, denn es ist wissenschaftlich nachgewiesen, daß es die einzige Seife ist, von welcher beispielsweise eine Iprozentige Lösung mit einer Temperatur von 15" C. in einer Stunde Cholerabazillen sicher vernichtet. Stärkere Lösungen wirken entsprechend intensiver und schneller. (Nach den Untersuchungen im Laboratorium von Dr. Max Zolles und Dr. Adolf Zolles, k. k. beeideter Sachverständiger). Genannte Kaliseife ist als Desinfektionsmittel, wo Seifenlösungen anwendbar sind, daher sehr zu empfehlen. Ihr großer Vorzug vor anderen Desinfektionsmitteln besteht in der Leichtigkeit der Beschaffung, der Anwendungsweise und der völligen Ungefährlichkeit. Dabei greift die Seife die Farben und selbst die feinsten Gewebe nicht an, und damit gewaschene Stoffe gehen nicht ein. Diese Seife gibt auch die schönste Weißwäsche. Uerschiedene Nachrichten. Wien. (Der Polenklub gegen das Schächtverbot.) Die Abgeordneten Dr. Byk uud Genossen haben in der am 10. d. M. abgehalrenen Sitzung des Abgeordnetenhauses eine Interpellation an den Minister des Innern gerichtet, die sich mit dem voin Wiener Gemeinde-- rate gefaßten Beschlüsse gegen das Schächten der Schlachttiere befaßt. Die Interpellanten fragen, warum jener Gemeinderatsbeschluß von der Statthalterei nicht sistiert wurde. In der Begründung der Anfrage -wird ausgeführt, daß der Beschluß einem Verbote des Schächtens gleichkomme. Das involviere aber eine Behinderung der in Wien wohnendem Israeliten, rituell geschlachtetes Fleisch zu beziehen, und stehe im Widerspruch mit der staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Glaubensfreiheit und Freiheit der Religionsübung, sowie im Widerspruche mit der Entscheidung, des Verwaltungsgerichtshofes vom 30. April 1897. Die Interpellation ist von den meisten Mitgliedern des Polenklubs, darunter auch von dem Obmanne Grasen Dzieduszycki, gefertigt. Wien. (Israelitische Kpltusgemei n d e.) Sonntag, den 14. Mai, 11 Uhr vormittags, findet eine öffentliche Plenarsitzung des Kultusvorstandes statt. Tagesordnung: Rechnungsabschluß pro 1904. Wien. Die Sitzung des Bundestages des „Allgemeinen Oesterreichisch-Jsraelitischen Bundes" findet Montag, den 15. d. M., 10 Uhr vormittags, im Sitzungssaale der Wiener Kultusgemeinde statt. Wien. Fräulein Adele B auer, Tochter des k. u. k. Hoflieferanten Herrn Hermann und Frau Henriette Bauer, hat sich mit Herrn Rudolf Groß verlobt. Wien. (Verein zur Unter st ützung isr. Handwerker un d Kl e i ng e w er b etr ei b e n d er.) Samstag, am 13. Mai 1905, %7 Uhr abends präzise, findet im Sitzungssaale der isr. Kultusgemeinde^ I., Seitenstettengasse 4, 2. Stock, die 16. ordentliche Generalversammlung des Vereines mit folgender Tagesordnung statt: 1. Begrüßung der Mitglieder und der Gäste durch den Vereinsvorstand. 2. Vorlage des Jahresberichtes für das Vereinsjahr 1904 und Verlesung desselben durch den Schriftführer. 3. Bericht der Zensoren und Beschlußfassung über denselben. 4. Vortrag des Herrn kais. Rates Johann Lichtenstadt über „Jüdische Arbeit in Rumänien". 5. Neuwahl von Vorstandsmitgliedern. 6. Wahl der Zensoren. 7. Eventuelle Anträge von Mitgliedern. Wien. Am 16. April fand die ordentliche Generalversammlung des Vereines „Beth Hamidrasch Thora Ez Chaim" im Vereinslokale, H., Große Schiffgaffe 8, statt. Obmann Herr Philipp Back begrüßte die Versammlung und speziell Herrn Adjuntten Julius Braun als Vertreter des Kultusvorstandes. Er verlas den Rechenschaftsbericht, aus dem sich stetig steigende Ausgaben ergeben und richtete einen dringenden Appell an die Mitglieder, für den Verein Propaganda zu machen, damit derselbe auf der seit nahezu 50 Jahren befolgten Bahn zur kräftigen Förderung des Thorastudiums fortschreiten könne. Der Jahresbericht wurde genehmigt, die turnusmäßig ausscheidenden Herren Adolf Bernfeld und Wilhelm Kritzler wieder-, Herr Isidor Frommer neugewählt. Wien. Am 24. April fand unter Leitung des Herrn Rabbiner Fürst die Prüfung der Privat-Religionsschule der „Ädaß Jisroel", Ü., Negerlegasse 2, statt, welcher der Gesamtvorstand und Herr Professor M. Kanitz als Inspektor des Religionsunterrichtes und in Vertretung des Kultusvorstandes beiwohnten. Eltern der Schüler waren in großer Zahl anwesend. Die Prüfung nahm den gewöhnlichen Verlauf: Sehr ausgedehnter Lehrstoff aus Pentateuch, Propheten, hebräische Grammatik, Gebete-Uebersetzen, jüdische Geschichte und Religionslehre; vollständige Beherrschung dieses Lehrstoffes seitens der Schüler, was aus den ebenso raschen als präzisen Antworten klar hervorging. Die Anerkennung über die nachgewiesenen Resultate war eine lebhafte. Hetr Profeffor Kanitz würdigte in. warmen Worten die Leistungen der Anstalt und besonders die aufopfernde Tätigkeit Sr. Ehrwürdett des Herrn Rabbiner Fürst- Dieser dankte und pries in schwungvollen Worten die Tätigkeit des Lehr-