Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 18 (12.5.1905)
- Date
- 1905-05-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 7. Nr. 18. Die Wahrheit. /bürg, wo er der Lieblingsschüler Anton Rubin st eins gewesen ist, welcher ihm stets als väterlicher Freund zur Seite stand. Rubinstein überhäufte, ja erdrückte förmlich den jungen Äachmann mit seinem schwerwiegenden Lobe. Oesters besuchte er an den Freitagabenden die Synagoge in Odessa, allwo er den herrlichen Gesängen Bachmanns lauschte, den er nach beendetem 'Gottesdienste zu sich bitten ließ, um ihm seine vollste Anerkennung auszudrücken. Dieser weltberühmte Komponist und Virtouse war gleichzeitig ein scharfer Kritiker und daraus kann man ermessen, wie ehrend solche Lobesbezeugungen für Wachmann gewesen sind. Bachmann besuchte Wien und strebte darnach, mit dem einziggearteten Schöpfer des modernen Synagogengesanges bekannt zu werden. Professor Sulz er, der Meister aller Meister, lernte Bachmann kennen und wandte ihm sein Wohlwollen zu, /ja er würdigte ihn sogar seiner Freundschaft. Ueber Bachmann soll sich Sulzer geäußert haben, er habe geglaubt, daß er bisher als Synagogensänger unerreicht geblieben sei, da kommt nun -ein junger Russe, dieser Bachmann daher, der ihn durch seine gewaltigen Stimmittel noch übertreffen dürfte! .... Als Jude gelang es Bachmann, in Rußland den Titel .eines Musikprofessors zu erlangen. In seiner Bescheidenheit hat er jedoch davon nie Gebrauch gemacht. Um dem herrlichen Gesänge Bachmanns zu «lauschen, um seine unvergleichliche Tenorstimme zu bewundern, war die Synagoge in der Rombachgasse oft auch der Wallfahrtsort des kunstliebenden christlichen 'Publikums. Hier pflegten sich an den Freitagabenden einzufinden: Graf Emanuel A n d r ä s s y, die Intendanten der königl. ung. Oper Geheimrat Baron Podmanitzky und Graf Keglev ich, Professoren des Konservatoriums, Mitglieder der königl. ung. Oper u. A. Es gab oft ein/lebensgefährliches Gedränge. Wie oft vernahm man den Ausspruch: „Ach, wenn die Oper über einen solchen Sänger verfügte!" Und all dies hat Bachmann nur gefreut, recht sehr gefreut, aber — nicht stolz gemacht. Oberkantor B a ch m a n n war nicht nur als Chasan eine -Koryphäe, sondern er leistete auch als Komponist Hervorragendes. Äls seine Sammlung von Synagogengesängen „Schirath Jakob" erschien, da äußerte sich der Musikrezensent Sigmund Graf in Essen darüber in folgender Weise: „Die Anlage und der Bau dieses Werkes sind hochbedeutend, so daß sich dasselbe eminente Achtung zu verschaffen weiß, und ich stehe keinen Augenblick an, dasselbe neben Sulzers erhabenem „Schir Zion" und Lewandowsksis lieblichem, herzgewinnenden „Todah wffimrah" zu stellen; denn in demselben paaren sich Gewaltigkeit und urwüchsiger Melodienfluß". Im weiteren Verlaufe der Rezension sagt Graf: „Ich komme jetzt zu dem Bedeutendsten des ganzen Werkes, zum Halle! (Nr. 68—73) mit Orgelbegleitung. Ich kenne so ziemlich die so schönen Hallel-Kompositionen unserer großen Synagogenkomponisten; aber vor dieser großartigen Schöpfung müssen alle, heißen sie Sulzer, Lewandowski, Halevy -(Naumburg) die Segel streichen." Die Rezension schließt mit folgenden Worten: „Mit Nr. 154 schließt das ganze Werk ab. Aus dem Gesagten geht hervor, daß wir es mit einer hochbedeutsamen Erscheinung auf dem Gebiete der Synagogenmusik zu tun haben. Es bleibt ein monumentales Werk, das in der , Geschichte der Synagogenmusik einen der ehrenvollsten Plätze behaupten wird. Die fehlenden Piöcen wird der Komponist -hoffentlich bald in einem zweiten Bande erscheinen lassen." Man fand in Bachmanns Nachlaß das Manuskript eines Musikwerkes, das seinen „Schirath Jakob" weit übertreffen soll. Dasselbe wird zweifelsohne in den Druck gelegt werden und dadurch erhält Bachmann ein Monument, das alle Zeiten hindurch verkünden wird, wer und was Bachmann gewesen! Bachmann hatte nur Neider, doch keine Gegner; aber selbst seine Neider müssen es gestehen: Wenn er nicht der Erste nnd auch nicht der Beste gewesen, so war er sicherlich und unbestritten der Ersten und Besten Einer! .. . . D. H. Spitzer. * * * Das Leichenbegängnis Bachmanns war, wie in voriger Nummer bereits berichtet wurde, ein außerordentlich imposantes. Nachdem Oberkantor Professor Lazarus am Grabe mit herzergreifenden Worten namens der Beamten und der engeren Berufsgenossen von dem dahingeschiedenen Kollegen rührenden Abschied genommen hatte, hielt Oberkantor Bela Guttmann aus Wien folgenden Nachruf: Mein verewigter Freund und Kollege! Wehmutsvoll und tiefergriffen trete ich an deines Grabes Rand, um dir namens desOesterreichisch-ungarischenKantorenvereines, wie im eigenen Namen, die letzten Grüße zu entbieten. W a s du warst und w i e du gewesen, wurde bereits von deinem ehrwürdigen Amtsgenossen ergreifend entrollt und mit beredten Worten gewürdigt, so daß mir ergänzend hinzuzufügen kaum mehr erübrigt. „Chikau mamtakim wechulo machmadim“. Das Wort, das seinen Lippen entfloß, war süß gleich Honigseim, sein ganzes Wesen war schlichte Bescheidenheit, selbstlose Güte und gewinnende Liebenswürdigkeit. Jakob Bachmann seligen Angedenkens verband mit seiner auf der Meisterschaftshöhe sich behauptenden Gesangskunst — in des Wortes bester Bedeutung —- die Wahrheit und Vortrefflichkeit des Schliach Zibbur und Baal Tfilah, der harmonisch die altttaditionellen Weisen mit dem zeitgemäßen Synagogengesange zu vereinen wußte und diesen Weisen der hergebrachten Tradition durch die Zauberfülle seines herrlichen Organes Ehre und Bedeutung gab. uttnp» fr*a aawi mT nmn! Wie tief erschütternd und gewaltig ergreifend wirkte dieser Klageruf von den Lippen des Entschlummerten, und wie wird deine andächtige Gemeinde an diesem Neumondsabbath zunächst diese eine von deinen unzähligen Glanzleistungen schmerzhaft vermissen! Unerreicht warst du in deiner Kunst, weil sie durchaus dein eigen gewesen, und stets schöpftest du aus dem unversiegbaren Born deiner eigenen Individualität, deren Grundzüge alle deine Werke unverkennbar an sich tragen, (-cp:: rem ymnaw) „Szifszausecho dauwewaus bakewer!“ Deine Lippen werden im Grabe noch durch diese deine Werke sich fortbewegen, und uns, deinen Amtsgenossen, die wir aus deinen Gesängen schöpfen, dieselben interpretierend dir nachzuahmen bestrebt sind, uns allen wirst du stets als leuchtendes Musterbild fortleben. Möge deine gramgebeugte Witwe sowohl, als deine verwaisten Kinder das erhebende Bewußtsein stärken und auftichten, daß sie das Glück hatten, dich Vater und Gatten nennen zu dürfen, und daß es ihnen vergönnt gewesen, sich zu sonnen im Abglanze deines lichtvollen Ruhmes. Gewiß werden sie noch lange die wohlverdienten Früchte deiner unvergänglichen Verdienste in dieser Großgemeinde fortgenießen als die tteuen Erben deines großen Namens. Du aber edelster Sangesbruder ziehe hin in das Reich göttlichen Friedens und der Seligkeit. Amen! Ateratur. Malchios, Sichronos und Schof'ros Drei Rezitativ- Gruppen von Rudolf Ulanovsky, besprochen von Oberkantor Singer, Wien. Es ist in den letzten Wochen und Monaten namentlich in den I Wiener Synagogen sehr viel gesungen und gesagt worden und der ernste, stille Beobachter konnte bei dieser Gelegenheit die betrübende Wahrnehmung machen, welche neidenswerte Freizügigkeit, welcher Mut der Unwissenheit ins Treffen geführt, ja, falls der betreffende Kandidat über eine leidlich annehmbare Stimme verfügte, sogar in den meisten Fällen zum Siege verhalf. Forschen wir nun nach den Ursachen dieser für den gebildeten Fachgenossen geradezu unbegreiflichen Erscheinungen, so gelangen wir alsbald zur Ueberzeugung, daß bei der Wahl jüdischer Kantoren, nicht wie sonst bei einer öffentlichen Betätigung von Kunst und Wissen, eine Summe durch ernste Smdien errungener Kenntnisse undj wissenschaftlicher Eignungen — sondern ausschließlich der zufällige Besitz einer klingenden Stimme maßgebend ist. Und nun, nach mannigfachen beruflichen und weltlichen Winkelzügen, nach außergewöhnlichen materiellen Opfern und Anstrengungen sieht sich der betreffende Kandidat endlich in sein schweres Amt eingeführt, und was er anrührt und wo er hinblickt, allüberall gähnt ihm die Leere seines Unvermögens entgegen. Wie mächtig er auch seine Stimme erklingen läßt, die bewegte Luft schlägt wohl anreizend an das Ohr des Zuhörers — doch gelangt sowohl dieser, wie der Sänger selbst, alsbald zur Ueberzeugung, daß seine Töne weder vom Pulsschlage des Herzens durchglüht